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Obser­va­tio III – Vio­lence against language

Ein­drü­cke von der «inter­di­sci­pli­na­ry con­fe­rence ReART:theURBAN», 25. – 27. Okto­ber 2012

«You can’t sum­ma­ri­ze», meint der Sitz­nach­bar zur Rech­ten am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag leicht ent­nervt, nach­dem sie­ben oder acht «Bot­schaf­te­rin­nen» genau das ver­sucht haben, näm­lich die Ergeb­nis­se von etwa vier­zehn ver­schie­de­nen «Table Talks» in ins­ge­samt fünf­zig Minu­ten zusam­men­zu­fas­sen; «lie­ber ein paar Punk­te her­aus­pi­cken und die­se dis­ku­tie­ren», bestä­tigt ein ande­rer, und ich pflich­te ihm bei; es sei­en ja die Ergeb­nis­se der Gesprä­che, so man über­haupt von Ergeb­nis­sen reden wol­le und kön­ne, weni­ger wich­tig und inter­es­sant als der Pro­zess des Dis­ku­tie­rens selbst, das Ins-Gespräch-Kom­men mit ande­ren Men­schen, mit Berufs­leu­ten unter­schied­li­cher Dis­zi­pli­nen, das Wahr­neh­men ihrer spe­zi­fi­schen Denk- und Sprech­wei­sen und damit der Fra­ge­stel­lun­gen, mit und an denen sie arbeiten. 

So ähn­lich, scheint mir, for­mu­liert es auch das Gruss­wort der Tagungs­or­ga­ni­sa­to­rIn­nen, «the objec­ti­ve (…) is not to pro­vi­de ans­wers and solu­ti­ons, but to rai­se qua­li­fied ques­ti­ons and pro­po­sals across various disci­pli­nes…», aber «natür­lich» ist die Ver­su­chung gross, allen Teil­neh­men­den alles zugäng­lich machen zu wol­len, und «natür­lich» wol­len die meis­ten Teil­neh­men­den alles von allen Panels wis­sen, wären gern über­all dabei gewe­sen, hät­ten sich am liebs­ten gevier­teilt, wären gern sel­ber Stadt gewor­den, Gross­stadt. Kein Wun­der beim über­bor­den­den Pro­gramm der Kon­fe­renz, sei­ner Nei­gung zum Tota­len, zur (intel­lek­tu­el­len) Beset­zung des gan­zen städ­ti­schen Ter­ri­to­ri­ums in all sei­nen Aspek­ten und Facetten. 

Teil­nah­me ohne Teilhabe

Es ging (und geht mir auch im Rück­blick) nicht anders: das Pro­gramm, die schie­re inhalt­li­che und per­so­nel­le Fül­le, all die vie­len Räu­me – und in jedem geschieht etwas –, ja, allein der Bücher­tisch!, Lek­tü­re für vie­le Wochen auf einer ein­sa­men Insel ohne Mann und Kin­der, elek­tri­sier­ten mich, jag­ten mir, die ich Mas­sen schlecht ertra­ge, Schau­der der Zuge­hö­rig­keit durch den Kör­per, ich bin dabei, ich bin Teil von etwas, neh­me teil und habe teil – dar­über wird denn auch ver­han­delt in einem der Work­shops, über die Unter­schie­de zwi­schen Teil­nah­me und Teil­ha­be, anhand sozio­kul­tu­rel­ler Pro­jek­te, die Men­schen als Teil­neh­me­rIn­nen von Thea­ter­pro­jek­ten ein­bin­den, die von einer poli­ti­schen Teil­ha­be aus­ge­schlos­sen sind; dass die Thea­ter­auf­füh­run­gen meist nur von Bekann­ten und Freun­den der Auf­tre­ten­den besucht wer­den, stellt ein zusätz­li­ches Pro­blem dar. Gleich­wohl kann die Teil­nah­me ohne Teil­ha­be Teil eines Selbst­er­mäch­ti­gungs­pro­zes­ses sein. 

Es wer­den also wie ver­spro­chen qua­li­fied Fra­gen auf­ge­wor­fen in inter­na­tio­na­lem Basic-Eng­lish; nicht alle Teil­neh­me­rIn­nen kön­nen sich dabei glei­cher­mas­sen qua­li­fied aus­drü­cken, was einen deut­schen Musi­ker erfreu­li­cher­wei­se dazu ani­miert, sei­ne Gedan­ken zu «How can art chan­ge the socie­ty» zwi­schen deutsch und eng­lisch chan­gie­rend sowie hin und her schrei­tend zu ent­wi­ckeln, Media indus­try makes more Umsatz than Rüs­tung oder Auto­in­dus­trie, nur wo es einen Kon­flikt gibt, can chan­ge über­haupt statt­fin­den, der ja zum Impe­ra­tiv gewor­den ist, zum régime of chan­ge, statt­des­sen soll­ten wir einen régime chan­ge anstre­ben. Zu Wort­spie­le­rei­en und Sprich­wor­ten wird Sla­voj Zizek spä­ter Erhel­len­des sagen; im Moment bin ich fas­zi­niert. (Scha­de übri­gens, gibt es kei­ne Teil­neh­me­rIn­nen­lis­te, ein ech­tes Ver­säum­nis, scheint mir, auch wenn sich dadurch viel­leicht nur die Anzahl der Ver­an­stal­tungs­hin­wei­se in mei­ner Inbox dras­tisch erhöht hätte). 

Poten­zi­al und Potenz

Die Fra­ge­stel­lun­gen der Tagung – wenn auch vor­sich­tig und kom­plex for­mu­liert, aber doch in die Rich­tung gehend von: «Wie kann Kunst unser (Zusammen)Leben ver­bes­sern?», «Was kann Kunst leis­ten für die Gesell­schaft» –, hat­ten mich im Vor­feld eher irri­tiert; die neu­en Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gien – «Kunst und Kul­tur sind die Staats­aus­ga­ben wert, weil sie iden­ti­täts­stif­tend wir­ken (sol­len), Par­ti­zi­pa­ti­on der vom poli­ti­schen Leben Aus­ge­schlos­se­nen ermög­li­chen (s. o.), und – vor allem – ein ernst zu neh­men­der, wach­sen­der Wirt­schafts­sek­tor sind» – ver­harm­lo­sen und domes­ti­zie­ren mei­ner Mei­nung nach das Poten­ti­al und die Potenz von Kunst als Spiel- und Simu­la­ti­ons­raum, der sich Kate­go­rien wie Nütz­lich­keit und Brauch­bar­keit entzieht.

So waren wir in der Gess­ne­r­al­lee ver­sam­melt: Künst­ler und Wis­sen­schaft­le­rin­nen, Män­ner und Frau­en unter­schied­li­chen Alters und unter­schied­li­cher geo­gra­fi­scher, sozia­ler und kul­tu­rel­ler (und reli­giö­ser?) Her­kunft; ein Schwei­zer Thea­ter­ma­cher zum Bei­spiel, der vor­nehm­lich in Deutsch­land arbei­tet, trifft auf die nor­we­gi­sche Künst­le­rin, die seit lan­gem in den USA lebt; die Begeg­nung ist so inter­es­sant wie es die Arbei­ten der bei­den sind; bei Andre­as Lieb­mann beein­dru­cken mich die Ein­fach­heit und Direkt­heit sei­nes künst­le­ri­schen Zugriffs, der geprägt scheint von einer exis­ten­ti­el­len Neu­gier, gesell­schaft­li­che Phä­no­me­ne wie den «Deut­schen­hass» der Schwei­zer, die unge­heu­re sprach­li­che Viel­falt in urba­nen Räu­men oder unse­ren Umgang mit Krank­hei­ten doku­men­ta­risch zu (er)fassen und sie auf der Büh­ne oder auf offe­ner Stras­se zu ver­han­deln – bri­sant, amü­sant und geist­reich – auch wenn mich der Ver­dacht beschleicht, dass ich nicht viel ver­passt habe, wenn ich die Arbei­ten nur im Schnell­durch­gang gese­hen habe, als Dokumentation. 

War­um aber wäre das so? Weil ich mir vie­les vor­stel­len kann auf­grund der Doku­men­ta­ti­on, und das Ereig­nis selbst viel­leicht vor allem von der Idee lebt und von den Men­schen, die sich dar­an betei­li­gen – als Zuschaue­rin käme ich mir ein wenig vor wie eine Voy­eu­rin, die sich an Pri­va­tem ergötzt, was wohl genau die Naht­stel­le ist, die Lieb­mann inter­es­siert, war­um blei­ben wel­che Phä­no­me­ne pri­vat? Auch zur Debat­te, ob der öffent­li­che Raum ver­schwin­det oder alles öffent­lich wird, auch das Pri­va­te, wie wir in Social Media und auch in der Kunst tag­täg­lich sehen, hat Zizek Erhel­len­des zu sagen. 

Auf Bau­de­lai­res Gedich­ten durch Zürich

Was war das Ein­drück­lichs­te, was du bis­lang gese­hen oder gehört hast, fragt mich ein Bekann­ter am Sams­tag­mit­tag, und mei­ne Ant­wort kommt wie aus der Pis­to­le geschos­sen (Zu: «Rede­wei­sen» sie­he wei­ter unten): Lukas Bärfuss. 

The­ma war: Bil­der der Stadt in den Küns­ten: Wie wer­den Städ­te dar­ge­stellt und reflek­tiert in Poe­sie, Film und Per­for­mance? Zuerst ärger­te ich mich über das ein­schlä­gi­ge Voka­bu­lar und die rou­ti­nier­te, selt­sam ideo­lo­gisch gepräg­te Betrach­tungs­wei­se der jun­gen Film­wis­sen­schaft­le­rin («Doku­men­tar­fil­me haben im Gegen­satz zu Spiel­fil­men den Anspruch, die Wirk­lich­keit zu ver­än­dern»), dar­auf­hin wur­de uns ein inter­es­san­ter Ver­such prä­sen­tiert, mit (DDR)-Geschichte tou­ris­tisch umzu­ge­hen, mit Sta­si­ge­schich­ten im Ohr durch Ost-Ber­lin; löb­lich durch­aus, dach­te ich, und dann kam Lukas Bär­fuss mit sei­nem Essay. 

Zunächst tas­tend – ich bin in Thun auf­ge­wach­sen, kom­me aus der Klein­stadt, nichts legi­ti­miert mich, über Stadt und Gross­stadt zu spre­chen – ent­fal­tet sich der Text und ent­puppt sich als buch­stäb­lich atem­be­rau­ben­der Ver­such, sich Erfah­rungs- und Denk­räu­men aus­zu­set­zen; sein «Ich» in die Waag­scha­le wer­fend, geht er mit Bau­de­lai­res (Paris)-Gedichten durch das heu­ti­ge Zürich; ein nicht lau­tes, aber bewe­gen­des Plä­doy­er für das «Sich-Invol­vie­ren», für die inne­re Betei­li­gung des Künst­lers an dem, was er schreibt, malt, erzählt, dar­stellt, per­formt, und ich den­ke an Mar­kus Lüpertz, der in einem Gespräch (nach­zu­le­sen in: Der Kunst die Regeln geben) sinn­ge­mäss gesagt hat, der Phi­lo­soph und Wis­sen­schaft­ler stellt die Welt in Fra­ge, der Künst­ler sich selbst. 

Das ist es, was Lukas Bär­fuss vor­führt, er bleibt nicht ste­hen beim Ich, aber das Ich bleibt sein Pfand, das er in die Waag­scha­le sei­nes Den­kens wirft; und mit Bau­de­lai­re appel­liert an die Kraft und die Not­wen­dig­keit der Ima­gi­na­ti­on. Das, was nicht sicht­bar ist, die Frau, die hin­ter geschlos­se­nen Vor­hän­gen sitzt – nicht die­je­ni­ge, die sich im hell erleuch­te­ten Wohn­zim­mer der Stadt prä­sen­tiert –, die im Dun­keln sit­zen, kön­nen kraft der Ima­gi­na­ti­on in Erschei­nung tre­ten. Es wird mäus­chen­still im Raum, und ich den­ke, das ist es, was Kunst ver­mag, wenn sie im Ursprung «authen­tisch» ist – ver­glei­che dazu mein Bericht von der Tagung «Künst­le­ri­sche Dar­stel­lungs­for­ma­te im Wan­del» –, gelei­tet von einem Erkennt­nis­in­ter­es­se, das nicht bei sich selbst ste­hen bleibt, son­dern zum «Ande­ren» hin­führt, zum Frem­den, zum Unbe­kann­ten. Das aber erin­nert mich an die Defi­ni­ti­on der Stadt, wie sie Dirk Bae­cker in Anleh­nung an einen Theo­re­ti­ker, des­sen Name mir ent­fal­len ist, vor­ge­stellt hat: Stran­gers living tog­e­ther. Und wir wol­len, dass der Ande­re ein Frem­der bleibt, damit wir ihn in Ruhe las­sen kön­nen und er uns in Ruhe lässt. Soweit so gut und ange­nehm – ist das der Grund für die plötz­li­che Stil­le, die sich nach Lukas Essay im Raum aus­brei­tet? Ist der Text ein Frem­der, der uns nicht in Ruhe lässt, son­dern uns auf­for­dert, in Bich­sel­schem Sin­ne zu schau­en, nach innen eben­so wie nach aussen? 

Kei­ne Diskussion

Die Mode­ra­ti­on schlägt vor, den Text nicht zu dis­ku­tie­ren, als hät­te er ihr die Spra­che ver­schla­gen, und das ist wohl auch so – dabei könn­te und müss­te man über die­sen Text dis­ku­tie­ren, der im Kon­text der Tagung unter­ging, vor 25 Leu­ten; ich hof­fe, er ist dort wenigs­tens auf Grund gesun­ken und wühlt den Boden­satz auf von Gewiss­hei­ten, Voka­bu­la­ren und jener Selbst­ge­nüg­sam­keit, die uns im Rah­men einer sol­chen Kon­fe­renz zuwei­len beschlei­chen mag. 

Nein, ich will die diver­sen Ein­drü­cke nicht auf einen Nen­ner brin­gen, son­dern Wider­sprü­che als Stadt­tei­le der zu errich­ten­den Text­stadt begrei­fen, frei nach Dirk Bae­ckers Bon­mot, man sol­le ver­su­chen, auf authen­ti­sche Wie­se nicht iden­tisch zu sein mit sich sel­ber, bee­ing authen­ti­cal­ly not iden­ti­cal to yours­elf – eng­lisch klingt es bes­ser in mei­nem Ohren –, ist es eine jener Wort­spie­le­rei­en, die nach Zizek­scher Ana­ly­se schrei­en?; bin ich damit eher im Modus des Sprich­worts und damit im Modus der Beja­hung von Spra­che als Erkennt­nis­mit­tel, oder schon im Modus der Vio­lence, der von Elfrie­de Jeli­nek gefor­der­ten Tor­tu­re der Spra­che, also Fol­ter oder Sprach­miss­hand­lung, laut Zizek der ein­zi­ge Garant für die Nicht-Miss­brauch­bar­keit von Kunst als Reli­gi­on bzw. als Ideologie. 

Auf­tritt Zizek

Womit wir bereits bei IHM sind, Sla­voj Zizek. Auch wenn wirk­lich ALLES, was er sag­te, im Dienst des Gegen­teils stand, lässt er sich nicht anders beschrei­ben: Als Mes­si­as. Und der Mes­si­as kam zuletzt, wie es sich für einen Mes­si­as ziemt, erst die Zeit des War­tens und einer ban­gen Hoff­nung macht ihn zum Ver­kün­der; die Hal­le war voll, auch die eigent­li­che Büh­ne mit Zuhö­rern gefüllt, sodass ER gleich­sam auf der Empo­re der zum Tem­pel geup­grade­ten Hal­le erschien, und ich gebe es ger­ne zu, er wur­de sei­ner Rol­le gerecht; schie­fend und gut gelaunt sprach er über die zen­tra­le Wun­de jeder Kunst: Dort, wo sie zur Ideo­lo­gie wird oder im Diens­te einer sol­chen steht, ja, wie sehr der Hero «Kunst» braucht, den einen Satz, um zum Hero zu wer­den, um Din­ge zu tun, die er «natür­li­cher­wei­se» nicht tun wür­de, und wie schnell so etwas gesche­hen kann. 

Eigent­lich wäre Zizeks Rede – genau wie auch die­je­ni­ge von Lukas Bär­fuss – ein Aus­gangs­punkt gewe­sen für die gan­ze Tagung; für die Fra­ge, ob der öffent­li­che Raum tat­säch­lich ver­schwin­det (etwas lau­nig vor­ge­führt am Bei­spiel eines Por­no­drehs im Tram; vom kopu­lie­ren­den Paar nimmt nie­mand Notiz, alle schau­en betre­ten weg), ob der Mensch, wenn er sich (reli­giö­sen) Ideo­lo­gien unter­wirft, dafür nicht weni­ger, son­dern mehr Frei­heit bekommt, eine Frei­heit, die auf Kos­ten der ande­ren geht, des Ver­hal­tens­ko­dex, der immer aus­dif­fe­ren­zier­ter wird. 

Die zen­tra­le Fra­ge aber für die Kunst, ob im städ­ti­schen Kon­text oder sonst wo: Was heisst es kon­kret, Spra­che (und damit mei­ne ich auch die Bild­spra­che) so zu mal­trä­tie­ren, auf dass sie die Wirk­lich­keit, auf die sie sich bezieht und die sie sprach­lich gestal­tet, zur Kennt­lich­keit ent­stellt, statt unter dem Deck­man­tel der Nütz­lich­keit (Stadtverschönerungs)Kosmetik zu betrei­ben. Die Fra­ge kann und soll nicht beant­wor­tet wer­den, aber sie soll als Fra­ge uns alle beglei­ten, ein Sta­chel im Fleisch der Crea­ti­ve Com­mu­ni­ty, der wir angehören.

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