Bild: BERN 11. 02.2010 Kuno Lauener, ZŸri West (Annette Boutellier)

«Reduk­ti­on muss man anstreben.»

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Von Tobi­as Gra­den – Züri West geben mit «Home­Re­kords» Ein­blick in ihre Schaf­fens­wei­se. Ein Gespräch mit Kuno Laue­ner und Küse Fehl­mann über das Frag­ment, das Dasein als Sex­sym­bol und die Alters­mil­de, von der auch Gil­les Yapi profitiert.

Demo­ver­sio­nen, Tüf­te­lei­en, Songs, die von der Tisch­plat­te gefal­len sind – für wen ist «Home­re­kords» gedacht?

Kuno Laue­ner: Einer­seits für uns sel­ber, aber natür­lich auch für Leu­te, für die ein sol­ches Album einen Mehr­wert dar­stellt, wenn sie sehen, wie unse­re Songs ent­ste­hen, war­um wir man­che auf ein Album neh­men und ande­re nicht. Und dann gibt es sicher Leu­te, die’s ein­fach als Song­samm­lung hören.

Es hat doku­men­ta­ri­schen Charakter.

Laue­ner: Einen gewis­sen. Aber wir woll­ten nicht den gros­sen Bogen schla­gen, sonst hät­ten wir bis 1984 zurück­ge­hen müs­sen. Wir woll­ten eine Schei­be machen, die man durch­hö­ren kann. Die Songs waren die Chefs.
Küse Fehl­mann: Es soll­te nicht his­to­risch kom­plett sein, aber einen Blick hin­ter die Kulis­sen ermöglichen.

Lässt sich «Home­re­kords» auch als Ant­wort auf die Erwar­tungs­hal­tung deu­ten, die der Insti­tu­ti­on Züri West ent­ge­gen­ge­bracht wird?

Fehl­mann: Ich den­ke nicht. Wir hat­ten schlicht nicht genug Mate­ri­al für eine neue Plat­te. Letz­tes Jahr sind wir 25-jäh­rig gewor­den, haben uns Gedan­ken gemacht, wie wir die­ses Jubi­lä­um fei­ern könn­ten, doch dann war das Jahr auch schon wie­der vor­bei. Dann kam Kuno beim Zügeln die Idee, man könn­te eine Schei­be machen mit die­sem Material.

Ein­fach so, weil’s cool ist? Es ist doch auch ein State­ment zu sagen: Die Leu­te erwar­ten eine neue Schei­be, und wir brin­gen jetzt mal alte unfer­ti­ge Songs.

Laue­ner: Wir sind schon gelas­se­ner gewor­den. Vor 15 Jah­ren hät­ten wir ein sol­ches Album noch nicht gemacht. Heut­zu­ta­ge erschei­nen so vie­le Hoch­glanz­pro­duk­tio­nen, wir dage­gen woll­ten zei­gen: Unse­re Sachen sind handgemacht.

Nach wel­chen Kri­te­ri­en habt Ihr die Songs aus­ge­wählt? Es gäbe sicher noch Dut­zen­de wei-tere.

Laue­ner: Es gibt von jedem Song im Vor­aus Demo­ver­sio­nen, aber oft sind die­se sehr ähn­lich wie die end­gül­ti­ge. Wir haben uns dar­um auf Mate­ri­al geei­nigt, das gar nie erschie­nen ist oder ziem­lich anders tönt als auf dem Album.

Habt Ihr des­we­gen auch ehe­ma­li­ge Band­mit­glie­der befragt? Die könn­ten ja unter Umstän­den nicht ein­ver­stan­den sein, dass im Nach­hin­ein etwas ver­öf­fent­licht wird.

Fehl­mann: Selbst­ver­ständ­lich, das geschah in Abspra­che. Man hat ja eine gemein­sa­me Geschichte.

Laue­ner: Oli Kus­ter zum Bei­spiel hat­te gros­se Freu­de, dass nun sein «Güg­gu» noch ver­öf­fent-licht wird. Die­sen Song haben wir damals schwe-ren Her­zens ver­ab­schie­det, aber er hät­te nicht auf das melan­cho­li­sche «Alo­ha from Züri West» gepasst.

Wie merkt man, ob ein Song auf ein regu­lä­res Album passt oder nicht? «Lie­bi niene meh» hät­te sich naht­los ins Album «Hau­bi Songs» eingefügt.

Laue­ner: Gera­de dar­um. Es war einer der letz­ten Songs, der dazu ent­stan­den ist, wir hat­ten zuerst gar das Gefühl, er könn­te die Sin­gle wer­den. Als wir den Bogen des Albums betrach­tet haben, fan­den wir aber: Jetz nid dä o no.

Fehl­mann: Er war dann ein­fach zu viel. Die Balan­ce hät­te nicht mehr gestimmt, es wäre zu viel Melan­cho­lie gewesen.

Fällt ein sol­cher Ent­scheid leicht?

Laue­ner: Über­haupt nicht. Küse, der die Musik geschrie­ben hat, war natür­lich ent­täuscht, genau­so wie ich ent­täuscht bin, wenn ein Text von mir nicht gebraucht wird. Aber ein Album ent­steht nun mal so.

Es gäbe ja den Aus­weg, sol­che Songs dafür an Kon­zer­ten zu spielen.

Laue­ner: Das haben wir am Anfang so gemacht. Aber eigent­lich spie­len wir schon län­ger nur noch die Songs, die auf Alben waren.

Gab es auch geschäft­li­che Über­le­gun­gen für die­ses Album?

Laue­ner: Wie­so meinst Du?

Man könn­te Geld gebraucht haben …

Laue­ner: Nein, im Gegen­teil – es ist wohl recht mutig, die­ses Album zu ver­öf­fent­li­chen. Wir wis­sen ja nicht, wer es über­haupt kau­fen wird. Und wir haben vier Mona­te dar­an gear­bei­tet, wir haben es uns nicht ein­fach gemacht, woll­ten zei­gen, dass es uns am Her­zen liegt. Und soll­ten wir Geld dar­an ver­die­nen, ist das «sube­ri Büez», an den Songs haben wir ja mal gearbeitet.

Fehl­mann: Eine Plat­te machen, das ist immer ein Risi­ko. Man inves­tiert Kraft, Zeit …

Laue­ner: … den Ruf …

Fehl­mann: … und ob man dar­an ver­dient, weist sich erst im Nachhinein.

Laue­ner: Die Kon­ti­nui­tät zeigt sich erst im Rück­blick. Ohne zu koket­tie­ren – wir haben vor jedem Album wie­der Zweifel.

Ihr seid ja zuneh­mend Risi­ken ein­ge­gan­gen in den letz­ten Jahren.

Laue­ner: Schon, aber wir haben ein­fach gemacht, was wir woll­ten. Vor «Hau­bi Songs» haben wir uns gros­se Sor­gen gemacht, weil wir dach­ten, das Publi­kum will von uns nach wie vor die här­te­ren, schnel­le­ren Stücke.

«Home­Re­kords» wur­de bis­lang äus­serst wohl­wol­lend auf­ge­nom­men, obwohl qua­si nichts Neu­es dabei ist. Dage­gen gab es zu «Radio zum Glück» die Kri­tik, Züri West hät­ten nichts Neu­es mehr zu sagen, obwohl es das Album nach dem Band­um­bau war. Wie erklärt Ihr Euch das?

Laue­ner: Das war hart. Wir merk­ten natür­lich sel­ber, dass wir noch nicht an dem Punkt waren, an dem wir sein woll­ten, mit drei neu­en Leu­ten in der Band. Die Radi­ka­li­tät, mit der uns man­che Leu­te abge­schrie­ben haben, hat mich erstaunt, das war kränkend.

Und nun nimmt man ein «Zwi­schen­al­bum» begeis­tert auf. Ist das ein Zei­chen für den Sta­tus, den Züri West mitt­ler­wei­le hat?

Fehl­mann: Es zeigt wohl auch, dass mitt­ler­wei­le sehr viel Schrott pro­du­ziert wird, Glatt­ge­bü­gel­tes, Rund­pro­du­zier­tes. Es gibt wohl eine gewis­se Sehn­sucht nach dem Unperfekten.

Laue­ner: Viel­leicht merkt man eben erst nach dem drit­ten Album in neu­er Beset­zung, dass die Band den­noch Bestand hat … Aber wir haben oft gelit­ten unter der Kri­tik. Mit der Zeit gibt uns dies aber auch das Ver­trau­en in uns selber.

Ist der künst­le­ri­sche Pro­zess denn schwie­ri­ger gewor­den in der aktu­el­len Beset­zung, ver­gli­chen mit frü­her, als Züri West eine gewach­se­ne Band war?

Fehl­mann: Er ist anders. Wir haben anders Songs gemacht. Wir waren auch viel jün­ger, es wäre ja komisch, wenn wir noch so funk­tio­nier­ten wie vor 25 Jah­ren Man steht an einem ande­ren Ort im Leben, hat ande­re Rhyth­men, hat Kin­der. Frü­her waren wir stun­den­lang im Band­raum, haben gejammt, gesof­fen und gekifft. Das geht heu­te nicht mehr, man muss die Zeit effi­zi­en­ter nutzen.

Ist es eher zur Arbeit geworden?

Laue­ner: Ja, das gilt aber für das krea­ti­ve Schaf­fen über­haupt. Ich bin nicht stän­dig mit der Muse am Schmu­sen. Wenn ich einen Text schrei­be, set­ze ich mich um 9 Uhr mor­gens hin und arbei­te dar­an. Und wir gehen als Band pro­jekt­be­zo­ge­ner vor. Wir haben nun sehr viel­sei­ti­ge, ver­sier­te Musi­ker, die Songs sti­lis­tisch authen­ti­scher dar­brin­gen kön­nen. Das hat die Wei­se, wie Songs ent­ste­hen, verändert.

A pro­pos Sta­tus: Als ich auf der Redak­ti­on gesagt habe, ich mache ein Inter­view mit Kuno Laue­ner, hat sofort eine Kol­le­gin gesagt, sie wür­de ger­ne das Auf­nah­me­ge­rät hal­ten kommen.

Laue­ner (lacht ver­le­gen): Super.

Du wehrst Dich gegen das Image als Sex­sym­bol. War­um eigent­lich? Das muss Dir doch schmeicheln.

Laue­ner: Das tut es natür­lich, aber wenn ich dar­über befragt wer­de, ist dies meist eine pein­li­che Situa­ti­on. «Sex­sym­bol» … Ich weiss ja gar nicht, ob das was mit vögeln zu tun hat oder mit Pro­jek­tio­nen … Aber klar, es ist schmei­chel­haft für mich als hete­ro­se­xu­el­len Mann, zu mer­ken, dass mich die Frau­en noch cool fin­den. Man kann schlech­te­re Images haben. Mehr weiss ich dazu nicht zu sagen, dar­um wei­che ich aus.

Du wirst nächs­tes Jahr 50. Ist das ein schwie­ri­ges Datum?

Laue­ner: Nein. Es ist, wie es ist.

Kei­ne Angst vor dem Alter?

Laue­ner: Doch, auch Angst vor dem Ster­ben, manch­mal. Aber das ist ja hof­fent­lich noch nicht so nah.

Auf «Home­Re­kords» fin­det sich auch das Stück «Chi­na­ski», die­ser ist der Inbe­griff des «angry old man». Ihr dage­gen wer­det eher mil­der mit dem Alter.

Fehl­mann: Wart’s ab, so weit sind wir noch nicht! (lacht)

Laue­ner: Chi­na­ski, also Bukow­ski, ist ja eher der «dir­ty old man», auch wenn er immer laut her­um­kra­keelt. Aber dazwi­schen fin­det sich die Poe­sie. Er war ein star­ker Geschichtenerzähler.

Züri West lie­fer­te in Bern den Sound­track zur 80er-Bewe­gung. Ist es denk­bar, dass die Band mal wie­der gegen etwas ansingt? Abge­se­hen vom poin­tier­ten «Radio zum Glück» bewegt Ihr Euch in der Innerlichkeit.

Laue­ner: «Schpin­ne­le okay» auf «Hau­bi Songs» hat klar Stel­lung bezo­gen gegen Frem­den­feind­lich­keit. Aber ich habe mich immer schwer­ge­tan mit poli­ti­schen Songs. Es gibt nur Weni­ge, die wirk­lich gute poli­ti­sche Songs schrei­ben kön­nen. Aber das heisst nicht, dass wir unpo­li­tisch sind. Und unse­re eige­ne Befind­lich­keit zählt ja viel­leicht für ande­re Leu­te auch.

Wie wer­det Ihr reagie­ren, wenn der­einst der Begriff «Alters­werk» fal­len sollte?

Fehl­mann: Das kommt drauf an, wie alt wir zu die­sem Zeit­punkt sein wer­den … Viel­leicht sagen wir, er kommt zu früh, viel­leicht fin­den wir ihn nicht schlecht.

Laue­ner: Ist der Begriff denn posi­tiv oder negativ?

Ver­mut­lich ambi­va­lent. Er tönt ein biss­chen nach «das hät­ten wir ihnen nicht mehr zuge-traut».

Laue­ner: All die­se Eti­ket­ten … Wir haben über eine lan­ge Zeit­span­ne unter dem glei­chen Namen ver­schie­de­ne Rich­tun­gen ver­folgt. Viel­leicht war «Hau­bi Songs» der Anfang zum Alterswerk.

Nach «Hau­bi Songs» fol­gen nun Skiz­zen, Bruch­stü­cke. Erklärt Ihr das Frag­ment zur spe­zi­fi­schen Aus­drucks­form von Züri West?

Laue­ner: Ich habe das Frag­men­ta­ri­sche immer gern, wenn die Essenz klein bleibt. Das passt aber nicht für alle Songs.

Fehl­mann: Reduk­ti­on muss man anstre­ben. Das haben wir lan­ge nicht begriffen.

Laue­ner: Manch­mal sind es die­se blö­den demo­kra­ti­schen … (über­legt) Man macht manch-mal zu vie­le Kom­pro­mis­se. Manch­mal aber auch zu Recht.

Was ist denn vom nächs­ten regu­lä­ren Album zu erwarten?

Laue­ner: Wir sind erst am Arbei­ten, haben ein paar Demos, ich habe ein paar Zet­tel mit Tex­ten. Wie das tönen wird, lässt sich noch nicht sagen. Nach «Alo­ha» woll­ten wir etwas Schmis­si­ge­res machen, doch dann wur­de es noch schwe­rer. Ich wage kei­ne Prognose.

Zum Schluss die obli­ga­te Fra­ge zu YB. Fin­det Ihr nicht, man soll­te «Hüt hei si wider mau gwun­ne» im Meis­ter­schafts­end­spurt nicht mehr abspie­len? Genau genom­men erzählt der Song ja vom Scheitern.

Laue­ner: Er wird ja nur gespielt, wenn YB gewon­nen hat. Wenn es nicht mehr dar­um geht, ob ein Match gut oder schlecht war. Wenn’s drei Punk­te gibt, kommt der Song, das fin­de ich okay.

Es ist doch auch der Song fürs alte Wankdorfstadion.

Laue­ner: Er ist ein völ­li­ger Ana­chro­nis­mus, schon nur mit dem lan­gen Intro. Er ist das Gegen­teil einer Fuss­ball­hym­ne. Wir freu­en uns immer, wenn er gespielt wird.

Schafft es YB noch?

Laue­ner: Kei­ne Ahnung. Ich hof­fe es.

Mit Gil­les Yapi wart Ihr gnä­dig. Er bekommt im CD-Book­let auch ein «bon voyage».

Laue­ner: Yapi ist schon ok. Wenn er ein Ange­bot von Real Madrid erhal­ten hät­te, wäre er ohne­hin gegangen.

Dann wären ihm die Fans auch nicht böse gewesen.

Laue­ner: Was will man ihm böse sein? Man kann doch nicht von einem Afri­ka­ner, der via Frank­reich hier lan­det, um Fuss­ball zu spie­len, ver­lan­gen, es schla­ge auf ewig ein YB-Herz in sei­ner Brust, wenn er aus Basel ein viel bes­se­res Ange­bot erhält und er näher bei sei­nem Schät­ze­li ist, das nicht in der Schweiz woh­nen darf.

Eben, die Altersmilde.

Laue­ner: Ja. Viel­leicht bin ich ein alters­mil­der, sich nicht mehr fest­le­gen­der … Weissnichtwas.


Züri West – HomeRekords

«Home­Re­kords» beginnt mit einer Skiz­ze: «Was Tribt De Die Gäng Dür Die Nächt» ist eine mehr­spu­ri­ge Moment­auf­nah­me eines Songs, der nir­gends hin führt und abrupt endet. Es ist das per­fek­te Intro für die­ses Album, das laut Band aus «unver­öf­fent­lich­ten Songs, schmis­si­gen Demos, uner­hör­ten Ver­sio­nen und hal­ben Hits von mor­gen» besteht. Die­se sind zwar alle­samt nach­träg­lich noch mehr oder weni­ger bear­bei­tet wor­den, aber in durch­aus höchst unter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­sta­di­en ver­ewigt: Das Rum­pel­stilz-Cover «Rote Wi» ist nicht mehr als ein hin­ge­wor­fe­nes Küchen­lied, wäh­rend das wun­der­bar trau­rig-schö­ne «Lie­bi Niene Meh» in Stu­dio­qua­li­tät dem unaus­weich­li­chen Selek­ti­ons­pro­zess für das letz­te Album «Hau­bi Songs» zum Opfer gefal­len war.

Spä­tes­tens hier ist man Züri West um die­se «Home­Re­kords» dank­bar. Zwar fin­den sich unter die­sen 16 Stü­cken auch ver­zicht­ba­re, doch hat die Band auch Schät­ze gebor­gen, die zu scha­de für die ewi­ge Ver­sen­kung sind und selbst in deut­lich unfer­ti­ger Ver­si­on unge­mein berüh­ren («Mir Si Die Letsch­te Mön­sche Uf Dr Wäut»). Gera­de das Unper­fek­te ist eben manch­mal am stim­migs­ten. (tg)

Foto: Annet­te Bou­tel­lier, Bern
ensuite, Mai 2010



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