laSt­aem­pf­lis Kul­tur­jahr 2019

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Janu­ar: Ski­fah­ren eine aus­ster­ben­de Kulturtechnik

Frü­her gehör­te Ski­fah­ren zur Schweiz wie die Toble­ro­ne nach Bern. Doch die Mat­ter­horn­schog­gi ging zu einem US-Gross­kon­zern, aus der ehe­ma­li­gen Fabrik wur­de das „Tobler-Are­al“ für die Uni. Ski­la­ger in Schwei­zer Schu­len sind auch eine Rari­tät gewor­den, meist fal­len sie dem Rot­stift zu Opfer. Heu­te sind es Kin­der mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die Ski­fah­ren nur als Luxus­s­port ken­nen; in mei­ner Jugend waren es die Arbei­ter­kid­dies. Ich erin­ne­re mich noch gut an mein klas­sisch-grie­chi­sches Gym­na­si­um. Unser Klas­sen­leh­rer frag­te im Vor­feld des Ski­la­gers von oben her­ab: „Übri­gens. Es gäbe noch eine Kas­se für Min­der­be­mit­tel­te, die sich die Feri­en nicht leis­ten kön­nen. Ist einer die­ser Sor­te in die­ser Klas­se?“ Selbst­ver­ständ­lich hielt ich mei­ne Hand hoch, denn mei­ne Mut­ter und mein meist arbeits­lo­ser Vater konn­ten weder Ski­aus­rüs­tung, Ski­an­zü­ge noch Ski Abos berap­pen. Die Demü­ti­gung ging im Ski­la­ger über­gangs­los wei­ter. Eine Pro­fes­so­ren­toch­ter, die nie was aus ihren Best­no­ten im Kir­chen­feld anstel­len soll­te, erblick­te mich im Migros Ski Anzug und rief süf­fi­sant: „Haha­ha, schaut mal alle her. Die Regu­la ist eine Migros-Fah­re­rin“. Dabei sah ich im Anzug super aus und auf dem Sie­ger­po­dest stand ich in der Abfahrt auf dem drit­ten (!) Platz. Dies, obwohl ich mir die fünf Wochen­en­de vor­her sel­ber das Schi­fah­ren bei­gebracht hat­te. Seit­dem weiss ich: Wenn ich will, dann will auch die Welt. Ein Win­ter ohne Ber­ge ist für mich wie ein Tag ohne bri­ti­schen Humor: pos­si­ble but never desired.

Dolo­mi­ten in Pola­roid­look von laSt­aem­pf­li. Jaja­ja, Foto­gra­fen, not good. Aber mir egal: Lie­ber ein Pola­roid statt Perfekt.…

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Febru­ar: Nackt. Die Kunst der Blösse

Der wohl­ge­form­te Hin­tern glänz­te über­all: Von Mün­chen nach Zürich bis zu sei­nem Aus­stel­lungs­ort Basel. Das Anti­ken­mu­se­um Basel und die Samm­lung Lud­wig besuch­te ich nicht zuletzt wegen der über­aus gelun­ge­nen Wer­bung für die Aus­stel­lung „Nackt“. Die „Aphro­di­te Kal­li­py­gos“, mein Alter-Ego sozu­sa­gen, respek­ti­ve „die mit dem schö­nen Hin­tern“, ist über 2100 Jah­re alt und war zu Gast in die­sem tol­len Muse­um, das den Charme einer Welt von Ges­tern per­fekt ver­sprüht. Scha­de nur, dass das Muse­um viel zuwe­nig Ver­an­stal­tun­gen mit zeit­ge­nös­si­schen Kul­tur- und Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin­nen offe­riert: Was hät­ten wir doch Span­nen­des zu erzäh­len! Allein über die öster­rei­chi­sche „Venus von Wil­len­dorf“ wür­den neun Aben­de kaum rei­chen, soviel gäbe es über matri­ar­cha­le Netz­wer­ke und Moder­ni­tät avant la lett­re und jen­seits des Machofeuil­le­tons zu berich­ten. Die nack­te Göt­tin war zu Beginn der Mensch­heit Ver­heis­sung von Frucht­bar­keit und Trans­for­ma­ti­on. Doch schon bei den Schrift­ge­lehr­ten in Ägyp­ten bedeu­te­te die Nackt­heit Skla­ve­rei. Mit der Schrift kam die Klei­dung und damit fast ewi­ge Hier­ar­chie. Seit­dem wird die Blös­se von männ­li­cher Macht dazu benutzt, Opfer zu kre­ieren: Opfer des Voy­eu­ris­mus, Opfer der Schutz­lo­sig­keit, Opfer sexu­el­ler Gewalt in unzäh­li­gen Bil­dern. Künst­ler sind lei­der oft erkenn­bar als wil­li­ge Voll­stre­cker iko­no­gra­phi­scher Domi­nanz: Von der Lust bis zum Tod.

Die Aus­stel­lung war wirk­lich ein­zig­ar­tig und das „Anti­ken­mu­se­um Basel und die Samm­lung Lud­wig“ ver­die­nen jede Wer­bung. Und wer weiss: Viel­leicht kom­men die Ver­ant­wort­li­chen ja wirk­lich noch auf die Idee, die zeit­ge­nös­si­schen Den­ke­rin­nen zu einem neu­en Rei­gen in die Räu­me vol­ler gött­li­cher, anti­ker und nack­ter Botin­nen der Inspi­ra­ti­on zu laden. Ich wäre jeden­falls sofort dabei.

Frucht­bar­keits­göt­tin­nen: Gross, breit, weib­lich schön.

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März: Sagmeister&Walsh „On Beauty“

Ste­fan Sag­meis­ter traf ich an einer Preis­ver­lei­hung in Köln 2006. Ich unter­rich­te­te damals auf Ein­la­dung der gros­sen Pro­fes­so­rin Dr. Uta Bran­des und ihrem eben­so gros­sen Gefähr­ten Pro­fes­sor Dr. Micha­el Erl­hoff „Design und Demo­kra­tie“. Ste­fan Sag­meis­ter ist einer der bekann­tes­ten Gra­fik­de­si­gner welt­weit. Mit sei­ner eige­nen Agen­tur gestal­te­te er unver­gleich­lich und unver­ges­se­ne Pos­ter. So auch für uns, d.h. das Inter­na­tio­na­le Forum für Design in Ulm IFG, für wel­ches ich von 2005 bis 2013 tätig war bis die Stif­tung ihr Geld für die auf­wen­di­ge Neu­kon­zep­ti­on von Gebäu­de und Restau­ra­ti­on auf­wen­den musste.

2012 tat sich der mitt­ler­wei­le 50 jäh­ri­ge Sag­meis­ter mit der 24 Jah­re jün­ge­ren Gra­fik­de­si­gne­rin Jes­si­ca Walsh zusam­men; bei­de posier­ten nackt in ihrem Ate­lier „Sag­meis­ter & Walsh“.„Beauty“ von Sagmeister&Walsh am MAK in Wien war ein ein­drück­li­ches Plä­doy­er für das Schö­ne, Wah­re, Wei­se und für die poli­ti­sche Dring­lich­keit ästhe­ti­scher Gestal­tung. Archi­tek­tur, Stadt­pla­nung, Schrift­zei­chen wur­den mit allen mensch­li­chen Sin­nen ver­bun­den. Fas­zi­nie­ren­de All­tags­bei­spie­le aus Mil­lio­nen­städ­ten wie Sao Pau­lo mani­fes­tier­ten, dass selbst mini­ma­le Schön­heits-Inter­ven­tio­nen im öffent­li­chen Raum die Kri­mi­na­li­täts­ra­te vor Ort sen­ken und Gemein­schaft fördern.

Schön­heit ist im gegen­wär­ti­gen Dis­kurs extrem nega­tiv besetzt bleibt. Nicht zuletzt weil Schön­heit defi­niert wird durch alte Macho­män­ner, die nicht die Ästhe­tik, son­dern die por­no­gra­phisch fixier­te Schön­heit meist an jugend­li­cher Frau­en als ein­zig „schön“ pro­pa­gie­ren, um die­se auch in allen ande­ren Berei­chen regel­recht zu pornografisieren.

Aus „Schön­heit“ by Sagmeister&Walsh in Wien.

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April: «Von der Ver­rü­ckung der Wirklichkeit»

2019 war mein erfolg­reichs­tes Öster­reich­jahr so far. Mein Buch : «Trum­pism. Ein Phä­no­men ver­än­dert die Welt“ erober­te den euro­päi­schen Alpen­staat mit Glanz und Glo­ria. Ich war auf Tour­nee in Wien, Inns­bruck, Graz, Linz. Nur Salz­burg fehl­te in der Lis­te der Buch­tour­nee, doch am 9. Jän­ner 2020 war es soweit: Ser­vus TV lud mich zur Exper­ten­run­de „tür­kis-grün“ ein. Der Phi­lo­soph Alex­an­der Tscher­nek und der Radio­ma­cher Manu­el Schma­le kon­zi­pier­ten ein Hör­spiel ent­lang mei­nes „Trum­pism“ in ihrer ORF-Sen­de­rei­he „Phi­lo­so­phie Pur“ für den öster­rei­chi­schen Natio­nal­fei­er­tag vom 26.10.2019. Höher kann eine Sach­buch­au­to­rin wohl nicht stei­gen, was für eine gros­se Aner­ken­nung ich im Aus­land erfah­ren durfte!

«Eine Revo­lu­ti­on ist im Gan­ge, die von vie­len Intel­lek­tu­el­len viel zu wenig auf den Punkt gebracht wird. Es ist eine Revo­lu­ti­on, bei der es dar­um geht, uns die Welt und die Wirk­lich­keit, so wie wir sie ken­nen, aus der Rea­li­tät zu rechnen.“ 

Die­se Sät­ze waren auch mei­ne Beglei­te­rin­nen bei mei­ner Han­nah Are­ndt Vor­le­sung an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len. Über 140 Per­so­nen fan­den sich über Wochen hin­weg im Hör­saal für jeweils zwei Stun­den „Vita Acti­va: Mit Han­nah Are­ndt durch den All­tag“ ein. Ich rede­te frei, war im Flow und ärger­te mich nur spä­ter, dass ich mei­ne streng ein­ge­üb­ten und druck­rei­fen Vor­le­sun­gen­blö­cke nicht auf­ge­nom­men habe. Mei­ne Par­force-Leis­tung hat­te indes­sen Vor­tei­le: Die Zuhö­ren­den blie­ben gefes­selt, in mes­ser­schar­fer Auf­merk­sam­keit mitdenkend.

Hier ein paar Zücker­chen: „Falsch erzählt, ist die Demo­kra­tie schnell gekreu­zigt“, „Im poli­ti­schen Dis­kurs regiert Nihi­lis­mus bei gleich­zei­tig ver­gol­de­ten Innen­le­ben“, „Kreuz­dum­me Bio­po­li­tik, kom­bi­niert mit finanz­po­li­ti­schen Dys­to­pien, gefor­dert von Sel­fie-Ele­men­tar­teil­chen mit Smart­phones.“ „Das Leben als Kre­dit­kar­te behin­dert die Aus­übung der Demo­kra­tie.“ „Die Streu­waf­fe Sexis­mus im glo­bal ver­brei­te­ten Frau­en­hass wird ger­ne via Hyper­link markt­taug­lich gemacht.“ „Die Kom­bi­na­ti­on alte Män­ner-Medi­en-Seil­schaf­ten und jun­ge New­co­me­rin­nen ist als Info­tain­ment-Com­bi kaum zu schla­gen.“ „Trum­pism ist ein Sys­tem von Selbst­be­zo­gen­heit, Daten­gläu­big­keit und media­ler Insze­nie­rung.“ „Der Begriff ´Styleguide´für Bran­ding-Stra­te­gien von Staa­ten stammt aus der Por­no­in­dus­trie.“ „Cor­po­ra­te Design gehört zu TRUMPISMUS wie der Senf zur Wurst.“„Demokratien garan­tie­ren öffent­li­chen Zugang zu Bil­dung und sind nicht dazu da, mit Steu­er­gel­dern Lis­ten­plät­ze auf dem fik­ti­ven Shang­hai-Rating zu ver­ge­ben.“ (Copy­right Regu­la Stämpf­li, da eini­ge Schwei­zer Män­ner dazu nei­gen, mich stän­dig zu besteh­len… Insidergruss)

Lesung in der „Denk­Bar“ St. Gal­len als Auf­takt zur Vor­le­sung „Poli­ti­sche Phi­lo­so­phie“. Die­ses Jahr war sie zu „Vita Acti­va: Mit Han­nah Are­ndt durch den Alltag.“

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Mai: Alles neu macht MARY QUANT

Es war ein Sonn­tag. Seit mei­ner Erzie­hungs­haft im Gym­na­si­um Kir­chen­feld in Bern, als ich dach­te, ich hät­te mei­ne unbän­di­ge Gier an Wis­sen, Kul­tur und Welt für immer ver­lo­ren, ist für mich jeder Muse­ums­be­such ein Segen und unbe­schreib­li­ches Glück. Wüss­ten doch all die Muse­en, durch die ich mit klop­fen­den Her­zen, offe­nen Augen und dem schöns­ten Lächeln in mei­nem Gesicht, wie über­le­bens­wahr sie mir sind!

Das V&A Muse­um gehört zu den bes­ten Kunst- und Design­mu­se­en der Welt und: der Besuch ist gra­tis. Die Son­der­aus­stel­lun­gen wie DIOR oder MARY QUANT, die ich bei­de gese­hen habe, kos­ten, es gibt lan­ge War­te­schlan­gen, doch die nor­ma­le Samm­lung gehört der Öffent­lich­keit. Alle dür­fen im Park, ein­ge­rahmt in den ein­fachs­ten Gold, Grün, Blau und Rot, Kaf­fee und Gar­ten genies­sen. Zauberhaft.

In mei­ner Kind­heit waren Muse­en Tem­pel für Rei­che. Selbst im Gym­na­si­um wur­de streng dar­auf geach­tet, dass nur Aus­er­wähl­te der Alt­grie­chen Kunst kom­men­tie­ren oder, bewah­re, sel­ber ver­su­chen durf­ten. Doch seit dem ers­ten Tag mei­ner Befrei­ung an der Uni­ver­si­tät gehört ein monat­li­cher, meist ein wöchent­li­cher Besuch einer Aus­stel­lung zu mei­nem Leben. „Mer­ci Pierre Bour­dieu!“ kann ich da nur rufen. Denn es war nicht zuletzt sein Werk: „Wie die Kul­tur zum Bau­ern kommt“, die mich befreit hat. „Streit­bar“ wur­de Bour­dieu stän­dig in der Pres­se beschimpft, dabei hat­te er – wie ver­traut dies doch klingt – noch gar nicht rich­tig zu strei­ten begonnen.

MARY QUANT, das Bild stammt aus der gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung, war mir – im Unter­schied zu DIOR im sel­ben Haus – zu wenig poli­tisch, his­to­risch, erklä­rend, son­dern sehr ober­fläch­lich Upper-Class goes Street­wear-Slang. Mini­rock, Regen­män­tel und Bubi­kra­gen erschei­nen im Rück­blick weni­ger rebel­lisch als dies die Pres­se gern her­vor­hebt. Mary Quant war trotz­dem die Vor­rei­te­rin demo­kra­ti­scher Desi­gner­stü­cke: Sie liess alle, die woll­ten, ihre Schnitt­mus­ter ver­wen­den. Der Sno­bis­mus sei aus der Mode gekom­men, erklär­te Mary Quant: „In unse­rem Laden ran­geln sich Her­zo­gin­nen mit Büro­mäd­chen um das­sel­be Kleid“.

Mary Quant im V&A 2019

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Juni: Welt aus, OBS an

Das Glück zu leben geht im Juni wei­ter: Laut Rol­ling Stone Maga­zin fin­det „Das bes­te klei­ne Open Air Fes­ti­val der Welt“ jedes Jahr um Pfings­ten in Bever­un­gen, in der Nähe von Kas­sel, Deutsch­land, statt. Das „Oran­ge Blos­som Spe­cial“, Abkür­zung OBS, ist das Musik­ereig­nis des Glit­ter­house-Ton­trä­ger­la­bels. Drei Tage Kon­zer­te auf dem höchs­ten Niveau, mit den zau­ber­haf­tes­ten Men­schen, die frau im gros­sen Kan­ton im Nor­den fin­den kann. Drei Tage wird durch­ge­tanzt, es gibt ver­füh­re­ri­sches Essen, tol­le Buden mit nach­hal­ti­gen, öko­lo­gi­schen Pro­duk­ten und das OBS sam­melt Tau­sen­de von Euros für einen guten Zweck: Letz­tes Jahr war es für Sea-Watch, die See­not­hil­fe für Flücht­lin­ge. Und es gibt: Musik, Musik, Musik, Musik, Musik, Musik…

Das OBS ist fried­lich, ver­bin­det Unbe­kann­te und Pop­stars, Inde­pend­ents und gros­se Namen. OBS-Neu­lin­ge machen meist rie­si­ge Kar­rie­ren, so Annen­May­Kan­te­reit, die 2014 noch auf der Pau­sen­büh­ne spiel­ten und mitt­ler­wei­le die gros­sen Are­nen füllen.

Aus einer völ­lig ande­ren Welt kom­mend, habe ich durchs OBS Musik ken­nen­ge­lernt, die viel zuwe­nig in den Radi­os gespielt und in den Pod­casts bespro­chen wird. Das OBS ist wie eine zar­te, blon­de, sen­ti­men­ta­le Fee und hart­ge­koch­ter, männ­lich-macho-hexen­der Wit­cher gleich­zei­tig: Es geht von einem Rausch zum nächs­ten: Super-Rem­bert Stie­we, sein Team und Dyna­mo-Wind­rad-Geist Lutz Mast­mey­er sind die schöns­ten, geni­als­ten, inno­va­tivs­ten, enga­gier­tes­ten „alten weis­sen Män­ner“, die sämt­li­che Boo­mer-Beschimp­fun­gen als stin­ken­de Für­ze fehl­ge­lei­te­ter Hash­tag-Tus­sis und Möch­te­gern-Mackers ver­damp­fen las­sen. Seit es das OBS gibt, weiss ich, dass Pfings­ten wahr­haf­tig ist. Ein Wun­der: Eines, das mein Leben für immer ver­än­dert hat.

Pla­kat OBS 2019

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Juli/ August 2019: Tita­nin­nen und Olympierinnen

Phi­lo­so­phen ver­fas­sen ger­ne „Must-Reads“ zum Ange­ben. Der Habi­tus von den­ken­den Män­nern bleibt unge­bro­chen schief, vor allem mit wach­sen­den Jah­res­zah­len. Phi­lo­so­phin­nen gibt es weni­ge wahr­haf­ti­ge. Wer schon, aus­ser mir, legt es sich mit gan­zen Fach­rich­tun­gen punk­to Den­ken, Welt­an­schau­ung, Logik, Welt­ver­lust so wort­mäch­tig und öffent­lich an? Rich­tig. Im deutsch­spra­chi­gen Raum gehö­re ich zu gros­sen Aus­nah­men mei­nes Geschlechts. Wohl des­halb wur­de ich noch nie zur „Stern­stun­de Phi­lo­so­phie“ SRF ein­ge­la­den, was in fünf­zig Jah­ren dann mit Büchern wie „Eine Frau kommt zu früh“ bedau­ert wer­den kann. Der Feuil­le­ton in Deutsch­land, Öster­reich und in der Schweiz, der auch im Hash­tag #dich­ter­dran in den Kakao gezo­gen wur­de, ist der­art sexis­tisch, dass es einem auch 2020 kotz­übel wird. Die Män­ner, von jung bis alt, rüh­men sich ihrer Fort­schritt­lich­keit und schmü­cken sich mit jun­gen Frau­en, „neu­en“ Talen­ten und bedie­nen damit ein Mus­ter, das so alt ist wie staat­li­che Kul­tur­för­de­rung. Igitt. Nur so ist erklär­bar, dass aus­ge­rech­net ein Peter Hand­ke den Nobel­preis für Lite­ra­tur gekriegt hat. Peter Hand­ke? Are you joking? Mar­le­ne Stre­eru­witz hin­ge­gen wäre die ein­zi­ge und rich­ti­ge Wahl gewe­sen, hät­te es denn wie­der ein deutsch­spra­chi­ges Talent sein müs­sen. Viel­leicht noch Ruth Klü­ger. Doch: Deut­sche Frau­en­ge­nies wer­den seit Jahr­hun­der­ten zu Leb­zei­ten beschimpft, ver­drängt und schliess­lich ver­ges­sen. Da trös­tet selbst Elfrie­de Jeli­nek nicht, die eh nie trös­ten, son­dern nur poe­ti­sie­ren will.

„Auch die Frau ist das für Frau­en ande­re Geschlecht.“

„Die Frau ist als Stän­der für Stän­der oder frei nach Hegel: Die Frau ist für ande­re Frau­en das ande­re Geschlecht“ laSt­aem­pf­li über den Som­mer 2019 als sie von mehr als nur einem Feuil­le­to­nis­ten und deren weib­li­chen Ver­bün­de­ten ganz hin­ter­häl­tig ange­gan­gen wurde…

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Sep­tem­ber 2019: Graz

„Graz ist eine Schön­heit“ twit­ter­te ich begeis­tert nach mei­ner Lesung im Welt­haus Graz. Damit mein­te ich nicht nur die „Gran­de Ville“, son­dern auch all die enga­gier­ten, wun­der­ba­ren Men­schen, die ich in der Kul­tur­haupt­stadt Euro­pa des Jah­res 2003 ken­nen­ler­nen durf­te. Die Lan­des­haupt­stadt glänz­te gol­den bei mei­ner Ankunft im Sep­tem­ber 2019: „Auf­stei­ern“, das gröss­te Volks­kul­tur­fest Öster­reichs war im vol­len Gan­ge. Zwar sind mir in Tracht ste­cken­de tan­zen­de Men­schen­mas­sen mit deut­scher Zun­ge auf­grund mei­ner Her­kunft und Sozia­li­sa­ti­on meist sehr suspekt – ich war aus die­sem Grun­de auch nur ein­mal am Ran­de am Münch­ner Okto­ber­fest und trust me, das hat mir gereicht. Doch in Graz wur­de ich von der Fröh­lich­keit von all den schö­nen jun­gen Men­schen ange­steckt. Lus­ti­ge Grup­pen for­der­ten mich stän­dig zum Mit­tan­zen und Mittrin­ken auf. Die gan­ze Stadt war nicht ein­fach besof­fen, son­dern vor allem gut drauf. Auf dem Schloss­berg sass ich dann im schöns­ten Restau­rant im Abend­rot und hät­te fast zu wei­nen begon­nen: Nie waren Herbst­far­ben inten­si­ver und schö­ner als von die­sem lau­schi­gen Plätz­chen, seufz. Die Gra­zer Alt­stadt und das Schloss Eggen­berg gehö­ren mit Fug und Recht zum UNESCO-Welt­kul­tur­er­be. Ermög­licht hat mein Besuch das schon erwähn­te Welt­haus von Graz, das sich gegen alle Unge­rech­tig­kei­ten ein­setzt, zur Diö­ze­se Graz-Seckau gehört und von enga­gier­ten, ganz tol­len Frau­en und Män­nern gelei­tet wird. Sofort nach mei­nen drei Tagen in Graz mel­de­te ich mich bei der Uni­ver­si­tät Graz, ohne lei­der bis heu­te eine Ant­wort gekriegt zu haben. Doch abwar­ten, denn: Jede Stadt braucht eigent­lich eine Han­nah Arendt-Dozentin.…

Das Stei­ri­sche Wap­pen von Graz: Es ist ein sil­ber­ner Pan­ther, der aus dem Rachen Flam­men her­vor­stösst. Der Pan­ther als Wap­pen­tier der Stei­er­mark ist seit 1160 ver­bürgt. Ein ziem­lich unge­wöhn­li­ches, ein­drück­li­ches und vor allem uraltes Sta­tus­sym­bol Europas.

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Okto­ber 2019: Baby­lon Berlin

Die „Inno­cra­cy“ des Pro­gres­si­ven Zen­trums, die „Digi­tal­kon­fe­renz zur Demo­kra­tie“, führ­te mich auf Ein­la­dung von Milo Tes­sel­a­ar nach Berlin.

Eine wirk­lich über­schätz­te Stadt.

Der Feuil­le­to­nist der Zwi­schen­kriegs­zeit, Joseph Roth, mein­te ein­mal, dass Ber­lin vol­ler „Hun­gern­den Bil­lio­nä­re“ sei. Was wie ein zyni­sches Para­dox klingt, macht ange­sichts des glo­ba­len Ber­lin-Zeit­geist Sinn. Ber­lin ist nur im Kreuz­berg ertrag­bar. Dort hört man auch nicht stän­dig Schwei­zer­deutsch. Wie zu Joseph Roths Zei­ten kla­gen sogar die Toten­grä­ber über man­geln­den Lohn wäh­rend sich die von den Medi­en sexis­tisch beschimpf­ten „Lat­te Macchiato“-Mütter tat­säch­lich über die Stadt her­ma­chen als wären alle Stras­sen aus­schliess­lich für ihre Kin­der­wä­gen geteert. Ber­lin ist ein Edel­men­schen-Dorf, das sich mit Viel­falt schmückt und im Klein­geist erstickt: Ich sage es ja. Viel zuvie­le Schwei­zer, nein, viel zuvie­le Zür­cher in Ber­lin. Die mei­nen, sie sei­en der Klein­stadt ent­ron­nen, dabei sind sie nur auf dem Fest­land der Hips­ter gelan­det. Die Bla­siert­heit aller Schuld­ver­mu­tung gegen­über dem, der es wagt, die lächer­li­che Ber­lin-Geil­heit zu kri­ti­sie­ren, ist unge­bro­chen. Ganz übel ist Tom Tykwers „Baby­lon“. Ein Mach­werk, das alle Frau­en zu Nut­ten, die „Roaring Twen­ties“ als Orgi­en ver­klärt und die Nazis in ihren schi­cken Kos­tü­men und Uni­for­men ero­tisch auf­lädt. Übri­gens eine typi­sche Ber­lin-Sto­ry: Vol­ker Kut­scher hat genia­le Kri­mis geschrie­ben und Tom Tykwer ver­kitscht sie ins Boden­lo­se. Tja. Ber­lin. Die­ser Stadt gelingt es, selbst aus Kirsch­blü­ten Kat­zen­klos zu machen.

Lud­wig Wind­stos­ser, Foto­gra­fie der Nach­kriegs­mo­der­ne. Im Muse­um für Foto­gra­fie. Der Stutt­gar­ter Foto­graf gehör­te zu den füh­ren­den Indus­trie­fo­to­gra­fen West­deutsch­lands. Ganz ein­drück­li­che kla­re Bil­der, die das Lebens­ge­fühl in Ber­lin vor Augen füh­ren. Lud­wig Wind­stos­ser hat mich an den Tod mei­nes guten Freun­des und Indus­trie­fo­to­gra­fen Josef Rieg­ger in die­sem Jahr erin­nert. Er und ich sind auf immer ver­bun­den in unse­rem Werk: Frau­en ohne Mas­ke. Über Frau­en und ihre Beru­fe – aus dem Jahr 2010. Wie schön es doch wäre, die Schweiz wür­de in nicht all­zu fer­ner Zukunft auch dem Schwei­zer Indus­trie­fo­to­gra­fen Rieg­ger eine Aus­stel­lung gewäh­ren… doch: Pro­phe­ten gel­ten sel­ten etwas im eige­nen Land.

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Novem­ber 2019: Krea­ti­vi­tät. Macht. Realität.

Wel­che Bezie­hung besteht zwi­schen Design und der Realität?

Inwie­fern beein­flus­sen Gestal­ter gesell­schaft­li­che und sozia­le Zustän­de und haben dabei Macht?

Wel­cher Reiz besteht in der Krea­ti­on alter­na­ti­ver Realitäten?

Und wel­che Ver­ant­wor­tung ergibt sich daraus?

Um die­se Fra­gen und dreht sich das 12. Forum Medi­en­de­sign, denn: Design spielt eine gro­ße Rol­le im gesell­schafts­po­li­ti­schen Kon­text und ist ein weit­rei­chen­des Instrument.

Sechs Grö­ßen der inter­na­tio­na­len Krea­tiv­bran­che hiel­ten bril­lan­te Vor­trä­ge, genia­le Round­ta­bles, ein­drück­lichs­te Präsentationen.

An all dem durf­te ich mal als Gast und nicht als Refe­ren­tin teil­neh­men. Und ich bin soo dank­bar und wer­be hier­mit für die nächs­te Kon­fe­renz 2021 „Forum Medi­en­de­sign“. Unbe­dingt anmel­den und auf Face­book­sei­te, Vimeo und auf mei­ner Home­page könnt Ihr die wich­tigs­ten Bei­trä­ge nachschauen.

Moni­ka Hanf­land hielt einen sehr behut­sa­men, ein­drucks­vol­len Vor­trag über Men­schen, die mit men­schen­ähn­li­chen Pup­pen zusam­men­le­ben. Sie schreibt: „In Zei­ten der Digi­ta­li­sie­rung, Social Media und der Suche nach Per­fek­ti­on, kon­zen­triert sich das Pro­jekt auf die Fra­ge, ob Real­Doll Lie­bes­pup­pen den mensch­li­chen Part­ner erset­zen könn­ten. (…) Der Kon­trast von tech­ni­schen Pro­zes­sen und ethi­schen Gren­zen zeigt die Explo­si­vi­tät des The­mas (…) Wer­den wir eine neue Art von Bezie­hun­gen ent­wi­ckeln, denen wir uns nicht mehr bemü­hen müs­sen?“ Wie ger­ne wür­de ich mit der klu­gen jun­gen Künstlerin/Designerin/Fotografin eine Aus­stel­lung machen. Ich war im Vor­feld des Vor­tra­ges so skep­tisch und bin hell­auf begeistert.

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Dezem­ber: Wien/Uganda

Loui­se Dei­nin­ger ist eine der beein­dru­ckens­ten, klügs­ten und schöns­ten Men­schen, die ich je ken­nen­ler­nen durf­te. Eine Künst­le­rin, based in Wien, die sich mit der „DNA des Krie­ges“ beschäf­tigt. Uner­müd­lich arbei­tet sie mit inspi­rie­ren­den Men­schen, jun­gen, alten, viel­fäl­ti­gen Krea­ti­ven in Gulu, Nord­ugan­da, um Kunst und Kul­tur zum Hei­lungs­pro­zess in einer Regi­on zu ver­wan­deln, die unzäh­li­ge Leben bedroht, wo sie doch zum DASEIN gefei­ert wer­den soll­ten. Loui­se Dei­nin­ger durch­bricht mit GYCO ACADEMY den Teu­fels­kreis von öko­no­mi­scher Abhän­gig­keit und kul­tu­rel­lem Abstieg durch feh­len­des Selbst­ver­trau­en, Trau­ma­ta und Zukunfts­lo­sig­keit. „Buil­ding an empowered youth for a more sus­tainable, posi­ti­ve and peaceful society.“

Ich habe das gröss­te Glück auf Erden, GYCO zu unter­stüt­zen und Loui­se Dei­nin­ger mei­ne Freun­din zu nen­nen. Helft alle mit bei der GYCO ACADEMY . Da habe ich zum ers­ten Mal – nach sehr lan­ger Zeit, wie­der Zukunft gesehen.

https://www.gyco.eu/about-us.php

Dezem­ber­tref­fen mit Loui­se Dei­nin­ger (Mit­te, links von mir), Doris Kitt­ler, Sharon (rechts von mir) und Lia­ma Ire­ne für GYCO. Nicht von den Män­nern im Hin­ter­grund ablen­ken lassen.

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WIDMUNG KULTURJAHR laSt­aem­pf­li für FRANZ SCHUBERT

„Das Glück kann man nicht suchen. Man muss von ihm gefun­den wer­den.“ 2019 war Wien, ganz Öster­reich, ein Glück ohne Ende. Es geht 2020 wei­ter. Dies habe ich vor allem einem gros­sen Mann zu ver­dan­ken. Franz Schu­bert. Char­mant, gut­aus­se­hend, wit­zig, ein­drucks­voll, best Sto­rytel­ler, gna­den­los geni­al ver­netzt. „MEIN“ Franz Schu­bert, Saxo­pho­nist, Kunst­för­de­rer, Medi­en­ma­gi­er und intel­lek­tu­el­ler Über­flie­ger: Ihm sei mein Kul­tur­jahr 2019 gewidmet.

MILLE FOIS MERCI!

Mein Kul­tur­jahr 2019 für Franz Schu­bert. Den gros­sen. Genau DER Franz Schu­bert. DER näm­lich lebt und uns alle ein Leuch­ten schenkt. Besuch: Café Korb. Bild von Face­book­pa­ge von Franz Schubert.



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