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Rea­lis­ti­scher Jour­na­lis­mus: Eine gros­se Tradition

Über Geor­ge Packer, John Stein­beck, Joseph Roth, Leo Tol­stoi, Fjo­dor Dos­to­jew­ski, Joan Did­ion, James Bald­win, Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn und die ver­lo­re­ne Kunst, die Wirk­lich­keit auszuhalten.

Nie­mand kann mit Sicher­heit sagen, wann es begann. Wann das lei­se Kna­cken ein­setz­te, das spä­ter zum Ein­sturz führ­te. Wann Insti­tu­tio­nen noch stan­den, aber nicht mehr tru­gen. Wann Wor­te noch benutzt wur­den, aber ihre Bedeu­tung ver­lo­ren hat­ten. Geor­ge Packer hat die­sen Moment in «The Unwin­ding» so prä­zi­se beschrie­ben, dass man beim Lesen glaubt, es hand­le sich um die eige­ne Bio­gra­fie, um das eige­ne Land, um das eige­ne Jahr­hun­dert. Die «Abwick­lung», das ist kein Ereig­nis. Es ist ein Pro­zess. Er riecht nicht nach Revo­lu­ti­on, son­dern nach schlei­chen­dem Ver­fall. Nach kaput­ter Infra­struk­tur, nach ent­kern­ten Uni­ver­si­tä­ten, nach mora­li­scher Erschöpfung.

Geor­ge Packer schreibt über Ame­ri­ka, aber eigent­lich schreibt er über den Wes­ten. Über das gros­se Ver­spre­chen, das sich selbst ver­ges­sen hat. Über Chan­cen­gleich­heit, die zu einem pro­fa­nen Nar­ra­tiv unter vie­len gül­ti­gen Erzäh­lun­gen degra­diert wur­de. Die Erzäh­lung, die nicht mehr unter­schied. Geor­ge Packers Bücher waren an die Wirk­lich­keit rück­ge­kop­pelt, er erzähl­te über die Frei­heit, die zur Mar­ke ver­kam – so wie ich in «Trum­pism, The Algo­rith­mic Age» erklä­re, wie Codes und Brands die Rea­li­tät erset­zen. Geor­ge Packer schrieb dies alles 2013 und immer wie­der, und dann konn­te er nicht mehr. Er griff zum Mit­tel des Romans «The Emer­gen­cy» – und scheiterte.

Es gibt nur ganz weni­ge Roma­ne, die Poli­tik und Geschich­te in ech­te Dra­men und Auf­klä­rungs­stü­cke ver­wan­deln kön­nen. Mar­cel Prousts «Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit», Leo Tol­stois «Krieg und Frie­den», Jane Aus­tens «Stolz und Vor­ur­teil», Fjo­dor Dos­to­jew­skis «Die Brü­der Kara­ma­sow» – Klas­si­ker halt. Und einer, der nie feh­len darf: Joseph Roth, der Chro­nist des unter­ge­hen­den Staa­tes. In der Gegen­wart sind Roma­ne so bubble­mäs­sig frag­men­tiert wie die Algo­rith­men in den sozia­len Medi­en; dar­an schei­tert auch der Roman­au­tor Geor­ge Packer, wäh­rend ich den Sach­buch­au­tor Geor­ge Packer nach wie vor drin­gend emp­feh­len will.

Denn Packer gehört zu einer fast aus­ge­stor­be­nen Spe­zi­es: der­je­ni­gen des rea­lis­ti­schen Jour­na­lis­ten. Er schreibt nicht aus der Wut, nicht aus der Pose, nicht aus der Moral­über­le­gen­heit. Er schreibt aus Beob­ach­tung. Er sam­melt Leben, kei­ne Begrif­fe. Er folgt Men­schen, nicht Hash­tags. Bis 2018 lief dies bei der Zeit­schrift «New Yor­ker» für Geor­ge Packer alles gut, bis er den Iden­ti­tä­ren, den Woken, den Gen­der-Apo­lo­ge­ten zu unbe­quem wur­de. Seit Trump 1.0 war auch in der Infor­ma­ti­on nur noch Hal­tung gefragt, nicht rea­lis­ti­scher Jour­na­lis­mus. Seit­dem dreht sich alles um Par­tei­nah­me, nicht um Ambi­va­lenz, nicht um Auf­zei­gen von Lösun­gen, son­dern um Apo­dik­tum. Der neue codier­te Jour­na­lis­mus belohnt Empö­rung und bestraft Genau­ig­keit, Wirk­lich­keits­be­zug und jedes Her­vor­he­ben von Fort­schritt. Alles wird gleich: Algo­rith­misch gehö­ren Rinds‑, Kalbs‑, Schwei­ne- und Men­schen­fleisch zur Ober­ka­te­go­rie Fleisch, um es mal bru­tal auszudrücken.

Des­halb wäre der rea­lis­ti­sche Jour­na­lis­mus umso not­wen­di­ger, er stellt sich auch in eine sehr lan­ge und sehr klu­ge Tra­di­ti­on der Infor­ma­ti­on. Die­se Art des Schrei­bens, «sagen, was ist», und nahe bei den Men­schen zu sein, ist kei­ne ame­ri­ka­ni­sche Marot­te, son­dern Teil einer lan­gen west­li­chen Tra­di­ti­on. Joseph Roth wuss­te das, als er in den Cafés Euro­pas sass und den Unter­gang der alten Welt beschrieb. Joseph Roth war kein Revo­lu­tio­när, er war ein Chro­nist. Er lieb­te das, was er sah, und gera­de des­halb konn­te er es nicht beschö­ni­gen. Sei­ne Tex­te über den Zer­fall der Donau­mon­ar­chie lesen sich heu­te wie eine Vor­ah­nung des­sen, was mit Zivi­li­sa­tio­nen geschieht, wenn sie sich selbst ver­lie­ren: Die Men­schen reden wei­ter, aber sie hören ein­an­der nicht mehr zu. Die Insti­tu­tio­nen bestehen fort, aber sie sind leer. Die Spra­che ver­steckt pathe­tisch, was die Wirk­lich­keit so gewalt­tä­tig macht.

Wenn man bspw. ver­ste­hen will, was Ame­ri­ka ist – nicht als Mythos, son­dern als Gesell­schaft –, kommt man am Nobel­preis­trä­ger John Stein­beck nicht vor­bei. «The Gra­pes of Wrath» («Die Früch­te des Zorns») ist kein mora­li­sches Erwe­ckungs­buch wie heu­te so üblich. Es ist ein rea­lis­ti­scher Roman über Men­schen, deren Geschich­ten und Dia­lo­ge, die durch ein Wirt­schafts­sys­tem und die herr­schen­de Poli­tik krass ent­wur­zelt wer­den. John Stein­beck zeigt, was Kapi­ta­lis­mus anrich­tet, wenn er sich von jeg­li­cher sozia­len Bin­dung löst. Nicht theo­re­tisch, son­dern exis­ten­zi­ell. Hun­ger, Migra­ti­on, Gewalt, Hoff­nung – poe­tisch, rea­lis­tisch in gros­se Lite­ra­tur gefasst.

Stein­beck war kein Ideo­lo­ge. Er war ein Arbei­ter unter Arbei­tern, ein Beob­ach­ter unter Beob­ach­te­ten. Er leb­te mit Wan­der­ar­bei­tern, arbei­te­te auf Far­men, kann­te Armut nicht als Kon­zept, son­dern als Zustand. John Stein­beck wuss­te: Wer über Men­schen schreibt, ohne ihre Lebens­wirk­lich­keit zu tei­len, schreibt nur über sich selbst. Und das ist so unend­lich banal.
Dies teilt John Stein­beck mit dem ande­ren rea­lis­ti­schen Jour­na­lis­ten, dies­mal aus der UdSSR, und des­sen Name ist: Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn. Er soll­te gehört wer­den, gera­de jetzt. Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn ver­moch­te mit der Lite­ra­tur die poli­ti­schen Lügen zu zer­stö­ren. Wie? Indem er nüch­tern, klar die Rea­li­tät der Men­schen und das Gulag-Sys­tem beschrieb, das nicht Teil der UdSSR war, son­dern das Sys­tem selbst. Rea­lis­mus als poli­ti­sche Dis­si­denz, unfass­bar stark und so not­wen­dig im «Zeit­al­ter codier­ter Fiktionen».

John Stein­beck gab, im Unter­schied zu Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn, lei­der nach dem gros­sen und umstrit­te­nen Erfolg von «Gra­pes of Wrath» auf. Ihn ver­liess der Mut, und er lag auf sei­ner UdSSR-Rei­se dane­ben in sei­ner Ein­schät­zung. Als er 1947 mit Robert Capa in die Sowjet­uni­on reis­te, mit­ten in das tota­li­tärs­te aller dama­li­gen tota­li­tä­ren Sys­te­me, ver­sag­te sein jour­na­lis­ti­sches Gespür für Rea­li­tät. «A Rus­si­an Jour­nal» ist ein zutiefst mensch­li­ches Buch, sehr poe­tisch – zugleich poli­tisch völ­lig blind. Stein­beck beschreibt die Men­schen so nah, dass der Sta­li­nis­mus als Sys­tem völ­lig aus dem Blick­feld gerät. Stein­beck sah Gesich­ter, wenn er in die Gulags hät­te schau­en sol­len. John Stein­beck wur­de im sta­li­nis­ti­schen Russ­land zum Feig­ling, so wie vie­le von uns Lite­ra­ten in den letz­ten zehn Jah­ren unter der Vor­herr­schaft der codier­ten Bla­sen links und rechts. John Stein­beck woll­te nach den Anfein­dun­gen wegen «Gra­pes of Wrath» nicht mehr anecken. Des­halb wur­de sein Rea­lis­mus so harm­los – erin­nert an heu­ti­ge Vor­gän­ge im Kulturbetrieb.

Der rea­lis­ti­sche Jour­na­lis­mus als Lite­ra­tur zeigt sich auch bei Joan Did­ion. Joan Did­ion ver­stand früh, dass Demo­kra­tien nicht an ihren Geg­nern zugrun­de gehen, son­dern an ihren eige­nen Erzäh­lun­gen. Sie ana­ly­sier­te nicht Poli­tik, son­dern Spra­che. Sie zeig­te, wie die libe­ra­len Mythen Kali­for­ni­ens – Frei­heit, Selbst­ver­wirk­li­chung, Fort­schritt – ins Lee­re kipp­ten. Did­ion schrieb gegen das Pathos an, gegen das Gefühl, auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen. Sie wuss­te: Sobald eine Gesell­schaft glaubt, mora­lisch über­le­gen zu sein, ver­liert sie die Fähig­keit zur Selbst­kri­tik. Das Mit­tel dage­gen: Beob­ach­tung und Handlung.

James Bald­win war ihr mora­li­scher Bru­der dabei. Bald­win schrieb über Ras­sis­mus, aber nie als Opfer­ideo­lo­ge. Er wei­ger­te sich, Schuld zu instru­men­ta­li­sie­ren. Sei­ne Essays sind so stark, weil sie nie­man­den ent­las­ten. Nicht die Weis­sen, nicht die Schwar­zen, nicht den Staat, nicht die Intel­lek­tu­el­len. Bald­win glaub­te an Ver­ant­wor­tung – indi­vi­du­ell, nicht iden­ti­tär. Des­halb ist er heu­te so schwer inte­grier­bar in einen Dis­kurs, der Opfer­sta­tus belohnt. Auch der soge­nann­te New Jour­na­lism – Tom Wol­fe zum Bei­spiel – war viel rea­lis­ti­scher, als man ihm heu­te zuge­steht. Wol­fe lieb­te die Über­zeich­nung, aber nicht sol­che auf Kos­ten der Wahr­heit. Genau­es Hin­se­hen, Macht ist kein mora­li­sches Pro­blem, son­dern eine sozia­le Rea­li­tät: Das ist die Unter­schei­dungs­kraft, die der heu­ti­ge Jour­na­lis­mus kaum noch kennt.

Und dann ist da die Foto­gra­fie. Doro­thea Lan­ge, Wal­ker Evans, spä­ter Robert Frank. «The Ame­ri­cans» ist bis heu­te eines der radi­kals­ten Bücher über Frei­heit und Ein­sam­keit. Robert Frank zeig­te Ame­ri­ka nicht als Iden­ti­täts­pro­jekt, son­dern als Raum der Mög­lich­kei­ten und des Schei­terns zugleich: die poli­ti­sche Beob­ach­tung. Die­se Bil­der sind demo­kra­ti­scher als tau­send Mei­nungs­ar­ti­kel, weil sie den Betrach­ter nicht bevor­mun­den, son­dern zum Han­deln ermuntern.

Was all die­se Autoren ver­bin­det, ist nicht Ideo­lo­gie, son­dern Metho­de. Sie glau­ben, dass Wirk­lich­keit kom­plex ist. Sie wis­sen, dass Rea­li­tät zählt und gegen das gestellt wer­den muss, was sich die Eli­te ger­ne erzählt. Bspw., dass Men­schen wider­sprüch­lich sind, aber Hoff­nung und Auf­stieg sich über­all glei­chen, und nur Zer­stö­rung wie­der und wie­der ande­re For­men kre­iert. Sie wis­sen, dass Gesell­schaf­ten nicht mora­lisch sau­ber, aber demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen öffent­lich wich­tig sind. Und dass Jour­na­lis­mus genau dort beginnt, wo man die Wider­sprü­che zwi­schen Sein und Schein auf­zeigt; nicht zer­stö­rend, son­dern auf­bau­end. Das ist es, was heu­te fehlt.

Der zeit­ge­nös­si­sche Jour­na­lis­mus ist zu einem Bran­ding-Instru­ment gewor­den. Er pro­du­ziert Iden­ti­tä­ten statt Erkennt­nis. Er sor­tiert Men­schen in mora­li­sche Kate­go­rien, statt ihre Lebens­be­din­gun­gen zu unter­su­chen. Er liebt Nar­ra­ti­ve, weil Nar­ra­ti­ve Auf­merk­sam­keit brin­gen. Rea­li­tät stört dabei nur. Das Ergeb­nis ist eine Medi­en­de­mo­kra­tie, die sich selbst zer­setzt. Nicht durch Lügen allein, son­dern durch Aus­las­sung, Ver­ein­fa­chung, mora­li­sche Erpressung.

Joseph Roth hät­te dies erkannt. Er hät­te es beschrie­ben, mit Melan­cho­lie, mit Bit­ter­keit, viel­leicht mit einem Glas zu viel. Er hät­te gese­hen, dass Zivi­li­sa­tio­nen nicht ster­ben, weil sie ange­grif­fen wer­den, son­dern weil sie ver­ges­sen, war­um sie exis­tie­ren. Er hät­te den Jour­na­lis­ten ins Stamm­buch geschrie­ben, dass Moral kein Ersatz für Den­ken, dass Bewer­ten kein Ersatz für Beob­ach­tung ist.

Des­halb wün­sche ich mir für das Jahr 2026: Mut zur Wahr­heit und Wirk­lich­keit und Ambi­va­lenz. Weg mit der Moral, es lebe der Fort­schritt! Ich wünsch­te mir Pres­se­rei­sen, bei denen die Jour­na­lis­ten sich nicht auf Kos­ten eines ande­ren Lan­des die Bäu­che voll­schla­gen und 5‑S­ter­ne-Hotels genies­sen, son­dern die­se Rei­se zum Zuhö­ren und Beob­ach­ten nut­zen. Es geht im Jour­na­lis­mus nicht dar­um, sich und sei­ne Peers sel­ber zu bestä­ti­gen, son­dern dar­um, über­rascht zu wer­den. Und es braucht Redak­tio­nen, die Ambi­va­lenz aus­hal­ten. Die nicht jeden Text nach sei­ner «Signal­wir­kung» bewer­ten, son­dern nach sei­ner Wahr­haf­tig­keit. Es braucht Lese­rin­nen und Leser, die bereit sind, sich ver­un­si­chern zu las­sen. Die hier erwähn­ten AutorIn­nen sind genau des­halb kei­ne nost­al­gi­schen Figu­ren. Sie sind Prüf­stei­ne. Sie erin­nern dar­an, dass unse­re zivi­li­sa­to­ri­schen Erzähl­tra­di­tio­nen poli­ti­sche Poe­sie pur sind. Wie mein­te doch ein­mal Han­nah Are­ndt in ihren Über­le­gun­gen zum gros­sen Erzäh­ler Homer? Es ent­lar­ve sich im Gesang, «wenigs­tens im Urteil dem Feind Gerech­tig­keit wider­fah­ren zu las­sen». Weil Krieg und Frie­den selbst in der Poe­sie die Wirk­lich­keit nie verdrängen.

Lite­ra­tur­ver­zeich­nis:
John Stein­beck: The Gra­pes of Wrath (1939)
Geor­ge Packer: The Unwin­ding: An Inner Histo­ry of the New Ame­ri­ca (2013); The Emer­gen­cy (2025)
Joan Did­ion: Slou­ch­ing Towards Beth­le­hem (1968)
James Bald­win: The Fire Next Time (1963)
Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn: Der Archi­pel Gulag (1973)
Leo Tol­stoi: Krieg und Frie­den (1869)
Fjo­dor Dos­to­jew­ski: Die Brü­der Kara­ma­sow (1880)

Dr. phil. Regu­la Stämpf­li, Polit­phi­lo­so­phin, war über 20 Jah­re Dozen­tin der poli­ti­schen Grund­aus­bil­dung für Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten sowie Dozen­tin «Aus­land­jour­na­lis­mus» am MAZ, Die Schwei­zer Journalistenschule.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 277, Janu­ar 2026