- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Rand­er­schei­nun­gen im Tanz

pitiè! von Alain Pla­tel
Vier aus­ver­kauf­te Aben­de im Thea­ter­haus der Gess­ne­r­al­lee boten ein unbe­kömm­li­ches Sujet: Die welt­be­kann­te Com­pa­nie
Les Bal­lets C de la B blickt auf das irdi­sche Elend und fleht um Erbarmen. 

Ein unbe­kömm­li­ches Sujet
Rohe Holz­plan­ken bil­den einen Podest im Hin­ter­grund der Büh­ne, wel­chen wie bei Musik­fes­ten ein klei­nes Orches­ter krönt. Dane­ben ragt ein höl­zer­nes Turm­ge­rüst, von des­sen ‹Zin­nen› bald ein Imam in die Fer­ne tönen wird. Und das inmit­ten Bachs
Mat­thä­us Pas­si­on. Das Spi­ri­tu­el­le der Musik ist uni­ver­sell. Für die­se Bot­schaft steht das Künst­ler­paar Platel & Cas­sol seit ihrer Bear­bei­tung der Mari­en­ves­per Mon­te­ver­dis für das Stück VPRS im Jah­re 2006. 

Auf der Bank vor den Plan­ken rei­hen sich Bau­ar­bei­ter, das pro­fa­ne Licht von oben leuch­tet kalt die nächt­li­che Bau­stel­le aus. Die aus­län­di­schen Arbei­ter erhe­ben sich ab und an und bret­tern ihr rohe Break-Sequen­zen hin, Kör­per­spra­che ist wohl ihr übli­cher Aus­tausch­mo­dus. Ein läs­sig geflo­ge­ner Pflas­ter­stein über­gibt frech­kal­ku­liert dem nächs­ten ‹das Wort›. An einem Tisch abseits ist eine ande­re Welt: durch inne­re Hal­tung sich still ver­bun­den sit­zen drei Figu­ren, eine schwar­ze Sopra­nis­tin als Mut­ter Maria, Mag­da­le­na und der afri­ka­ni­sche Coun­ter­te­nor Ser­ge Kakud­ji als Jesus. Sie wer­den gern mal von den Arbei­tern ange­pö­belt. Denn die reli­giö­se Inner­lich­keit flösst die­sen kei­nen Respekt ein. Da hilft auch nicht der ruhi­ge authen­ti­sche Gesang der Mat­thä­us-Pas­si­on, zumal unter­schwel­lig-jaz­zig die unbe­küm­mer­te Jetzt­zeit schwingt. Ent­spre­chend fremd­ar­tig wirkt es, wenn der zurück­hal­ten­de Jesus sich auf die Arie “Das Wort ist Fleisch gewor­den” unter das Volk mischt. Äthe­risch lässt er sich auf die Bank der Leben­den nie­der. Anzüg­li­che Anma­che und Pro­vo­ka­ti­on ist da aber die Umgangs­form. Denn hier­nie­den auf Erden wird das Fleisch ange­packt. Und man prüft sich auf Herz und Nie­ren. Die Arbei­ter grei­fen sich tief ins Gewe­be und packen, tra­gen ein­an­der ‹am Fell›. Dann wie­der ver­eint die Bank sie still wie Jün­ger der zwölf­glied­ri­gen Ket­te des letz­ten Abend­mahl-Bilds.

All­mäh­lich scheint die fro­he Bot­schaft in ihnen zu kei­men. Mit­ten im Leben und inmit­ten der Büh­ne wip­pen sie dann einig, wenn nicht ein­fäl­tig, auf den nack­ten Fuss­soh­len vor-rück, vor-rück und beu­gen sich demü­tig vorn­über. In der Mas­se ist das ein star­kes Bild für die Umwäl­zung ihres Lebens. ‹Kopf­über› (bou­le­ver­sé) ist eine Hal­tung, in der sie mar­schie­ren, wischen und beten.

Dann per­len die Sze­nen aus dem Leben Jesu ab in einer schnel­len Fol­ge von tableaux vivants. Dra­ma­ti­sche Epi­so­den gefrie­ren in ein­zel­ne büh­nen­gros­se Bil­der, mit ver­schränk­ten Betei­lig­ten, wal­len­den Gewän­dern, aus­ho­len­den Armen und manch bedeut­sa­mem Blick gen Him­mel. Arran­giert nach Michel­an­ge­los dyna­mi­scher Manier bevöl­kern im Schwung begrif­fe­ne Jün­ger am Boden lau­ernd, ande­re in die Höhe sich reckend oder ins Fir­ma­ment ent­ho­ben alle drei Bild­ebe­nen – für einen star­ren Moment. Ver­ein­zelt ent­deckt man Platels Leit­mo­tiv, die Aus­drucks­kraft von kör­per­li­chem Leid: Fin­ger und Füs­se abge­spreizt und ver­bo­gen vor Schmerz. Sie schei­nen hier im iko­no­gra­phi­schen Feu­er­werk dem Maler Mat­thi­as Grü­ne­wald ent­lehnt. Der schau­te für sei­ne Kreu­zi­gungs­bil­der das Leid einer krampf­ar­ti­gen Läh­mung im Mit­tel­al­ter ab. Doch unser Mit­ge­fühl bleibt ver­schont. Denn die Thea­tra­lik der gereih­ten Bil­der, mit dem Attri­but der kämp­fe­ri­schen Axt ver­se­hen, erin­nert uns an heroi­sche Sta­tu­en der Arbei­ter­be­we­gung, die wir nun auch schon fal­len sahen. Und das Mate­ri­al des sich blä­hen­den Blaus vom Gewand ist das der Tra­ge­ta­schen von Ikea.

Spä­tes­tens aber, wenn auf das berühm­te Cho­ral «Oh Haupt voll Blut und Wun­den» einer der Break-Freun­de (Judas?) in kreuz­form auf Jesu Schul­tern las­tet und die­ser den­noch in unschul­dig-hohen Coun­ter­ten­or­tö­nen wei­ter­singt (!), ist der Zuschau­er wie­der emo­tio­nal in das Gesche­hen geholt.

Wenn der Tod in drei Ton­la­gen beweint und besun­gen wird, die Kla­ge drei­fach gefärbt aus drei Rich­tun­gen tönt, wird Fabri­zio Cas­sols Rezi­ta­tiv­be­ar­bei­tung poly­phon, dicht, aber stim­mig. «Wie­wohl mein Herz in Trä­nen schwimmt,» wie es dort heisst, gilt näm­lich für Mut­ter, Mag­da­le­na und Jesus. Die Jün­ger­schar tanzt noch geeint, doch von star­ken Bewe­gungs­ein­brü­chen (in den Com­brés, Rumpf­beu­gen, z.B.) und ver­krampf­ten Hän­den gezeichnet. 

Ein Wen­de­punkt ist die Auf­er­ste­hung. Der stil­le Jesus wird quick­le­ben­dig. Selbst­be­wusst wie ein Pop­star – mit dem pas­sen­den Christ-T-Shirt – rockt er vom Podest der Pie­tá. Dann welt(religionen)gewandt win­det er sich in eine Krish­na-Pose medi­ta­tiv. Der blut­jun­ge Coun­ter­te­nor von Tän­zer­s­ta­tur Ser­ge Kakud­ji ist eine ein­drück­li­che Beset­zung. Doch als sich Jesus umschaut: Elend allent­hal­ben. Maul­klap­pen sind den Men­schen (den Gläu­bi­gen? den Katho­li­ken?) ange­legt, sie schlei­fen ein­an­der an den Haa­ren her­bei und brül­len in die Beicht­stüh­le. Ein Büs­sen­der etwa: «I love you all! I love my sis­ter!» Flie­gen­de Pflas­ter­stei­ne rhyth­mi­sie­ren die spi­ri­tu­el­le Musik. Sie haben die Sym­bo­le im Visier, den Turm, wenn nicht den Him­mel selbst. «And what do you feel now?», muss sich Jesus fra­gen las­sen. Die uralte Theo­di­zee-Fra­ge ver­stummt ihn. Er rollt die ent­setzt auf­ge­ris­se­nen Augen und ver­zerrt den Mund. Die manie­riert-sti­li­sier­te Ges­tik und Mimik geht in der Wucht auf, mit der sich das Inners­te sei­nen emo­tio­na­len Weg durch den Kör­per nach aus­sen bahnt. Auch wo Jesus die Hand auf­legt, ent­steht schein­bar kein Heil. Berührt er die Schul­ter eines Man­nes, stakst-stol­pert die­ser wie elek­tri­siert los. Er steht unter Strom und gebär­det sich so unge­lenk, dass Jesus fas­sungs­los den Kopf hän­gen lässt. Die­ser geis­tig zurück­ge­blie­be­ne Mann wird Jesus die Trä­ne abwi­schen. Denn was wir erst als behin­der­te Bewe­gung wahr­nah­men, erken­nen wir lang­sam als Freu­den­tanz. Und hier ist der Trost für unse­re Welt des Wett­be­werbs mit den smar­ten Gewin­nern: «Selig sind, die da geist­lich arm sind, denn das Him­mel­reich ist ihrer». Wenn die Jün­ger im Ver­lauf zuneh­mend die Herr­schaft über ihre Glie­der ver­lie­ren und mit­un­ter spas­tisch anmu­ten, so ist das ein Bekennt­nis. Nicht zum modisch gewor­de­nen inte­gra­ti­ven Tanz, son­dern zur mensch­li­chen Tie­fe der Ein­falt. Und zum Ver­trau­en in uns Zuschau­er, dass wir die Tie­fe und die Freu­de der Anders­ar­ti­gen lesen lernen.

www.tanzkritik.net Ori­gi­nal­text