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Musik­tipp: Ric­car­do Zandonai

Von Dani­el Lien­hard – Aus­ser­mu­si­ka­li­sches in Musik umzu­set­zen hat die Kom­po­nis­ten seit jeher gereizt, sei­en es Sagen aus der grie­chi­schen oder römi­schen Mytho­lo­gie, Natur­e­in­drü­cke oder Wer­ke der bil­den­den Kunst. Nicht weni­ge Kom­po­nis­ten haben sich von Gemäl­den zu musi­ka­li­schen Schöp­fun­gen für Orches­ter inspi­rie­ren las­sen. Aber nur weni­ge die­ser Stü­cke haben einen dau­er­haf­ten Platz im Reper­toire gefun­den. Am häu­figs­ten wer­den wohl Max Regers «4 Ton­dich­tun­gen nach Arnold Böck­lin» von 1913 auf­ge­führt, die auch das Ber­ner Sym­pho­nie­or­ches­ter etwa alle zehn bis fünf­zehn Jah­re auf das Pro­gramm setzt. In Bern stos­sen natür­lich auch Ver­to­nun­gen von Wer­ken Paul Klees auf ein erhöh­tes Inter­es­se. So hat das BSO 2005 unter der Lei­tung von Muhai Tang Gun­ther Schul­lers effekt­vol­le «7 Stu­dies on The­mes of Paul Klee» von 1959 aufgeführt.

Ich möch­te hier eine CD mit zwei unbe­kann­ten Wer­ken von Ric­car­do Zan­do­nai emp­feh­len, von denen das eine nach vier Gemäl­den von Gio­van­ni Segan­ti­ni (1858–1899) kom­po­niert ist. Segan­ti­ni gehört ja, obwohl im ita­lie­ni­schen Tren­ti­no gebo­ren, zu den berühm­tes­ten Malern, die in der Schweiz gewirkt haben. In der Gegend von St. Moritz hat er sei­ne zwei­te Hei­mat gefun­den. Sei­ne Dar­stel­lun­gen der Enga­di­ner Land­schaft mit den schnee­be­deck­ten Berg­gip­feln, oft als Hin­ter­grund für sym­bo­lis­ti­sche Dar­stel­lun­gen von Wer­den und Ver­ge­hen, gehö­ren zu den Meis­ter­wer­ken der Fin-de-siè­cle-Male­rei über­haupt. Sei­ne äus­serst raf­fi­nier­te Mal­tech­nik, die durch das Neben­ein­an­der feins­ter Farb­schat­tie­run­gen eine unwahr­schein­li­che Plas­ti­zi­tät erzeugt, ist in ihrer Art unübertroffen.

Der ita­lie­ni­sche Kom­po­nist Ric­car­do Zan­do­nai (1883–1944), wie Segan­ti­ni aus der Nähe des Gar­da­sees stam­mend, ist einer der gros­sen ita­lie­ni­schen Opern­kom­po­nis­ten des 20. Jahr­hun­derts, obwohl eigent­lich nur sei­ne «Fran­ce­s­ca da Rimi­ni» im Reper­toire der Opern­häu­ser geblie­ben ist. Erst letz­tes Jahr konn­te man sich im Opern­haus Zürich in einer von Nel­lo San­ti gelei­te­ten Auf­füh­rung (die von einer über­la­de­nen Regie arg beein­träch­tigt wur­de) wie­der von der über­wäl­ti­gend schö­nen Musik Zan­do­nais beein­dru­cken las­sen. Der Ver­le­ger Giu­lio Ricor­di hoff­te ja einst, mit Zan­do­nais Opern an die Erfol­ge Puc­ci­nis anknüp­fen zu können.

Die knapp halb­stün­di­ge Kom­po­si­ti­on «Qua­dri di Segan­ti­ni» ent­stand 1931 und basiert auf den vier Bil­dern «L’Aratura» (Das Pflü­gen), «Idil­lio» (Idyll), «Ritor­no al pae­se natio» (Rück­kehr ins Hei­mat­dorf) und «Merig­gio» (Mit­tag). Es ist eine Hom­mage an die Berg­welt, teils hei­ter, teils besinn­lich, auch tra­gisch in der Schil­de­rung, wie der Sarg mit dem in der Frem­de ver­stor­be­nen Sohn nach Hau­se gebracht wird.

Zan­do­nai ver­wen­det ein sehr gros­ses Orches­ter, das sti­lis­tisch an die sym­pho­ni­schen Dich­tun­gen Res­pighis erin­nert. Die Klän­ge, die die­ses Orches­ter pro­du­zie­ren kann, rei­chen von trans­pa­ren­ter Kam­mer­mu­sik bis zum bom­bas­ti­schen Rie­sen­tut­ti, in das auch die Far­ben der Celes­ta, des Kla­viers, zwei­er Har­fen und einer Wind­ma­schi­ne inte­griert sind.

Eine Ent­de­ckung ist auch das zwei­te Werk der CD, Zan­do­nais heu­te sel­ten gespiel­tes, sehr schö­nes «Con­cer­to roman­ti­co» für Vio­li­ne und Orches­ter von 1919, das eine ech­te Reper­toire­be­rei­che­rung sein könnte.

Bei­de Wer­ke wer­den vom Haydn-Orches­ter von Bozen und Tri­ent (des­sen künst­le­ri­scher Direk­tor nie­mand ande­res als der frü­he­re Ber­ner Chef­di­ri­gent Gus­tav Kuhn ist) unter der Lei­tung von Mau­ri­zio Dini Ciac­ci, bezie­hungs­wei­se Giu­sep­pe Gra­zio­li, aus­ge­zeich­net inter­pre­tiert. Der Gei­ger Ste­fa­no Zan­chet­ta setzt sich mit gros­sem Kön­nen und schö­nem Klang für das Vio­lin­kon­zert ein.

1995 wur­de im Ber­ner Stadt­thea­ter Zan­do­nais Oper «I cava­lie­ri di Eke­bù» nach dem Roman «Gös­ta Ber­ling» von Sel­ma Lager­löf auf­ge­führt. Für mich ist es eine der schöns­ten Opern, die ich in den drei­und­zwan­zig Jah­ren, in denen ich Mit­glied des BSO bin, gespielt habe. Ich freue mich des­halb aus­ser­or­dent­lich, dass ich im Rah­men der BSO-Mati­neen am 7. Juni 2009 Zan­do­nais Sex­tett «Fra i mon­ti» für Blä­ser­quin­tett und Kla­vier auf­füh­ren kann, das der Kom­po­nist 1902 als Schü­ler von Mas­ca­gni kom­po­niert hat und das viel­leicht noch nie gespielt wur­de. Eine Kopie des Manu­skripts habe ich durch Ver­mitt­lung der städ­ti­schen Biblio­thek von Rover­eto aus dem Pri­vat­be­sitz von Tar­qui­nia Zan­do­nai erhalten.

Ric­car­do Zan­do­nai: «Con­cer­to roman­ti­co» für Vio­li­ne und Orches­ter; «Qua­dri di Segantini»
Ste­fa­no Zan­chet­ta, Vio­li­ne; Haydn-Orches­ter von Bozen und Trient
Lei­tung Mau­ri­zio Dini Ciac­ci bezie­hungs­wei­se Giu­sep­pe Grazioli
cpo 777 107–2 (2005)

ensuite, Febru­ar 2009