- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Obser­va­tio II – Vom Nullpunkt

Ein­drü­cke des Sym­po­si­on «Vom Null­punkt?», Auf­bruchs-Ereig­nis­se in der Musik­ge­schich­te zwi­schen dem Mit­tel­al­ter und der Gegen­wart, am 29. und 30. Okto­ber 2012
an der Zür­cher Hoch­schu­le der Künste

Womit begin­nen?, das Dilem­ma des nach­träg­li­chen Auf­schrei­bens führt mir vor Augen, was ich in den rund fünf Stun­den Anwe­sen­heit im Klei­nen Saal der Flor­hof­gas­se 6 gehört, erfah­ren (gelernt?) und was ich dazu asso­zi­iert habe. 

Bich­sels (glück­li­cher) Erfin­der zum Bei­spiel zu Tuchol­skys Unglücks­ra­ben, der gleich zu Beginn der Tagung vor­ge­stellt wur­de, ein (jüdi­scher) Pro­vinz­ma­the­ma­ti­ker, Auto­di­dakt, der ob der Tat­sa­che ver­zwei­felt, dass sei­ne mathe­ma­ti­sche Ent­de­ckung, die er in der Pro­vinz qua­si auto­nom gemacht hat – wenn auch nicht ganz vor­aus­set­zungs­los, er besass und stu­dier­te irgend­wel­che (ver­al­te­ten) Lehr­bü­cher –, in der Haupt­stadt bereits «Com­mon Sen­se» ist. Der Mann kam zu spät, die Dif­fe­ren­ti­al­rech­nung hat­ten andere/hatte ein ande­rer vor ihm erfun­den, und damit wohl auch den Ruhm (und den Reich­tum?) abge­schöpft, der für eine sol­che Leis­tung zu haben ist. Der (von wem?, von sich?, der Welt?) ent­täusch­te Pro­vinz­ma­the­ma­ti­ker nimmt sich das Leben – welch dra­ma­ti­sche Wen­dung, welch Pathos auch, ein gera­de­zu künst­le­ri­sches, bin ich zu den­ken ver­sucht. Und welch ein Unter­schied zum Bich­sel­schen Erfin­der, eben­falls ein Pro­vinz­ler, der ein tol­les Gerät erfin­det, das Bil­der aus weit ent­fern­ten Tei­len der Welt her­vor­zau­bert. In der Stadt ange­kom­men, muss er ein­se­hen, dass der Fern­se­her bereits von ande­ren erfun­den wur­de – für ihn indes­sen mit­nich­ten ein Grund zur Ver­zweif­lung, son­dern bloss der Anlass, wie­der nach Hau­se zu gehen, zurück in die Pro­vinz, und sei­ne Erfin­dung fort­an für sich allein zu geniessen. 

Erfin­dung oder Fortschritt, …

In Ana­lo­gie zu sei­nem Erfin­der hat Peter Bich­sel hat die Arbeit der Schrift­stel­ler for­mu­liert: Sie erfin­den das, was es schon gibt. Die Beto­nung liegt dabei natür­lich auf dem Wort erfin­den, die Schrift­stel­ler bil­den nicht ab, was es schon gibt, sie erfin­den es, und genau dar­in liegt der krea­ti­ve Akt, der viel­leicht ver­wandt ist mit Kier­ke­gaards Ver­ständ­nis der Frei­heit des Men­schen: Die ein­zi­ge Frei­heit des Men­schen, schreibt er sinn­ge­mäss, besteht dar­in, sich sel­ber zu wäh­len; also nicht sich sel­ber, son­dern das Ver­hält­nis zu sich sel­ber zu gestalten. 

Ist das ein Gegen­satz zur Wis­sen­schaft, die wie der Phy­si­ker Dis­ser­to­ri mein­te, stets den Fort­schritt, d.h. die Ver­meh­rung, oder bes­ser viel­leicht die Prä­zi­sie­rung des Wis­sens über die (Natur)Phänomene im Visier hat? Die Model­le, mein­te er vehe­ment, soll­ten wider­legt wer­den – mit dem Ziel, ein noch genaue­res Modell gene­rie­ren zu können. 

… Werk oder Leben

Das Pathos des per­p­etu­ier­ten Neu­be­ginns, der ste­ten Neu­erfin­dung des schöp­fe­ri­schen Selbst, die­ser Anspruch beseel­te Arthur Rim­baud 1871, der in sei­nem und mit sei­nem Leben des Para­dig­men­wech­sel ein­lei­te­te, die Ver­schie­bung des künst­le­ri­schen Impe­tus vom Werk auf das Leben; der Maler ohne Bild, der Kom­po­nist ohne eige­ne Musik, der Kom­po­nist, der (nur noch?) einen Erfah­rungs- und Wahr­neh­mungs­raum schafft, in dem das Bestehen­de, der Stras­sen­lärm, das Gere­de, das Hus­ten und Räus­pern des Publi­kums erst zur Gel­tung kom­men können. 

Hier kommt der Zuschau­er, die Höre­rin erst so rich­tig ins Spiel, wird zum Part­ner, ja zur ein­zi­gen Instanz. Das Hören als inne­re akti­ve Selbst­tä­tig­keit, die das Spre­chen erst ver­ur­sacht. Das radi­kal «anti­künst­le­ri­sche» Selbst­ver­ständ­nis eines John Cage: Die (sei­ne) Musik darf nicht abhän­gen von Gedan­ken und Gefüh­len des Kom­po­nis­ten, auch dies ein Null­punkt, nicht ein Aus­gangs- son­dern eher ein End­punkt, den­ke ich und fra­ge mich, was eine sol­che Prä­mis­se für das Leh­ren an einer Kunst­hoch­schu­le bedeu­ten wür­de; auf­ge­nom­men wür­den nur noch Kon­zept­künst­ler, ein dia­me­tra­ler Gegen­satz zu allen Auf­nah­me­prak­ti­ken, die ich bis­her ken­nen gelernt habe, wo stets das Unver­wech­sel­ba­re, das Eige­ne, ja die Authen­ti­zi­tät eines wer­den­den Künst­lers, einer wer­den­den Künst­le­rin gesucht wird, doch ist das wirk­lich ein Gegensatz? 

Kann, könn­te zum Bei­spiel gera­de ein radi­ka­les «sich raus­hal­ten» eines wer­den­den Musi­kers ihn zu einer sin­gu­lä­ren Erschei­nung machen? «Der Phi­lo­soph stellt die Welt in Fra­ge, der Künst­ler sich selbst», for­mu­liert Mar­kus Lüpertz sei­nen Anspruch an die Kunst, die er des­halb über die Phi­lo­so­phie stellt, und ich erin­ne­re mich an die letz­te Tagung, die ich besucht habe, reART: The URBAN, und an die plötz­li­che Stil­le, die ein­setz­te, als Lukas Bär­fuss mit sei­nem Text genau das tat: Er setz­te sich aus, einer Erfah­rung, der Erfah­rung der Stadt, aber auch sei­nem Nicht-Wis­sen, er brach­te ein Sub­jekt in Bezie­hung zur Welt der Erfah­rung mit den Mit­teln der Ima­gi­na­ti­on, also der Erfin­dung. Genau das ist Kunst, dach­te ich in die­sem Moment, und genau das ver­mag nur sie: ein Drit­tes zu schaf­fen, ein gestal­te­tes Objekt, das sowohl den Künst­ler anschaut wie die Betrach­ter, die in die­sem Moment am glei­chen Ort sind, der Selbst- und Welt­erkennt­nis ermöglicht. 

Die Unter­schied­lich­kei­ten wer­den nicht mehr hier­ar­chi­siert, erin­ne­re ich mich an eines der Ein­gangs­state­ments zur Tagung, und so habe ich die fünf Stun­den nicht mit mehr Klar­heit, aber mit einer Fül­le an visu­el­len, atmo­sphä­ri­schen und akus­ti­schen Ein­drü­cken ver­las­sen, mit einem Instru­men­ta­ri­um an Begriff­lich­kei­ten auch, lau­ter Pro-voca­tio­nen, «Hin­aus­ru­fun­gen» der ein­zel­nen Refe­ren­ten (die ein­zi­ge Frau habe ich lei­der ver­passt), die so hof­fe ich, noch lan­ge nach­hal­len werden. 

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)