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Ost­schwei­ze­ri­sche Vor­al­pen­idyl­le auf Spanisch

Von Anto­nio Suá­rez Vare­la - Eine Spu­ren­su­che und Nach­be­trach­tung zum spa­ni­schen Film «Un Fran­co, 14 pese­tas», der in der Ost­schweiz spielt.

Inzwi­schen ist fast ein Jahr ver­gan­gen – im Film­ge­schäft bei­na­he schon eine hal­be Ewig­keit – seit der Schwei­zer Pre­miè­re des spa­ni­schen Films «Un Fran­co, 14 pese­tas». Der Film­ti­tel ist eine Anspie­lung auf den Wech­sel­kurs des Fran­kens um 1960 einer­seits, und ande­rer­seits wegen der Majus­kel auf den spa­ni­schen Mili­tär­dik­ta­tor. Der von Mario Pedraza pro­du­zier­te Kino lm macht die Gast­ar­bei­ter-Ein­wan­de­rung in die Schweiz in den frü­hen sech­zi­ger Jah­ren zum The­ma. Dem Haupt­dar­stel­ler Car­los Igle­si­as aus Madrid, ehe­dem in Spa­ni­en vor allem bekannt gewor­den durch zahl­rei­che TV-Pro­duk­tio­nen, unter ande­rem in der Rol­le des Sancho Pan­sa in einer Qui­jo­te-Ver­fil­mung, gelingt mit sei­nem Regie­de­büt ein wirk­lich­keits­nah insze­nier­tes und ein­fühl­sam erzähl­tes Sit­ten­ge­mäl­de des Ein­wan­de­rer­mi­lieus in der Schweiz des Nach­kriegs­booms. Der mehr­fach prä­mier­te und gänz­lich mit spa­ni­schen Gel­dern finan­zier­te Film ist bereits auf eini­gen Film­fes­ti­vals gezeigt wor­den, letz­tes Jahr auch «aus­ser Kon­kur­renz» auf der Piaz­za Gran­de in Locarno.

Der Film­plot, der im Wesent­li­chen die Geschich­te von Igle­si­as’ Vater wie­der­gibt, ist rasch erzählt: Die zwei befreun­de­ten Werk­ar­bei­ter aus Madrid, Mar­tín (Car­los Igle­si­as) und Mar­cos (Javier Gut­iérrez), ver­die­nen in Spa­ni­en zu wenig, um eine bür­ger­li­che Exis­tenz auf­zu­bau­en. Sie ent­schei­den sich, in die Schweiz aus­zu­wan­dern, wo qua­li­fi­zier­te Arbei­ter Man­gel­wa­re sind. Sie fin­den eine Anstel­lung als Frä­ser in der Fir­ma Büh­ler im sankt-gal­li­schen Uzwil. Dort ange­kom­men, ver­su­chen sie sich im frem­den Land zurecht­zu­fin­den und knüp­fen ers­te Bezie­hun­gen. Fern­ab von Zuhau­se begin­nen die bei­den Immi­gran­ten das Jung­ge­sel­len­le­ben zu genies­sen und gehen Lieb­schaf­ten ein mit der Gast­hof­be­trei­be­rin Han­na (Isa­bel Blan­co) bezie­hungs­wei­se mit deren Kell­ne­rin (Isa­bel­le Stof­fel). Doch die uner­war­te­te Ankunft von Pilar (Nie­ve de Medi­na), der Ehe­frau von Mar­tín, berei­tet den Lie­be­lei­en ein jähes Ende. Nach sechs ent­beh­rungs­rei­chen, aber glück­li­chen Jah­ren in der Ost­schweiz ent­schei­det sich der Prot­ago­nist nach dem Tod des Vaters nach Spa­ni­en zurück­zu­keh­ren, um in die Eigen­tums­woh­nung in einer neu­en Madri­der Über­bau­ung ein­zu­zie­hen, wäh­rend sein Kum­pa­ne Mar­cos in der Schweiz bleibt. Zu des­sen eige­nem Erstau­nen gestal­tet sich für Mar­tín die Rück­kehr nach Spa­ni­en weit­aus schwie­ri­ger als die Auswanderung.

Die Kino­re­zen­sen­ten krei­de­ten dem Film «über­trie­be­ne Sanft­mü­tig­keit» und ein «Zuviel an Nost­al­gie» an. Aus­ser­dem wur­de moniert, dass die Schweiz in einem zu «posi­ti­ven» Licht dar­ge­stellt wür­de. Die­ser Kri­tik gilt es anhand einer Orts­be­sich­ti­gung auf den Grund zu gehen, um gleich­zei­tig ein Puz­zle­teil der Fremd­wahr­neh­mung der Schweiz in den Blick zu nehmen.

Kino im Post­kar­ten­for­mat Der im Tog­gen­burg und Appen­zel­ler Hin­ter­land gedreh­te Film evo­ziert mit sei­nen Bil­dern in der Tat eine idyl­li­sche Land­schaft im Post­kar­ten­for­mat. Dar­auf ange­spro­chen, ent­geg­net der Kame­ra­mann Tre­nas, dass man die Kame­ra in die Luft schmeis­sen und anschlies­send das kom­plet­te Auf­nah­me­ma­te­ri­al vor­be­halt­los hät­te ver­wen­den kön­nen. Und Igle­si­as fügt hin­zu, dass man dort sogar einen Rit­ter­ro­man hät­te ver­fil­men können.

Die Geschich­te ereig­net sich in Uzwil, obwohl dort nur weni­ge Sze­nen gedreht wur­den, unter ande­rem jene in der Apart­ment­woh­nung von Mar­tín, in der Igle­si­as übri­gens als Kind tat­säch­lich gewohnt hat­te. Die meis­ten Sze­nen aber spie­len zwi­schen Schwell­brunn im Aus­ser­rho­der Ober­land, wo der Gast­hof «Har­mo­nie» steht, und Schö­nen­grund am obe­ren Ende des Necker­tals auf der Kan­tons­gren­ze zwi­schen Sankt Gal­len und Appen­zell, Sitz der Fir­ma Krü­si Maschi­nen­bau AG. Auch in der Gemein­de Unter­was­ser und Umge­bung im Ober­tog­gen­burg wur­de gedreht. Sie ist Schau­platz diver­ser Neben­hand­lun­gen, unter ande­rem der Laden­dieb­stahl, die Schulhaus‑, die Abschieds­und die Nudistenszene.

Schau­platz Schwell­brunn (AR) All die­se Ort­schaf­ten wur­den in den Mona­ten vor dem Dreh im Juni und Juli 2005 reko­gnos­ziert. Dabei ging die Film­crew sehr prag­ma­tisch vor. Meist in Beglei­tung des Pro­du­zen­ten Pedraza und der Dar­stel­le­rin Blan­co besuch­te der Regis­seur Igle­si­as die in Fra­ge kom­men­den Orte und Räum­lich­kei­ten eini­ge Wochen vor Drehbeginn.

Tho­mas Blei­ken, der Geschäfts­füh­rer und Erb­ei­gen­tü­mer des Gast­hofs «Har­mo­nie» erin­nert sich an zwei Vor­be­sich­ti­gun­gen. Damals sag­te er noch zu sei­ner Mut­ter: «Weisst Du, die kom­men dann eh nicht!» Erst als die gesam­te Crew mit zwei voll­be­la­de­nen Last­wa­gen ein­traf, glaub­te er es dann wirk­lich. Dann ging alles «ratz­fatz»: Bil­der wur­den abge­hängt, neue auf­ge­hängt, Vor­hän­ge gestutzt und Platz geschafft für die tech­ni­sche Aus­rüs­tung und die Requi­si­ten. «In mei­ner Woh­nung mal­ten sie eine Türe an, im Hotel­zim­mer schnit­ten sie den Vor­hang ein­fach mit dem Mes­ser ab, anstatt ihn fach­män­nisch aus der Schie­ne zu ent­fer­nen. Dann bestand ich dar­auf, dass die Nähe­rin­nen den Vor­hang wie­der annäh­ten. Die wer­den das, glau­be ich, nie wie­der machen!», erzählt der Ness­lau­er Bür­ger Blei­ken mit einem Lächeln.

Umstel­lung auf Sies­ta-Zeit Die 1500 Ein­woh­ner zäh­len­de Gemein­de Schwell­brunn, die höchst­ge­le­ge­ne im Appen­zell, ein Luft­kur­ort, zieht nach wie vor Wan­de­rer an, da sie nahe am Jakobs­weg liegt. Im Dorf war man anfäng­lich recht miss­trau­isch. «Pro­ble­ma­tisch war», schil­dert Blei­ken, «dass die Stras­se meist für kur­ze Zeit gesperrt wer­den muss­te, meist um die Mit­tags­und Abend­zeit, als es am meis­ten Ver­kehr hat­te. Dann gab es Auto­fah­rer, die wäh­rend des Film­drehs hup­ten.» «Im Dorf gab es schon ein paar Nei­der, die dach­ten, dass ich nun reich gewor­den bin», ergänzt Blei­ken. Sein Umsatz habe sich wegen des Films nicht erhöht. Hie und da hät­ten Spa­ni­er aus dem Raum Sankt Gal­len und Heris­au eine Stipp­vi­si­te gemacht, um sich die Loka­li­tä­ten ein­mal von nah anzuschauen.

Der Gast­hof, des­sen Bau­sub­stanz ins 17. Jahr­hun­dert zurück­reicht, wur­de prak­tisch gra­tis zur Ver­fü­gung gestellt, betont Blei­ken. Für Über­nach­tun­gen, Essen und ande­re Zusatz­kos­ten kam man natür­lich auf. Vier Wochen lang muss­te Blei­ken sein Schlaf­zim­mer räu­men und auf einer Mili­tär­ma­trat­ze schla­fen. In der ers­ten Woche muss­te er noch ohne die Hil­fe sei­ner Schwes­ter Gabi Brun­ner aus­kom­men, und bekam ob der vie­len Arbeit, die an el, prompt ein Magen­ge­schwür. Mit dem Ein­zug der Film­crew wur­de der Tages­ab­lauf völ­lig umge­krem­pelt und die spa­ni­schen Lebens­ge­wohn­hei­ten ein­schliess­lich Sies­ta ein­ge­führt. Das Hotel muss­te geschlos­sen wer­den. «Zu Mit­tag assen sie so zwi­schen drei und vier Uhr nach­mit­tags und das Abend­essen wur­de erst zwi­schen zehn und zwölf Uhr nachts ser­viert!» Ent­schä­digt wur­den Tho­mas Blei­ken und sei­ne Schwes­ter mit einer Sta­tis­ten­sze­ne. Nach der Erst­auf­füh­rung in Madrid im Mai 2006 und der Begrüs­sung durch Igle­si­as am Ende des Abspanns habe er ein «paar Was­ser gebrüelet», so gerührt sei er gewe­sen, erzählt Bleiken.

Schau­platz Schö­nen­grund (AR/SG) In einer bäu­er­lich gepräg­ten Land­schaft gestal­te­te sich die Suche nach einem geeig­ne­ten Indus­trie­ge­län­de für die Fabrik­sze­nen als schwie­rig. Schliess­lich wur­de man dank eines Tipps des Hotel­wirts Roland Hof­stet­ter aus Unter­was­ser in Schö­nen­grund fün­dig, wo die Fir­ma Krü­si, Her­stel­le­rin von Werk­zeug­ma­schi­nen für die Holz­be­ar­bei­tung, seit 1961 ihren Sitz hat. Die Fir­ma hat erst kürz­lich den KMU-Inno­va­ti­ons­preis der FDP gewon­nen und lie­fert mit einem Export­an­teil von 92 Pro­zent vor allem ins Bal­ti­kum, in die Mon­go­lei, nach Kasach­stan und Nord­ame­ri­ka. Füh­rend in der Her­stel­lung von Kreuz­kreis­sä­gen, belie­fert das Klein­un­ter­neh­men unter ande­rem das Wal­lis und das Tirol mit Holz­kei­len für den Cha­let­bau. Für den Film konn­te die heu­te prak­tisch noch gleich aus­se­hen­de mecha­ni­sche Werk­statt mit ihren fast vier­zig­jäh­ri­gen tsche­chi­schen Frä­ser­ma­schi­nen benutzt wer­den. Der gan­ze Dreh dau­er­te etwa ein­ein­halb Wochen, wäh­rend die Pro­duk­ti­on nor­mal wei­ter­lief. 

«Schnee» mit­ten im Juli Das Fabrik­are­al in Schö­nen­grund liegt beid­seits des Ufers des Teu­fen­bachs, der die 500-See­len­ge­mein­de in einen appen­zel­li­schen und sankt-gal­li­schen Teil trennt. Die alten Zie­gel­bau­ten waren wie geschaf­fen für den Regis­seur aus Madrid. Zum High­light des Drehs gehör­te das Schnee­ma­chen, wie der Geschäfts­füh­rer Urs Ise­li und des­sen Schwie­ger­va­ter und Fir­men­in­ha­ber Fritz Krü­si berich­ten. Mit­ten im Som­mer wur­den Tei­le der Gas­sen und der Häu­ser­fas­sa­den mit einem Zel­lu­lo­se-Was­ser-Gemisch beschneit, das nur schwer wie­der weg­zu­krie­gen war.

Als sich im Dorf her­um­ge­spro­chen hat­te, dass ein Film gedreht wür­de, sprach sich dies wie ein Lauf­feu­er her­um. Auf ein­mal stan­den bis zu hun­dert Schau­lus­ti­ge da, um den Dreh­ort zu inspi­zie­ren, erin­nert sich Ise­li, der selbst in eine klei­ne Neben­rol­le mit Dia­log schlüp­fen durf­te. Die Sta­tis­ten, meist Fabrik­ar­bei­ter, wur­den pau­schal mit sech­zig Fran­ken pro Auf­tritt ver­gü­tet. Der Fir­men­chef Krü­si durf­te sogar sich selbst spie­len, als er am Zahl­tag den Arbei­tern im Film das Geld aus­be­zahl­te. Valen­tin Büch­ler, der inzwi­schen seit fast vier­zig Jah­ren in der Fir­ma arbei­tet, meint, dass der Film die Rea­li­tät der sech­zi­ger Jah­re recht gut getrof­fen hät­te. Auch Ise­li fin­det, dass es ein «glat­ter Film» gewor­den sei.

Schau­platz Unter­was­ser (SG) In der Schwin­ge­r­und Ski­sprung­hoch­burg Unter­was­ser befin­det sich das Hotel Ster­nen, wo der gröss­te Teil des 47-köp­gen Film­sets unter­ge­bracht war. Roland Hof­stet­ter, Hote­lier und Besit­zer des Ster­nen, erin­nert sich, dass Igle­si­as bei Inter­net­re­cher­chen auf den Namen sei­ner spa­ni­schen Frau Jose­fa Rodrí­guez gestos­sen sei, ein Umstand, der für die Hotel­wahl offen­bar ent­schei­dend war. Hof­stet­ter stieg wäh­rend den Dreh­ar­bei­ten zum unbe­zahl­ten Mana­ger des Regis­seurs auf, dem er dank sei­nes weit­läu­fi­gen Bezie­hungs­net­zes in der Regi­on half, die meis­ten Schau­plät­ze aus­fin­dig zu machen: «Die Fabrik in Schö­nen­grund habe ich gefun­den! Die Fir­ma Büh­ler in Uzwil woll­te ja nicht mit­ma­chen und im Tog­gen­burg gibt’s ja kei­ne Indus­trie, da gibt’s nur Bau­ern, Land­wirt­schaft und Tou­ris­mus.» Auch die Schau­plät­ze im Schul­haus und im Laden im Nach­bar­ort Alt Sankt Johann sowie am See von Schö­nen­bo­den in der Gemein­de Wild­haus für die Nudis­ten­sze­ne hat er vermittelt.

«Als die Spa­ni­er auf ein­mal da waren», so Hof­stet­ter, «herrsch­te zuwei­len das nack­te Cha­os.» «Es ist ein­fach so bei den Film­leu­ten. Sie kom­men auf den Platz und dann muss es sofort los­ge­hen. Unse­re Fle­xi­bi­li­tät wur­de auf die Pro­be gestellt. Sie sag­ten uns, sie woll­ten um acht zu Abend essen und kamen dann erst um zehn. Wir waren gefor­dert.» Ein Hono­rar für die vie­len auf­ge­wand­ten Stun­den hät­te er nicht bekom­men, doch er habe es ger­ne gemacht, fügt Hof­stet­ter mil­dernd bei. «Aber eigent­lich hät­ten sie einen Mana­ger wie mich gebraucht.» Sogar den Kon­takt zu den Regio­nal­bah­nen für die Zug­sze­ne hät­te er her­ge­stellt. Trotz­dem habe er «einen tol­len Umsatz gemacht», denn damals war der Som­mer noch nicht so ein­träg­lich wie heu­te. Die Regi­on zwi­schen dem Alp­stein­ge­bir­ge und den sie­ben Churrs­ten lebt vor allem vom Wintertourismus.

Hof­stet­ter ist ein weit­ge­reis­ter Hote­lier, der schon seit Jah­ren in der Bran­che tätig ist. Den Ster­nen hat­te er vor fünf Jah­ren gepach­tet und letz­tes Jahr schliess­lich gekauft. Gebür­tig aus dem Aar­gau ist er inzwi­schen im Tog­gen­burg fest ver­wach­sen. Heu­er ver­zeich­ne­te er in sei­nem Betrieb einen Rekord­som­mer. Auch bei ihm sei­en eini­ge Spa­ni­er zu Besuch gewe­sen, doch die meis­ten Gäs­te sei­en Schwei­zer, Deut­sche, Eng­län­der oder Holländer.

«Ich bin stolz, ein Schwei­zer zu sein» Der Hote­lier spielt im Film eine Neben­rol­le in vol­ler Mili­tärm­on­tur und sei­ne Frau Jose­fa in zwei oder drei Sze­nen die ita­lie­ni­sche Freun­din der Haupt­dar­stel­le­rin. Auf die Fra­ge, ob die Fami­lie sei­ner Frau Fran­co-Spa­ni­en tat­säch­lich so erlebt hat­te wie im Film dar­ge­stellt, ent­geg­net Hof­stet­ter: «Genau so war es. Sie gin­gen wirk­lich fort wegen Fran­co und der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on im Land.» Sie sei­en aus Exis­tenz­grün­den in die Schweiz aus­ge­wan­dert. Ihr Vater starb sehr früh, die Mut­ter reis­te mit eini­gen Töch­tern zurück nach Spa­ni­en, doch Jose­fa blieb hier, wo sie eine KV-Leh­re in einer Bank machte.

Auf den Film ange­spro­chen, meint Hof­stet­ter: «Der Film ist wirk­lich super. Er ist amü­sant, lus­tig und trau­rig zugleich. Er stellt die Zeit so dar, wie sie damals wirk­lich war, obzwar die Schweiz schon sehr posi­tiv dar­ge­stellt wird. Car­los ist ja ein Fan der Schweiz. Ob es aber immer so posi­tiv war, weiss ich nicht. Damals viel­leicht schon, als die Ita­lie­ner und Spa­ni­er in die Schweiz kamen. Heu­te hat sich viel geän­dert. In den Sech­zi­gern war man auf die Gast­ar­bei­ter ange­wie­sen. Man hat­te damals kei­ne Angst vor aus­län­di­schen Gäs­ten. Das Volk war schon gast­freund­li­cher zu den Aus­län­dern, die hier­her kamen, um zu arbeiten.»

Zum The­ma Fremd­wahr­neh­mung der Schweiz fügt Hof­stet­ter an: «Car­los stellt die Schweiz wirk­lich nur in einem posi­ti­ven Licht dar, mei­ne Frau hat es zum Teil auch anders erlebt. Aber im Ver­gleich zu heu­te war man schon offe­ner und herz­li­cher. Der Schwei­zer ist sowie­so nie jemand, der gleich alle mit offe­nen Armen emp­fängt. Er ist mit den tra­di­tio­nel­len Wer­ten ver­bun­den. Ich bin stolz, ein Schwei­zer zu sein. Ich möch­te nichts ande­res sein, mir gefällt es hier. Ich kann die Schweiz als Tou­ris­ti­ker mit Herz und See­le ver­kau­fen, denn ich habe tag­ein tag­aus mit aus­län­di­schen Gäs­ten zu tun. Die unge­stress­te und locke­re Art der Spa­ni­er gefällt mir zwar auch, doch wenn ich ein Jod­ler­lied höre, dann bekom­me ich Hüh­ner­haut. Ich gehe zwar ger­ne nach Spa­ni­en zu den Schwie­ger­el­tern, doch keh­re ich ger­ne wie­der heim.»

«Das Leben in der Schweiz hat uns die Augen geöff­net» Die Pro­duk­ti­on des Films kam mit einem rela­tiv beschei­de­nen Bud­get von 2,5 Mil­lio­nen Euro aus. Das Dreh­buch und die Geschich­te stam­men von Igle­si­as, der jedoch nicht nur die Erin­ne­run­gen sei­nes Vaters mit­ein­be­zog, son­dern auch die Mei­nung von ins­ge­samt 58 Per­so­nen ein­hol­te, dar­un­ter sowohl von Schwei­zern als auch von ita­lie­ni­schen und spa­ni­schen Ein­wan­de­rern. Igle­si­as erin­nert sich, dass bei sei­nen Inter­views neun­zig Pro­zent der Befrag­ten erzähl­ten, dass ihr ers­ter Ein­druck nach der Ankunft in der Schweiz war, in einem gros­sen Gar­ten ange­kom­men zu sein. Um das Dreh­buch zu schrei­ben, brauch­te Igle­si­as vier Jah­re. Des­sen Ver­kauf jedoch ent­pupp­te sich als recht schwie­rig, denn es gab auf der einen Sei­te Leu­te, die sehen woll­ten, wie schlecht die Schwei­zer die Immi­gran­ten behan­del­ten, und auf der ande­ren sol­che, die sehen woll­ten, wie die Gen­dar­men der Guar­dia Civil die Arbei­ter schlu­gen. «Weil ich mich wei­ger­te, die­sen Wün­schen nach­zu­ge­ben, muss­te ich von einem Pro­du­zen­ten zum nächs­ten gehen, bis ich jeman­den fand, der an mei­ne Geschich­te glaub­te», erzählt Iglesias.

Der Madri­le­ne legt mit «Un Fran­co, 14 pese­tas» einen Spiel lm vor, des­sen kine­ma­to­gra­fi­sche Idyl­li­sie­rung der Schweiz allent­hal­ben auf Kri­tik gestos­sen ist. Doch der Debüt­ci­ne­ast ver­wahrt sich gegen sol­che Vor­wür­fe, indem er ent­geg­net, dass sich die Geschich­te fast aus­schliess­lich im Milieu die­ser Ein­wan­de­rer bewegt, deren Kon­tak­te zur Schwei­zer Gesell­schaft sich auf das Not­wen­digs­te beschränk­ten. Aus­ser­dem hand­le es sich um einen Autoren- und kei­nen Doku­men­tar­film. Er habe nur beschrie­ben, wie er es erlebt hat­te als Kind, ver­tei­digt sich Igle­si­as, und fügt hin­zu: «Wer es anders erlebt hat, der soll sei­ne Geschich­te in einem ande­ren Film zeigen.»

Seit dem acht­zehn­ten Lebens­jahr hat Igle­si­as jedes Jahr die Schweiz besucht. Er möch­te für sich und sei­ne Fami­lie in der Ost­schweiz ein Feri­en­haus kau­fen. Die Schweiz habe ihn zu der Per­son gemacht, die er heu­te ist. Er ver­dan­ke ihr viel, wie er in Inter­views beteu­ert. «Die Schweiz gefällt mir. Es gefällt mir, dass hier die Din­ge funk­tio­nie­ren. Es gefällt mir, beim Spa­zie­ren durch den Wald kei­ne Plas­tik­fla­schen auf dem Boden zu sehen. Prak­tisch alles gefällt mir hier, was ich in mei­nem Land nicht habe.» In der Schweiz hät­ten sie ihn in der Schu­le nie geohr­feigt. Ganz anders im fran­kis­ti­schen Spa­ni­en, wo man ihm die Gram­ma­tik mit Schlä­gen bei­brach­te. Nicht zuletzt des­halb fühl­te er sich nach der Rück­kehr als Zwölf­jäh­ri­ger in sei­nem eige­nen Land fremd.

Schweiz als fort­schritt­li­cher Wohlfahrtsstaat 

Der Film kann als Lehr­stück und Ermah­nung zugleich auf­ge­fasst wer­den, da er dem (jun­gen) Publi­kum in Erin­ne­rung rufen möch­te, dass Spa­ni­en auch ein­mal ein Aus­wan­de­rungs­land war und heu­te sei­nen Ein­wan­de­rern oft nicht die­sel­ben Annehm­lich­kei­ten zugesteht.

Die Schweiz der sech­zi­ger Jah­re war im Ver­gleich zum rück­stän­di­gen Spa­ni­en der Fran­co­dik­ta­tur sehr fort­schritt­lich: Die Arbeits­be­din­gun­gen waren die glei­chen sowohl für die Ein­hei­mi­schen wie für die Frem­den, und die Sozi­al­leis­tun­gen waren über­durch­schnitt­lich für die Norm­ord­nung eines moder­nen Wohl­fahrts­staa­tes; in den Bade­zim­mern gab es Warm­was­ser und Toi­let­ten­pa­pier, in der Schu­le war die sexu­el­le Auf­klä­rung Pflicht­fach, in den öffent­li­chen Bädern gab es Zonen für Nudis­ten und in den Dis­ko­the­ken for­der­ten die Frau­en die Män­ner zum Tanz auf und nicht umge­kehrt. All die­se Din­ge muss­ten für die dama­li­ge spa­ni­sche Arbei­ter­klas­se ein undenk­ba­rer, ja uner­reich­ba­rer Luxus gewe­sen sein. So ana­chro­nis­tisch der Ver­gleich heu­te erschei­nen mag und so sehr der Film auch auf das spa­ni­sche Publi­kum aus­ge­rich­tet ist, er hat doch auch ein Stück Schwei­zer Zeit­ge­schich­te auf Zel­lu­loid gebannt.

Wie ein Kurz­be­such bestä­tigt, sieht die Regi­on um den Sän­tis tat­säch­lich so aus wie im Film. Die saf­tig und gleich­mäs­sig gescho­re­nen, von den Bau­ern lie­be­voll geheg­ten Wei­de- und Gras­hän­ge, wo Kühe fried­lich ihr Gras zum x‑ten Mal wie­der­käu­en, sehen im Tog­gen­burg und Appen­zell viel­leicht noch grü­ner und lieb­li­cher aus als andern­orts im «Hei­di­land». Wer schon ein­mal in der Regi­on war, der kann dem Film beim bes­ten Wil­len kei­ne Schön­fär­be­rei vorwerfen.

Gast­hof Har­mo­nie in Schwellbrunn:
www.harmonie.schwellbrunn.ch

Fir­ma Krü­si AG in Schönengrund:
www.kruesi-ag.ch

Hotel Ster­nen in Unterwasser:
www.sternen.biz

Bild: zVg.
ensuite, Okto­ber 2007