Seit jeher unter­wegs: Lite­ra­ri­sche Frag­men­te 8

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Von Kond­rad Pau­li – In der klei­nen Bucht liegt sie allein auf einem blau­en Bade­tuch unter dem dürf­ti­gen Schat­ten einer halb­ver­dorr­ten Kie­fer. Neben ihr liegt, fal­ten­los aus­ge­brei­tet und in jeder Ecke mit fla­chen Stei­nen beschwert, ein zwei­tes Tuch glei­cher Far­be und Grös­se. Im Ver­lauf des Vor­mit­tags, und schliess­lich wäh­rend des gan­zen Tages, wech­selt sie ihren Platz ans vol­le Son­nen­licht, ver­weilt nur kur­ze Zeit, steht wie­der auf und schüt­telt lan­ge und umständ­lich ihr Bade­tuch aus, um es vom letz­ten Sand­korn zu befrei­en. Scheint dies der Fall zu sein, streicht sie mit der einen, dann der andern Hand gera­de­zu lie­be­voll über das Tuch, den Rän­dern und Ecken ent­lang. Spannt es dann umständ­lich in der Nähe des andern und unbe­nutz­ten erneut aus, glät­tet die letz­ten Fal­ten, legt sich wie­der hin, ver­harrt so ein paar Atem­zü­ge lang, und setzt die Wie­der­ho­lun­gen fort. Halb­schat­ten, Son­nen­platz, Aus­schüt­teln, Glatt­strei­chen. Zuwei­len scheint es, sie wer­fe einen flüch­ti­gen Blick auf das ande­re Tuch. Kor­ri­giert auch da womög­lich eine Unebenheit.

Schnee­weis­se Sand­li­li­en blü­hen rings­um. Ein­mal fah­ren ihre Fin­ger­spit­zen behut­sam über eine Blü­te. Wird ihr im Tages­ver­lauf doch ein­mal zu heiss, geht sie die zwan­zig Schrit­te zum tür­kis­blau­en Was­ser. Bloss knö­chel­tief im Was­ser steht sie da, wischt mit den fla­chen Hän­den ein paar­mal wie zer­streut über Waden und Ober­schen­kel, um nach zwei Minu­ten wie ver­schreckt, als blitz­ten Gedan­ken und düs­te­re Bil­der ihr durch den Sinn, zurück­zu­ei­len durch den heis­sen Sand, sich, als wäre es ihr befoh­len, wie­der hin­zu­le­gen, ver­mehrt mit ange­zo­ge­nen Knien, im Halb­schat­ten oder an der pral­len Son­ne. Wie­der­holt und wie in Zeit­not, auch so, als habe sie immer­fort etwas in Ord­nung zu brin­gen, streicht sie sich über die Haut, wischt über die Arme, den Nacken, den Bauch. Als lägen da Rück­stän­de, die ihr die Ent­span­nung und den Genuss ver­wehr­ten. Und die weis­sen Strand­li­li­en schau­keln im auf­kom­men­den Wind. In den Ästen, im sprö­den Laub lär­men die Zika­den. Schrill. Und mit allem fängt sie wie­der von vor­ne an. (Spä­ter ist zu ver­neh­men, dass die Frau über Jah­re mit ihrem Mann stets in die­ser win­zi­gen Bucht Som­mer­wo­chen ver­brach­te. Dabei sei der Mann vor zwei Jah­ren auf einem eher harm­lo­sen Tauch­gang gleich in der Nähe, den Fels­vor­sprün­gen ent­lang, ertrunken).

Foto: zVg.
ensuite, August 2010



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