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laSt­aem­pf­lis Kul­tur­jahr 2020: Die Lie­be in Zei­ten von Corona

Janu­ar: World­ly statt Sel­fie. Ent­wurf einer digi­ta­len (Frauen)Demokratie für #50JahreFrauenstimmrecht

Zum Auf­takt des Jah­res ein Glücks­fall. Isa­bel Roh­ner, die fabel­haf­te Kri­mi­au­to­rin von „Schö­ner Mor­den“ und „Tau­ge­ni­xen“ gibt mit der eben­so ein­drucks­vol­len Irè­ne Maria Schäp­pi, Life­style-Che­fin von 20 Minu­ten, das wich­tigs­te Buch für das Jahr 2021 her­aus: 50 Jah­re Frau­en­stimm­recht im Lim­mat-Ver­lag. Heu­te ist es schon in der zwei­ten Auf­la­ge und ich hab ja dar­auf gewet­tet, dass es #Bestseller2021 wird. Ich bin eine der 25 Frau­en, die über Demo­kra­tie, Macht und Gleich­be­rech­ti­gung im Band mit einem Auf­satz ver­tre­ten ist. Natür­lich dreht sich bei mir alles um Kor­set­te: Daten, Kilos, Fik­tio­nen und die G‑Mafia. Ich bre­che das algo­rith­mi­sche Sto­rytel­ling und sehe mich in bes­ter Den­ke­rin­nen-Gesell­schaft: Alle im Buch ver­sam­mel­ten Arti­kel und Inter­views sind ein­fach DER HAMMER. Hier erwäh­ne ich den Jän­ner 2020, weil Isa­bel Roh­ner und Regu­la Stämpf­li sich über die­sem Pro­jekt via Twit­ter näher kamen. Eine digi­ta­le Lie­be auf ers­ten Tweet sozu­sa­gen, dar­aus ent­stand das unver­gleich­li­che Pro­jekt: „Die­Pod­cas­tin. Isa­bel Roh­ner und Regu­la Stämpf­li erklä­ren die Welt“, zu hören auf www.diepodcastin.de seit Juni 2020. 

Lite­ra­tur: 50 Jah­re Frau­en­stimm­recht. 25 Frau­en über Demo­kra­tie, Macht und Gleich­be­rech­ti­gung von Isa­bel Roh­ner und Irè­ne Schäp­pi (Hg), Lim­mat 2019.

Febru­ar: « Inscrip­ti­ons en rela­ti­on », Paris, Palais de la Por­te Dorée, 14–16 février 2020

Wel­che Fol­gen hat­te die glo­ba­le Finanz­kri­se von 2008 ? Chi­nas über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­ti­sche Dik­ta­tur fin­det auch im Wes­ten ihre Able­ger, die Schweiz schliesst 2014 ein Han­dels­ab­kom­men mit der Welt­macht ab; TTIP wird nur durch die Wahl von Donald Trump ins Weis­se Haus ver­hin­dert – die ein­zi­ge posi­ti­ve Wir­kung des Irren in Washing­ton. Die Demo­kra­tie Grie­chen­lands wird 2015 durch den Finanz­coup Schäubles in die Knie gezwun­gen; Ter­ror­an­schlä­ge in Niz­za, Mün­chen, Paris; 2016 Brexit; Erdo­gans Macht­über­nah­me der Tür­kei; anti­se­mi­ti­sche Nar­ra­ti­ve, die von der Lin­ken bis zu den Rechts­extre­men in Polen wie Ungarn beklatscht wer­den; die Erobe­rung der Welt durch digi­ta­le Kre­dit­punkt­sys­te­me (Stämpf­li in swiss­fu­ture 1/2020). Am 10. Febru­ar 2020 berich­tet der Tages-Anzei­ger von einer Heu­schre­cken­pla­ge in Ugan­da. In Euro­pa macht das Virus mit dem Namen Coro­na ziem­lich schnell Kar­rie­re: Auch in Paris küs­sen sich Frem­de erst nach eini­gem Zögern oder gar nicht mehr. Am 5. Febru­ar war ich noch in Luzern, hab mit Vor­trag zur „Zukunft der Arbeit“ gutes Geld ver­dient, mei­ne zau­ber­haf­te Freun­din besucht und mich auf vier Tage post­ko­lo­nia­lis­ti­sche Theo­rie vor­be­rei­tet. Achil­le Mbem­be, gros­ser Den­ker, unein­sich­ti­ger Isra­el-Has­ser mit üblen anti­se­mi­ti­schen Ein­schlag, meint: „Es gibt kei­nen Ort der Welt, an dem wir Afri­ka­ner will­kom­men sind, nicht ein­mal in Afrika.“(SZ 10.1.2020) Die Kon­fe­renz in Paris zitiert die­sen Satz nur, es sind tumul­te Tage, weh­müh­tig ver­las­se ich die Stadt wis­send, dass es wohl lan­ge dau­ern wird bis ich hier wie­der vor dem Gare du Lyon tan­ze. Den letz­ten öffent­li­chen Auf­tritt habe ich nach mei­ner Paris-Rei­se in Ingold­stadt bei der wun­der­ba­ren Janice Gon­dor, respek­ti­ve Petra Klein und den ande­ren vie­len tol­len Frau­en und Män­ner der Grü­nen Par­tei Deutsch­lands. Ich habe die Ehre, die Ascher­mitt­woch­re­de zu hal­ten. Und das war es dann.

Lite­ra­tur: Rue­di Baur. Visu­el­les Tage­buch Coro­na: ruedi-baur.eu

März: Cla­ra von Rap­pard und mys­te­riö­se Lungenkrankheit

Post­trau­ma­tisch kom­ple­xe Stö­run­gen auf­grund jahr­zehn­te­lan­ger Unsicht­bar­ma­chung und Stig­ma­ti­sie­rung von Frau­en wer­den von der männ­li­chen Fach­welt ger­ne her­un­ter­ge­spielt. Dies ist kein Miss­ge­schick und der Lauf der Geschich­te, son­dern Gewalt. Im Kunst­mu­se­um Bern bestaun­te ich die mir bis­her unbe­kann­te Cla­ra von Rap­pard (1857–1912) zum The­ma „Die Auf­lö­sung des Men­schen in der Land­schaft.“ Die Schwei­zer Male­rin war Noma­din wie ich: Sie lern­te in Vene­dig, Ber­lin, Rom, Han­no­ver, Mün­chen, sie galt zu ihrer Zeit als bekann­tes­te Künst­le­rin der Schweiz. Ihre Arbei­ten wur­den in Eng­land, Frank­reich, Schweiz und den USA gezeigt, sie hat­te ver­schie­de­ne Ein­zel­aus­stel­lun­gen in Deutsch­land und… sie wur­de von der bis in die Kno­chen patri­ar­cha­len Kunst­welt nach ihrem Tod so ver­leug­net wie alle ande­ren gros­sen Künst­le­rin­nen, so dass selbst 2020 beschränk­te Jour­na­lis­ten fra­gen: „Wes­halb gibt es so wenig gros­se Künst­le­rin­nen?“ Rap­pards „Die Jungrau im Nebel“ erzählt davon wie ver­letz­lich Natur und Men­schen gegen­über den gewal­ti­gen Maschi­nen­kräf­ten gewor­den sind, atem­be­rau­bend schön. Dies passt zum Frei­tag, dem 13. März, dem Tag als der euro­pa­wei­te Lock­down begann. Die mys­te­riö­se Lun­gen­krank­heit, wie sie im Janu­ar 2020 noch bezeich­net wur­de, hat­te nicht nur einen Namen, son­dern einen Fach­be­griff: Die Corona-Pandemie.

Lite­ra­tur: Gre­at Women Artists. Phaidon.

April: Hel­din­nen des All­tags. Sogar der Papst mel­det sich.

Coro­na – wie Covid19 noch heisst– ver­wan­delt den Him­mel in ein unend­li­ches Blau und ver­ord­net Euro­pa eine gros­se Stil­le. Die­se Ruhe gilt nur für Eini­ge: Denn auch in Coro­na blei­ben die Haben­den glei­cher, pri­vi­le­gier­ter, frei­er, geseg­ne­ter, viel­fäl­ti­ger als die Nicht-Habenden.

Plötz­lich reden alle von „sys­tem­re­le­van­ten Beru­fen“ und mei­nen eigent­lich die Frau­en, die jedoch durch sol­che Begrif­fe unsicht­bar gemacht wer­den. Ja klar. Es gibt die Müll­män­ner, Feu­er­wehr und die Bus­fah­rer. Beru­fe, die Frau­en lan­ge ver­wehrt wur­den. Pfle­ge, Ver­wal­tung, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen indes­sen sind zum Gross­teil weib­lich und des­halb wenig sicht­bar, wenig aner­kannt und wenig ent­löhnt. „Män­ner erklä­ren, wie sys­tem­re­le­vant Frau­en sind“ bringt die klu­ge For­sche­rin Eliza­beth Prom­mer die­sen Sach­ver­halt auf den Punkt. Gleich­zei­tig geben wich­ti­ge Män­ner­in­ten­dan­ten lamen­tie­ren­de Inter­views zu Kunst und Kul­tur. Auch der Papst, Schirm­herr der mäch­tigs­ten glo­ba­len Män­ner­or­ga­ni­sa­ti­on neben Black­Rock, twit­ter­te eine Bot­schaft aus Rom: „Ihre Arbeit ist kein Job, viel­mehr Beru­fung und Hin­ga­be. Dafür geben sie in die­ser Zeit ein hel­den­haf­tes Bei­spiel.“ Doch mit schö­nen Wor­ten „hat noch nie­mand gfräs­sä“ wie mei­ne Mut­ter zu sagen pfleg­te. Vie­len von uns wur­de über Nacht Beru­fung weg­ge­nom­men. Ich ken­ne zahl­rei­che weib­li­che Kul­tur­schaf­fen­de, die sich im Lau­fe von 2020 völ­lig aus­bil­dungs­frem­de Jobs suchen muss­ten. Vie­le von ihnen sind im Bil­dungs­we­sen und in der Pfle­ge unter­ge­kom­men. Eini­ge blei­ben bei ihren gut­ver­die­nen­den Ehe­män­nern und wie­der ande­re sind ein­fach am Rand ihrer Kräf­te, wis­sen nicht wirk­lich, wie sie ihr Leben wei­ter finan­zie­ren kön­nen. Von der Kin­der­be­treu­ung mag ich gar nicht reden, sonst höre ich nicht auf zu schrei­en. Vor allem in Deutsch­land hat die Coro­na-Mise­re ein weib­li­ches Gesicht. In der Schweiz hel­fen zwar Über­brü­ckungs­kre­di­te, doch über­all zieht der eisi­ge Wind des Auto­ri­ta­ris­mus und Denun­zi­an­ten­tums ein. Coro­na ist nur für die­je­ni­gen eine Chan­ce, die sich Glück leis­ten können.

Lite­ra­tur: Gabrie­le Win­ker. CARE Revo­lu­ti­on. Schrit­te in eine soli­da­ri­sche Gesell­schaft, schon von 2015. Hil­ma Lutz. Die Hin­ter­büh­ne der Care-Arbeit. Trans­na­tio­na­le Per­spek­ti­ven auf Care-Migra­ti­on im geteil­ten Euro­pa, 2018 im Beltz Verlag.

Mai: Das chi­ne­si­sche Virus stürzt die west­li­chen Demo­kra­tien in den Abgrund

Die Kom­bi­na­ti­on von «mono­kau­sa­len Nar­ra­ti­ven» und «viro­lo­gisch basier­ter Daten­ho­heit» habe ein «Zeit­al­ter der tota­len Gewiss­heit» geschaf­fen, schreibt die Poli­tik­wis­sen­schaf­te­rin Regu­la Stämpf­li für die NZZ. In ganz Euro­pa erstar­ken die Qua­li­täts­me­di­en: Die Leu­te wol­len Urteils­kraft, die Ein­ord­nung von rich­tig und falsch, von wahr­haf­tig und fake. Ich erin­ne­re an alte Wahr­hei­ten der Phi­lo­so­phie. Dar­an, dass der Ver­stand sehr wohl mit Sta­tis­ti­ken so ver­wirrt wer­den kann, dass Frei­hei­ten über Nacht ver­schwin­den. Die übli­chen Ver­däch­ti­gen, die Män­ner­meu­te in eini­gen Zei­tun­gen ver­su­chen mir mit die­sem NZZ-Text eine „Quer­den­ke­rin“ zu machen, was ihnen so kläg­lich miss­lingt, dass eini­ge sogar ihren Pos­ten räu­men müs­sen. Mei­ne Ana­ly­se aus „Trum­pism. Ein Phä­no­men ver­än­dert die Welt“ hält nicht nur Bestand, son­dern fin­det gros­se Ver­brei­tung: „Daten­ge­stütz­te Wahr­hei­ten, kom­bi­niert mit post­mo­der­nen Nar­ra­ti­ven, inten­die­ren letzt­lich, mono­kau­sal den Sieg über die kom­ple­xe Wirk­lich­keit zu errin­gen. Die neu­en digi­ta­len Her­ren inklu­si­ve ihrer Instru­men­te «Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus» sowie «Digi­ta­ler Über­wa­chungs­staat» zer­stö­ren mit­tels der «Algo­rith­mi­sie­rung der Welt» empi­ri­sche Rea­li­tä­ten mit der­art prä­zi­se berech­ne­ter Schlüs­sig­keit, dass der Unter­schied zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät für die meis­ten von uns nicht mehr erkenn­bar ist.“ Im Janu­ar 2021 ist vom „chi­ne­si­schen Virus“ kei­ne Rede mehr, Donald Trump sei Dank. Nur weil der Fal­sche mal etwas Rich­ti­ges gesagt hat, wird zwar das Rich­ti­ge nicht falsch, doch dies ist den Shit­tro­o­pern die­ser Welt egal. Des­halb wird Kai Stritt­mat­ter nicht bei Mar­kus Lanz ein­ge­la­den, obwohl er mit „Die Neu­erfin­dung der Dik­ta­tur. Wie CHINA den digi­ta­len Über­wa­chungs­stat auf­baut uns und damit her­aus­for­dert“ das Grund­la­gen­werk für west­li­che Demo­kra­tien geschaf­fen hat. Über­haupt: Die wirk­lich rele­van­ten The­men gehen im Coro­na-Jahr unter. Olaf Scholz bei­spiels­wei­se wird trotz Wire­card Kanz­ler­kan­di­dat, echt jetzt?

Lite­ra­tur: Regu­la Stämpf­li. Trum­pism, Ein Phä­no­men ver­än­dert die Welt. Müns­ter­ver­lag 2018.

Juni: Del­fi­ne in Venedig

Die schreck­li­chen Bil­der aus Ber­ga­mo wei­chen dem Still­stand zuguns­ten der Natur. An nor­ma­len Tagen fla­nie­ren Hun­dert­tau­sen­de von Tou­ris­ten durch die Alt­stadt in Vene­dig. Gon­del­fahr­ten, Fast-Food, Bil­ligs­ou­ve­nirs, lan­ge Schlan­gen vor dem Gug­gen­heim-Muse­um prä­gen den glo­ba­len Wahn­sinn, der die schöns­te Stadt der Welt zer­stört. 2020 erwacht Vene­dig und die Venezianer*innen. Erst­mals wur­de seit 60 Jah­ren in Vene­dig ein Del­fin gesich­tet, Schwä­ne, Wild­schwei­ne und Kat­zen erober­ten sich die lee­ren Plät­ze zurück. An eini­gen Stel­len konn­ten wir sogar bis auf den Grund der Kanä­le sehen. Noch im Janu­ar instal­lier­te Vene­dig für den Kar­ne­val Kame­ras, um die Per­so­nen zu zäh­len. Kame­ras blie­ben, Kar­ne­val wur­de abge­sagt. Ab Juli 2020 woll­te Vene­dig ein Ein­tritts­geld von drei Euro für Ein­tags-Tou­ris­ten ver­lan­gen. Mitt­ler­wei­le hat sich die Stadt erholt, hof­fent­lich kos­ten Ein­tags­tou­ris dann 100 Euro, wenn die Pan­de­mie vor­bei ist. Vene­dig hat sei­ne See­le wie­der­ge­fun­den und soll sie doch bit­te für alle Ewig­keit behalten.

Lite­ra­tur: Kla­ra Ober­mül­ler. Die Glo­cken von San Pan­ta­lon, Xan­thip­pe 2020, 162 Seiten.

Juli: James Bond ist noch das kleins­te Problem

Abge­sagt: Die Fes­ti­val­ver­an­stal­ten­den sind „Les Misé­ra­bles“ im 2020. James Bond wird ver­tagt. Doch dies ist defi­ni­tiv nicht wich­tig: Es hagelt über­all virus­be­ding­te Absa­gen. Bach-Fes­ti­vals, Klein­kunst­ta­ge, Tanz­ta­ge, Jugend musi­ziert, Tech­no­clubs, Jazz-Fes­ti­val, das bes­te aller Fes­ti­vals über­haupt, das ORANGE BLOSSOM IN BEVERUNGEN, mein heiss­ge­lieb­tes OBS (sie­he Bild): ABGESAGT. Noch am 5. März 2020 mel­de­te das Open­air Frau­en­feld, dass das Fes­ti­val zu „100 Pro­zent“ statt­fin­de. Es kam anders. Die Fes­ti­val­be­trei­ben­den wur­den von den Behör­den, par­don der Aus­druck, teils wie Scheis­se behan­delt: Es gab kei­ne Ein­tschei­dungs­si­cher­heit, kei­ne soli­den recht­li­chen Grund­la­gen, kei­nen Plan – das gan­ze Jah­re wur­de hin- und her­la­viert. Dabei war klar: Eigent­lich herrscht mit dem Virus Krieg gegen alles, was unser nor­ma­les Leben aus­ge­macht hat. Doch statt den Kriegs­zu­stand, wie in Frank­reich dekla­riert, schwa­fel­ten die Sta­tus­quo-Mana­ger vom „neu­en nor­mal“. Die gröss­ten Pro­fi­teu­re des Krie­ges sind und blei­ben die Online­diens­te. Statt von Heim­ar­beit reden Medi­en von „Home­of­fice“, statt von „pri­va­ti­sier­te Heim­schu­lung“ puschen die Nar­ra­ti­ve „Home­schoo­ling“: Das Bank­sprech, die­ses Schwa­feln statt Benen­nen, fei­ert Höchst­stand. 15–20 Pro­zent der welt­wei­ten Kinos wer­den anders­wei­tig genutzt wer­den oder zuma­chen. Net­flix und CO. müss­ten zu mil­li­ar­den­schwe­ren Steu­ern ver­don­nert werden.

Lite­ra­tur: Shos­han­na Zuboff, Das Zeit­al­ter des digi­ta­len Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­mus, Cam­pus Ver­lag 2018. Mitt­ler­wei­le auch im Taschen­buch erhältlich.

August: Man­gels Kul­tur kommt die Verschwörung

Das für alle poli­tisch Ver­sier­te meist­ge­hass­te Wort im Lexi­kon der Unwör­ter 2020 ist „Ver­schwö­rungs­theo­rie“. Jede demo­kra­ti­sche Kri­tik an der Selbst­ver­ständ­lich­keit des „neu­en nor­mal“ wird in die Ecke der Covidio­ten gewischt. Dass die Volks­re­pu­blik Chi­na als dezi­dier­te Welt­macht von der Pan­de­mie in den west­li­chen Demo­kra­tien enorm pro­fi­tiert, selbst wenn der Welt­han­del zum Erlah­men gekom­men ist, gilt als „ras­sis­tisch“. Bill Gates Stif­tung ist tat­säch­lich nicht ein­fach Gut­men­schen­in­sti­tu­ti­on, son­dern in teils üble Geschäf­te ver­strickt. Dass die Phar­ma­in­dus­trie in den USA für die schlimms­te Dro­gen­kri­se aller Zei­ten ver­ant­wort­lich ist, dar­über berich­tet sogar auch der hoch­se­riö­se Deutsch­land­funk. Am Oxcon­tin-Bei­spiel lässt sich sehr gut zei­gen, wie eng Medi­en, Fashion, Trends, Life­style und Phar­ma­bran­che zusam­men­hän­gen, ohne ‚Covidi­ot’ zu sein. 15 Mil­li­ar­den Dol­lar haben die Sack­ler seit 1996 am auf Opi­at­ba­sis basie­ren­den Schmerz­mit­tel ver­dient. Die Pain­kil­lers wur­den jah­re­lang wie Vit­ami­ne ver­schrie­ben. Opi­ate machen aus Men­schen Abhän­gi­ge im umfas­sens­ten Sinn: Sie inter­es­sie­ren sich für nichts mehr wirk­lich aus­ser für die nächs­te Dosis. In der Schweiz steigt die Nach­fra­ge an Schmerz- und Schlaf­mit­teln. Swiss­me­dic zählt von 2011 bis 2018 eine Ver­drei­fa­chung der ver­schrie­be­nen Mit­tel. Covid 19 liess die poli­ti­sche Dis­kus­si­on über Pil­len statt Demo­kra­tie ver­stum­men. Dabei ist klar, dass gera­de Psy­cho­phar­ma­ka auto­ri­tä­ren Regimes hel­fen, völ­lig ent­frem­de­te Lebens­be­din­gun­gen als nor­mal zu emp­fin­den. Der Schwei­zer Mar­co Kovic, Mit­be­grün­der des neo­li­be­ra­len Thinktanks ZIPAR (Zurich Insti­tu­te of Public Affairs Rese­arch) bei­spiels­wei­se wischt jede Kri­tik an Macht­ver­hält­nis­sen mit dem Hin­weis auf Ver­schwö­rungs­theo­rien ab: „Ver­schwö­rungs­theo­rien geben uns ein Gefühl von Kon­trol­le und Gebor­gen­heit.“ Well, Nein! Ver­schwö­rungs­theo­rien die­nen den Herr­schen­den dazu, die Gewal­ten­tren­nung, die Recher­che, Kon­trol­le, Gegen­re­de, Kri­tik, die Benen­nung der Zustän­de mit­hil­fe der demons­trie­ren­den Eso­te­ri­kern, pein­li­chen Mit­tel­al­ter­frau­en, tan­zen­den Öko­freaks und üblen rechts­extre­men Covidio­ten lächer­lich zu machen. So geht Demo­kra­tie natür­lich nicht. Vor allem auch weil bei aller Ver­schwö­rung eines ver­ges­sen wird: Ver­schwö­rungs­theo­rien sind so prä­sent weil sie so gigan­tisch effi­zi­ent via Twit­ter, Face­book, Tik­tok, You­Tube und Goog­le maschi­nen­be­trie­ben sind. Ken­nen Sie Maja Plis­sez­ka­ja (1925 bis 2015)? Sie starb in Mün­chen, nach­dem sie den Sta­li­nis­mus über­lebt hat und zur erfolg­reichs­ten Pri­ma­bal­le­ri­na, Cho­reo­gra­fin und Künst­le­rin welt­weit wur­de. Sie ver­starb in mei­ner neu­en Hei­mat Mün­chen und hät­te stun­den­lang zu ihrem Leben, ihren Lenin-Gedenk­me­dail­len, ihren Ansich­ten zu Kunst und Poli­tik inter­viewt wer­den müs­sen. Auf You­Tube kann die gött­li­che 50jährige in einem „Swan“ bewun­dert wer­den, der einem zu Trä­nen rührt. Was sie mit Ver­schwö­rung zu tun hat? Sie hät­te uns als Rus­sin ALLES dazu erklä­ren kön­nen. Doch lei­der hat mann sie nicht gefragt.

Lite­ra­tur: Maja Göpel. Unse­re Welt neu den­ken. Eine Einladung.

Sep­tem­ber: Demo­kra­tie MACHT Digital

„Der Mensch ist frei gebo­ren, doch heu­te liegt er schon vor der Geburt in eng geschnür­ten Daten­pa­ke­ten.“ (Zitat Regu­la Stämpf­li, Initia­to­rin, Lei­te­rin und Mode­ra­to­rin der Veranstaltung)

- Wis­sen­schaft­le­rin­nen wer­den, falls sie Gen­der unter­su­chen, bei Peer-Reviews nur zur Hälf­te – im Ver­gleich zu Män­nern – berücksichtigt.

- Codes sind män­ner­spe­zi­fisch: Es gibt bei Algo­rith­men nur ein Geschlecht, das männ­li­che. Alles ist ent­we­der m oder m+.

- Der Kampf um Sicht­bar­keit von Frau­en hat sich durch die Digi­ta­li­sie­rung mas­siv ver­schärft und zu Unguns­ten der Frau­en entwickelt.

DEMOCRACY DATA GAP nennt dies die Zukunfts­wis­sen­schaf­te­rin Dr. Regu­la Stämpfli.

„Digi­ta­le Demo­kra­tie“ ist eigent­lich ein Oxy­mo­ron: „Digi­tal“ ist künst­lich, „Demo­kra­tie“ welt­lich. Die vir­tu­el­le Welt ist punk­to Demo­kra­tie so löch­rig wie ein Emmen­ta­ler. Es gibt vie­le Pro­jek­te zur „digi­ta­len Demo­kra­tie“, doch lei­der immer noch zu weni­ge inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Demo­kra­ti­sie­rung des Digi­ta­len. Die swiss­fu­ture-Kon­fe­renz in Zusam­men­ar­beit mit der TA Swiss wid­me­te sich am 23. Sep­tem­ber 2020 unter der Lei­tung der Polit­phi­lo­so­phin Regu­la Stämpf­li im Muse­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on in Bern, erfolg­reich und nach­hal­tig die­ser Fra­ge­stel­lung. Die Kon­fe­renz zeig­te wie wich­tig die Demo­kra­ti­sie­rung der Digi­ta­li­sie­rung ist und weni­ger die Digi­ta­li­sie­rung der Demo­kra­tie, die eher einen tech­ni­schen Dis­kurs beför­dert statt den demo­kra­ti­schen und politischen.

Lite­ra­tur: Caro­li­ne Cria­do-Perez, Unsicht­ba­re Frau­en, btb-Ver­lag 2020.

Okto­ber: #ers­tes­Mal

Mein ers­tes Mal war 1983, damals noch in der DDR. Über die­ses schrieb Umber­to Eco: „Wenn Sie mich fra­gen, mit wel­cher Frau der Kunst­ge­schich­te ich essen gehen und einen Abend ver­brin­gen möch­te, wäre da zuerst Uta von Naum­burg.“ 2020 wie­der­hol­te ich mein ers­tes Mal und beschäf­tig­te mich, dank eines fabel­haf­ten Pro­jek­tes unse­res Medi­en­bü­ros in Mün­chen, wie­der mit der Uta von Bal­len­stedt (1000–1046). Lan­ge Jahr­hun­der­te blieb sie ver­ges­sen bis sie im 19. Jahr­hun­dert wie­der­ent­deckt und eine Schön­heits­kar­rie­re als Muse bedeu­ten­der Schrift­stel­ler begann. In den 1930er Jah­ren erho­ben sie die fascho­äs­the­ti­sie­ren­den Nazis zum Sinn­bild der deut­schen Frau. Walt Dis­ney ver­lieh der bösen Stief­mut­ter im „Schnee­witt­chen“ 1937 die Gesichts­zü­ge der Uta von Naum­burg. Und ich habe in mei­nen Kunst­agen­den end­lich zwei Ein­trä­ge zu Uta: 1983 und 2020, was mich zu „jedem Anfang wohnt der Zau­ber inne“ bringt, der punk­to Frau­en wohl eher „jeder Anfang ist 150 Jah­re zu spät“ heis­sen sollte.

Dank Isa­bel Roh­ner und #Die­Pod­cas­tin erfah­re ich Sinn­lich­keit, Neu­gier­de, Lebens­lust, Ent­de­ckungs­eu­pho­rie, Unsicht­bar­keit und weib­li­che Soli­da­ri­tät wie ein neu­ge­won­nes Femi­nis­tin­nen­le­ben. Es gilt zu zele­brie­ren: Die Pod­casts von Frau­en, die Online­sei­ten von #50JahreFrauenstimmrecht, #CH2021 die gros­se Zita Küng, #Her­Sto­ry, #dasers­te­mal, #kom­po­nis­tin­nen (von Susan­ne Wos­nitz­ka), das neue Buch der genia­len Hed­wig Rich­ter, die gros­se Lui­se F. Pusch, #Frau­en­zaeh­len, #Pro­Quo­te , die Mali­sa-Stif­tung von Maria Furtwäng­ler und Lisa Bur­da, alle Posts von Inge Bell; ach, es gibt nicht genü­gend Platz, um ihnen allen zu hul­di­gen. Thea, der Blog zu „Frau­en in Spra­che, Medi­en und Gesell­schaft“ will ich hier extra erwäh­nen. Dann ihr #ers­tes­Mal und #nach­ge­zaehlt sind wie fembio.org Fund­gru­ben für Grund­la­gen­wis­sen von, für Frau­en und Diverse.

Lite­ra­tur: Klas­si­ke­rin­nen des moder­nen Femi­nis­mus von Lui­se F. Pusch, Caro­la Mei­er-See­tha­ler, Eli­sa­beth List, Her­ta Nagl-Doce­kal, Sen­ta Tröm­mel-Plötz, Bri­git­te Weiss­haupt, ein-FACH-verlag.

Novem­ber: BLACK LIVES MATTER

Eine gan­ze Woche war der berühm­te Hol­ly­wood Bou­le­vard in Los Ange­les im August abge­sperrt. Der Grund dafür war nicht etwa Coro­na, son­dern die Instal­la­ti­on des Stras­sen­ge­mäl­des für die „Black Lives Mat­ter“- Bewe­gung. Am 13. Juni war es zu Riots in ganz Ame­ri­ka gekom­men als Hun­dert­tau­sen­de gegen Ras­sis­mus und Poli­zei­ge­walt ame­ri­ka- und euro­pa­weit demons­trier­ten, nach­dem der Afro­ame­ri­ka­ner Geor­ge Floyd von der Poli­zei in Min­nea­po­lis ermor­det wor­den war. Der Schrift­zug in Regen­bo­gen­far­ben, als Ehrung auch der LGBTQ-Com­mu­ni­ty erin­nert nun in der pro­mi­nen­ten Film­stras­se an die Ereig­nis­se des Jahres.

Wes­halb erwäh­ne ich dies im Monat Novem­ber? Weil ich der Über­zeu­gung bin, dass ähn­lich des #MeToo die #Black­Li­ve­s­Mat­ter peu à peu die Welt nach­hal­tig ver­än­dern wer­den. Am Ran­de der Demons­tra­tio­nen kam es zwar immer wie­der zu anti­se­mi­ti­schen Aus­fäl­len, weil sich die Lin­ke und isla­mi­sche Krei­se nie zu einer kom­pro­miss­lo­sen Unter­stüt­zung des Exis­tenz­rechts von Isra­el durch­rin­gen kön­nen. Es gibt noch zuvie­le blin­de Fle­cken in den pro­gres­si­ven Krei­sen, „Blind­spi­ra­le“ nen­ne ich dies und hab dazu sogar eine poli­ti­sche Theo­rie ent­wi­ckelt. Macht Bewe­gun­gen gegen Faschis­ten, Rechts­extre­me, Ras­sis­ten, Sexis­ten wirk­lich bes­ser, wenn inner­halb der eige­nen Rei­hen regel­rech­te Säu­be­rungs­kam­pa­gnen auf Twit­ter insze­niert wer­den? Nein. Wer #BLM will, soll­te ein­fach auf Michel­le hören… sie­he Literaturtipp.

Lite­ra­tur: Michel­le Oba­ma, Becoming.

Dezem­ber: Iko­no­gra­fie des Fehlens

Die Kul­tur-Jah­res­bi­lanz von 2020 ernüch­tert. Hier ein paar Fragmente.

#Auf zwei Män­ner kommt eine Frau…best case.

#Män­ner schrei­ben über Män­ner, zitie­ren Män­ner, dre­hen sich um Män­ner, füh­ren unter Män­ner Män­ner­de­bat­ten und insze­nie­ren sich in Män­ner­aus­stel­lun­gen wie „Der erschöpf­te Mann“ im schwei­ze­ri­schen Natio­nal­mu­se­um. Unter einem ewig­glei­chen Män­ner-Kura­to­ren­team Stei­ner, Zwei­fel und Direk­tor Spill­mann wer­den frau­en­lo­se Aus­stel­lun­gen am bes­ten Platz in Zürich jahr­zehn­te­lang zele­briert. Eine Dada-Aus­stel­lung 2016 mit einem “Damen­kränz­chen”, ächz, 2018 ein übles 1968er – Revi­val vol­ler Män­ner mit einer lächer­li­chen Frau­en­grup­pe an ihrer Sei­te. 30 Mio Fran­ken haben die Natio­nal­mu­se­en in der Schweiz jähr­lich zur Ver­fü­gung und brin­gen KEINE EINZIGE FRAUENAUSSTELLUNG zustan­de. Aber wenn frau was sagt, gilt sie als schwie­rig und die Kom­men­ta­to­ren win­seln: Can­cel­cul­tu­re, ver­rückt, nicht wahr?

#Von 2008 bis 2018 zeig­te das Kunst­haus Zürich gan­ze 15 Pro­zent Künst­le­rin­nen in Ein­zel­aus­stel­lun­gen. 2021 wird es gera­de eine schaffen.

#Män­ner, die Män­ner­bü­cher rezen­sie­ren, tun dies viel län­ger, lang­wei­li­ger und umfang­rei­cher als wenn es um Frau­en­bü­cher geht.

Bir­te Vogel hat im thea-blog mal nach­ge­zählt sie­he thea-blog.de . Eli­sa­beth Eber­le führt für die Schweiz Buch sie­he https://artemisia.blog/2019/11/22/einseitig-maennerlastig-kaum-kuenstlerinnen-im-kunsthaus-zuerich/ Isa­bel Roh­ner und Regu­la Stämpf­li räu­men auf und kom­men­tie­ren die Welt aktu­ell in www.diepodcastin.de

Dafür war 2020 das Jahr von Hed­wig Rich­ter. Sie erzählt die Demo­kra­tie, wie sie wirk­lich war und sein soll­te: Die Eman­zi­pa­ti­on von Frau­en. Auf ein Fro­hes 2021 von laSt­aem­pf­li ali­as Prin­cess Leia.

Lite­ra­tur: Hed­wig Rich­ter. Demo­kra­tie. Eine deut­sche Affä­re. Vom 18. Jahr­hun­dert bis zur Gegenwart.