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Mut im Büro

(Con­stan­tin Seibt) – 

Einer der pein­li­chen Momen­te im Jour­na­lis­mus ist, wenn Leser einem zu sei­nem Mut gra­tu­lie­ren. Ver­blüf­fen­der­wei­se geschieht das fast immer dann, wenn man breit Akzep­tier­tes schreibt: etwa Kom­men­ta­re gegen Ban­ken, Mana­ger oder das Bank­ge­heim­nis. Zehn Jah­re davor, als die­sel­ben Kom­men­ta­re noch umstrit­ten waren, klang das Echo anders. Damals war das Publi­kum 50:50 gespal­ten. Die erzürn­te Hälf­te warf einem Absur­di­tät vor. Und auch bei der ein­ver­stan­de­nen Hälf­te lag Zwei­fel in der Stimme.

Doch heu­te reicht die Skep­sis gegen­über Ban­ken und Mana­gern bis tief in bür­ger­li­che Krei­se. Und wenn man heu­te einen Arti­kel in die­se Rich­tung schreibt, hat man am nächs­ten Tag unter Garan­tie ein, zwei pen­sio­nier­te Anwäl­te oder sogar Ban­ker am Draht, die einem zu dem Mut gra­tu­lie­ren, den man dazu wirk­lich nicht mehr braucht.

Just give a damn!

Aber vor allem irren die Anru­fer in einem: Mut hat im Büro nichts zu suchen. Zumin­dest nicht im Jour­na­lis­mus. Der Grund ist ein­fach: Mut bedeu­tet Über­win­dung, Ent­schei­dun­gen, Kampf, also Auf­wand. Und die­sen täg­lich nach dem Mor­gen­kaf­fee auf­zu­brin­gen, wäre unpraktisch.

Es muss ohne Mut gehen – auch für Feig­lin­ge wie Sie oder mich. Das heisst: Man braucht eine kla­re Hal­tung. Im Fall des Jour­na­lis­mus genügt es, ein paar weni­ge Punk­te genau durchzudenken.

Gesetzt den Fall, man wür­de bei heik­len The­men, Plä­nen, Urtei­len an die mög­li­chen Nach­tei­le den­ken – für Ruf, Bequem­lich­keit oder Kar­rie­re: Was wür­de passieren?

  1. Die Arbeit wür­de kaum noch Spass machen. Man wäre Spiel­ball sei­ner Ängste.
  2. Man wäre auch Spiel­ball aller mög­li­chen Leu­te. Und Sie kön­nen Gift dar­auf neh­men, dass selbst gröss­te Kon­zes­sio­nen die Sym­pa­thie Ihnen gegen­über nicht stei­gern wür­den. Son­dern man wür­de nur den Respekt vor Ihnen ver­lie­ren. Gegen einen Spiel­ball wird getre­ten. (Das gilt nicht nur für nach­gie­bi­ge Redak­teu­re, son­dern auch für nach­gie­bi­ge Zeitungen.)
  3. Das Aller­wich­tigs­te jedoch: Sobald Sie sich zen­sie­ren, ver­kleis­tern Sie Ihre Wahr­neh­mung. Und die­se – so ver­blüf­fend unvoll­stän­dig sie funk­tio­niert – ist in die­sem Beruf alles, was Sie haben. Sie ist Ihr Werk­zeug, Ihre Waf­fe, Ihre Ware. Sie kön­nen sich nicht leis­ten, sie zu sabo­tie­ren. Zu kei­nem Preis.

Das ist auch der Grund, war­um Kom­pro­miss-Arti­kel fast immer schlecht geschrie­ben sind. Gore Vidal defi­ni­ter­te Stil ein­mal mit dem Satz: «Style is kno­wing who you are, what you want to say and not giving a damn.» (Dan­ke, Herr Haem­mer­li, für das Zitat.)

Zu wis­sen, wer man ist und was man sagen will, ist Arbeit genug. Beschleicht einen dabei die Furcht vor den Kon­se­quen­zen, soll­te man folg­lich ver­su­chen, nicht dar­an zu den­ken. Und wenn man es trotz­dem tut, kei­ne Mut­fra­ge dar­aus zu machen. Son­dern sich auto­ma­tisch zu sagen: zur Höl­le damit.

Um dann unge­rührt hin­zu­schrei­ben, was man sieht. Oder genau­er: Was man gese­hen zu haben glaubt.

Jam­mern Sie nie!

Damit ist alles Wich­ti­ge gesagt. Aber noch nicht alles weni­ger Wichtige.

Jeden­falls ist Mut nichts, was in eine Redak­ti­on gehört. (Aus­ser, manch­mal, bei inter­nen Debat­ten.) Spa­ren Sie sich ihn für den Ort auf, wo Sie ihn wirk­lich brau­chen: in der Lie­be, in der Freund­schaft, vor dem Rasier- oder Schmink­spie­gel. Denn dort müs­sen Sie sich frü­her oder spä­ter Ihrer Furcht stel­len. Und kön­nen ihr nicht mit dem auto­ma­ti­sier­ten Fluch ant­wor­ten: Zum Teu­fel damit.

Aber in der Redak­ti­on kön­nen Sie das. Und das macht das Berufs­le­ben gele­gent­lich so erholsam.

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