Bild: Peter Betts, Schriftsteller. 17.03.2015 copyright Alexander Egger www.alexanderegger.ch

Man kann­te viel­leicht die Namen

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Von Peter J. Betts - Man kann­te viel­leicht die Namen der Per­so­nen, deren Stim­men mor­gens, mit­tags, abends und nachts die Nach­rich­ten aus dem Radio in Küchen oder Wohn­stu­ben hin­ein­tru­gen. Hugo Stoll, zum Bei­spiel, Adri­an Grüt­ter, etwa; Frau­en gab es kei­ne. Und wenn nicht, wuss­te man min­des­tens, dass der sprach oder eben der ande­re. Wohl die wenigs­ten kann­ten die Per­so­nen sel­ber oder wuss­ten etwas Per­sön­li­ches von ihnen. Den Nach­rich­ten­spre­chern (nicht nur den bei­den nament­lich erwähn­ten) gelang die Kunst, Inhal­te kei­nes­wegs emo­ti­ons­los, aber neu­tral zu ver­mit­teln und gleich­zei­tig als Per­so­nen real prä­sent zu sein. Eine reiz­vol­le Mög­lich­keit, als Zuga­be gewis­ser­mas­sen: Den Höre­rin­nen und Hörern blieb es über­las­sen, sich vor­zu­stel­len, wie es Hugo Stoll (oder Adri­an Grüt­ter) zumu­te war, wenn er von einem nie­der­ge­schla­ge­nen Auf­stand in einer Dik­ta­tur sprach, von einer Über­schwem­mung in Indi­en, einem Flug­zeug, des­sen Lan­dung über­fäl­lig gewor­den war. Adri­an Grüt­ter (oder Hugo Stoll) sel­ber über­liess es den Höre­rin­nen und Hörern, das Gehör­te beim einen Ohr her­ein und gleich beim ande­ren wie­der hin­aus­zu­las­sen, sich Bil­der im Kopf zu bau­en, eine Spur anders zu sein nach den Nach­rich­ten als vor­her. Nicht sel­ten führ­te das Gehör­te anschlies­send in den Stu­ben oder Küchen zum Gespräch, ent­wi­ckel­te eine Dyna­mik, die ‹pola­ri­sier­te› oder soli­da­ri­sier­te; Freu­de, Scham, Abscheu, Mit­ge­fühl, Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, Hand­lungs­be­reit­schaft usw. erzeug­te. Nicht sel­ten wur­de das auf unter­schied­li­chem Nähr­bo­den Gehör­te bei der Arbeit, in der Frei­zeit, am Wirts­haus­tisch bespro­chen und führ­te gele­gent­lich zum Han­deln. Was sich zwi­schen dem Ver­mit­tel­ten, den prak­tisch unbe­kann­ten (aber durch­aus pro­fi­lier­ten) Ver­mitt­lern, den Höre­rin­nen und Hörern ent­wi­ckel­te, war kei­nes­wegs Rea­li­tät, aber eine ganz beson­de­re Form per­sön­li­cher Wahr­heit und – Ver­bun­den­heit. Und der Sinn für die Rea­li­tät, über die eben gespro­chen, von der eben ein paar inhalt­li­che Aspek­te ver­nom­men wor­den waren, ver­moch­te dar­ob durch­aus leben­dig zu wer­den – in den Vor­stel­lun­gen, in den Her­zen, selbst wenn nicht immer im Gedächt­nis ein Bezug zu sel­ber Erleb­tem her­ge­stellt wer­den konn­te. Aller­dings, schon damals: «No news, good news.» Nur ver­hält­nis­mäs­sig sel­ten wur­den erfreu­li­che Bege­ben­hei­ten ver­mel­det, offen­bar gibt es schon seit eh und je ein grös­se­res Bedürf­nis nach Mel­dun­gen über kon­kre­te Not irgend­wo, nach ungu­ten Neu­ig­kei­ten als nach guten. Ander­seits, die Nach­rich­ten­sen­dung abschal­ten, schafft noch kei­ne hei­le­re Welt – weder damals noch heu­te und kei­nes­wegs nur am Radio auch wenn, eben­falls seit eh und je, Weg­hö­ren bei kon­kre­ter Not in der Rea­li­tät domi­nan­tes Ver­hal­tens­mus­ter ist. Aber der Stil am Radio hat sich seit Hugo Stolls oder Adri­an Grüt­ters Zeit dras­tisch geän­dert. Da schallt es nun etwa markt­schreie­risch: «Heu­te mor­gen!» Mit Vero­ni­ka Mei­er!» Schon das ‹Heu­te mor­gen!› soll­te wohl Vita­li­tät sug­ge­rie­ren, für Auf­merk­sam­keit wer­ben; es klingt aber ledig­lich aggres­siv, und die über­trie­be­ne Beto­nung der zwei­ten Sil­be des Vor­na­mens, als ob ein beson­de­rer Lecker­bis­sen ange­prie­sen wür­de, macht die Cho­se weder bes­ser noch inter­es­san­ter. Inhalt­li­che Abwer­tung durch for­ma­len Auf­wand? Und dann, bei­spiels­wei­se Frau Mei­ers: «Guten Mor­gen!» – das zwei­te Wort klar betont, aber nicht wie etwa im Ber­li­ni­schen mit einem unge­zwun­ge­nen offe­nen, fröh­li­chen «O» und weg­ge­grunz­tem ers­ten Wort, son­dern bewusst demons­tra­tiv-pro­vo­ka­tiv und im Sub­text mit unüber­hör­bar kla­rem Vor­wurf (Dass man es viel­leicht gewagt hat, bis vor kur­zem zu schla­fen? Dass man so viel Zeit hat, vor dem Radio zu sit­zen? Dass es einen über­haupt gibt?). Dann wei­ter, die «Head­lines» im Stil des Bil­li­gen Jakobs: «Kei­ne Aus­sicht für ver­schüt­te­te Gru­ben­ar­bei­ter!» «Kei­ne Hoff­nung auf EU-Bei­tritt!» «Kei­ne Gewinn­stei­ge­rung bei Gross­ban­ken!» «Kei­ne Mil­de gegen mut­mass­li­chen Mör­der!» «Kei­ne Auf­stiegs­chan­ce der Natio­nal­mann­schaft!» oder «Men­schen­rechts­de­mons­tra­ti­on durch Mili­tär­ein­satz nie­der­ge­walzt!» «Herz­trans­plan­ta­ti­on miss­glückt!» «Gei­seln von Befrei­ern erschos­sen!» Das Strick­mus­ter ist (all­zu?) trans­pa­rent. Es folgt der Kurz­be­richt – etwas zurecht­wei­send, mit der Forsch­heit einer Mus­ter­schü­le­rin ver­ab­reicht bei saf­ti­ge­ren Ereig­nis­sen mit ein­ge­blen­de­ten Kor­re­spon­den­tIn­nen­o­der Exper­tIn­nen­be­rich­ten, die­se meist glück­li­cher­wei­se nicht geküns­telt und durch­aus per­sön­lich gehal­ten, und am Schluss, wie frü­her das «Amen» in der Kir­che, Dol­lar­kurs und Nike-Index. Das Gan­ze «durch­ge­stal­tet» und völ­lig unper­sön­lich, trotz poli­tisch kor­rek­ter Namens­nen­nun­gen. Kaum mehr irgend­et­was, das ans Herz gehen könn­te. Will man so die – Attrak­ti­vi­tät des Fern­se­hens kon­kur­ren­zie­ren? Ein for­mal authen­ti­sches Pro­dukt anbie­ten, des­sen Iden­ti­tät unab­hän­gig von Inhal­ten ist? Wer möch­te denn noch wis­sen, wie Vero­ni­ka Mei­er oder der Lehr­meis­ter Cas­per Selg aus­se­hen, geschwei­ge denn, was die­se beim Spre­chen den­ken oder emp nden? Sie funk­tio­nie­ren gemäss Dreh­buch. Ihnen braucht kei­ne Kunst zu gelin­gen. Und was sie sagen, so per­fekt es auch klin­gen mag, bleibt trotz auf­ge­bausch­ter Prä­sen­ta­ti­on belang­los. Nein, nein: Das Radio hat noch immer sehr viel zu bie­ten. Noch wer­den Pro­ble­me und die Aus­ein­an­der­set­zung damit dar­ge­stellt, so dass Hören­de auf hei­te­re und auch invol­vier­te Wei­se sel­ber am gan­zen Gewe­be wei­ter­spin­nen kön­nen, und es nicht sel­ten auch tun. Man den­ke etwa an die engel­haft sanf­ten und zar­ten, unend­lich lie­bens­wür­dig harm­lo­sen Stim­men von Cor­ne­lia Kazis oder Ange­li­ka Schett, wenn sie mit der den bei­den Damen ganz per­sön­lich eige­nen Mischung köst­lich trä­fer Bos­haf­tig­keit, Sach­lich­keit, Nähe, ana­ly­ti­schem Denk­ver­mö­gen, Hei­ter­keit, Anteil­nah­me, beacht­li­chem Ver­ste­hen­kön­nen und ‑wol­len gewürzt, im schein­bar? anschei­nend? zwangs­lo­sen Gespräch Inhal­te ver­mit­teln, Denk­ap­pa­ra­te in Bewe­gung set­zen – und Her­zen mobi­li­sie­ren. Hier kann man beim Hören leicht mensch­li­cher wer­den. Ganz hohe Schu­le, ein Pro­dukt(?), das nir­gend­wo sys­te­ma­tisch ein­ge­schult und strom­li­ni­en­för­mig geglät­tet wor­den ist. Per­sön­lich­keit. Kunst. Etwas, das sei­ner­zeit sehr unter­schwel­lig bei den Dar­bie­tun­gen der Nach­rich­ten­spre­cher (durch­aus mit Unzu­läng­lich­kei­ten) mit­ge­schwun­gen und ohne zum Aus­druck gebracht wor­den zu sein, gera­de dadurch prä­sent blieb. In der Bericht­erstat­tung abseits der eigent­li­chen ‹Nach­rich­ten› hat sich über vie­le Jah­re Qua­li­tät erhal­ten, auch heu­te. Stel­len Sie sich pars pro toto einen Wür­fel vor, auf des­sen sechs Flä­chen immer ein ande­rer Name steht, quer durch die Jahr­zehn­te hin­durch, sechs Per­sön­lich­kei­ten, gleich­wer­tig aber kei­nes­wegs gleich­ge­schal­tet. Ich rei­he sie alpha­be­tisch auf: Susan­ne Brun­ner, Hei­ner Gaut­schy, Wer­ner van Gent, Theo­dor Hal­ler, Isa­bel­le Jaco­bi, Rolf Pel­le­g­ri­ni. Eine die­ser Per­so­nen hat 1963 über J. F. Ken­ne­dys Ermor­dung berich­tet, eine ande­re hat das Phä­no­men Ber­lus­co­ni und sei­ne brei­te Akzep­tanz anschau­lich ver­ständ­lich gemacht, und so wei­ter. Bei einem Wür­fel sind die Sei­ten kei­nes­wegs aus­wech­sel­bar – nur von ihrer Funk­ti­on her eben gleich­be­deu­tend. Die sechs hier Genann­ten und vie­le ande­re ihrer Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen brin­gen tat­säch­lich die Welt in Wohn­stu­ben und Küchen und Autos hin­ein: weil es ihnen gelingt, dass in den Köp­fen der Hören­den Wel­ten gebaut wer­den wol­len. War­um denn aus­ge­rech­net bei den eigent­li­chen Nach­rich­ten die unsäg­li­che Uni­for­mi­tät, die bil­li­ge Pose, die Pseu­doo­ri­gi­na­li­tät die kaum mehr als Lee­re hin­ter­lässt und als Emo­ti­on bei den Hören­den höchs­tens Ärger. Nun, wäh­rend der Nie­der­schrift die­ses Tex­tes habe ich ver­nom­men, dass es ab 4. Novem­ber DRS4 gibt – Nach­rich­ten rund um die Uhr: Ich wün­sche uns Glück.

Foto: © Alex­an­der Egger
ensuite, Novem­ber 2007



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