Foto: Polizeifoto von Jeffrey Epstein 2008 /Wikipedia

Bild: Foto: Polizeifoto von Jeffrey Epstein 2008 /Wikipedia

Por­no­kra­tie, Epstein-Files und die Herr­schaft des Fleisches

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«Watch your god­damn kids. Don’t let them watch porn.» Dies rät Ron Jere­my, ein ehe­ma­li­ger Super-Porn-Per­for­mer. 2019 miss­brauch­te Porn­hub Baby Yoda. Für zehn Sekun­den reflek­tier­ten des­sen Augen das Logo der Porn­site mit der Mes­sa­ge: «10 seconds after my par­ents lea­ve the house.» Porn­hub muss­te die Wer­bung löschen. Die Wer­bung war indes­sen kein dum­mer Zufall, son­dern eine seit Jah­ren prak­ti­zier­te Por­no­gra­fi­sie­rung für Kinder.

Einer mei­ner Jungs muss­te für die Schu­le «Dis­ney-Prin­zes­sin­nen» recher­chie­ren und stiess nach drei Klicks auf Gewalt­por­nos. Dies ist digi­ta­ler Miss­brauch – in den USA schon seit zwei Jahr­zehn­ten dis­ku­tiert, ohne Resul­ta­te. Men­schen, die Kin­der miss­brau­chen, gehö­ren mit Fug und Recht zum Abschaum der Gesell­schaft. Umso erstaun­li­cher war, dass erst kürz­lich in der Que­er-Com­mu­ni­ty die Wer­bung für «Para­phi­lie» auf­tauch­te: ein Plä­doy­er für das «Begeh­ren nach Kin­dern und Sex, das allen Begeh­ren gleich­zu­stel­len ist». Der Auf­schrei in den sozia­len Medi­en hielt sich im Rah­men, weil sofort einer der pro­gres­si­ven Influen­cer mein­te, nur Nazis wür­den einen seriö­sen Vor­trag über das ver­än­der­te Sex­le­ben der Gegen­wart skandalisieren.

Will­kom­men im Por­no­land! Fabi­an Thyl­mann hat als Sex­un­ter­neh­mer Anfang der 2000er-Jah­re die Por­no­in­dus­trie grund­le­gend ver­än­dert. Porn­hub lehr­te die Digi­tal­in­dus­trie mas­sen­wei­se Geld ver­die­nen und ent­wi­ckel­te sich zu «Wea­pons of (m)ass des­truc­tion» wie es Bay­ern 2 in einem Fea­ture über das wil­de Web erzählt. 20 Jah­re dau­er­te das Porn-Schla­raf­fen­land, bis Visa und Mas­ter­card end­lich den Ser­vice sperr­ten. Porn­hub ver­dien­te mit Kin­der­por­no­gra­fie und Ver­ge­wal­ti­gungs­vi­de­os und Sex mit Tie­ren Mil­li­ar­den. Die Aus­wir­kun­gen online sind indes­sen nicht fest­stell­bar: Bei der Suche nach «Porn­hub, Bay­ern-2-Fea­ture» lei­te­te mich Goog­le sofort auf die xxx Porn­platt­form, wo ich mit­tels Kurz­clips Por­nos vor­ge­schla­gen krieg­te, die bei mir sofort einen Brech­reiz statt Begeh­ren auslösten.

Es gibt eben Orte, an denen die Zivi­li­sa­ti­on ihre Mas­ke ver­liert. Die­se Orte sind heut­zu­ta­ge digi­tal, von rea­len Men­schen mit ihrem Kör­per bezahlt. Nach zwei Tagen Recher­che war mir schlecht, ich wur­de para­no­id und beschloss, die­sen Essay eigent­lich gar nicht schrei­ben zu wol­len. Aber ich muss­te. Zumal es extrem gute Bücher zum The­ma gibt und Fea­tures, die es lei­der noch nicht in den Main­stream geschafft haben. Und dann kamen die Epstein-Files und mit ihnen die gan­ze patri­ar­cha­le Bigot­te­rie des gesell­schaft­li­chen Ent­set­zens über «die Éli­te» – vor allem von all jenen, die schon längst zur Éli­te gehö­ren. Des­halb hier Klar­text zu Jef­frey Epstein ohne poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung, son­dern im Rah­men der «Por­no­cra­cy» und des gleich­na­mi­gen Buchs dazu!

Jef­frey Epsteins Vil­la lag auf Litt­le St. James, einer aus­ge­such­ten kari­bi­schen Insel, geba­det in Son­ne, umge­ben von tür­kis­far­be­nem Was­ser, aus­ge­stat­tet mit allem, was Reich­tum und Macht her­ge­ben. Sie war ein hüb­scher Umschlag­platz für Men­schen­fleisch. Mäd­chen, kaum der Puber­tät ent­wach­sen, wur­den dort ver­füg­bar gemacht. Ver­füg­bar – das ist das Wort, das alles sagt. Es ging bei Epstein nie um Sex, nie um Lust, nie um Bezie­hung oder gar Eros. Es ging nur um die Ver­füg­bar­keit und den Kon­sum der Ware. Men­schen­wa­re. Es war ein «Kon­sum», der sexu­el­le Gewalt bedeu­tet. In den USA ver­bo­ten, kauf­te sich Epstein sei­ne Mäd­chen und jun­gen Frau­en durch Schmei­che­lei und Geld­ver­spre­chen. Er bot ihnen eine Kar­rie­re an, so wie deut­sche Arbeits­lo­sen­stel­len jun­gen arbeits­lo­sen Frau­en ger­ne auch mal den Beruf «Escort» vor­schla­gen. «Sex­ar­beit» nann­te dies Epstein nicht. Er war ja nicht in Deutsch­land oder in der Schweiz, wo sei­ne Mas­sa­gen und Dienst­leis­tun­gen ganz legal gekauft wer­den kön­nen. In den USA ist das Tausch­ge­schäft – Geld gegen Ver­fü­gung über den Kör­per – grund­sätz­lich ver­bo­ten. Men­schen­han­del eben­so. Sex mit Min­der­jäh­ri­gen sowie­so. In Deutsch­land und in der Schweiz sind Men­schen­han­del und Gewalt eben­falls ver­bo­ten – theo­re­tisch. Prak­tisch jedoch flo­riert ein Markt, der jähr­lich Mil­li­ar­den umsetzt und mit­tels «Sexarbeit»-Lobby und Pro­pa­gan­da eh schon längst lega­li­siert ist. Auf dem Weg von Wien nach Mün­chen fuh­ren wir, eine Grup­pe von Freun­den, die zusam­men Sil­ves­ter gefei­ert hat­ten, an einem Lauf­haus vor­bei. Ich hat­te kei­ne Ahnung, was dies war und wer hier denn «läuft». Mei­ne Freun­de waren alle abge­löscht und fan­den nichts an einem Fleisch­markt, in dem jun­ge Frau­en, oft auch Min­der­jäh­ri­ge, bis zu 30 Män­ner pro 6 Stun­den mit ihren Kör­per­öff­nun­gen bedie­nen müs­sen. Ver­steu­ert wer­den von der Sex­bran­che über 1,5 Mil­li­ar­den Euro. Das ist der lega­le Teil. Wir kön­nen uns den­ken, was alles noch ille­gal hin­zu­kommt. Natür­lich pro­fi­tie­ren von die­sem Gewinn nicht die Skla­vin­nen, die Men­schen­fleisch-Pro­vi­de­rin­nen, son­dern die Bor­dell­ket­ten, Zuhäl­ter, Platt­form­be­trei­ber, Immo­bi­li­en­ge­sell­schaf­ten, Medi­en, Lob­by­ver­bän­de. Der Kör­per von Frau­en ist Infra­struk­tur. Zuerst heisst es Sex­ar­beit, dann Leih­mut­ter­schaft – und alles ist ja so toll pro­gres­siv, nicht wahr? Des­halb ist die Ver­öf­fent­li­chung der Epstein-Files für uns alle so wich­tig. Die Daten­flut zeigt nicht ein­fach ein Mons­ter, son­dern eine Struk­tur, Por­no­kra­tie eben. Was Epstein als pri­va­tes Netz­werk betrieb – Anwer­bung jun­ger Frau­en aus öko­no­misch schwa­chen Milieus, Bezah­lung von Stu­di­um, Woh­nung, Rei­sen gegen sexu­el­le Gefü­gig­keit –, ist nichts ande­res als die per­so­na­li­sier­te, eli­tä­re Vari­an­te des­sen, was im deutsch­spra­chi­gen Raum als «Berufs­op­ti­on» nor­ma­li­siert wird. Epstein war kein Bor­dell­be­trei­ber im schmud­de­li­gen Sin­ne. Er war Unter­neh­mer. Inves­tor. Netz­wer­ker. Er orga­ni­sier­te, ver­mit­tel­te, finan­zier­te. Sei­ne Infra­struk­tur war pri­vat, sei­ne Logik iden­tisch mit einem Sys­tem, das in Euro­pa staat­lich regu­liert wird: Ver­füg­bar­keit gegen Geld. Die Files doku­men­tie­ren nicht nur Taten. Sie doku­men­tie­ren Spra­che. Ton. Ges­ten. Die erschre­cken­de Leich­tig­keit, mit der weib­li­che Kör­per dis­po­niert wer­den. Sie zei­gen die ideo­lo­gi­sche Nähe glo­ba­ler Eli­ten – quer durch Par­tei­en, Nar­ra­ti­ve, Selbst­bil­der. Kos­mo­po­li­tisch. Auf­ge­klärt. Libe­ral. Und zutiefst por­no­kra­tisch. Por­no­kra­tie ent­steht nicht im Gehei­men. Sie wird kul­tu­rell vor­be­rei­tet. Jahr­zehn­te­lang hat die media­le Ver­mark­tung von Sex – iro­nisch, hip, angeb­lich eman­zi­piert – die Schwel­le ver­scho­ben. Gen­der-Ideo­lo­gie und post­mo­der­ne Belie­big­keit haben online Kör­per in Pro­duk­te ver­wan­delt, «reboo­ted for the digi­tal age». Mäd­chen und Frau­en wer­den nicht mehr als Sub­jek­te sozia­li­siert, son­dern als Con­tent. Als Pro­fil. Als mone­ta­ri­sier­ba­re Oberfläche.

Por­no­kra­tie bedeutet:
Der Mensch wird zur Ware, die sich selbst bewirbt.

Epstein war kein Aus­reis­ser. Er war die logi­sche Kon­se­quenz einer Kul­tur, die den weib­li­chen Kör­per seit Jahr­zehn­ten zur Dienst­leis­tung erklärt. Solan­ge es «Selbst­be­stim­mung» heisst, gilt es als pro­gres­siv. Sobald es offen kri­mi­nell wird, ist es plötz­lich skan­da­lös. Die­sel­ben Krei­se, die «Sex­ar­beit ist Arbeit» pro­pa­gie­ren, die Only­Fans als Empower­ment fei­ern, die Sexua­li­sie­rung als Inklu­si­on ver­kau­fen, sind zutiefst erschüt­tert, wenn Mäd­chen auf einer Insel miss­braucht wer­den. Man fei­ert die Sexua­li­sie­rung von 18-Jäh­ri­gen als Auto­no­mie, rela­ti­viert die Ästhe­ti­sie­rung von Fünf­jäh­ri­gen als kul­tu­rel­le Viel­falt – und wun­dert sich aber dann über Epstein. Das ist kei­ne Ethik. Das ist per­for­ma­ti­ve Moral.

In mei­nem Kapi­tel über «Die Lie­be in Zei­ten der Grau­sam­keit» in mei­ner «Macht des rich­ti­gen Fri­seurs» habe ich den grie­chi­schen Mythos «Echo und Nar­ziss» neu gele­sen. Echo ver­liert ihre Stim­me, weil sie nur noch wie­der­holt, was der Mann sagt. Sie magert ab, wird unsicht­bar, löst sich auf. In der Por­no­kra­tie ist Echo 2.0 all­ge­gen­wär­tig. Die Frau soll nicht mehr spre­chen – sie soll per­for­men. Pole-Dancing-Kur­se als Empower­ment. Only­Fans-Accounts als Selbst­ver­wirk­li­chung. «Body-Posi­ti­vi­ty» als Markt­fä­hig­keit. Du bist frei, wenn du dich ent­blösst. Du bist wert­voll, wenn du dich ver­kaufst. Der Algo­rith­mus ist der neue Zuhäl­ter. Er zeigt Elf­jäh­ri­gen Por­no­gra­fie, bevor sie ihren ers­ten Kuss hat­ten. Er belohnt Grenz­über­schrei­tung. Er mone­ta­ri­siert Selbst­ent­blös­sung. Er pro­du­ziert Nach­fra­ge nach immer jün­ge­ren, immer radi­ka­le­ren Bil­dern. Die Ware Mensch wird in Echt­zeit opti­miert, bepreist, bewer­tet. Und nun die neu­es­te Eska­la­ti­on: In Chi­na wur­den Mil­lio­nen ver­steck­ter Kame­ras ent­deckt – in Miet­woh­nun­gen, Hotels, Umklei­den. Die Auf­nah­men wer­den in Tele­gram-Grup­pen ver­brei­tet, auf Por­no­platt­for­men gehan­delt, in geschlos­se­nen Foren dis­ku­tiert. Frau­en wis­sen nicht, dass sie gefilmt wer­den. Ihr All­tag wird glo­ba­ler Kon­sum. Das ist kei­ne libe­ra­le Ent­hem­mung. Das ist tech­no­lo­gi­sche Ent­wür­di­gung. Der Über­wa­chungs­staat trifft die Por­no­kra­tie. Bio­po­li­tik wird digi­ta­li­siert. Der Kör­per wird nicht nur ver­kauft. Er wird ohne Wis­sen dis­tri­bu­iert. Die VR Chi­na ist hier nicht Aus­nah­me, son­dern ihre Extrem­form. Ein auto­ri­tä­rer Staat mit per­fek­tio­nier­ter Über­wa­chungs­tech­no­lo­gie trifft auf glo­ba­le Platt­form­öko­no­mie. Das Ergeb­nis: tota­le Sicht­bar­keit des Inti­men. Die Frau als per­ma­nent mög­li­che Ware. Doch auch im Wes­ten ist die Logik iden­tisch. Die Ware Mensch wird durch Klicks legi­ti­miert. Por­no­kra­tie ver­bin­det Stras­sen­bor­dell und Pri­vat­jet, Only­Fans und Diplo­ma­ten­emp­fang, Sili­con Val­ley und Shen­zhen. Sie kennt kei­ne Ideo­lo­gie. Sie kennt nur Verfügbarkeit.

Han­nah Are­ndt hät­te die­se Ent­wick­lung als Ent­lee­rung der Welt beschrie­ben. Nicht Gewalt als Spek­ta­kel, son­dern die stil­le Trans­for­ma­ti­on des Men­schen zum aus­tausch­ba­ren Kör­per. Wenn Poli­tik nur noch Per­for­mance ist, wenn Iden­ti­tät nur noch Markt­seg­ment bedeu­tet, wenn Frei­heit nur noch Wahl zwi­schen Platt­for­men heisst, dann ver­schwin­det die Welt als gemein­sa­mer Raum. Dann bleibt nur noch die Ober­flä­che. Das Böse ist banal, schrieb Arendt.

Heu­te ist es por­no­kra­tisch. Es trägt High Heels, streamt live, nennt sich Empower­ment und ver­schwin­det im Algo­rith­mus. Und, im rea­len Krieg, wan­delt sich die Por­no­kra­tie zur stra­te­gi­schen Waf­fe. Genau des­halb ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Epstein-Files im Rah­men von «Por­no­kra­tie» als neu­er Regie­rungs­form so wich­tig. Der Ver­kauf von Men­schen ist kei­ne mora­li­sche, son­dern eine höchst poli­ti­sche Fra­ge. Sie ist kei­ne Fra­ge von Prü­de­rie oder Libe­ra­li­sie­rung. Sie ist eine Fra­ge der Zivi­li­sa­ti­on. Denn wo der Mensch zur Ware wird, dort endet Gleich­heit. Dort endet Soli­da­ri­tät. Dort endet Freiheit.
Por­no­kra­tie ist kei­ne sexu­el­le Befreiung.

Sie ist die Kolo­nia­li­sie­rung des Kör­pers durch den Markt.
Und wer das nicht erkennt, wird sich wie­der empö­ren, wenn die nächs­te Insel, die nächs­te Platt­form, die nächs­te Kame­ra uns zeigt, wie sehr wir uns an die Herr­schaft des Flei­sches gewöhnt haben.

Jo Bar­to­sch, Robert Jes­sel: Por­no­cra­cy. Poli­ty Press 2025.
Bay­ern-2-Fea­ture «Porn­hub. Wea­pons of (m)ass des­truc­tion» in der ARD-Audiothek.
Dan Smith, Sep­tem­ber 2025: The Jef­frey Epstein Files. Unsea­led. Court cases invol­ving traf­fi­cking minors to the rich and famous. Nur in Kind­le-Ver­si­on, wird stän­dig upge­da­tet – eine Daten­flut des Schreckens.

Dr. phil. Regu­la Stämpf­li, Polit­phi­lo­so­phin, war über 20 Jah­re Dozen­tin der poli­ti­schen Grund­aus­bil­dung für Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten sowie Dozen­tin «Aus­land­jour­na­lis­mus» am MAZ, Die Schwei­zer Journalistenschule.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 279, März 2026



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