Bild: Peter Betts, Schriftsteller. 17.03.2015 copyright Alexander Egger www.alexanderegger.ch

Putz­lap­pen und Gummihandschuhe

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Von Peter J. Betts - «Putz­lap­pen und Gum­mi­hand­schu­he… – sie waren mei­ne Beglei­ter wäh­rend mei­ner Hotel­prak­ti­kan­tin­nen­zeit im Janu­ar», schreibt Gabrie­la Kae­gi, seit fünf­und­zwan­zig Jah­ren Musik­re­dak­to­rin und Mode­ra­to­rin bei Radio DRS 2, und fährt dann fort: «Und ein klei­nes digi­ta­les Ding, hand­lich, unkom­pli­ziert, das genau in die Tasche mei­nes Arbeit­kit­tels pass­te…» Dies zu ihrer Aus­stel­lung «BITTE AUFRÄUMEN» – inti­me und anony­me Bil­der aus einer ande­ren Welt (24. Juli bis 19. Sep­tem­ber 08, im Foy­er des Stu­dio Basel). Also: Vor­bei und dem­zu­fol­ge unin­ter­es­sant? Oder: Zwar vor­bei, aber ein blei­ben­des Zei­chen? Sie sei KEINE FOTOGRAFIN, wie sie betont und ver­si­chert, schar­fe Bil­der sei­en ein Geschenk, Unschär­fe ent­spre­che der Situa­ti­on, Zim­mer­mäd­chen hät­ten ande­res zu tun, als für das gute Sujet den opti­ma­len Kame­ra­stand­ort zu suchen. Ich ken­ne nicht ganz unre­nom­mier­te Foto­gra­fen, die genau die­se Mach­art(?) als ihr Mar­ken­zei­chen aus­ge­ben. Falls Sie sich an den einen oder ande­ren mei­ner Essays im ensuite kul­tur­ma­ga­zin erin­nern, wis­sen Sie, dass eines mei­ner kul­tur­po­li­ti­schen Haupt­an­lie­gen der Ein­be­zug von Kul­tur­schaf­fen­den bei öffent­li­chen Auf­ga­ben ist (Poli­ti­ke­rIn­nen und Fach­ab­tei­lun­gen der Ver­wal­tung tun sich damit in glei­cher Wei­se und Kon­se­quenz und mit beacht­li­chem Erfolg schwer). Aller­dings gibt es pri­va­te Betrie­be, Arbeits­teams, For­schungs­grup­pen, die den Ein­be­zug seit eh und je pfle­gen und ent­spre­chend über­zeu­gen­de Pro­duk­te her­vor­brin­gen. Die Pri­vat­stif­tung mit Sitz in Deutsch­land, «Inter­na­tio­na­le Stif­tung zur För­de­rung von Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on» bei­spiels­wei­se, hat drei Haupt­zie­le: För­dern von Kunst und Kul­tur; Wei­ter­ent­wi­ckeln der Zivi­li­sa­ti­on haupt­säch­lich durch das Huma­ni­sie­ren des Straf­voll­zu­ges und durch Mass­nah­men, die Straf­fäl­lig­keit prä­ven­tiv ver­min­dern, «Amnes­ty Natio­nal»); Ver­bes­sern der Lebens­be­din­gun­gen älte­rer Men­schen. Bei ihren Pro­jek­ten ste­hen Kul­tur­schaf­fen­de als Agie­ren­de im Zen­trum, auch ohne Ram­pen­licht. Ein­zel­in­itia­ti­ven sind offen­bar eben­falls mög­lich, wie Gabrie­la Kae­gi zeigt. Sie hat als Prak­ti­kan­tin wäh­rend ihren Feri­en zwei Mona­te lang in einem Hotel in Luzern gear­bei­tet: «… weil Hotels mich fas­zi­nie­ren; weil die Arbeit bei Dienst­schluss zu Ende ist; weil es mich inter­es­siert hat, wie­der mal Anfän­ge­rin in einem Team zu sein». O.K.: Es hat zu einer Aus­stel­lung geführt, aber das war wirk­lich nicht geplant, «nur» ein Neben­pro­dukt; ein gestal­te­ri­scher Mensch wird eben gestal­ten, bei­spiel­wei­se eine Aus­stel­lung, die die Insze­nie­rung des mit dem Blick von aus­sen Erleb­ten ist und damit ein Weg, Erleb­tes wei­ter­zu­ge­ben, damit ande­re dar­aus Erleb­nis­se fin­den, die ihrer­seits zu Gestal­tung füh­ren und so wei­ter und so fort. Krea­ti­vi­tät hat Schnee­ball-Wir­kung. Objek­tiv betrach­tet sind das ja vor­erst alles höchst ich-bezo­ge­ne Moti­ve (Gibt es letzt­lich ande­re, die zugleich auch glaub­wür­dig wären?). Einer­seits gibt es eine Unmen­ge, in der Aus­stel­lungs­ge­stal­tung insze­nier­te, Spu­ren von Abwe­sen­den, wie sie eben das Zim­mer­mäd­chen vor­fin­det, wenn die Gäs­te anders­wie, anders­wo beschäf­tigt sind: Unter­schied­lich zer­knüll­te Laken erzäh­len von sehr unter­schied­li­chen Rei­sen durch die Nacht; Baby­doll, Nacht­hemd­chen, Pyja­ma: Als ver­las­se­ne Knäu­el auf die nächs­te Nacht war­tend; neu­gie­rig und rasch geöff­ne­te Geburts­tags­post zurück­ge­las­sen, bevor das Geburts­tags­kind wohl in offi­zi­el­le­rem Rah­men anstösst: Ein Taschen­buch von Tru­man Capo­te, «Luzär­ner Räge­trop­fe», die Kar­te von Hans, Pack­pa­pier…; die Palet­te von Toi­let­ten­ar­ti­keln im flüch­tig geöff­ne­ten Beau­ty-Case oder im Neces­saire oder, geord­ne­ter, auf dem Tab­lar; Schlacht­fel­der mit mehr oder weni­ger ver­speis­ten, aufs Zim­mer ser­vier­ten Köst­lich­kei­ten, dar­un­ter der trau­ri­ge, ange­fres­se­ne Apfel; Ein­bli­cke in Wasch­be­cken vor dem Ein­satz des Zim­mer­mäd­chens; acht­los oder sorg­fäl­tig depo­nier­ter Schmuck; eine Igel­chen-Land­schaft ver­schie­dens­ter Mas­sa­ge­bürs­ten; Über­bleib­sel der Mor­gen­toi­let­te von den Wat­te­stäb­chen bis zum weg­ge­wor­fe­nen Strumpf­ho­sen­beu­tel; Schu­he, paar­wei­se par­al­lel hin­ge­stellt oder rasch irgend­wie hin­ge­wor­fen (sogar sorg­fäl­tig aus­ge­rich­te­te Schuh­span­ner: Lie­be­voll geschaf­fe­ne Holz­skulp­tu­ren); der offe­ne Lap­top mit dem Fläsch­chen Dôle du Valais dane­ben; der Trink­geld-Fünf­li­ber mit­ten auf der karier­ten Dan­kes­no­tiz an das Zim­mer­mäd­chen… Bil­der: Aus­gangs­or­te, Geschich­ten zu erfin­den, die Betrach­ten­den wer­den zu phan­ta­sie­vol­len Erzäh­le­rin­nen und Erzäh­lern, die betrach­te­ten Kata­ly­sa­to­ren zau­bern die Unbe­kann­ten in den Kreis per­sön­li­cher Freun­din­nen und Freun­de. Eine gross­ar­ti­ge Ver­bin­dung von Neu­gier­de, Inter­es­se und Dis­kre­ti­on: Viel Inti­mi­tät, abso­lut kein vul­gä­rer Voy­eu­ris­mus. Der zwei­te, wohl eben­so wich­ti­ge Teil zeugt von den Men­schen, die die Prak­ti­kan­tin wäh­rend ihrer Arbeit im Hotel umge­ben, bera­ten, beein­druckt, berührt, gefor­dert, geför­dert, ange­wie­sen haben. Allen hat Gabrie­la Kae­gi am Schluss im Zim­mer 117 auf dem Kana­pee erzählt, was sie jeweils von ihnen in zwei Mona­ten erfah­ren oder gelernt hat­te: «… von Moni­que, dass auch im engs­ten Arbeits­plan ein Schlupf­loch zu fin­den ist; von Cars­ten, dass es in jeder Gast­stu­be einen Diri­gen­ten braucht; von Dolo­res, dass auch zwan­zig Jah­re Lin­ge­rie eine Kar­rie­re sind; von Mar­le­ne, dass auch die Prak­ti­kan­tin nicht in Panik gera­ten muss; von Jean-Pierre, dass Fel­sen nicht in der Bran­dung, son­dern bes­ser in der Rezep­ti­on ste­hen; von Ruth, dass Bar­da­men nicht a prio­ri über Netz­strümp­fe, aber über ein Netz­werk ver­fü­gen; von Maria, dass man als Zim­mer­mäd­chen täg­lich ans KKL blickt und doch nie drin­sit­zen wird; von Frau Moser, dass man in der Gast­stu­be nicht immer lächeln muss; von Abri­za, was Scham­haar auf por­tu­gie­sisch heisst; von Son­ja, wie man mit einem ein­zi­gen Putz­lap­pen ein gan­zes Bade­zim­mer sau­ber kriegt…» Nach­träg­lich abs­trakt for­mu­lier­te Weis­hei­ten und Ein­sich­ten, zusam­men­ge­fasst als Bild­le­gen­den. Die zwei Mona­te waren für die Künst­le­rin eine Rei­se in eine ande­re Wirk­lich­keit: Nicht – wie als Jour­na­lis­tin gewohnt – als Inter­view­part­ne­rin, son­dern als Teil die­ser Wirk­lich­keit mit den Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen aus Gast­stu­be, Küche, Lin­ge­rie, Direk­ti­on, Rezep­ti­on… Natür­lich gibt es Kli­schees oder Schein­ge­mein­plät­ze: Etwa, dass Köche auch zu sehr spä­ter Stun­de für hung­rig gewor­de­ne Gäs­te Kote­let­ten bra­ten, oder dass Por­tiers alles wis­sen, aber nichts sagen. Hier zusätz­lich ein Gemein­platz mei­ner­seits: Das hal­be Leben besteht aus Kli­schees. Was mei­nen Sie? Natür­lich gibt es Aus­sa­gen mit Mär­chen­cha­rak­ter: Unter dem Arbeits­kit­tel ver­birgt sich «the sexiest of girls». Aber ehr­lich: Wer könn­te ohne die Kraft von Mär­chen, den Glau­ben an Aschen­put­tels Lohn noch getrost auf eine Zukunft hof­fen? Einer­seits hat es wohl die Künst­le­rin gebraucht, die Weis­hei­ten in den selbst­ver­ständ­li­chen Lebens­hal­tun­gen zu sehen und die Zusam­men­fas­sung zu for­mu­lie­ren. Ander­seits hat auch die ande­re Sei­te gelernt. Ich idea­li­sie­re nicht im Sin­ne, dass Gabrie­la als Fee auf Besuch alle, von Moni­que bis Son­ja, ver­zau­bert hat. Aber alle haben sie beid­sei­tig auf eine unge­wohn­te Wei­se Wesent­li­ches aus­ge­tauscht. Alle, die Betrach­ten­den inbe­grif­fen, haben einen Krea­ti­vi­täts­schub erfah­ren. Auch die Redak­to­rin für ihren Job bei DRS 2. Aber: Es war eben­falls nötig, dass jemand im Stu­dio Basel das Poten­ti­al des Vor­han­de­nen erkannt hat. Wie endet Bert Brechts «Legen­de von der Ent­ste­hung des Buches Tao­te­king auf dem Weg des Lao­tse in die Emi­gra­ti­on»? «Aber rüh­men wir nicht nur den Wei­sen / Des­sen Name auf dem Buche prangt! / Denn man muss dem Wei­sen sei­ne Weis­heit erst ent­reis­sen. / Dar­um sei der Zöll­ner auch bedankt: / Er hat sie ihm abver­langt.» Ein­be­zug Kul­tur­schaf­fen­der in die All­tags­rea­li­tät heisst Aus­tausch: Wer hat die Rol­le des Wei­sen, wer jene des Zöll­ners? Das ver­än­dert sich immer.

Bild: Alex­an­der Egger
ensuite, Novem­ber 2008



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