Otto Klem­pe­rer, 1885 – 1973

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Von Fran­çois Lili­en­feld – «In Beet­ho­ven par­ti­cu­lar­ly, (Klem­pe­rer) offe­red a gra­ni­te-like orches­tral son­o­ri­ty, and an objec­ti­vi­ty in his balan­ce of form and con­tent, that con­tras­ted refres­hin­gly with the styl­es of such ido­li­zed con­duc­tors as Furtwäng­ler, Bru­no Wal­ter, and even Tos­ca­ni­ni. Under Klem­pe­rer the grea­test Beet­ho­ven sound­ed more truthful and honest, and even more grand and inspi­ring.» Wil­liam Mann

Man kann ohne Über­trei­bung sagen, dass, als Otto Klem­pe­rer vor 40 Jah­ren, am 6. Juli 1973 in Zürich starb, eine Epo­che der Musik­ge­schich­te ihr Ende fand. Er war ein über­ra­gen­der Diri­gent – in jedem Sin­ne, war er doch auch einen Kopf grö­ßer als sei­ne Kollegen!
Er wur­de in Bres­lau gebo­ren und stu­dier­te Kla­vier und Theo­rie in Frank­furt und Ber­lin. Als der Diri­gent Oskar Fried erkrank­te, durf­te Klem­pe­rer ihn ver­tre­ten: Auf dem Pro­gramm stand Offen­bachs «Orpheus in der Unter­welt», Regie führ­te kein Gerin­ge­rer als Max Reinhardt.

In Ber­lin diri­gier­te Klem­pe­rer 1905 das Fern­or­ches­ter in Mahlers Zwei­ter Sym­pho­nie. Die Begeg­nung mit die­sem bedeu­ten­den Meis­ter soll­te eine ent­schei­den­de Wir­kung haben. Zwei Jah­re spä­ter spiel­te Klem­pe­rer den von ihm her­ge­stell­ten Kla­vier­aus­zug der­sel­ben Sym­pho­nie dem Kom­po­nis­ten vor. Er erhielt dafür von Mahler eine auf eine Visi­ten­kar­te geschrie­be­ne Emp­feh­lung, die für sei­ne Kar­rie­re ent­schei­dend wer­den soll­te. Klem­pe­rer behielt die Kar­te sein Leben lang.

1919 hei­ra­te­te Klem­pe­rer die Sän­ge­rin Johan­na Geiß­ler. Sie schenk­te ihm vier jah­re spä­ter eine Toch­ter, Lot­te, die sich nach Johan­nas Tod (1956) rüh­rend um ihren Vater küm­mer­te und sei­nen Nach­lass ver­wal­te­te. Sie starb 2003.

Prag, Ham­burg, Bar­men, Straß­burg, Köln und Wies­ba­den waren Sta­tio­nen auf dem Weg nach Ber­lin, wo Klem­pe­rer 1927 die Kroll­oper über­nahm. An die­sem fort­schritt­li­chen Haus konn­te er end­lich sei­nen Wunsch nach sorg­fäl­tig, fern vom Star­sys­tem ein­stu­dier­ten Opern ver­wirk­li­chen. Klas­si­sche Wer­ke stan­den neben Neue­rem auf dem Pro­gramm. Die Regie – oft in den Hän­den Klem­pe­rers – war von neu­en Ideen geprägt, beruh­te jedoch – im Gegen­satz zu heu­te! – auf einem Wunsch, den Inten­tio­nen von Libret­tis­ten und Kom­po­nis­ten gerecht zu werden.

Ab 1929 war Klem­pe­rer auch Lei­ter des Phil­har­mo­ni­schen Cho­res Ber­lin. Künst­le­ri­sche und poli­ti­sche Pro­gres­si­vi­tät – Klem­pe­rer war ein begeis­ter­ter Ver­fech­ter der «Drei­gro­schen­oper» –hat­ten anfangs der dreis­si­ger Jah­re einen schwe­ren Stand zur Fol­ge. 1931 wur­de die Kroll­oper geschlos­sen. Nach zwei Jah­ren Mit­ar­beit an der Ber­li­ner Staats­oper erkann­te Klem­pe­rer die Zei­chen der Zeit und emi­grier­te nach Los Angeles.

Damit begann die schwe­re Zeit im Exil: Die Ent­wur­ze­lung, das Los Ange­les Phil­har­mo­nic Orches­tra, das nicht zur Éli­te gehör­te, und ein Publi­kum, das weni­ger an Kunst als an gesell­schaft­li­chen Anläs­sen inter­es­siert war. Vor allem aber begann in die­ser Zeit eine lan­ge Serie von Krank­hei­ten und Unfäl­len, wel­che die­sen rie­sen­haf­ten Kör­per auf schwers­te Pro­ben stell­te, den Geist des Künst­lers jedoch eher stärkte.

Nach dem Krieg folg­te ein Inter­mez­zo in Buda­pest (1946–1950), das Klem­pe­rer wegen poli­ti­scher Unstim­mig­kei­ten mit dem neu­en Régime abbrach. Sei­ne neu­en Wohn­sit­ze wur­den Zürich und Lon­don. In letzt­ge­nann­ter Stadt erleb­te er einen gera­de­zu unglaub­li­chen «Indi­an Sum­mer», eine über zwan­zig Jah­re dau­ern­de künst­le­ri­sche Spät­pha­se, mit Auf­füh­run­gen und Schall­plat­ten­auf­nah­men, die zu den bedeu­tends­ten Ereig­nis­sen der Musik­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts gehö­ren. Er arbei­te­te fast aus­schließ­lich mit dem Phil­har­mo­nia Orches­tra, das er, in einer ein­ma­li­gen Sym­bio­se, zum wohl bes­ten Orches­ter sei­ner Zeit mach­te. Als der Initi­ant des Phil­har­mo­nia, Wal­ter Leg­ge – ein geschick­ter Pro­du­zent, aber ein skru­pel­lo­ser Cha­rak­ter – 1964 aus einer Lau­ne her­aus das Orches­ter auf­lös­te, über­nahm es Klem­pe­rer unter dem Namen New Phil­har­mo­nia Orches­tra, nicht ohne den Über­gang mit einer groß­zü­gi­gen finan­zi­el­len Unter­stüt­zung zu ermöglichen.

Klem­pe­rers Per­sön­lich­keit war facet­ten­reich und nicht unkom­pli­ziert. Schuld dar­an war in ers­ter Linie ein Lei­den, mit dem er sein Leben lang kämp­fen muss­te: Er war schwer manisch-depres­siv. In mani­schen Pha­sen war er ruhe­los, vol­ler Akti­vi­täts­drang, und kom­po­nier­te ein Werk nach dem andern. Dies waren auch die Zei­ten, in denen er über­star­ke libi­di­nö­se Schü­be erleb­te; oft beschrie­ben wur­de der Skan­dal um sei­ne Affä­re mit der berühm­ten – und ver­hei­ra­te­ten – Sopra­nis­tin Eli­sa­beth Schu­mann, mit der er 1912, nach einer «Rosenkavalier»-Vorstellung in Ham­burg, für eini­ge Zeit «ver­schwand». In depres­si­ven Pha­sen jedoch kom­po­nier­te Klem­pe­rer kaum und war puri­ta­nisch und ver­schlos­sen. Dass die­se Krank­heit sein Leben und das sei­ner Umge­bung bedeu­tend erschwer­te, unter­liegt kei­nem Zweifel.

Er konn­te auch zynisch sein, sein Humor war oft grim­mig, und in sei­nen ers­ten Jah­ren als Diri­gent waren sei­ne Pro­ben von Orches­ter­mu­si­kern gefürch­tet. Doch hin­ter die­ser rau­hen Scha­le ver­barg sich ein zutiefst huma­nis­ti­scher Kern, ein Mensch, für den die Kunst ein hei­li­ger Auf­trag war. «Sei­ne» Musi­ker im Phil­har­mo­nia Orches­tra wären für ihn jeden­falls durchs Feu­er gegangen!

Klem­pe­rer war vom Mys­ti­zis­mus sehr ange­zo­gen, vor allem vom katho­li­schen. Dies erklärt, wie­so er sich 1919 tau­fen ließ. Ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter kehr­te er aller­dings zum Juden­tum zurück. Auch wäh­rend sei­ner katho­li­schen Zeit besuch­te er gele­gent­lich Syn­ago­gen. Hier, wie in der Musik, such­te er stän­dig nach der Wahr­heit – ein Begriff, der, wie man weiß, schwie­rig zu defi­nie­ren und sehr per­sön­lich ist. Ein Dog­ma­ti­ker war Klem­pe­rer nie. Auch sei­ne Sym­pa­thien für den Kom­mu­nis­mus waren von Idea­len sozia­ler Gerech­tig­keit geprägt; kom­mu­nis­ti­scher Poli­tik gegen­über blieb er sehr kritisch.

Klem­pe­rer wird oft als «lang­sa­mer» Diri­gent ver­schrien. Die Kri­ti­ken sei­ner Früh­zeit aller­dings bekla­gen sich oft über zu rasche Tem­pi (was durch eini­ge sei­ner frü­hes­ten Auf­nah­men bestä­tigt wird). Tat­sa­che ist, dass Klem­pe­rer im Alter in gewis­sen Wer­ken eher zu gemäch­li­che­ren Tem­pi neig­te; die­se Ten­denz als Anlass für ver­all­ge­mei­nern­de Kri­tik zu neh­men, ist jedoch unge­recht und falsch. Klem­pe­rer wähl­te die Tem­pi sei­ner Auf­fas­sung der Wer­ke und den Umstän­den von Kon­zert oder Auf­nah­me (Akus­tik!) ent­spre­chend. Viel­leicht spiel­te auch sei­ne jewei­li­ge Gemüts­ver­fas­sung eine Rol­le – Ver­glei­che ver­schie­de­ner Auf­nah­men des glei­chen Wer­kes sind in der Bezie­hung sehr auf­schluss­reich. Immer aber sind sei­ne Auf­füh­run­gen von einer pul­sie­ren­den Span­nung erfüllt, lang­sam heißt nie schlep­pend oder brem­send; die Art, wie er ein Metrum uner­schüt­ter­lich durch­hält, ist beeindruckend.

Es gibt nur weni­ge Fäl­le aus sei­nem Spät­werk da man den Ein­druck eines im abso­lu­ten Sin­ne zu lang­sa­men Tem­pos hat: Das Fina­le in sei­ner letz­ten Auf­nah­me von Beet­ho­vens Sie­ben­ter etwa, der Schluß­satz in Schu­manns «Rhei­ni­scher», oder gewis­se Sze­nen in «Le Noz­ze di Figa­ro». Dass Klem­pe­rer sich aber genaue Gedan­ken über das Pro­blem der Geschwin­dig­keit mach­te und ver­such­te, den Absich­ten des Kom­po­nis­ten zu ent­spre­chen, zeigt, unter ande­ren Bei­spie­len, die Tat­sa­che, dass er Mozarts «klei­ne g‑moll-Sym­pho­nie» (Nr 25, KV 183), eines sei­ner Lieb­lings­wer­ke, bis zum Schluss rekord­ver­däch­tig rasch spie­len ließ. Frap­pant ist auch ein Bei­spiel aus der 2. Orches­ter­suite von Bach, wo er auf eine gemäch­li­che, an einen kri­no­li­nen­be­schwer­ten Ein­zug bei Hofe erin­nern­de Polo­nai­se, ein rasan­tes Menu­ett fol­gen lässt.

Klem­pe­rer such­te nicht a prio­ri einen «schö­nen» Klang. Wich­tig war für ihn die Klar­heit der Archi­tek­tur und der Instru­men­ta­ti­on. So sind bei ihm die Holz­blä­ser, von so man­chen Diri­gen­ten unter einem Strei­cher­rausch begra­ben, extrem wich­tig. Und die­se Klar­heit, die­ses wie aus Gra­nit gebau­te genaue Abbild der Par­ti­tur ergibt einen Klang, der eben dadurch wirk­lich schön wird.

Von Vor­teil ist auch, dass Klem­pe­rer die Gei­gen teilt, d.h. Ers­te Gei­gen links, Zwei­te Gei­gen rechts vom Diri­gen­ten, was die Trans­pa­renz erhöht und anti­pho­ni­sche Wir­kun­gen verstärkt

Ich hat­te das Glück, 1969 und 1970 in Lon­don eini­ge der letz­ten Klem­pe­rer-Kon­zer­te zu hören. Es war beein­dru­ckend, wel­che künts­le­ri­sche Kraft in die­sem rie­sen­haf­ten, halb gelähm­ten Kör­per steck­te. Als ich zum ers­ten Mal erleb­te, wie er von zwei star­ken Orches­ter­die­nern zum Podi­um gelei­tet, ja, getra­gen wur­de, war ich nicht nur erschüt­tert, son­dern auch von Zwei­feln gepackt: Wie konn­te ein Kon­zert mög­lich sein? Doch vom ers­ten Ein­satz an wichen die Zwei­fel dem Bewusst­sein, Zeu­ge groß­ar­ti­gen Musi­zie­rens zu sein. Klem­pe­rer schlug mit der Rech­ten den Takt sehr genau, die Lin­ke benutz­te er zumeist zum Dre­hen der Par­ti­tur­sei­ten. Woher kam dann die Gestal­tung? Abge­se­hen davon, dass Klem­pe­rer auch im Alter sehr genau prob­te, war es sein Gesichts­aus­druck – ins­be­son­de­re die Augen –, der sei­ne Inten­tio­nen dem Orches­ter genau mit­teil­te. Ich kann das bezeu­gen, saß ich doch immer hin­ter dem Orchester.

Dass er auch als Kom­po­nist viel zu sagen hat, erleb­te ich bei der Urauf­füh­rung sei­ner 2. Sym­pho­nie unter sei­ner Lei­tung (30. Sept. 1969). Auch wenn Ein­flü­ße von Mahler und Schön­berg nicht zu über­hö­ren sind, han­delt es sich kei­nes­falls um «Kapell­meis­ter­mu­sik».

Es ist der Fir­ma EMI hoch anzu­rech­nen, dass sie die Philharmonia/New Phil­har­mo­nia-Auf­nah­men in einer Serie von CD-Boxen wie­der greif­bar macht. Die Prä­sen­ta­ti­on ist mus­ter­gül­tig: Alle Anga­ben über Auf­nah­me­da­ten und ‑orte, Pro­du­zen­ten und Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen sind ange­ge­ben, die Begleit­tex­te sind sehr infor­ma­tiv. Eini­ge Auf­nah­men habe ich stich­pro­ben­wei­se mit den ori­gi­na­len LPs ver­gli­chen: Die digi­ta­le Auf­be­rei­tung kommt ohne Kom­pres­si­on, aber auch ohne Auf­bau­schen des Klan­ges aus. Ledig­lich die Prä­senz und die Dyna­mik wur­den leicht ver­bes­sert, was als durch­aus posi­tiv zu bezeich­nen ist. Neben­bei bemerkt: Dass es den Tech­ni­kern in den 60er-Jah­ren gelun­gen ist, Klem­pe­rers Klang­mas­sen meist ohne Ver­zer­rung auf Vinyl zu ban­nen, gehört zu den Wun­dern der Schallplattentechnik!

Beson­ders zu loben ist die Tat­sa­che, dass die Edi­ti­on alle Ver­sio­nen von mehr­fach auf­ge­nom­me­nen Wer­ken ent­hält, was inter­es­san­te, oft erstaun­li­che Ver­glei­che ermög­licht. Als Bei­spie­le sei­en die Orches­ter­sui­ten von Bach und eini­ge Sym­pho­nien von Mozart und Beet­ho­ven (die Sie­ben­te gleich drei­mal!) erwähnt.

Zu bemer­ken ist noch, dass Klem­pe­rer die Atmo­sphä­re im Auf­nah­me­stu­dio nicht beson­ders schätz­te und immer dar­auf poch­te, anschlie­ßend an Auf­nah­me­ses­sio­nen Kon­zer­te mit dem glei­chen Pro­gramm zu geben. Auch hier ermög­licht die rei­che Ern­te an Auf­nah­men auf­schluss­rei­che Ver­glei­che zwi­schen Stu­dio­fas­sun­gen und Auf­füh­rungs­mit­schnit­ten (s.u.).


DISKOGRAPHISCHE ANGABEN

EMI-Edi­ti­on
Bach, Hän­del, Rameau, Gluck, Haydn
2 48433 2 (8 CDs)
Mozart (Orches­ter­wer­ke) 4 04361 2 (8 CDs)
Mozart (Da Pon­te-Opern und Zauberflöte)
4 04378 2 (11 CDs)
Beet­ho­ven (Sym­pho­nien, Ouvertüren)
4 04375 (10 CDs)
Instru­men­tal­kon­zer­te (Mozart, Beet­ho­ven, Schu­mann, Brahms, Liszt)
4 04348 2 (6 CDs)
Roman­ti­sche Sym­pho­nien und Ouvertüren
4 04309 (10 CDs)
Brahms (Orches­ter­wer­ke und Deut­sches Requi­em) 4 04338 2 (4 CDs)
Bruck­ner (Sym­pho­nien 4 – 9) 4 04296 2 (6 CDs)
Wag­ner, R. Strauss 2 48468 2 (5 CDs)
Mahler (Sym­pho­nien 2, 4, 7, 9; Lied von der Erde) 2 48398 2 (6 CDs)
Musik des 20. Jhdts (inkl. Wer­ke von Klemperer)
4 04401 2 (4 CDs)
(Ent­hält eine Hör­do­ku­men­ta­ti­on (auf eng­lisch) über Klemperer)

EMI-Ein­zel­aus­ga­ben
Bach: h‑moll-Mes­se 9 78315 2 (2 CDs)
Mat­thä­us-Pas­si­on 5 67542 2 (3 CDs)
Mozart: Don Gio­van­ni 7 04483 2 (4 CDs)
(Im Gegen­satz zu der Mozart-Opern­box ent­hält die­se Aus­ga­be hoch­in­ter­es­san­te Probenausschnitte)
Beet­ho­ven: Mis­sa solem­nis 5 67547 2 (2 CDs)
Fide­lio 9 66703 2 (2 CDs)
Wag­ner: Der flie­gen­de Holländer
5 67405 (2 CDs)

Unbe­dingt emp­feh­lens­wert ist auch eine DVD, die ein Kon­zert in der Roy­al Albert Hall (Lon­don) mit Beet­ho­vens Neun­ter fest­hält, eine sehr ein­drück­li­che Auf­füh­rung. (Die DVD ent­hält als Bonus Beet­ho­vens Sie­ben­te unter Ernest Anser­met.) Die­se Auf­nah­men doku­men­tie­ren das Alters­werk Klem­pe­rers. Hier noch eine Aus­wahl aus frü­he­ren Zeiten:

Die Fir­ma Archiphon hat auf 5 CDs sämt­li­che Schel­lack­plat­ten Klem­pe­rers (1924–1932) mit dem Orches­ter der Ber­li­ner Staats­oper wiederveröffentlicht.
Zwei Mit­schnit­te der Mar­ke Ura­nia doku­men­tie­ren Klem­pe­rers Tätig­keit an der Unga­ri­schen Staats­oper. Sie sind bered­te Zeug­nis­se dafür, dass er es dort nicht leicht hat­te: Das Orches­ter reicht bei wei­tem nicht an den Ber­li­ner Klang­kör­per her­an (noch viel weni­ger an das Phil­har­mo­nia!), eini­ge der Sän­ger sind fast so undis­zi­pli­niert wie das Publi­kum … Trotz­dem han­delt es sich um wert­vol­le Doku­men­te; Irr­tum vor­be­hal­ten sind es die ein­zi­gen erhält­li­chen Thea­ter­auf­nah­men des Meisters.

Die «Ent­füh­rung aus dem Serail» wur­de 1950 auf­ge­nom­men; die Auf­füh­rung ent­hält die damals übli­chen Kür­zun­gen, der Dia­log wur­de auf den CDs weg­ge­las­sen, gesun­gen wird auf unga­risch. Deut­lich wird beim Anhö­ren die dra­ma­ti­sche Span­nung, die Klem­pe­rer nicht zuletzt durch sein uner­bitt­li­ches Ein­hal­ten des Metrums erzeugt. Sein Osmin (Miha­ly Sze­ke­ly) ist her­vor­ra­gend, Maria Gyu­ko­vics (Kon­stan­ze) hat eine sehr schö­ne Stim­me, meis­tert aber die Kolo­ra­tu­ren nicht immer. Sari Genc­sys Blond­chen singt mit schar­fem Ton und sehr unge­nau. End­re Rös­ler (Bel­mon­te) singt schön, aber immer etwas zu laut; sehr gut der Pedril­lo von Arpad Kishegyi.

Als Bonus ist eine Auf­nah­me der 39. Sym­pho­nie von Mozart bei­gege­ben, anläss­lich eines Kon­zer­tes des Unga­ri­schen Radio­or­ches­ters von 1949 auf­ge­nom­men. Lei­der wird die­ses Doku­ment durch die sehr appro­xi­ma­ti­ve Into­na­ti­on der Blä­ser (Trio des Menu­etts!) ver­dor­ben. (Ura­nia URN 22.187, 2 CDs)

Eine wei­te­re CD bringt Aus­zü­ge aus einer «Lohengrin»-Aufführung von 1948, eben­falls auf unga­risch. Ihre Anschaf­fung ist sehr loh­nens­wert: Sie zeigt, dass Klem­pe­rer – damals wie spä­ter – einen von Pathos frei­en Wag­ner-Stil pfleg­te. Außer­dem steht mit Joz­sef Simán­dy ein meis­ter­haf­ter Lohen­grin mit wun­der­schö­ner Stim­me auf der Büh­ne. (Ura­nia URN 22.147)

Zwi­schen 1950 und 1958 diri­gier­te Klem­pe­rer mehr­mals das RIAS-Sym­pho­nie-Orches­ter Ber­lin. Die Fir­ma Audi­te hat sämt­li­che erhal­te­nen Doku­men­te die­ser Zusam­men­ar­beit wie­der­ver­öf­fent­licht. Die Samm­lung ent­hält sowohl Mit­schnit­te wie Stu­dio­auf­nah­men und ermög­licht inter­es­san­te Ver­glei­che mit ande­ren Auf­nah­men glei­cher Wer­ke (Beet­ho­ven, Mozart, Mahler, Hin­de­mith). Die Über­spie­lun­gen ab Ori­gi­nal-Radio­bän­dern sind aus­ge­zeich­net. (Audi­te 21.408, 5 CDs)

Einer der schöns­ten Kon­zert­mit­schnit­te Klem­pe­rers ent­stand in Ams­ter­dam, am 17. Mai 1956, mit dem Con­cert­ge­bouw-Orches­ter und her­vor­ra­gen­den Solis­ten. Auf dem Pro­graamm stan­den die Sym­pho­nien 8 und 9 von Beet­ho­ven. (Music and Arts 1191, 2 CDs)
Eine äußerst wich­ti­ge Ergän­zung zur Klem­pe­rer-Dis­ko­gra­phie lie­fert die Fir­ma Tes­ta­ment: Eine Serie von Kon­zert­mit­schnit­ten aus der Roy­al Fes­ti­val Hall in Lon­don, in den meis­ten Fäl­len von BBC Radio pro­du­ziert. Im Mit­tel­punkt steht ein Beet­ho­ven-Zyklus mit allen Sym­pho­nien, der Egmont-Ouver­tü­re und der Gros­sen Fuge (Fas­sung für Streich­or­ches­ter). Dazu eine kon­zer­tan­te Auf­füh­rung des «Flie­gen­den Holländers».

Oft han­delt es sich um Auf­füh­run­gen, die anschlie­ßend an Stu­dio-Auf­nah­men statt­fan­den. Auf Ein­zel­hei­ten ein­zu­ge­hen wür­de den Rah­men die­ses Arti­kels spren­gen; aber all­ge­mein läßt sich sagen, dass die Stu­dio­auf­nah­men ein getreu­es Abbild der Par­ti­tur, eine Illus­tra­ti­on der vom Kom­po­nis­ten geschaf­fe­nen Wer­ke dar­stel­len. Die Mit­schnit­te sind etwas fle­xi­bler, stim­mungs­ab­hän­gi­ger, und man spürt das Flui­dum, das aus der Begeg­nung zwi­schen Aus­füh­ren­den und Publi­kum aus­geht. Eini­ge klei­ne Unge­nau­ig­kei­ten sind unver­meid­lich, aber nicht stö­rend. Wel­che Ver­sio­nen bevor­zugt wer­den, ist eine Fra­ge des per­sön­li­chen Geschmacks. Ich per­sön­lich möch­te kei­ne missen …

Die Auf­nah­me von Klem­pe­rers letz­tem Kon­zert (26. Sept. 1971) ent­hält von Beet­ho­ven die «König Stephan»-Ouvertüre und ein eher entäu­schen­des 4. Kla­vier­kon­zert (Solist: Dani­el Adni), sowie eine groß­ar­ti­ge Auf­füh­rung der 3. Sym­pho­nie von Brahms.

Aus­wahl-Dis­ko­gra­phie Testament:
Beet­ho­ven-Zyklus: SBT 1405–1408, 1177, 1332 (Alle ein­zeln erhältlich)
«The Last Con­cert»: SBT2 1425 (2 CDs)
Wag­ner: Der flie­gen­de Holländer:
SBT2 1423 (2CDs)
Stra­vin­sky: Pul­ci­nella, sowie eine bis­her unver­öf­fent­lich­te Auf­nah­me von «Petrush­ka» (Stu­dio) SBT 1156.

Beson­ders will­kom­men ist ein Mit­schnitt von Klem­pe­rers Gast­di­ri­gat mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern vom 31. Mai 1964 (Bach, Mozart, Beet­ho­ven). Das Kon­zert war ein Tri­umph. Was die Dop­pel-CD beson­ders wert­voll macht, sind die fast 45 Minu­ten Pro­ben­mit­schnit­te zur «Pas­to­ra­le», eine sel­te­ne Gele­gen­heit, des Meis­ters Arbeits­me­tho­den mit­zu­ver­fol­gen; denn er war, zumin­dest in spä­te­ren Jah­ren, nicht bereit, Besu­cher zu sei­nen Pro­ben zuzu­las­sen. Neben­bei bemerkt: So schön die Ber­li­ner auch spie­len, das Niveau des Phi­har­mo­nia Orches­tra errei­chen sie nicht … (SBT2 1217 (2 CDs)

Foto: zVg.
ensuite, August 2013



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