Locar­no zum Letz­ten – Abschluss­be­richt vom 67. Inter­na­tio­na­len Filmfestival

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By Andy Eglin

Die Luft ist raus, der som­mer­li­che Hype zu Ende. Der Dro­ge Film folgt der Kater. Die Nähe zum Fer­nen weicht wie­der der Fer­ne zum Nahen. Der klei­ne All­tag hat die Piaz­za Gran­de wie­der. Wer jetzt nicht den Zug besteigt, bei dem macht sich Gra­bes­stim­mung breit. Die Süd­pro­vinz fällt wie­der in ihren Dorn­rös­chen­schlaf der Gerech­ten, jener Lokal­po­li­ti­ker, die päpst­li­cher als der jet­zi­ge Papst Roman Pol­an­ski die Tür wiesen. 

Die Rede zum Begräb­nis der Hoch­kul­tur über­las­sen wir nicht Fes­ti­val­di­rek­tor Car­lo Cha­tri­an, von dem man nie weiss, wenn er auf die Büh­ne stakt, ist er ein Tanz­bär mit auf­zieh­ba­rem Feder­werk, spricht er aus­wen­dig Gelern­tes: «Buo­na sera Piaz­za! Buo­na sera amici del cine­ma: Cine­ma è semp­re emo­zio­ne!» – oder ziert sei­nen jugend­li­chen Locken­kopf genia­li­sche Beschei­den­heit. Er weilt auch schon in Vene­dig. Wir aber wol­len am Grab das 67. Inter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals von Locar­no noch ein­mal eini­ge Hochs und Tiefs Revue pas­sie­ren las­sen des schon Abge­flagg­ten, dass es etwas län­ger lebe als nur zwei ver­gan­ge­ne Wochen: 

«Fils de» (Pierre Gust­ave Her­vé, Frank­reich 2014) – Sec­tion Signs of Life

Sie nen­nen sich vom San Fer­nan­do Val­ley bei Las Vegas bis in die Pari­ser Rue du Châ­teau d’Eau «Acteur» oder «Actri­ce». Denn ihre Schau­spiel­kunst gilt dem «Akt». Sie spie­len dabei auch Thea­ter, agie­ren in einem zwei­ten und drit­ten Akt, denn sie kön­nen immer und über­all, was kaum der bett­läu­fi­gen Rea­li­tät entspricht. 

Ero­tik war immer ein Grenz­ge­biet der Kunst. Seit man die­se vom Leben trennt. Sie fand auch immer wie­der Abbil­dung im Sakra­len. Im Barock ent­klei­de­ten die Künst­ler den Him­mel voll grie­chi­scher und römi­scher Göt­ter, leg­ten den Figu­ren aus klas­si­schen Sagen da und dort einen knap­pen Schlei­er über das Ver­schäm­te. Es war nichts ande­res als der dama­li­ge Por­no, wor­an sich das Publi­kum in den Salons, ja selbst noch in Kir­chen ergötzte. 

Bis der Maler Gust­ave Cour­bet 1866 mit sei­nem berüch­tig­ten Bild Der Ursprung der Welt zen­sur­los zeig­te, was Lust­ge­fühl und bio­lo­gi­sche Sache ist, woher die Fils de immer kom­men. Doch die Geschich­te die­ses Bil­des illus­triert wei­ter­hin den Zwie­spalt der Gesell­schaft: Ent­stan­den im Auf­trag eines tür­ki­schen Diplo­ma­ten, der auch das Tür­ki­sche Bad von Ingres besass, ein wei­te­rer Klas­si­ker der ero­ti­schen Male­rei, ging Der Ursprung unter einer höl­zer­nen Abde­ckung, zu öff­nen nur mit Schlüs­sel, über aben­teu­er­li­che Sta­tio­nen 1955 an Jac­ques Lacan. 

Obwohl sich der Psy­cho­ana­ly­ti­ker als Auf­klä­rer pro­fi­lier­te, liess er über dem Ursprung eben­so einen ver­schieb­ba­ren Rah­men bau­en, wozu sich Sig­mund Freud wohl im Gra­be dreh­te, der vor­ne eine harm­lo­se Land­schaft zeig­te. Erst 1988 (20 Jah­re nach 1968!) wag­te es das Brook­lyn Muse­um in New York, das Bild L’O­ri­gi­ne du mon­de öffent­lich zu ent­hül­len. Seit 1995 wird es im Pari­ser Musée d’Or­say streng bewacht. Denn im Juni 2014 kam es erneut zum Skan­dal, als sich eine jun­ge Künst­le­rin eben­so nackt mit geöff­ne­ten Bei­nen vor das Motiv ihrer Vul­va setz­te als ein bewuss­ter Akt der Ver­mitt­lung zwi­schen Kunst und Wirk­lich­keit. Obschon sich das Publi­kum soli­da­ri­sier­te, wur­de sie verhaftet.
Wie die Geschich­te der Bil­den­den Kunst zeigt auch jene des Films immer wie­der den mensch­li­chen Drang und Gang ent­lang gesell­schaft­li­cher Tabus und dar­über hin­aus. Dage­gen ist die stets wie­der auf­fla­ckern­de femi­nis­ti­sche Por-No-Debat­te nichts ande­res als ein wei­te­rer, ethisch ver­hüll­ter Abwehr­re­flex einer eben­so tief ankern­den repres­si­ven Moral, die quer durch alle Reli­gio­nen und Phi­lo­so­phien letzt­lich nur das Patri­ar­chat bedient mit der For­de­rung nach Wie­der­ver­hül­lung des Natür­li­chen – des Ursprungs des Lebens. 

Auch selbst­be­stimm­te Sex­ar­bei­te­rIn­nen und Por­no­dar­stel­le­rIn­nen ste­hen aus-ser­halb die­ser Moral. Dabei brin­gen sie die­se nur in extre­mis auf den Punkt: Der Mensch als Objekt, kaum je Sub­jekt des Kapi­tals. Men­schen­wür­de ret­tet sich so nur in eine bes­se­re «Selbst­wert­schöp­fung», im höhe­ren Preis für die eige­ne Haut, statt sie an einem unter­be­zahl­ten Arbeits­platz ver­kau­fen zu müs­sen. Nicht nur: In der Gegen­kul­tur der ‚amo­ra­li­schen› Com­mu­ni­ty fin­det auch Lebens­lust statt, die wie­der­um einem liber­tä­ren Bür­ger­tum als idea­li­sier­te Pro­jek­ti­ons­flä­che dient für uner­füll­te Wün­sche. Es ist nicht nur deren Sehn­sucht der Haut, son­dern auch nach einer freie­ren Spra­che für die Sexua­li­tät, nach­zu­le­sen in Paul Nizon’s Das Jahr der Lie­be (1981), bei Gabri­el Gar­cía Már­quez oder Jor­ge Ama­do. Ein Gewinn an Selbst­ver­ständ­lich­keit, wel­che das «Milieu» aller­dings in einen neu­en Ker­ker ein­schliesst mit dem Tabu für das Roman­ti­sche. Dabei träu­men wohl die meis­ten Sex­wor­ker und Porno-«SchauspielerInnen» von einer bür­ger­li­chen Exis­tenz, vom Aus- und Einstieg …

Fils de von Pierre Gust­ave Her­vé stellt die­se Fra­ge nach der ‚Ent­fle­ckung› von ‚Schuld›: Was mei­nen die Kin­der Eno­ra et Léni des Film­re­gis­seurs, Por­no­pro­du­zen­ten und immer noch ‑dar­stel­lers ‚HPG› dazu, dass ihr Papi für ihr Wohl mit sei­nem robus­ten Ding «schau­spie­lert»? – Kann er zurück in ihre ‚Unschuld›? Vor dem Lich­ter­lö­schen Kin­der­bü­cher vor­le­sen? Und wie gestal­tet sich das rea­le Lie­bes­le­ben, wenn der Ehe­mann von Gwen­aël­le Baïd, sie sind seit 7 Jah­ren ver­hei­ra­tet, bereits mit über 600 Part­ne­rin­nen immer noch beruf­lich kopuliert? 

Wäh­rend die ‚Yel­low Press› das Pri­vat­le­ben der Hol­ly­wood Cele­bri­ties mit Heer­scha­ren von Papa­raz­zi aus­leuch­tet, blei­ben die Teil­neh­mer der «Gonzo»-Filmindustrie, obwohl inzwi­schen eben­so ertrags­stark wie die hono­ri­gen Major Stu­di­os, anonym. Nie­mand fragt nach ihrem rea­len Leben. Dabei tra­gen vie­le der Akteu­re einen Ring, haben Kids, sind allein­er­zie­hen­de Müt­ter. Sie bedie­nen eben hand­fes­te­re ero­ti­sche Träu­me im Käm­mer­lein, des­sen Stil­le pri­va­ti­mer ist als der manch­mal gro­tes­ke Lärm in den Kino­sä­len der Hoch­glanz­pro­duk­tio­nen aus der aner­kann­ten Traum­fa­brik. Natur­ge­mäss ist der künst­le­ri­sche Auf­wand und Gehalt einer Por­no­pro­duk­ti­on in den wenigs­ten Fäl­len ver­gleich­bar. Aber dar­um geht es hier nicht. Es geht um die Grenz­über­schrei­tung eines sozia­len Tabus. 

Es gibt in der eta­blier­ten Film­ge­schich­te des Autoren­ki­nos berühm­te Bei­spie­le, womit sich das liber­tä­re Bür­ger­tum nach dem kul­tu­rel­len, west­li­chen Umbruch von 1968 den Prot­ago­nis­ten und Inhal­ten des Milieus annä­her­te. Wor­in die roman­ti­sche oder aben­teu­er­li­che Lie­be nicht mehr nur empha­tisch ange­deu­tet, son­dern phy­sisch voll­zo­gen wur­de. Den Anfang mach­ten impro­vi­sier­te «Trash»-Filme aus dem Pop-Art-Under­ground von The Fac­to­ry des Andy War­hol mit den alter­na­ti­ven Super­stars Viva und Joe Dal­le­san­dro: Blue Movie, Fle­sh (1968), Trash (1970) und Heat (1972) erho­ben das Geschlecht­li­che eben­so wie die Lan­ge­wei­le und War­hol sei­ne seri­el­len Campbell’s Sup­pen­do­sen zum wür­di­gen Abbild des mensch­li­chen All­tags. Nicht des­sen Erhö­hung und Sti­li­sie­rung war das Ziel, son­dern die Wahr­neh­mung des Gewöhn­li­chen als Sen­sa­ti­on. Es war ein Pro­test gegen alles Eta­blier­te, nutz­te aber gleich­zei­tig geris­sen die Mecha­nis­men der Eitel­keit einer kul­tur­be­flis­se­nen Éli­te. Dabei eman­zi­pier­te der schmuck­lo­se Mit­schnitt von Sexua­li­tät die­se von ihrer übli­chen Idea­li­sie­rung, um sie nicht zei­gen zu müs­sen, um sie rosa­rot ver­klärt wei­ter­hin ver­drän­gen zu können.

Es folg­ten 1972 Der letz­te Tan­go von Paris (Ber­nar­do Ber­to­luc­ci, Ita­li­en) mit Mar­lon Bran­do und Maria Schnei­der bei der Ver­wen­dung von But­ter für nicht gezeig­ten Anal­ver­kehr, 1974 Les Val­seu­ses (Bert­rand Blier, Frank­reich) mit Isa­bell Hup­pert, Miou Miou und Gérard Depar­dieu, wobei ein Kind ent­stan­den sein soll. 1976 dreh­te Nagi­sa Oshi­ma L’Em­pire des sens (Japan/Frankreich), wor­in sich ein Glied regt, was das Meis­ter­werk auf den Index brach­te. 1986 zeig­te der ita­lie­ni­sche Film­po­et Mar­co Bel­loc­chio in Il Dia­vo­lo nel cor­po einen ech­ten ‚Blow Job› (Kri­ti­ken umschrie­ben die­sen bil­dungs­bür­ger­lich als ‚Fel­la­tio›) einer enthu­si­as­tisch natür­li­chen Marusch­ka Det­mers, die danach 6 Jah­re kei­ne Rol­le mehr bekam. Und Bel­loc­chio wur­de damals als Anwär­ter auf die ‚Pal­me d’Or› vom Film­fes­ti­val in Can­nes aus­ge­la­den, weil er sich wei­ger­te, die­se Sze­ne weg­zu­schnei­den. 1986 ver­such­te Cathe­ri­ne Breil­lat in Romance (France) die klas­si­sche Tren­nung des Autoren­films zum Schmud­del­ki­no zu durch­bre­chen mit dem Por­no­star Roc­co Siffre­di, der auf dem Set wider Erwar­ten wegen der Kluft zur intel­lek­tu­ell über­le­ge­nen Regis­seu­rin erst ‚ver­sag­te›. Der Thea­ter­re­gis­seur Patrick Che­reau dop­pel­te nach mit Inti­ma­cy (Frank­reich, 2001), wor­in sich ein Lie­bes­paar zum anony­men Stell­dich­ein trifft, bis die­se ‚Insel› ero­ti­scher Selig­keit von ihrer All­tags­iden­ti­tät ein­ge­holt wird. 

All die­sen Bei­spie­len aus der ‚Skan­dal­ge­schich­te› des Films ist gemein­sam, dass sich aner­kann­te Film­schaf­fen­de und Künst­ler in eine Tabu­zo­ne vor­wa­gen, wie Salon­lö­wen sich den Damen auf der Stras­se nähern. Sie schnup­pern am gesell-schaft­lich Ver­ruch­ten, dem sie eine grös­se­re Frei­heit andich­ten. Kaum je gelang es jedoch den Damen und Her­ren von der Stras­se, hier ver­gleichs­wei­se den Stars des Por­no­films, in die eta­blier­te Kunst aufzusteigen. 

Das Inter­net macht aber auch dies mög­li­cher. Mit der rasan­ten Ver­brei­tung von Por­no­fil­men in die Schlaf­zim­mer hat die Por­no­gra­fie einen nie dage­we­se­nen Kon­sum erreicht, was aller­dings noch nicht iden­tisch ist mit ihrer Akzep­tanz: Den­noch erga­ben Umfra­gen in Frank­reich eine Ver­brei­tung bei bis 30jährigen bei­der Geschlechts von gegen 50%. 2014 titel­te DER SPIEGEL sein April­heft (15) mit «Jugend forscht» – auf dem Cover ein jun­ger Mann wie­der­um vor dem Ursprung der Welt, nun auf dem Flach­bild­schirm: «Jugend­li­che bezie­hen heu­te ihre sexu­el­le Bil­dung aus dem Inter­net. Ist das gut so? – Droht dem Abend­land Gefahr? Muss die Por­no­ge­sell­schaft auf die Couch? – Sexu­al­for­scher plä­die­ren für einen ent­spann­te­ren Umgang mit der Flut der Nacktfilme.»

‚Por­no­schick› heisst das Phä­no­men des sozia­len Auf­stiegs einer Bran­che aus den Sub­urbs von L. A. Das eta­blier­te Hol­ly­wood öff­net sei­ne Türen: Regis­seur Ste­ven Soder­bergh (u.a Sex, Lies, and Video­tape 1989, Erin Brock­ovich 2000, Ocean’s Ele­ven 2001, Che 2008) dreh­te mit Sasha Grey, ‚Per­for­mer oft he Year 2008› für kru­de, aber selbst­be­stimm­te ‚Gang­bangs›, 2009 The Girl­fri­end Expe­ri­ence. Grey ver­folgt inzwi­schen eine zwei­te Kar­rie­re zwi­schen Art Gal­lery, Rock Music und dem ‚Ame­ri­can Inde­pen­dent Film›, wird am Sun­dance Fes­ti­val auf dem roten Tep­pich begrüsst und gibt Exklu­siv­in­ter­views in Hoch­glanz­ma­ga­zi­nen. Sie ist bei wei­tem nicht die ein­zi­ge. In Deutsch­land hol­te die tür­kisch­stäm­mi­ge Sibel Keki­li mit der Haupt­rol­le in Gegen die Wand (Fatih Akın, 2004), ihrem ers­ten Dreh aus­ser­halb des Por­no, gleich einen ‚Bam­bi›. Wofür ande­re Schau­spie­le­rin­nen ein Jahr­zehnt anste­hen. Heu­te spielt sie zur Prime Time auf ARD im Tat­ort eine Kom­mis­sa­rin. Inner­halb einer Woh­nung ist das ein kur­zer Weg, in der Medi­en­welt eine Inter­kon­ti­nen­tal­rei­se, was beweist, die Abwehr­front aus bigot­ter oder fun­da­men­ta­lis­ti­scher Moral löst sich auf. Ali­ce Schwar­zer und die Kir­che wer­den klein bei­geben, weil ihnen das Fuss­volk in die Nor­ma­li­tät von Por­no enteilt. 

Fils de, die Kin­der von HPG, wer­den sich mit dem kom­mer­zi­el­len ‚Glied­werk› ihres Vaters arran­gie­ren, womit er sei­nen anspruchs­vol­len Autoren­film quer­fi­nan­ziert mit dem The­ma sei­nes Aus­stiegs aus dem Por­no und Ein­stiegs in eine zwei­te ‚Nou­vel­le Vague› in Frank­reich. Mit einer beweg­li­chen Kame­ra und einem authen­ti­schen Blick in den urba­nen All­tag zwi­schen Küche, Bett und Arbeit, dem Leben auf den Leib geschaut. Mit einer edlen Ton­spur zum Blues der Exis­tenz. Den­noch bleibt die Fra­ge offen: Spal­tet sich die See­le vom Kör­per, wird sie durch Por­no stumpf? – Ver­ätzt seri­el­le, anony­me ‚Lust› ganz­heit­li­che Lie­bes­fä­hig­keit? – Nach etli­chem Streit schie­ben die Eltern Hervé/Baïd ihren Kin­der­wa­gen aus dem Film, fas­sen sich wie­der bei der Hand: «Wir blei­ben zusammen.» 

«Elec­tro­boy» (Mar­cel Gis­ler, Schweiz 2014) – Semaine de la Critique 

Was zeich­net Hoch­stap­ler aus? – Sie täu­schen nicht nur Opfer, sie par­odie­ren auch das Sys­tem! – Denn geschrie­be­ne Geset­ze funk­tio­nie­ren nur dank den unge­schrie­be­nen! Die­se machen den sozia­len Kitt aus, das ‚Com­me il faut›. Wer sich an die unge­schrie­be­nen hält, kommt mit den geschrie­be­nen kaum je in Kon­flikt. ‚Erfolg› defi­niert sich meist durch den Pfad der Tugend ent­lang dem Wer­te­ka­non. Der gän­gi­ge Intel­li­genz­be­griff ori­en­tiert sich am Erfolg. Das ergibt einen Kreis­lauf des Gehor­sams, was die Intel­li­genz begrenzt. Viel­leicht müss­te man sie am Bei­spiel der Hoch­stap­ler neu defi­nie­ren: Nicht nur als Fähig­keit zur Ana­ly­se des Gege­be­nen, zur agi­len Oppor­tu­ni­tät, son­dern auch zu Miss­brauch und Par­odie. So gesche­hen schon im Fall des Haupt­mann von Köpe­nick, Schuh­ma­cher Voigt, der sich 1906 als Offi­zier aus­gab, am hell­lich­ten Tag die Stadt­kas­se plünderte. 

Heu­te wiegt Ruhm viel mehr als Geld, das in der Schweiz genug vor­han­den ist. Ruhm ist die Wäh­rung des Medi­en­zeit­al­ters. Also träum­te Flo­ri­an Bur­ck­hardt, gebo­ren 1974 in Basel, nach Abitur und Pri­mar­leh­rer­di­plom von ‚Hol­ly­wood›, wäh­rend er auf dem Snow­board hohe ‚Flips› stand und ‚Lines› zog. 1993 war das Pio­nier­zeit­al­ter der ‚Rider›, die auch eine neue Ästhe­tik begrün­de­ten, einen Life Style in ‚Sack›-Kleidung mit hip­pem Lay­out in Sze­ne­ma­ga­zi­nen. Wor­in die Buch-sta­ben der Titel genau­so über Dop­pel­sei­ten spran­gen wie sich wag­hal­si­ge Snow­boar­der in die Tie­fe stür­zen. Als Grün­der von Inde­pen­dent und Free­lan­cer bei Board Gene­ra­ti­on mit der höchs­ten deut­schen Auf­la­ge, im Rücken­wind eines neu­en Wer­be­markts, brach­te er sein Selbst­be­wusst­sein in die Start­lö­cher. Es brauch­te nur noch einen hüb­schen Anzug, Bril­lan­ti­ne im Haar, einen zudie­nen­den Kum­pel, und los ging der neue ‚Rodol­fo Valen­ti­no› aus der klei­nen Schweiz in die Schwu­len­sze­ne von L. A. Mit einem One-Way-Ticket, wird schon. Hin­ein in den Mol­loch, der Mil­lio­nen Träu­me ver­schlingt und wie­der aus­spuckt. Er erfand sich eine Cur­ri­cu­lum, das nie­mand in Zwei­fel zog, noch über­prüf­te, da in USA die Schweiz zum Ver­wech­seln fern ist mit Schwe­den. Er gab sich im Rausch sei­nes Spie­gel­bilds als Star aus und wur­de auch einer. Nicht im Film­ge­schäft, aber auf dem Lauf­steg für Dol­ce & Gab­ba­na, Pra­da und Guc­ci, von L. A. nach Mai­land, Lon­don und Tokio: Swiss ‚Won­der­boy› und Dori­an Gray. Atem­be­rau­bend auf der hohen Lei­ter, bis zum Sturz, der immer kommt. Frü­her oder spä­ter. Bei ihm spä­ter. Er umschifft die­sen mit plötz­li­chen Kehrt­wen­dun­gen, lässt Ver­eh­rer, nicht Ver­eh­re­rin­nen, mit Trä­nen in der Lee­re ste­hen, wäh­rend er die sei­ne mit neu­en Höhen­flü­gen aus­he­belt, als gäbe es kein Gesetz der Schwer­kraft: Wie­der in Zürich und in Ber­lin orga­ni­siert er rie­si­ge Par­ties, klotzt 5 CDs mit Elek­tro­pop, defi­niert sel­ber, was wer, wenn nicht er ansagt, und Tau­sen­de hip­pen mit – er wird «Elec­tro­boy», bran­det sich selbst als Label. Zieht naht­los bei R.O.S.A.S. ein, der Pio­nier- und Top-Wer­be­agen­tur für cross­me­dia­le visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on, tüf­telt auf dem ver­gol­de­ten Stuhl an bun­ten Film­chen für die Web­sei­ten grau­er Mäu­se, sprich Mar­ke­ting­lei­ter nam­haf­ter Kon­zer­ne, die auf der neu­es­ten ‚Wave› der Jugend mit­sur­fen wol­len zu bes­se­ren bör­sen­ko­tier­ten Bilan­zen. Aber jede rol­len­de Wel­le hat ein Ende, ufert lei­se aus, ver­si­ckert im Kies…

Als wäre nichts gewe­sen. Und doch war da vie­les: Fotos, Inter­views, Erstau­nen und gebro­che­ne Her­zen. Und immer wie­der die knap­pen, beis­send intel­li­gen­ten Ein­sich­ten eines genia­len Hoch­stap­lers, war­um alles so kam, wie es unmög­lich schien. Heu­te ist Flo­ri­an Bur­ck­hardt nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst, wenn er sich je war, oder nur ein Spie­ler jetzt ohne Kar­ten, lebt er iso­liert, licht­scheu und mul­ti­pa­ra­no­id mit sei­nem Hund in einer mitt­le­ren deut­schen Stadt – im Grauen. 

Der Doku­men­tar­film Elec­tro­boy hät­te den Preis der ‚Semaine de la Cri­tique› mehr als ver­dient – und ging doch leer aus. Nicht nur, weil ein Hoch­stap­ler, der zumin­dest zeit­wei­lig reüs­siert, den Ver­hält­nis­sen gna­den­los den Spie­gel vor­hält, son­dern auch, weil in die­sem ‚Cine­ma véri­té› ein Stück rea­le The­ra­pie stattfindet: 

Wir wer­den Zeu­ge des Tref­fens einer Fami­lie, zer­rüt­tet seit dem frü­hen Unfall-tod des Bru­ders, am Steu­er der Vater mit über­setz­ter Geschwin­dig­keit – als An-fang vom Ende. Und sehen real life zu, wie aus dem ver­meint­li­chen Ende wie­der ein Anfang wird. Das ist viel authen­ti­scher als das bereits bespro­che­ne Por­trät Cure (Sabi­ne Gisi­ger) über Ver­diens­te eines eta­blier­ten The­ra­peu­ten in USA. 

«Frè­re et Sœur» (Dani­el Toua­ti, France 2014) – Cine­as­ti del presente

«Fil­me über Kin­der sind kin­der­leicht, Du brauchst nur eine Kame­ra hin­zu­stel­len,» schnarrt der Sozio­lo­gie­pro­fes­sor aus Mai­land etwas ver­ächt­lich. Indes ande­re, den Schrei­ben­den inbe­grif­fen, ver­zückt aus dem Dun­keln in den Regen tre­ten. Aus einem wun­der­ba­ren Uni­ver­sum von Spiel und Ernst der Geschwis­ter Marie (8) und Cyril (6), die sich völ­lig frei vor der Kame­ra bewe­gen. Was allein schon eine Meis­ter­leis­tung ist. Zu die­sen bei­den Selbst­dar­stel­lern und Lai­en ein sol­ches Ver­trau­en auf­zu­bau­en, ihnen so nah auf die Gesich­ter zu rücken, sie so gedul­dig wäh­rend zwei Jah­ren zu beob­ach­ten – wie sie sich die Welt aneig­nen. Wir sind live dabei, wie Gedan­ken in Spra­che sprin­gen, lesen die Mimik ihres ers­ten auto­no­men Den­kens. Dabei ist die­se Welt der Kin­der nicht viel anders als die Erwach­se­ner. Wir erken­nen uns wie­der. Die gan­ze Kla­via­tur der Gefüh­le der Spe­zi­es Mensch ist schon da, nur weni­ger gefil­tert, wird laut und lei­se, krea­tiv und destruk­tiv – sucht aus Zorn über Krän­kung nach einer Lösung. Genau­so ist es, wenn wir imi­tie­ren, beleh­ren und posie­ren. Und auch Kin­der­hu­mor ist, wenn die­se trotz­dem lachen. 

Wir sind als ein­zi­ge Erwach­se­ne zuge­gen – im Zuschau­er­raum. Auf der Lein­wand blei­ben die raren Stim­men der Eltern strik­te im Off. Das ist der Kunst­griff die­ses erstaun­li­chen Kin­der­por­träts. Das macht die Büh­ne frei für ein Welt­thea­ter im Klei­nen von atem­be­rau­ben­der Prä­senz. Kei­ne Sekun­de ist ver­tan. Wir lau­schen jedem Ton und Wort, neh­men teil an der genui­nen Hin­ga­be. Wie der Zau­ber von Musik und Tanz ent­steht, die­se in bereits gros­se Per­sön­lich­kei­ten über­ge­hen. – Den­noch bre­chen sich an die­sem Meis­ter­werk eines Doku­men­ta­ris­ten unse­re Geis­ter, wie auch der klei­ne Bru­der und sei­ne grös­se­re Schwes­ter sel­ten einer Mei­nung sind. Was beweist, das Kino ist trotz TV und Web auf dem iPad noch längst nicht tot. Solan­ge es Freun­de zum Dis­kurs her­aus­for­dert. Kinderleicht.

Gren­zen ‚mit­ten durchs Herz›

Für vie­le bedeu­tet ‚Frei­heit› kaum mehr als eine Ziga­ret­te rau­chen oder ‚freie Fahrt für mein schnel­les Auto›. Des­halb den­ken Mehr­hei­ten über Min­der­hei­ten, die nach mehr ‚Frei­heit› ver­lan­gen: «Was bil­den die sich ein!» – 

Gram­ma­ti­ka­lisch ist das eine Fra­ge, also müss­te man den Satz mit einem Fra­ge-zei­chen ver­se­hen. Aber sol­ches Den­ken ist kein Fra­gen. Wer kaum je ‚Frei­heit› bean­sprucht, noch ver­misst, will auch nichts von ihr wis­sen. Der Satz wirkt sich folg­lich als Ankla­ge aus gegen alles Frem­de – er ist ein Abwehr­re­flex all jener, die sich als Tugend­wäch­ter in ihrem Gefäng­nis zu des­sen Tür­ste­her machen. Gar noch miss­bräuch­lich mit dem Schlag­wort der ‚Frei­heit›. Damit outen sich alle Popu­lis­ten – auch in der Schweiz. Bis auch die­se Tür­ste­her mal an eine Gren­ze kom­men, wo ihnen der Durch­gang ver­wehrt wird. Dann erst fängt mensch­li­ches Bewusst­sein an – mit der Fra­ge nach der ‚Frei­heit›: Wenn man Fra­gen stellt, statt die­se mit vor­fa­bri­zier­ten Ant­wor­ten zu verhindern. 

Mau­ern sind auch sol­che frag­lo­sen Ant­wor­ten – will­kür­lich errich­tet quer durch die Land­schaf­ten und zwi­schen Volks­grup­pen. Ter­ri­to­ri­en und Ideo­lo­gien sind eben­so star­re Aus­ru­fe- statt Fra­ge­zei­chen. Nur Fra­gen füh­ren zum Frie­den, denn sie bedeu­ten das Men­schen­recht auf Respekt. ‚Offi­zi­el­le› Ant­wor­ten wol­len meist Fra­gen abwie­geln. Fra­ge­kul­tur ist Frie­dens­kul­tur – ihr Gegen­teil ist die Diktatur. 

Als Fran­cis Fuku­ya­ma 1992 in Har­vard sei­ne The­se vom «Ende der Geschich­te» for­mu­lier­te, war das eher gren­zen­los naiv, als in sei­nem Den­ken gren­zen­los frei. Er war als Ame­ri­ka­ner nach dem Ende des Kal­ten Kriegs typi­scher­wei­se noch befan­gen im Block­den­ken. Somit ver­stand er den glück­li­chen Fall der Mau­er 1989 als Heils­ver­spre­chen für eine nun freie Welt. Womit er ‚Geschich­te› als fort­schrei­ten­de Befrei­ung defi­nier­te. «Befreit» zum Kapi­ta­lis­mus höre sie auf. Wir wis­sen es heu­te bes­ser. Auch nach Auf­lö­sung der Sowjet­uni­on und ihrer tota­li­tä­ren Ideo­lo­gie herrscht nach wie vor fast über­all Unfrei­heit und Gewalt. Das macht die ‚Geschich­te› wei­ter not­wen­dig als Sum­me aller ‚Geschich­ten›. Um auch Jean-Luc Godard zu wider­spre­chen, der einen eben­so törich­ten Satz wie Fuku­ya­ma von sich gab: «Man kann im Kino heu­te kei­ne Geschich­ten mehr erzäh­len. Es ist schon alles gesagt.» 

Nein, wir müs­sen die Geschich­ten des ewi­gen Men­schen­traums von der ‚Frei­heit› immer wie­der erzäh­len. In allen Schat­tie­run­gen und wider­sprüch­li­chen Facet­ten. ‚Frei­heit› defi­niert sich meist durch ihre Bedro­hung. Sie ist nebst der ‚Lie­be› des Men­schen kost­bars­tes Gut. Das sind auch die wich­tigs­ten Inhal­te der Film­kunst als Raum für Uto­pie. Auch die ‚Lie­be› ver­bin­det sich mit der Frei­heit oder erstickt an ihrem Gefäng­nis. Bei­de leben von ech­ten Fra­gen und ehr­li­chen Ant­wor­ten. Es gab die­ses Jahr in Locar­no noch eini­ge Fil­me, die sich die­sen Ach­sen der Exis­tenz – «x» für Frei­heit und «y» für Lie­be – bemer­kens­wert stellten:

«Exit» (Chi­enn Hsiang, Taiwan/Hongkong, 2014) – Cine­as­ti del Presente

Am Anfang die­ses eben­so zar­ten wie har­ten fern­öst­li­chen ‚Kam­mer­spiels› wird Ling, eine allein­ste­hen­de Nähe­rin von 45 Jah­ren, ent­las­sen. Immer­hin darf sie eine Näh­ma­schi­ne mit nach­hau­se neh­men, die wie sie nicht mehr gebraucht wird. Damit führt sie Repa­ra­tu­ren aus, näht Ball­kleid­chen für jün­ge­re Frau­en, die Tan­go tan­zen und noch aktiv sind auf dem Hei­rats­markt. Wäh­rend sie selbst, viel zu früh im Kli­mak­te­ri­um, als Frau ‚nicht mehr repro­duk­tiv› ist. Ihr Mann hat sich aus dem Staub zu einer ande­ren gemacht. Ihre Toch­ter drückt alle ihre Anru­fe weg. Der ein­zi­ge Mensch, den sie noch sieht, ist die eige­ne Mut­ter im Spitalbett. 

Bis hier­her also ‚Bon­jour Tris­tesse›, Depres­si­on pur. Wer noch im Kino sit­zen bleibt oder die­se Kri­tik wei­ter liest, muss ein Maso­chist sein. Der liebt mor­bi­des Licht in anony­men Wohn­ka­ser­nen und ste­ri­len Fast­food vom Plas­tik­t­re­sen. Der hat nicht schon Dut­zen­de lamen­ta­ble asia­ti­sche Gross­stadt­dra­men gese­hen als ein­zi­ge Alter­na­ti­ve zu den noch mehr ver­brei­te­ten Met­ze­lei­en von Mafia­gangs auf Motor­rä­dern mit Kung-Fu-Akro­ba­tik. Wofür sich eine hohe Funk­tio­nä­rin der «Asi­an Movie Indus­try» auch noch im Ram­pen­licht der ‚Piaz­za Gran­de› brüstete. 

Doch Exit hält eine uner­war­te­te Über­ra­schung bereit für den, der sit­zen bleibt. Im Spi­tal liegt im Bett gegen­über der Mut­ter hin­ter dem Vor­hang ein Ver­letz­ter, der trotz Mor­phi­um unsäg­lich stöhnt. Er wird kaum betreut, wes­halb sich Ling ver­stoh­len sei­ner annimmt, womit sie mit aller Kon­ven­ti­on bricht. Sie benetzt sei­ne sprö­den Lip­pen, kühlt sei­ne Stirn. Es erwacht eine Lie­bes­ge­schich­te nur zwi­schen zag­haf­ten Hän­den. Sie ken­nen sonst nichts vom andern, wer­den sich nie in die Augen sehen, denn der ver­letz­te jun­ge Mann ist vor­erst blind und dann ent­las­sen. In ihrer gerings­ten Berüh­rung fin­det das tiefs­te Geheim­nis und gröss­te Lei­den­schaft statt. Ein stum­mer «Pas de deux mains» als Tanz vol­ler Schön­heit, mit aller Zärt­lich­keit und Wucht der Lie­be. Was die Tai­wa­ner Schau­spie­le­rin Chen Shiang-chyi hier­bei mimisch fili­gran aus­drückt, wie viel ihr Gesicht wort­los erzählt, ist abso­lu­te Welt­klas­se von Schau­spiel­kunst und erschüt­tert durch eine kaum erwar­te­te Bot­schaft: Denn Exit meint nicht den Tod, son­dern das Leben, die­sen vita­len Aus­bruch aus Schmerz und Ein­sam­keit in die Frei­heit zur Lie­be. Exit war in der Meis­ter­schaft der Reduk­ti­on, im bezau­bern­den Schat­ten­spiel sich fin­den­der Hän­de, wohl kaum je wur­de Ver­ei­ni­gung schon so zart dar­ge­stellt, auch ein stil­les High­light des dies­jäh­ri­gen Fes­ti­vals, das lei­der ohne Preis blieb.

«Bro­ken Land» (Ste­pha­nie Bar­bey, Luc Peter, CH 2014),
Semaine de la Critique

Die zwei wich­tigs­ten Grenz­ver­läu­fe der Welt tren­nen nicht nur Kon­ti­nen­te, den armen Süden vom rei­chen Nor­den. Es fin­det an ihren Zäu­nen, Grä­ben, Wach­tür­men, Radar- und Hun­de­sta­tio­nen, mit­tels Droh­nen und Boden­sen­so­ren, auf ihrem Was­ser und in ihren Wüs­ten auch ein Kul­tur­kampf um Zivi­li­sa­ti­on statt. 

Die Flücht­lings­strö­me von Süd­ame­ri­ka nach USA und von Afri­ka nach Euro­pa wer­den immer grös­ser, die Schlep­per noch aus­beu­te­ri­scher, die Todes­fäl­le zur Nor­ma­li­tät. Dar­über wird täg­lich berich­tet, die Reiz­schwel­le für Anteil­nah­me inner­halb der Kom­fort­zo­nen immer dras­ti­scher. Die Dra­men, wem es hin­über gelingt, set­zen sich auch jen­seits der Gren­ze fort. Die Immi­gran­ten wer­den zur poli­ti­schen Mani­pu­la­ti­ons­mas­se für rechts­na­tio­na­le Popu­lis­ten und ihre blind-wüti­gen Anhän­ger, wel­che die nörd­li­chen Demo­kra­tien und von der Ver­fas­sung garan­tier­te Bür­ger­rech­te aushebeln. 

Die «Tor­til­la Wall» erstreckt sich von den Grenz­städ­ten San Die­go und Tijua­na am Pazi­fik über 3’144 Kilo­me­ter bis nach Browns­ville (Texas) am atlan­ti­schen Golf von Mexi­ko. 2006 über­quer­ten offi­zi­ell 250 Mil­lio­nen in bei­den Rich­tun­gen die Gren­ze, geschätz­te 350’000 Men­schen wan­dern jähr­lich ille­gal in die USA ein. 2000 wer­den tot gebor­gen – ver­durs­tet oder erschos­sen (Quel­le: Wikipedia). 

Es gibt schon etli­che Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen über den mar­tia­li­schen Zaun, die Mas­sen, die ihn anstür­men, und die mili­tä­risch hoch­ge­rüs­te­ten Grenz­pa­trouil­len, die genau das ver­hin­dern wol­len. Aber noch nie galt ein Doku­men­tar­film jenen Ame­ri­ka­nern, die in die­sem ‚No Man’s Land› von will­kür­li­cher staat­li­cher Gren­ze ein­ge­sperrt sind, so dass India­ner ihre Hei­lig­tü­mer in Sicher­heits­zo­nen nicht mehr besu­chen kön­nen und Fami­li­en in einem Kli­ma der Men­schen­jagd mit ihren Kin­dern leben müs­sen: «Sie geben vor, die Gren­ze für uns zu beschüt­zen, und machen unser Leben zur Höl­le. Täg­lich müs­sen wir auf dem Schul­weg meh­re­re Check­points pas­sie­ren. Sie kon­trol­lie­ren uns immer wie­der, obschon sie uns alle ken­nen. – It’s hard to teach my kids any trust becau­se in the out­side world is con-stant­ly fear!» – Die­ser besorg­ten Mut­ter ste­hen gedul­de­te, auch in gefälsch­ten Uni­for­men mor­den­de Bür­ger­weh­ren gegen­über mit Jagd­in­stinkt, aber wenig Bil­dung: «Das ist doch kein Ras­sis­mus, wenn wir unse­re Gren­ze ver­tei­di­gen. Wir wis­sen nicht, haben sie Bom­ben, sind es Mör­der. Wenn wir die­sen Zaun nicht hät­ten, wie vie­le, glau­ben Sie, wür­den von Ban­gla­desh hier­her kom­men? – Mil­lio­nen! Wir ver­tei­di­gen hier den höchs­ten Lebens­stan­dard und die bes­te Nati­on der Welt gegen das gan­ze Uni­ver­sum.» – Des­halb hängt am fünf Meter hohen Wüs­ten­zaun in Rie­sen­for­mat ein fros­ti­ges Pla­kat: …Good fen­ces make good neigh­bours. Robert Frost.» Die Wir­kung ist bescheiden.

Bro­ken Land ist auch eine Spu­ren­su­che von Tau­sen­den jun­gen Män­nern, die unter Lebens­ge­fahr ihr Glück und das ihrer zurück­ge­las­se­nen Fami­li­en suchen. Direkt sehen wir kei­nen ein­zi­gen Flücht­ling. Erfah­ren aber von Anwoh­nern, die auch ille­ga­le Hil­fe leis­ten, Ver­pfle­gung und Was­ser­vor­rä­te hin­ter­le­gen, dass die häu­fi­gen Bus­sar­de hier alle fett wären von den Lei­chen. Von eini­gen lan­den die sterb­li­chen Über­res­te, wobei auch die Gebei­ne noch ihre Geschich­te erzäh­len, von Alter und Her­kunft, bei ein­fühl­sa­men Ana­to­men in den Grenz­spi­tä­lern, die bemüht sind, die Ange­hö­ri­gen zu ver­stän­di­gen, wenn sich die­se aus Fotos und Aus­wei­sen erschlies­sen las­sen: «Das Schlimms­te ist, wenn Fami­li­en, Müt­ter und Kin­der Jah­re in Unge­wiss­heit aus­har­ren, ob ihre Liebs­ten noch leben!» – So sind auch an der Gren­ze des ‚Ame­ri­can Way of Life› alle mensch­li­chen Gegen­sät­ze sess­haft. Die Frat­ze und das Lächeln. Bro­ken Land gibt die­sem Schwei­gen in der Wüs­te, den lee­ren Kanis­tern, der Wür­de man­cher letz­ten Behau­sung unter kar­gen Büschen ver­stö­ren­de Bil­der und Stim­men, die noch lan­ge nachklingen. 

«Dancing Arabs» (Eran Rik­lis, Israel/Frankreich/D 2014) – Piaz­za Grande

Eyad (14) ist ein hoch­be­gab­ter Schü­ler und der gan­ze Stolz sei­ner ara­bi­schen Fami­lie. Sein Vater wur­de einst von der Uni­ver­si­tät aus­ge­schlos­sen wegen der Teil­nah­me an Demons­tra­tio­nen für die Rech­te der Ara­ber. Eyad soll nun des­sen gesell­schaft­li­che Ehre wie­der her­stel­len. Wegen sei­ner Best­no­ten erhält er tat-säch­lich einen Frei­platz an der renom­mier­tes­ten High School Jeru­sa­lems mit krea­ti­ven Frei­hei­ten wie auf einem ame­ri­ka­ni­schen Cam­pus: Man spielt Thea­ter, musi­ziert und zitiert euro­päi­sche Frei­geis­ter. Dabei wer­den er und die sinn­lich offe­ne Nao­mi zum inni­gen Lie­bes­paar. Bis deren Eltern aus der jüdi­schen Éli­te davon erfah­ren. Nun zeigt sich unter dem libe­ra­len Fir­nis nack­ter Ras­sis­mus. Nao­mis Eltern wol­len sie von der Schu­le neh­men. Statt­des­sen ver­zich­tet Eyad und nimmt einen Job als Tel­ler­wä­scher an. Sein ehe­ma­li­ger Zim­mer­kum­pel Jona­than lei­det an Mus­kel­schwund, kann eben­falls nicht mehr zur Schu­le. Eyad nimmt die Ein­la­dung der Mut­ter an, Jona­than zu betreu­en und wird zu des­sen Ster­be­be­glei­ter. Nao­mi fällt nach anfäng­li­chem Lie­bes­kum­mer nicht weit vom Stamm­baum und macht Kar­rie­re in einer Eli­te­ein­heit der Armee, was zwei­fel­los ihr aka­de­mi­sches und beruf­li­ches Fort­kom­men in der aus­ge­präg­ten israe­li­schen Stän­de­ge­sell­schaft beför­dern wird. Deren unters­te Stu­fe die Ara­ber ein­neh­men, obwohl eben­falls Bür­ger Isra­els. Als Jona­than stirbt, nimmt Eyad mit Ein­ver­ständ­nis der Mut­ter des­sen Name an und schafft unter fal­scher Iden­ti­tät die Auf­nah­me an die Universität. 

Dancing Arabs zeich­net lie­be­voll und far­big ver­schie­de­ne Milieus im moder­nen Isra­el, deren ober­fläch­li­ches Zusam­men­le­ben, aber auch des­sen rigi­de sozia­len Trenn­wän­de, wel­che Eyad den Auf­stieg zum Aka­de­mi­ker nur unter Ver­leug­nung sei­ner wah­ren Her­kunft mög­lich machen. Dabei ist Dancing Arabs wohl eben­so ein Kli­schee für ara­bi­sche Lebens­freu­de wie wir ger­ne das all­jähr­li­che Tanz­fest der Zigeu­ner in Sain­tes-Maries-de-la-Mer als Folk­lo­re besu­chen, zuhau­se aber ihre Stand­plät­ze mei­den. Dancing Arabs ist bei aller Psy­cho­lo­gie der Figu­ren eine bit­te­re Ankla­ge gegen den Staat Isra­el und sei­ne Éli­te. Der einst gegrün­det von Ver­fem­ten, längst sel­ber zum Ras­sis­mus neigt. Aus Opfern wur­den Täter. 

«Durak» (Yury Bykov, Russ­land 2014) – Inter­na­tio­na­ler Wettbewerb

Man neh­me die Pres­se­fo­tos von Wla­di­mir Putin der letz­ten Mona­te, höre sei­ne Frie­dens­rhe­to­rik mit lei­ser Stim­me und einem Blick aus blau­en Augen wie der Hei­li­ge von El Gre­co, was schon Georg W. Bush und Ger­hard Schrö­der irre­führ­te, nun auch noch alle ‚Putin­ver­ste­her›, was wohl auch an der Intel­li­genz liegt – und befin­det sich schon inmit­ten der Geburts­tags­fei­er von Durak (der Ver­rück­te) von Hono­rablen einer rus­si­schen Klein­stadt. Es wird Wod­ka kre­denzt (cre­de­re = glau­ben) auf die Ver­diens­te von «Mut­ti», der Bür­ger­meis­te­rin, wel­che die Stadt in zwan­zig Jah­ren hoch­brach­te. Das ‚Fami­liä­re› sug­ge­riert sozia­le Ver­bind­lich­keit, kaschiert aber nur das rea­le Macht­ge­fäl­le. Sta­lin hat­te den Bei­na­men ‚Väter­chen›.

«My film repres­ents most of Rus­si­an life. The models of human rela­ti­ons that have exis­ted for hundreds of years. Rus­si­an poli­tics is based on lies,» sagt der 33-jäh­ri­ge Yury Bykov von sei­ner Hard­core-Para­bel über kor­rup­te rus­si­sche Zustän­de. Wir wol­len die Rus­sen nicht ver­teu­feln. In Miss­ing (Cos­ta-Gav­ras, 1982) lügen die Ame­ri­ka­ner genau­so über das Ver­schwin­den eines Stu­den­ten in Sant­ia­go, als der CIA Agus­to Pino­chet an die Macht mor­de­te. Auch Hen­ry Kis­sin­ger kann bis heu­te dreist dar­über lügen. Lüge scheint der Kitt einer jeden Pyra­mi­de aus Will­kür und Macht.

Ein Hoch­haus ist eine Kon­struk­ti­on wie die Gesell­schaft, bei­de ruhen auf einem Fun­da­ment. Wenn sie soli­de gebaut sind. Die Zweck­ent­frem­dung von Bud­gets in Pri­vat­scha­tul­len statt in die öffent­li­che Bau­sub­stanz kann bei­des zum Ein­stür­zen brin­gen. Lügen­ge­bäu­de haben eine schlech­te Sta­tik. So neigt sich das Hoch­haus an die­sem Abend der Geburts­tags­par­ty gefähr­lich im Schnee­trei­ben und Wind. Dima Niki­tin, ein grund­ehr­li­cher Klemp­ner der Stadt­ver­wal­tung, ent­deckt einen Riss durch alle Bade­zim­mer und Stock­wer­ke. Er eilt ans Fest und schlägt bei den Ver­ant­wort­li­chen Alarm. Man müs­se sofort eva­ku­ie­ren. Die­se wim­meln ihn erst ab, schimp­fen ihn inkom­pe­tent. End­lich inspi­zie­ren zwei Stadt­rä­te die Gefahr vor Ort. Es ist ihr Todes­ur­teil. Denn nun sind auch sie Zeu­gen. Die Ret­tung käme zu teu­er. Also tun die Ver­ur­sa­cher der Miss­stän­de gar nichts. Auch «Mut­ti» sind die Hän­de gebun­den, weil in der Nomen­kla­tu­ra jeder des andern ‚Ein­künf­te› weiss. Auch die Bür­ger­meis­te­rin ver­dankt ihre Kar­rie­re dem Poli­zei­chef. Der lässt als Sym­bol­fi­gur für die Macht noch immer in Hän­den von Mili­tär und KGB (heu­te FSB) sei­ne Kol­le­gen Zeu­gen von der Miliz erschies­sen. Nur Klemp­ner Niki­tin las­sen sie lau­fen, ein rus­si­scher ‚Micha­el Kohl­haas›, der statt mit sei­ner Fami­lie zu flie­hen, auf eige­ne Faust ver­sucht, die aso­zia­len Bewoh­ner aus dem Wohn­si­lo zu ret­ten. Als grau­sa­me Iro­nie auf die Geschich­te von sei­nem Idea­lis­mus wird er nicht von der staat­li­chen Mafia, son­dern von denen, die er ret­ten will, gelyncht. 

Es ist erstaun­lich, dass ein so hart gezeich­ne­tes poli­ti­sches Dra­ma mit schar­fer Kri­tik an Putins ‚Sys­tem› gera­de jetzt den Weg in den Wes­ten fin­det. Noch muss es in Mos­kau libe­ra­le Kräf­te geben, die Oppo­si­tio­nel­le gegen wie­der­erwach­ten Staats­ter­ror unterstützen. 

Trotz der fata­len End­zeit­ge­schich­te – wie Kaf­kas Roma­ne von alle­go­ri­scher Trag­wei­te – will der Regis­seur sei­nen Film, beru­hend auf eige­nen Erfah­run­gen, den­noch nicht als pes­si­mis­tisch ver­stan­den wis­sen. Die Bot­schaft des Films sei letzt­lich hoff­nungs­voll. Indem sich der Klemp­ner, ein Mann aus dem Volk, der Zynik des Appa­rats und der Kor­rup­ti­on ent­ge­gen­stellt. Für sei­ne star­ke Inter­pre­ta­ti­on des Zivi­lis­ten Niki­tin, der ein­fach nur Ver­ant­wor­tung übernehmen
will und dabei zu Tode kommt, erhielt Artem Bystrov in Locar­no den ‚Gol­de­nen Leo­par­den› für die bes­te männ­li­che Hauptrolle.

«The cha­rac­ter wins when he does ever­y­thing he can pos­si­bly do to suc­ceed. What is important is to try. The result is not important. The attempt to reach suc­cess is important, regard­less of whe­ther suc­cess comes or not.» – Zu einem Ver­gleich mit Dostoyevsky’s Idi­ot (Durak!) winkt Regis­seur Yury Bykov ab: «Dostoyevsky’s cha­rac­ter is patho­lo­gi­cal. My film’s cha­rac­ter is prag­ma­tic, but he has a moral code. The cha­rac­ter is not affec­ted by this social dise­a­se. Thank God the­se peo­p­le exist to give us this high exam­p­le of truth. We need such people.»

Auf dem Mai­dan in Kiew ver­sam­mel­te sich gera­de eine sol­che Zivil­ge­sell­schaft und ver­lang­te erfolg­reich nach mehr Selbst­be­stim­mung für sich und die Ukrai­ne. In alten Refle­xen behaf­tet von 1956 und 1968, insze­niert Russ­lands Füh­rung aus der ideo­lo­gi­schen Schu­le des ehe­ma­li­gen KGB wie­der einen Krieg, der sich zum Brand­herd auch für Euro­pa aus­zu­wei­ten droht. Ein­mal mehr ste­hen Pan­zer gegen Frei­heit. Die Geschich­te lehrt, die Frei­heit ist letzt­lich nicht aufzuhalten. 

«Mula sa kung ano ang noon» (Lav Diaz, Phil­ip­pi­nen 2014),
Inter­na­tio­na­ler Wettbewerb

Die fast sechs Stun­den Län­ge von Woher wir kom­men in deut­scher Ver­kür­zung des Sie­ger­films des Inter­na­tio­na­len Wett­be­werbs von Locar­no 2014 sind bereits Legen­de. Sol­chen Legen­den geht ihr Ruf vor­aus, sel­ten nach, denn die wenigs­ten haben das Ori­gi­nal in vol­ler Län­ge gese­hen. Gele­gen­heit dazu wird nebst wei­te­ren Fes­ti­vals auch kaum mehr sein, denn nur weni­ge Lieb­ha­ber­ki­nos wer­den das gewal­ti­ge Epos zei­gen, viel­leicht ARTE im Nacht­pro­gramm. Schon mal hielt sich ein Film an kei­ne Vor­ga­ben des Ver­triebs und Mark­tes: Aria­ne Mnouch­ki­ne und ihr Pari­ser Thé­ât­re du Sol­eil bei der Ver­fil­mung von Moliè­re (1978), eben­falls ein über­wäl­ti­gen­des Epo­chen­bild von 4–5 Stun­den Län­ge auf der per­sön­li­chen ‚Long­list› der 50 bes­ten Fil­me aller Zei­ten. Die­ses Werk gibt es nur noch auf DVD. 

Ganz ähn­lich ver­hält es sich in der Lite­ra­tur etwa mit Robert Musils Mann ohne Eigen­schaf­ten, des­sen tau­send Sei­ten kaum jemand durch­steht. Gleich­wohl spricht ‚man› – weit mehr als die Leser – von einem Jahr­hun­dert­werk. Und wie sich Musil die Frei­heit nimmt, auf den ers­ten Sei­ten ein­fach nur die Wol­ken­la­ge über Wien an einem August­tag vor dem ers­ten Welt­krieg zu beschrei­ben, wie er über die Meteo­ro­lo­gie die zuneh­men­de Span­nung beschreibt, die sich als Ernst Jün­gers Stahl­ge­wit­ter töd­lich ent­la­den wird, so ent­wi­ckelt auch Lav Diaz in Mula sa kung ano ang noon erst all­mäh­lich die Zei­chen der Zeit, wel­che ins Kriegs­recht und die Dik­ta­tur von Fer­di­nand Mar­cos (1972 – 1981) münden. 

Doch die­se Dik­ta­tur ist nur ein Sym­ptom der Ver­hält­nis­se, nicht deren Ursa­che. Der Spiel­film zeigt in Schwarz­weiss eine vor­in­dus­tri­el­le Gemein­schaft auf dem Lan­de zwi­schen gackern­den Hüh­nern, Reis­fel­dern und Oze­an­klip­pen, wie sie nicht nur in Asi­en immer noch vor­zu­fin­den ist. Der Ver­zicht auf Far­be hat nicht nur öko­no­mi­sche Grün­de, son­dern macht die Sze­ne­rie noch sug­ges­ti­ver, redu­ziert von jeder Ablen­kung. Die Radi­ka­li­tät der Bil­der und Hand­lung erin­nert an Suna no onna (Die Frau in den Dünen) von Hiro­shi Teshi­ga­ha­ra, Japan 1964. 

Das Dorf ist ein klas­si­scher Huis clos, ein über­schau­ba­rer Kos­mos mit Figu­ren, die nicht von ihm los­kom­men. Sie zap­peln wie in einem Spin­nen­netz in ihrer Ver­stri­ckung. Ein Wai­sen­jun­ge wächst bei sei­nem ‚Onkel› auf, der ihm erzählt, sei­ne Eltern hät­ten ihn für immer ver­las­sen. Am Ende des Films erfah­ren wir: er ist selbst der Vater des Jun­gen und hat als Lieb­ha­ber der Mut­ter die­se und ihren Mann erschla­gen. Da ist eine jun­ge Frau, die ihre epi­lep­ti­sche Schwes­ter pflegt, mit die­ser Bür­de allein gelas­sen, die­se zuletzt ver­gif­tet und mit ihr ins Meer geht. Da ist der Pries­ter, der nur das Bes­te will und im ent­schei­den­den Moment das Schlech­te tut. Als revo­lu­tio­nä­re Ban­den infil­trie­ren und der auto­ri­tä­re Staat als Ant­wort eine Mili­tär­ba­sis errich­tet, erschei­nen die­se nur als logi­sche Aus­brü­che aus der sozia­len Enge. Die­se Ereig­nis­se haben auch einen his­to­ri­schen Bezug. 

Was das post­hu­me Gemäl­de des phil­ip­pi­ni­schen Regis­seurs von sei­ner Kind­heit aus­zeich­net, ist wie er dies zeigt: Er hält tat­säch­lich die Lupe auf die Zeit, lässt sie gesche­hen, unter­wirft die Bil­der wie­der ihrer unauf­ge­reg­ten Ruhe, erdet sie an den Din­gen, wie sie sind. Das ist weder lang- noch kurz­wei­lig. Gut Ding will Wei­le haben. Denn nach anfäng­li­chem Wider­stand gegen die­se «Echt­zeit» ohne übli­che Ver­kür­zung und Beschleu­ni­gung unter­wirft man sich ihrem Dik­tat. Plötz­lich ist man nicht mehr nur Betrach­ter, son­dern tritt selbst ein in die­se archai­sche Welt. 

Die Bil­der begin­nen zu atmen und wir in ihnen. Wir sit­zen nicht mehr im Kino, son­dern vor Ort. Wer­den vom ste­ten Mon­sun­re­gen eben­so nass – im Trockenen. 

Ein sol­ches Wag­nis gegen­über dem Zuschau­er setzt sehr viel Mut vor­aus. Auch And­rei Tar­kovs­ky ging es ein, bezeich­nen­der­wei­se – im Titel wesens­ver­wandt – in Nost­alg­hia (Russland/Italien, 1983), wor­in ein trop­fen­der Was­ser­hahn die Zeit wie­der dehnt in ihr ech­tes Erle­ben. Bli­cke ich nach Jahr­zehn­ten auf die­sen Film zurück, so weiss ich nichts mehr von des­sen Hand­lung – der Was­ser­hahn tropft noch heu­te. Genau­so ver­hält es sich mit einem Film von Ing­mar Berg­man, des­sen Titel ich nicht ein­mal mehr erin­ne­re. Doch sei­ne Wand­uhr tickt wei­ter­hin in den Raum, macht die Zeit spür­bar auf ihrer ewi­gen Bahn ent­ge­gen all unse­rer Zer­stü­cke­lung. Woher wir kom­men meint auch uns. À la recher­che du temps.

Wahr­schein­lich macht genau dies das Geheim­nis fil­mi­scher Meis­ter­schaft aus: Im Kern geht es nicht um die Hand­lung, deren Sinn und Zweck, son­dern um die inne­ren, meta­phy­si­schen Bil­der – ein trop­fen­der Hahn, die Stun­den­glo­cke einer Uhr. In Mula sa kung ano ang noon ist es ste­ti­ger Mon­sun­re­gen als Trau­er über die Ver­lo­ren­heit der Exis­tenz und der Sturm der Mee­res­bran­dung als ihre Wut. 

: http://www.kulturkritik.ch/2014/locarno-zum-letzten-abschlussbericht-vom-67-internationalen-filmfestival/



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