Leben güns­tig abzugeben

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By Patri­cia Schmidt

Was heisst es eigent­lich wirk­lich zu leben? Unbe­grenz­te Mög­lich­kei­ten, maxi­ma­le per­sön­li­che Fle­xi­bi­li­tät und auf­ge­ho­be­ne Tem­po­li­mi­ten auf der Lebens­au­to­bahn ver­heis­sen grösst­mög­li­che Frei­heit. Die Ent­schei­dungs­spiel­räu­me unse­rer Selbst­ver­wirk­li­chung sind per­ma­nent garan­tiert, zu jeder Tages- und Nacht­zeit. Jeder ist zu jeder Zeit an jedem Ort was und wie er sein will: wir sind kom­pro­miss­los selbst­be­stimmt. Aber wer­den wir dadurch nicht auch durch jeden belie­bi­gen ande­ren aus­tausch­bar, iden­ti­täts­los? Anders gefragt: Was zeich­net unser Leben denn noch aus und unter­schei­det das ‹Leben› vom ‹Exis­tie­ren›? «Script­ed Life», am Thea­ter Neu­markt urauf­ge­führt, sucht nach Sinn und Ant­wort in die­sen Fragen.

Kari­na (Fran­zis­ka Wulf) steigt aus. Jah­re­lang arbei­te­te sie als Schau­spie­le­rin, spiel­te, tanz­te, wein­te, flüs­ter­te und schrie auf der Büh­ne; immer im Ver­such, Figu­ren sich selbst ein­zu­ver­lei­ben, nicht von ihnen ein­ver­leibt zu wer­den, immer mit dem Wunsch eines ‹Ichs›. Wenn aber nun jeder das ‹Ich› im ver­meint­li­chen ‹Selbst› der Mas­se sucht, ist es viel­leicht gera­de des­halb nicht zu fin­den: «Es waren ein­fach zu vie­le» begrün­det Kari­na ihren Aus­stieg und beschliesst von da an, sich zu ver­kau­fen, oder bes­ser: zu ver­mie­ten. Als «Schau­spie­le­rin für das eige­ne Leben» über­nimmt sie von nun an das Leben der ande­ren. Ihre lan­gen weis­sen Haa­re und Cyborg-ähn­li­ches Auf­tre­ten las­sen den Preis dafür erahnen. 

Erfolg­reich, ambi­tio­niert und stets «mit der rich­ti­gen Hal­tung» stör­te sich Lieb­mann (Alex­an­der Seibt) nie an einem feh­len­den ‹Selbst› oder sei­ner Ersetz­bar­keit. Im Gegen­teil, Lieb­mann wuss­te um das glück­li­che Leben, das er in der Mas­se führ­te. Als er dann eines Tages ein­fach zuhau­se blieb, aus­stieg, konn­te er sich das folg­lich selbst nicht erklä­ren. Eine gemie­te­te Schau­spie­le­rin soll für ihn vor­über­ge­hend die Regie in sei­nem Leben über­neh­men und ihm dadurch Zeit geben, im Dreh­buch sei­nes Lebens selbst wie­der neue Wen­dun­gen zu veranlassen. 

Wie will ich leben?

Das Pro­jekt «Script­ed Life» (Regie Kata­ri­na Schrö­ter, Dra­ma­tur­gie Dani­el Lerch) lehnt sich an Moti­ve von Andrej Tarkowski’s Sowjet-Film­klas­si­ker «Stal­ker». Im Raum der Wün­sche an der Chor­gas­se (Aus­stat­tung Regu­la Zuber) hin­ter­fra­gen die Spie­ler Lebens­an­sich­ten und Welt­bil­der, las­sen ‹Selbst› und ‹Fremd› kol­li­die­ren, ver­schmel­zen und ver­lan­gen nach Ent­schei­dun­gen. Dabei ist «Script­ed Life» aber mehr als ein blos­ses Gedan­ken­ex­pe­ri­ment. Wenn Kari­na und Lieb­mann in kur­zen All­tags­sze­nen das Leben zu fas­sen ver­su­chen, füh­ren sie den Zuschau­ern eine unge­ahn­te Rea­li­tät vor Augen: Wie will ich eigent­lich leben? Und wie lebe ich im Moment?

Gibt Lieb­mann der Schau­spie­le­rin Kari­na zu Beginn noch Regie­an­wei­sun­gen, wie sie ihn beim Früh­stück ver­liebt anzu­schmach­ten habe oder wie sie ihm bei­brin­gen sol­le, dass sie schwan­ger sei, ent­fer­nen sich sei­ne Sze­nen­an­lei­tun­gen mehr und mehr von sei­nem eige­nen Sein. Bald schon fin­det sich Kari­na in der Rol­le sei­ner Sitz­nach­ba­rin mit Flug­angst oder einer Blu­men­ver­käu­fe­rin wie­der. Schliess­lich gehen Lieb­mann selbst die­se fremd­ar­tig wir­ken­den Sze­nen­ideen gänz­lich aus. Das Leben ist durch­ge­spielt und gibt für ihn nichts mehr her. Wäh­rend­des­sen mau­sert sich Kari­na von einer Sta­tis­tin, über die Haupt­rol­le zur Solo­künst­le­rin – längst hat sie ihr ‹Ich› abge­streift und sich Lieb­mann einverleibt. 

Wenn ich du bin, was bist dann du?

Wenn Lieb­mann am Ende meta­phy­si­schen Selbst­mord begeht, um selbst fort­zu­ge­hen und das Leben eines ande­ren zu über­neh­men, wird klar: Selbst­be­stim­mung setzt Ent­schei­dungs­stär­ke vor­aus, Frei­heit wie­der­um gibt es nicht ohne den dau­ern­den Kampf und die nöti­ge Kraft, allei­ne dazu­ste­hen – und Din­ge zu tun, die eine Gesell­schaft auf der Über­hol­spur gar nicht mehr wirk­lich beherrscht, die sie längst ver­lernt hat. Leich­ter ist es dage­geb, sich unver­bind­lich mal alle Türen offen­zu­hal­ten, weg­zu­ge­hen, wenn es zu viel wird, bloss kei­ne end­gül­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen – und so sicher zu stel­len, dass im Zwei­fels­fall wie­der alles kor­ri­giert und unge­sche­hen gemacht wer­den kann.
«Script­ed Life» fühlt sich wie ein ganz rea­les Gedan­ken­ex­pe­ri­ment an. Es nimmt sei­nen Aus­gangs­punkt in uns allen und macht das Stück damit zu mehr als eben nur Thea­ter. Die Urauf­füh­rung im Thea­ter Neu­markt fühlt sich gross­ar­tig authen­tisch an und bleibt doch viel­schich­tig und kom­plex. Wie das Leben selbst, möch­te man anfügen.

: http://www.kulturkritik.ch/2013/scripted-life/



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