Lie­be – Nach­le­se zum Zurich Film Festival

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«Boy meets girl», brin­gen Amis die Lie­be auf den Punkt, der kei­ner ist, son­dern eine Vari­an­te ihrer Ober­flä­che. Sigi Freud ver­stand Lie­be als Fecht­kampf von Pro­jek­tio­nen, redu­zier­te das, was uns bewegt, zum Spie­gel­ka­bi­nett unse­res Nar­ziss­mus und erklär­te alles mit einem früh­kind­li­chen Katas­ter­plan ora­ler, ana­ler, wohl auch nasa­ler Pha­sen, bis das Unbe­wuss­te bewusst wird. C. G. Jung wie­der­um war ein flot­ter Lieb­ha­ber sei­ner Schü­le­rin und recht­fer­tig­te sich mit den Arche­ty­pen: Alles sei kein Zufall, son­dern schon enig­ma­tisch vor­be­stimmt. Die Neu­ro­bio­lo­gie sieht das Gan­ze als Stoff­wech­sel am evo­lu­tio­nä­ren Werk, bio­che­mi­sche Keu­len brin­gen uns zum Lachen und Heu­len. So bleibt ein letz­tes Geheim­nis um die Lie­be. Man­ches scheint wahr und doch genügt kei­ne Theorie. 

Lie­be ist Gesche­hen und Gefühl. Ver­dich­te­te Wahr­neh­mung. Man nimmt sie für wahr, obwohl sie doch täg­lich wider­legt wird. Und auch Dich­ter schei­tern beim Ver­such, den Zau­ber zu benen­nen. In Erich Frieds Kurz­for­mel: «Es ist, was es ist.» Eben­so wenig kann man Son­nen­auf- und ‑unter­gän­ge beschrei­ben, ohne dem Kitsch und Pathos zu ver­fal­len. Auch Tod und Geburt, alles Exis­ten­zi­el­le ent­zieht sich der Beschrei­bung, dem Abbild in Spra­che. Man kann ihr Pathos bebil­dern, was schlech­te Wer­bung flä­chen­de­ckend tut für Urlau­be, Ver­si­che­run­gen und Bau­spar­ver­trä­ge. Oder man bricht ihr unschul­di­ges Pathos in Iro­nie, wie der Stadt­neu­ro­ti­ker Woo­dy Allen, Meg Ryan in «When Har­ry met Sal­ly» (US, 1989), wor­in sie nur köst­lich spielt, dass sie auf Kos­ten kommt, oder Roman Pol­an­ski in «Fran­tic» (US/F, 1988) wo gleich­zei­tig zum «Film­or­gas­mus» der Toas­ter knallt. 

Krzy­sz­tof Kie­s­low­ski ver­such­te es tief­grün­di­ger mit Far­ben, und nann­te sei­ne Tri­lo­gie über die Lie­be «Blau», «Weiss» und «Rot» (Polen/F, 1993–94). Schon in «La Dou­ble Vie de Vero­ni­que» (Polen, 1991) fahn­de­te er nach dem Sinn und Sub­text des Lebens. Das Geheim­nis blieb in fil­mi­scher Schwe­be. Es sind die Zwi­schen­tö­ne, die das Abso­lu­te anklin­gen las­sen. Aber lohnt sich eine sol­che Rei­se in die Film­ge­schich­te oder ist das nur Staub­we­deln? – Fix­ster­ne glü­hen nach. So wie das Lächeln der Mona Lisa. 

Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit

Zur Lie­be gehört auch ihre Trau­er. Man bemerkt sie oft erst, wenn sie bedroht oder schon ver­lo­ren ist. In «Hiro­shi­ma, mon amour» (F, 1959) von Alain Res­nais & Mar­gue­ri­te Duras las­tet auf ihr gar die Ver­wüs­tung der ers­ten Atom­bom­be. In «La Stra­da» (I, 1954) ist es wie bei Kie­s­low­ski eine Melo­die, die Zam­pa­no, das alle Ket­ten spren­gen­de Rau­bein, nur nicht die eige­ne, an die mit Todes­hus­ten zurück­ge­las­se­ne Gel­so­mi­na erin­nert: Es ist die Lie­be, wel­che zuletzt die rohe Kraft in die Knie zwingt, hin­schmet­tert unter dem Ster­nen­him­mel. Was auch meint, selbst Dik­ta­to­ren haben ihre Achil­les­fer­se. Fre­der­i­co Felli­ni schuf mit sei­nem «Lied der Stras­se» ein schon fast reli­giö­ses Gleich­nis für die Tran­szen­denz der Lie­be über alle Öko­no­mie der Mit­tel hin­aus. Auch in «Teo­re­ma» (I, 1968) von Pier Pao­lo Paso­li­ni wirft sie alle, die ihr begeg­nen, aus der Bahn. Doch kon­ter­ka­riert die «Macht der Lie­be» gera­de ihren Gegen­ent­wurf zu jeder Macht. Sie trägt mensch­li­che Sozi­al­uto­pie. Was Fran­çois Truf­f­aut mit «Jules et Jim» (F, 1962) aus­lo­te­te als Begeg­nun­gen im Drei­eck jen­seits von Besitz­an­spruch. Und ist Lie­be nicht eben­so wie im Leben auch der wich­tigs­te Antrieb zur Kunst? Nicht nur als Freud’sche Sub­li­ma­ti­on, als Hym­ne aufs Unend­li­che und Abge­sang des End­li­chen, son­dern eben­so als bedin­gungs-lose Schutz­zo­ne für Unschuld und Spiel, als ein Para­dies ver­län­ger­ter Kind­heit. Mit Gefüh­len nicht ganz von die­ser Welt. Mar­cel Car­né titel­te sein Meis­ter­werk des poe­ti­schen Rea­lis­mus über die Ver­häng­nis­se der Lie­be: «Les Enfants du Para­dis» (F, 1945) (deutsch «Kin­der des Olymp»). «Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen», hin­ter­liess der Phi­lo­soph Theo­dor Ador­no eine sei­ner «Mini­ma Mora­lia». Kön­nen Lie­bes­ge­schich­ten künst­lich den Buch­vor­la­gen nach­ge­dreht, durch Schau­spie­len halb­wegs authen­tisch fin­giert wer­den im Kon­text einer indus­tri­el­len Filmproduktion? 

Gibt’s Ech­tes im Falschen?

Wäh­rend Hol­ly­wood zur Lie­be für das Mas­sen­pu­bli­kum den gros­sen Gestus
pflegt, so auch auf einem sin­ken­den Schiffs­deck – «Tita­nic» (US, 1997) von David Came­ro­ny erreich­te allein in Ame­ri­ka 130 Mio. Zuschau­er und spiel­te welt­weit 2 Mil­li­ar­den Dol­lar ein, was den Film nach «Ava­tar» (US, 2009), eben­falls von Came­ron zur Nr. 2 aller Zei­ten macht – und das Haupt­the­ma der Mensch­heit auf Klang­kis­sen aus­brei­tet, aber auch die Film­ti­tel kuli­na­risch ver­zu­ckert wie „Cho­co­lat“ (US/GB, 2000), sucht das Autoren­ki­no nach den unge­schön­ten Lie­bes­fil­men im All­tags­stress: «A Woman Under the Influence» (US, 1974) von John Cas­sa­ve­tes oder an der Peri­phe­rie der Gesell­schaft Leo Car­ax’ «Les Amants du Pont-Neuf» (F, 1991). Fil­me sind auch Seis­mo­gra­phen der Zei­ten­wen­de: So signa­li­sier­te die Lie­be zwei­er Cow­boys in «Bro­ke­back Moun­tain» (US, 2005) von Ang Lee – als muti­ge Vari­an­te zum ame­ri­ka­ni­schen Mythos har­ter Ker­le wie John Way­ne – end­lich das libe­ra­le Auf­be­geh­ren gegen die Ago­nie der Bush-Ära. Dabei deu­te­te sich lan­ge vor 2008 ein neu­er Auf­bruch Ame­ri­kas an mit der Wahl Oba­mas und Lega­li­sie­rung von Homo­se­xu­el­len­e­hen in eini­gen Bundesstaaten. 

Die Lie­be und der Tod

Dabei scheint es, als bedür­fe es zur glaub­wür­di­gen Dar­stel­lung von Lie­be stets des Dra­mas, ihrer Gefähr­dung. «Der Tod und das Mäd­chen» ist eben­so eine Alle­go­rie auf «Die Lie­be und der Tod»: Schon in der sinn­li­chen Blü­te lau­ert die Vani­tas, die Ver­gäng­lich­keit. So stand das The­ma der «Lie­be im Alter» eigent­lich längst auf der War­te­lis­te, doch waren das Publi­kum und die Medi­en zur Ver­mitt­lung noch nicht bereit. Zu sehr kon­tras­tier­ten Vor­stel­lung und Anse­hen von Gebrech­lich­keit zum Jugend­wahn, zur tele­ge­nen Welt der Mis­sen und Mis­ters. Mit ihrer zuneh­men­den Kauf­kraft ver­wan­del­ten sich jedoch «Graue Pan­ther» in «Gol­den Agers», ziert nun auch fal­ti­ges Lächeln die Pla­kat­wän­de im öffent­li­chen Raum für Finanz­pro­duk­te und Senio­ren­frei­zeit. Gleich­zei­tig wird dank dem medi­zi­ni­schen Fort­schritt auch das The­ma Ster­be­hil­fe viru­lent. Hat der gebrech­li­che, kran­ke oder bald demen­te Mensch ein Recht auf einen selbst­ge­wähl­ten Tod? Darf ihm dabei jemand helfen?

Am Zurich Film Fes­ti­val bestä­tig­te sich das Jahr 2012 als Durch­bruch der letz­ten Tabus um die Lie­be und das Alter. Gleich zwei Fil­me führ­ten anrüh­rend die letz­te Zärt­lich­keit zwi­schen Lie­bes­paa­ren vor, die den­noch oder gera­de aus Lie­be in «Mord» oder Bei­hil­fe zum Frei­tod des einen am ande­ren endet: Anfang 80 (A, 2011) des Regie-Duetts Sabi­ne Hieb­ler und Ger­hard Ertl und Amour (F/D/A, 2012) von Micha­el Han­eke, der in den Schwei­zer Stu­dio­ki­nos gera­de anläuft. 

Wie ent­steht ein Meisterwerk? 

Han­ekes drei ers­ten Kino­fil­me befass­ten sich mit dem Gegen­teil der Lie­be – mit der «Ver­glet­scherung der Gefüh­le» im Wohl­stand der post­mo­der­nen Zivi­li­sa­ti­on. Im Unter­schied etwa zu Quen­tin Taran­ti­no als einem Zyni­ker der Gewalt, der ihre Latenz explo­die­ren lässt und die Zer­stö­rungs­wut als aber­wit­zi­ges, ästhe­ti­sches Ereig­nis abfei­ert, seziert der gebür­ti­ge Vor­stadt-Wie­ner Han­eke die­sel­ben Explo­siv­kräf­te gesellschaftskritisch. 

«Der sie­ben­te Kon­ti­nent» (A, 1989) ist ein ima­gi­nä­rer Sand­strand mit Mee­res-wel­len als Sehn­suchts­bild einer Mit­tel­stands­fa­mi­lie zur inne­ren Lee­re und einem Ehe­all­tag wort­wört­lich töd­li­cher Rou­ti­ne. Denn statt auf gros­se Rei­se zu gehen nach dem fer­nen Strand, wie nach aus­sen kom­mu­ni­ziert, berei­ten die Eltern den Sui­zid mit der klei­nen Toch­ter vor. Sie kap­pen die Tele­fon­lei­tung, ver­nich­ten das Geld. End­sta­ti­on ihrer Sehn­sucht nach dem Leben ist Gift für alle. – Abge­se­hen davon, dass die­se «Rei­se ins Nichts» auf einem rea­len Vor­fall beruht, frag­ten sich doch eini­ge: Wie mor­bid muss einer sein, um dar­über einen Spiel­film zu drehen? 

Wer tut sich als Zuschau­er so was an? War­um wur­de die­ser Film aus­ge­zeich­net? Viel­leicht ist es gera­de sei­ne pei­ni­gen­de Kon­se­quenz, der unbe­stech­li­che Blick auf ver­dräng­te Wirk­lich­keit, womit Han­eke jedem Zweck­op­ti­mis­mus den Spie­gel vor­hält und mit har­ten Para­beln zeigt, wie viel Iso­la­ti­on und Ein­sam­keit trotz allem media­len Rau­schen in den Eigen­hei­men auch euro­päi­scher Sub­urbs vor sich hin implo­diert. Auch sei­ne wei­te­ren Fil­me über­schrit­ten die Schmerzgrenze:

«Benny’s Video» (A, 1992) surrt mit, als der gelang­weil­te, am Wohl­stand sei­ner Eltern Ver­wahr­los­te den Tötungs­bol­zen für Schwei­ne am Mäd­chen aus­pro­biert, um «zu sehen, wie das ist». Es funk­tio­niert. Auch «Fun­ny Games» (A, 1997) zeigt den Irr­sinn jugend­li­cher Gewalt­be­reit­schaft, des Amok­laufs gegen alle Wer­te, weil nie­mand da ist, sich Zeit nimmt, die­se zu ver­mit­teln. Lan­ge vor «Bow­ling for Colum­bi­ne» (US, 2002) und im Gegen­satz zu Micha­el Moo­re als Spiel­fil­me griff Han­eke bereits die aku­te Gefahr der Ent­frem­dung auf von jeder Rea­li­tät durch die noto­ri­sche Beschäf­ti­gung mit digi­ta­len Spiel­wel­ten, deren bal­lern­de Hero­en sozia­le Kon­tak­te nicht erset­zen kön­nen, aber die Illu­si­on erzeu­gen ihrer Beherrsch­bar­keit. Gerings­te Krän­kung kann da schon töd­li­chen Hass auslösen. 

Mit der Ver­fil­mung von Elfrie­de Jelin­eks Roman «Die Kla­vier­spie­le­rin» (A/F, 2001) wand­te sich der Gesell­schafts­kri­ti­ker dem Intim­be­reich neu­ro­ti­scher Sexua­li­tät zu, was ihn getra­gen von der Dar­stel­lungs­kunst Isa­bel­le Hup­perts in Can­nes den Gros­sen Jury­preis ein­brach­te. 2009 dop­pel­te er nach mit dem «Weis­sen Band» (D/A/F/I, 2009) und der Gol­de­nen Pal­me für «eine deut­sche Kin­der­ge­schich­te» ange­sie­delt in einem fik­ti­ven Dorf in Nord­deutsch­land 1913.

Der Film­ti­tel bezieht sich auf ein weis­ses Band, dass die Kin­der als Stig­ma zu ihrer Dis­zi­pli­nie­rung tra­gen muss­ten. Die «Welt» schrieb dazu: «Kaum je sah
man das obrig­keits­staat­li­che Den­ken als Erklä­rung für den Ers­ten (und Zwei­ten) Welt­krieg so auf die kleins­ten Ein­hei­ten der Dorf- und Fami­li­en­ge­mein­schaft her­un­ter­ge­bro­chen.» Der «Cor­rie­re del­la Sera» befand: «Eine Atmo­sphä­re aus düs­te­rem Luther­tum wie bei Ing­mar Berg­man, mit sozia­len und mora­li­schen Regeln von eiser­ner Unnach­gie­big­keit.» Micha­el Han­eke selbst will sein Lehr­stück nicht auf den rigi­den Pro­tes­tan­tis­mus beschrän­ken als ein Kli­ma­vor­teil für Faschis­mus: «Alle For­men von Ter­ro­ris­mus haben den­sel­ben Ursprung – die Per­ver­si­on von Idealen.»

Kann das im Umkehr­weg ver­stan­den wer­den als Brü­cke zu sei­nem neu­es­ten Werk Amour (F/D/A, 2012)? – Dann gin­ge der schar­fe Ana­ly­ti­ker sozia­ler Zustän­de mit sei­nem bis­her reifs­ten Film zugleich an die Ursa­che der Gewalt. Dann ver­weist er mit die­ser Lie­bes­ge­schich­te im Anlitz des Todes, von letz­ter Zärt­lich­keit zwi­schen einem Pari­ser Musi­ker-Ehe­paar, im Anwe­sen­den auf das meist leid­voll Abwe­sen­de – eben­so in sei­nen Wer­ken. Wor­aus die «Früch­te des Zorns» – Aggres­si­on und Krieg – erst all­ge­gen­wär­tig wachsen. 

Auf­schluss­reich ist die Ent­ste­hung die­ses Kam­mer­spiels letz­ter Lie­be, die nur noch wahr sein kann unter der fina­len Last, zwi­schen Anne (Emma­nu­el­le Riva) und Geor­ges (Jean-Lou­is Trin­tignant). Aus­gangs­punkt war für Han­eke der «Frei­tod», der kei­ner ist, son­dern stets Ver­zweif­lung, sei­ner 90-jäh­ri­gen Tan­te, die ihn als Kind gross­zog. Sie bat den Regis­seur selbst – erfolg­los – um Ster­be­hil­fe. Han­eke zufol­ge ist das Haupt­the­ma sei­nes Dreh­buchs denn auch nicht Alter und Tod, «son­dern die Fra­ge, wie geht man mit dem Lei­den eines gelieb­ten Men­schen um?» So beschäf­tig­te er sich seit 1992 (!) mit die­ser eige­nen Erfah­rung, wur­de beim Ver­fas­sen des Dreh­buchs, was Han­eke immer sel­ber besorgt, aber von einer Schreib­blo­cka­de gehindert. 

Er war sich lan­ge auch nicht über den Schluss (sic!) der Geschich­te im Kla­ren. Dann erfuhr der Regis­seur, dass Léa Pool mit «La der­niè­re fugue» (CH/CDN, 2011) nach dem Roman «Une bel­le mort» von Gil Cour­te­man­che eben­falls am The­ma arbei­te­te, was ihn noch­mals aus­brems­te. Schliess­lich pack­te er den Stoff: Han­eke woll­te es ver­mei­den, ein Sozi­al­dra­ma zu erzäh­len und wähl­te daher ein gut­bür­ger­li­ches Milieu, wie schon in frü­he­ren Fil­men, wo er sich auch aus­kennt. Er woll­te das Dra­ma von den sozia­len Nöten ent­klei­den, damit das Wesent­li­che übrig blei­be: Wie kommt ein Mensch dazu, den gelieb­ten andern zu töten? Darf es Mord aus Lie­be geben – zur Erlö­sung aus Leid? – Damit tun sich letz­te Fra­gen auf, mit deren Ant­wort sich auch die Gesetz­ge­ber und Gerich­te schwer­tun, wie die Ver­nehm­las­sung zu neu­en Ster­be­hil­fe­ge­set­zen nicht nur in der Schweiz zeigt. 

Zur Vor­be­rei­tung besuch­te Micha­el Han­eke Kran­ken­häu­ser und Sprach­kur­se für Pati­en­ten, die nach einer Gehirn­ver­let­zung oder einem Schlag­an­fall wie­der zu spre­chen ler­nen. Den­noch spielt der Film fast nur in der Woh­nung des Paa­res: «Wenn man alt und krank ist, beschränkt sich die Welt zuneh­mend auf die eige­nen vier Wän­de. Ich wähl­te die klas­si­sche Form der Ein­heit von Hand­lung und Ort.» 

Ent­schei­dend zur Rea­li­sie­rung des Films Amour, mit dem Micha­el Han­eke in Can­nes schon zum zwei­ten Mal die Pal­me d’Or gewann, war Trin­tignants Zusa­ge. Han­eke gab spä­ter an, dass er ohne ihn den Film nie gedreht hät­te, denn die­ser spie­le die Din­ge nicht aus, son­dern deu­te sie nur an. Er behal­te als Schau­spie­ler sein «Geheim­nis» für sich: «Mich hat von Anfang an sein Blick fas­zi­niert, sein stil­ler, insis­tie­ren­der Blick.» Zum Zeit­punkt von Han­ekes Anfra­ge hat­te Trin­tignant sei­ne Film­kar­rie­re schon seit 10 Jah­ren aus­klin­gen las­sen und leb­te zurück­ge­zo­gen auf dem Lan­de, er woll­te nicht: «Als ich das Dreh­buch las, fand ich es depri­mie­rend. Ich sag­te zu Han­eke, ich wer­de den Film nicht machen. Aber ich bin froh, dass ich es las. So weiss ich wenigs­tens, dass ich mir den Film nicht anschau­en wer­de.» – Zum Glück liess er sich umstimmen.

Für die weib­li­che Haupt­rol­le gewann Micha­el Han­eke Emma­nu­el­le Riva, Gran­de Dame des Fran­zö­si­schen Kinos und Han­ekes «Jugend­schwarm» aus «Hiro­shi­ma, mon amour», der zu sei­nen Lieb­lings­fil­men zählt. Womit sich zufäl­lig auch ein Kreis in die­sem Essay schliesst. Als Zuschau­er betrach­tet man einen Film meist iso­liert, wäh­rend sein Autor vie­le Strän­ge und noch lose Enden von Geschich­ten, aus dem Leben und ande­ren Quel­len zum Neu­en ver­knüpft. Sou­ve­rä­ne Autoren näh­ren sich eben­so von Bil­dung, wie sie die­se über­win­den. Die Her­aus­for­de­rung durch Bekann­tes, als Last auch der Geschich­te, schärft wohl die Wahr­neh­mung und Fähig­keit zur Dif­fe­ren­zie­rung, aber erst Dich­ter schrei­ben sich frei! – Das gilt auch für star­ke Filme. 

Was ist denn nun an Amour so eigen? – Han­eke und sei­nen Prot­ago­nis­ten gelingt eine äus­serst prä­zi­se und den­noch unauf­dring­li­che Dar­stel­lung des sonst Pein­li­chen, Scham­haf­ten – von mensch­li­cher Schwä­che und Ver­letz­lich­keit, ohne dass im Gerings­ten deren Wür­de ver­lo­ren gin­ge. In stil­len Bil­dern wird greif­bar, was auch auf eine nach Han­eke weit­ge­hend lieb­lo­se Gesell­schaft zukommt – der Lie­be Not­wen­dig­keit. Wir sind von die­ser sel­ber frü­her oder spä­ter betrof­fen, kön­nen ihren letz­ten Dienst nicht nur aus­la­gern, dele­gie­ren an Ster­be­hos­pi­ze. Auch ein Quen­tin Taran­ti­no muss sich irgend­wann um die Kacke sei­ner Mut­ter küm­mern. Spä­tes­tens dann erüb­rigt sich jeder Zynis­mus, rela­ti­vie­ren sich die im Film­markt domi­nie­ren­den Gewaltorgien. 

Nun macht aber auch Lie­bes­fä­hig­keit noch nicht Film­kunst. Zum Titel «Amour» wur­de Han­eke durch sei­nen Haupt­dar­stel­ler inspi­riert, der die­sen nach Lek­tü­re des Dreh­buchs vor­schlug, da die Geschich­te «vol­ler Lie­be» sei. Trin­tignant woll­te wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten wegen sei­ner kör­per­li­chen Ver­fas­sung und Pro­ble­me mit dem Gedächt­nis auch mit Riva die Rol­le zu tau­schen. So ver­zahn­ten sich Real Life und Film. Emma­nu­el­le Riva lern­te dafür sogar Kla­vier­spie­len. Jede zweit­klas­si­ge Pro­duk­ti­on hät­te dabei getrickst. Ein Schnitt mehr oder weni­ger. Das gibt’s bei Han­eke nicht. Man stel­le sich das vor: 2 Jah­re lang die Nach­mit­ta­ge hin­durch klim­pern, damit frau ech­te Figur macht am Flü­gel. Trin­tignant sagt, er hät­te wäh­rend sei­ner gan­zen Kar­rie­re nie zuvor mit einem so anspruchs­vol­len Regis­seur gear­bei­tet. Das will etwas heis­sen von einem, der mit Clau­de Lelouch, Fran­çois Truf­f­aut, René Cle­ment, Eric Roh­mer, Clau­de Chab­rol, André Téchi­né, Patri­ce Ché­reau, Cos­ta-Gav­ras, Etto­re Sco­la, Ber­nar­do Ber­to­luc­ci, Gian­ni Ame­lio, Michel Sout­ter, Alain Tan­ner, mit Krzy­sz­tof Kieś­low­ski auch in «Rot» arbei­te­te, dazu das Dreh­buch schrieb zu «Letz­ter Tan­go in Paris». O‑Ton Trin­tignant: «Es gibt eigent­lich kei­ne guten Schau­spie­ler, son­dern nur Regis­seu­re, die Schau­spie­ler gut erschei­nen las­sen. Ein­mal ver­such­te ich Han­eke mit einer spe­zi­el­len Ges­te zu beein­dru­cken. Er sah zu und sag­te, das sei durch­aus gut gewe­sen. Er sei aber nicht an mei­ner Figur inter­es­siert, son­dern nur dar­an, was sich zwi­schen den Figu­ren ereig­nen wür­de.» – Was sich zum Ende ereig­net, ist der Tod. Geor­ges erstickt Anne mit dem Kis­sen. Er klei­det sei­ne nun fried­li­che Frau neu ein, schmückt sie mit zer­pflück­ten Rosen und ver­klebt die Türe, dass die Nach­barn nichts riechen. 

Amour ist nach dem Gewinn in Can­nes im Ren­nen für den Oscar als bes­ter fremd­spra­chi­ger Film. FIPRESCI, die inter­na­tio­na­le Kri­ti­ker­ver­ei­ni­gung, wähl­te «Lie­be» zum bes­ten Film des Jah­res. Vere­na Lue­ken von der «FAZ»: «Kein Blut­bad hat bis­her soviel Ent­set­zen auf die Gesich­ter der Zuschau­er gezeich­net als Han­eke mit einer Sze­ne, in der Anne geduscht wird.» – Und Sus­an Vahabzadeh von der «Süd­deut­schen»: «Der Regis­seur bannt mit der Geschich­te die­ses Ehe­paars die grau­sa­me, erbar­mungs­lo­se Natur auf die Lein­wand, dass alles, was lebt, auch ster­ben muss. Jedes Bild und jede Ein­stel­lung, jeder klei­ne Dia­log berei­chert die Geschich­te, die einen ganz lei­se, ohne gros­ses Auf­he­bens bis ins Mark erschüttert.» 

Am Ende schwirrt eine Tau­be durchs Fens­ter auf den ver­stumm­ten Flur. Man hält den Atem an, hat eben­so Angst vor Kitsch, der alle Inten­si­tät ver­pfusch­te, wie vor noch einem Akt der Zer­stö­rung durch den Schmerz von Geor­ges. Was man gar ver­stün­de. Doch es pas­siert nichts. Sie fliegt weg. 

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