«Watch your goddamn kids. Don’t let them watch porn.» Dies rät Ron Jeremy, ein ehemaliger Super-Porn-Performer. 2019 missbrauchte Pornhub Baby Yoda. Für zehn Sekunden reflektierten dessen Augen das Logo der Pornsite mit der Message: «10 seconds after my parents leave the house.» Pornhub musste die Werbung löschen. Die Werbung war indessen kein dummer Zufall, sondern eine seit Jahren praktizierte Pornografisierung für Kinder.
Einer meiner Jungs musste für die Schule «Disney-Prinzessinnen» recherchieren und stiess nach drei Klicks auf Gewaltpornos. Dies ist digitaler Missbrauch – in den USA schon seit zwei Jahrzehnten diskutiert, ohne Resultate. Menschen, die Kinder missbrauchen, gehören mit Fug und Recht zum Abschaum der Gesellschaft. Umso erstaunlicher war, dass erst kürzlich in der Queer-Community die Werbung für «Paraphilie» auftauchte: ein Plädoyer für das «Begehren nach Kindern und Sex, das allen Begehren gleichzustellen ist». Der Aufschrei in den sozialen Medien hielt sich im Rahmen, weil sofort einer der progressiven Influencer meinte, nur Nazis würden einen seriösen Vortrag über das veränderte Sexleben der Gegenwart skandalisieren.
Willkommen im Pornoland! Fabian Thylmann hat als Sexunternehmer Anfang der 2000er-Jahre die Pornoindustrie grundlegend verändert. Pornhub lehrte die Digitalindustrie massenweise Geld verdienen und entwickelte sich zu «Weapons of (m)ass destruction» wie es Bayern 2 in einem Feature über das wilde Web erzählt. 20 Jahre dauerte das Porn-Schlaraffenland, bis Visa und Mastercard endlich den Service sperrten. Pornhub verdiente mit Kinderpornografie und Vergewaltigungsvideos und Sex mit Tieren Milliarden. Die Auswirkungen online sind indessen nicht feststellbar: Bei der Suche nach «Pornhub, Bayern-2-Feature» leitete mich Google sofort auf die xxx Pornplattform, wo ich mittels Kurzclips Pornos vorgeschlagen kriegte, die bei mir sofort einen Brechreiz statt Begehren auslösten.
Es gibt eben Orte, an denen die Zivilisation ihre Maske verliert. Diese Orte sind heutzutage digital, von realen Menschen mit ihrem Körper bezahlt. Nach zwei Tagen Recherche war mir schlecht, ich wurde paranoid und beschloss, diesen Essay eigentlich gar nicht schreiben zu wollen. Aber ich musste. Zumal es extrem gute Bücher zum Thema gibt und Features, die es leider noch nicht in den Mainstream geschafft haben. Und dann kamen die Epstein-Files und mit ihnen die ganze patriarchale Bigotterie des gesellschaftlichen Entsetzens über «die Élite» – vor allem von all jenen, die schon längst zur Élite gehören. Deshalb hier Klartext zu Jeffrey Epstein ohne politische Polarisierung, sondern im Rahmen der «Pornocracy» und des gleichnamigen Buchs dazu!
Jeffrey Epsteins Villa lag auf Little St. James, einer ausgesuchten karibischen Insel, gebadet in Sonne, umgeben von türkisfarbenem Wasser, ausgestattet mit allem, was Reichtum und Macht hergeben. Sie war ein hübscher Umschlagplatz für Menschenfleisch. Mädchen, kaum der Pubertät entwachsen, wurden dort verfügbar gemacht. Verfügbar – das ist das Wort, das alles sagt. Es ging bei Epstein nie um Sex, nie um Lust, nie um Beziehung oder gar Eros. Es ging nur um die Verfügbarkeit und den Konsum der Ware. Menschenware. Es war ein «Konsum», der sexuelle Gewalt bedeutet. In den USA verboten, kaufte sich Epstein seine Mädchen und jungen Frauen durch Schmeichelei und Geldversprechen. Er bot ihnen eine Karriere an, so wie deutsche Arbeitslosenstellen jungen arbeitslosen Frauen gerne auch mal den Beruf «Escort» vorschlagen. «Sexarbeit» nannte dies Epstein nicht. Er war ja nicht in Deutschland oder in der Schweiz, wo seine Massagen und Dienstleistungen ganz legal gekauft werden können. In den USA ist das Tauschgeschäft – Geld gegen Verfügung über den Körper – grundsätzlich verboten. Menschenhandel ebenso. Sex mit Minderjährigen sowieso. In Deutschland und in der Schweiz sind Menschenhandel und Gewalt ebenfalls verboten – theoretisch. Praktisch jedoch floriert ein Markt, der jährlich Milliarden umsetzt und mittels «Sexarbeit»-Lobby und Propaganda eh schon längst legalisiert ist. Auf dem Weg von Wien nach München fuhren wir, eine Gruppe von Freunden, die zusammen Silvester gefeiert hatten, an einem Laufhaus vorbei. Ich hatte keine Ahnung, was dies war und wer hier denn «läuft». Meine Freunde waren alle abgelöscht und fanden nichts an einem Fleischmarkt, in dem junge Frauen, oft auch Minderjährige, bis zu 30 Männer pro 6 Stunden mit ihren Körperöffnungen bedienen müssen. Versteuert werden von der Sexbranche über 1,5 Milliarden Euro. Das ist der legale Teil. Wir können uns denken, was alles noch illegal hinzukommt. Natürlich profitieren von diesem Gewinn nicht die Sklavinnen, die Menschenfleisch-Providerinnen, sondern die Bordellketten, Zuhälter, Plattformbetreiber, Immobiliengesellschaften, Medien, Lobbyverbände. Der Körper von Frauen ist Infrastruktur. Zuerst heisst es Sexarbeit, dann Leihmutterschaft – und alles ist ja so toll progressiv, nicht wahr? Deshalb ist die Veröffentlichung der Epstein-Files für uns alle so wichtig. Die Datenflut zeigt nicht einfach ein Monster, sondern eine Struktur, Pornokratie eben. Was Epstein als privates Netzwerk betrieb – Anwerbung junger Frauen aus ökonomisch schwachen Milieus, Bezahlung von Studium, Wohnung, Reisen gegen sexuelle Gefügigkeit –, ist nichts anderes als die personalisierte, elitäre Variante dessen, was im deutschsprachigen Raum als «Berufsoption» normalisiert wird. Epstein war kein Bordellbetreiber im schmuddeligen Sinne. Er war Unternehmer. Investor. Netzwerker. Er organisierte, vermittelte, finanzierte. Seine Infrastruktur war privat, seine Logik identisch mit einem System, das in Europa staatlich reguliert wird: Verfügbarkeit gegen Geld. Die Files dokumentieren nicht nur Taten. Sie dokumentieren Sprache. Ton. Gesten. Die erschreckende Leichtigkeit, mit der weibliche Körper disponiert werden. Sie zeigen die ideologische Nähe globaler Eliten – quer durch Parteien, Narrative, Selbstbilder. Kosmopolitisch. Aufgeklärt. Liberal. Und zutiefst pornokratisch. Pornokratie entsteht nicht im Geheimen. Sie wird kulturell vorbereitet. Jahrzehntelang hat die mediale Vermarktung von Sex – ironisch, hip, angeblich emanzipiert – die Schwelle verschoben. Gender-Ideologie und postmoderne Beliebigkeit haben online Körper in Produkte verwandelt, «rebooted for the digital age». Mädchen und Frauen werden nicht mehr als Subjekte sozialisiert, sondern als Content. Als Profil. Als monetarisierbare Oberfläche.
Pornokratie bedeutet:
Der Mensch wird zur Ware, die sich selbst bewirbt.
Epstein war kein Ausreisser. Er war die logische Konsequenz einer Kultur, die den weiblichen Körper seit Jahrzehnten zur Dienstleistung erklärt. Solange es «Selbstbestimmung» heisst, gilt es als progressiv. Sobald es offen kriminell wird, ist es plötzlich skandalös. Dieselben Kreise, die «Sexarbeit ist Arbeit» propagieren, die OnlyFans als Empowerment feiern, die Sexualisierung als Inklusion verkaufen, sind zutiefst erschüttert, wenn Mädchen auf einer Insel missbraucht werden. Man feiert die Sexualisierung von 18-Jährigen als Autonomie, relativiert die Ästhetisierung von Fünfjährigen als kulturelle Vielfalt – und wundert sich aber dann über Epstein. Das ist keine Ethik. Das ist performative Moral.
In meinem Kapitel über «Die Liebe in Zeiten der Grausamkeit» in meiner «Macht des richtigen Friseurs» habe ich den griechischen Mythos «Echo und Narziss» neu gelesen. Echo verliert ihre Stimme, weil sie nur noch wiederholt, was der Mann sagt. Sie magert ab, wird unsichtbar, löst sich auf. In der Pornokratie ist Echo 2.0 allgegenwärtig. Die Frau soll nicht mehr sprechen – sie soll performen. Pole-Dancing-Kurse als Empowerment. OnlyFans-Accounts als Selbstverwirklichung. «Body-Positivity» als Marktfähigkeit. Du bist frei, wenn du dich entblösst. Du bist wertvoll, wenn du dich verkaufst. Der Algorithmus ist der neue Zuhälter. Er zeigt Elfjährigen Pornografie, bevor sie ihren ersten Kuss hatten. Er belohnt Grenzüberschreitung. Er monetarisiert Selbstentblössung. Er produziert Nachfrage nach immer jüngeren, immer radikaleren Bildern. Die Ware Mensch wird in Echtzeit optimiert, bepreist, bewertet. Und nun die neueste Eskalation: In China wurden Millionen versteckter Kameras entdeckt – in Mietwohnungen, Hotels, Umkleiden. Die Aufnahmen werden in Telegram-Gruppen verbreitet, auf Pornoplattformen gehandelt, in geschlossenen Foren diskutiert. Frauen wissen nicht, dass sie gefilmt werden. Ihr Alltag wird globaler Konsum. Das ist keine liberale Enthemmung. Das ist technologische Entwürdigung. Der Überwachungsstaat trifft die Pornokratie. Biopolitik wird digitalisiert. Der Körper wird nicht nur verkauft. Er wird ohne Wissen distribuiert. Die VR China ist hier nicht Ausnahme, sondern ihre Extremform. Ein autoritärer Staat mit perfektionierter Überwachungstechnologie trifft auf globale Plattformökonomie. Das Ergebnis: totale Sichtbarkeit des Intimen. Die Frau als permanent mögliche Ware. Doch auch im Westen ist die Logik identisch. Die Ware Mensch wird durch Klicks legitimiert. Pornokratie verbindet Strassenbordell und Privatjet, OnlyFans und Diplomatenempfang, Silicon Valley und Shenzhen. Sie kennt keine Ideologie. Sie kennt nur Verfügbarkeit.
Hannah Arendt hätte diese Entwicklung als Entleerung der Welt beschrieben. Nicht Gewalt als Spektakel, sondern die stille Transformation des Menschen zum austauschbaren Körper. Wenn Politik nur noch Performance ist, wenn Identität nur noch Marktsegment bedeutet, wenn Freiheit nur noch Wahl zwischen Plattformen heisst, dann verschwindet die Welt als gemeinsamer Raum. Dann bleibt nur noch die Oberfläche. Das Böse ist banal, schrieb Arendt.
Heute ist es pornokratisch. Es trägt High Heels, streamt live, nennt sich Empowerment und verschwindet im Algorithmus. Und, im realen Krieg, wandelt sich die Pornokratie zur strategischen Waffe. Genau deshalb ist die Auseinandersetzung mit den Epstein-Files im Rahmen von «Pornokratie» als neuer Regierungsform so wichtig. Der Verkauf von Menschen ist keine moralische, sondern eine höchst politische Frage. Sie ist keine Frage von Prüderie oder Liberalisierung. Sie ist eine Frage der Zivilisation. Denn wo der Mensch zur Ware wird, dort endet Gleichheit. Dort endet Solidarität. Dort endet Freiheit.
Pornokratie ist keine sexuelle Befreiung.
Sie ist die Kolonialisierung des Körpers durch den Markt.
Und wer das nicht erkennt, wird sich wieder empören, wenn die nächste Insel, die nächste Plattform, die nächste Kamera uns zeigt, wie sehr wir uns an die Herrschaft des Fleisches gewöhnt haben.
Jo Bartosch, Robert Jessel: Pornocracy. Polity Press 2025.
Bayern-2-Feature «Pornhub. Weapons of (m)ass destruction» in der ARD-Audiothek.
Dan Smith, September 2025: The Jeffrey Epstein Files. Unsealed. Court cases involving trafficking minors to the rich and famous. Nur in Kindle-Version, wird ständig upgedatet – eine Datenflut des Schreckens.
Dr. phil. Regula Stämpfli, Politphilosophin, war über 20 Jahre Dozentin der politischen Grundausbildung für Journalistinnen und Journalisten sowie Dozentin «Auslandjournalismus» am MAZ, Die Schweizer Journalistenschule.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 279, März 2026






