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laSt­aem­pf­lis Kul­tur­jahr 2018

Dezem­ber: 100 Jah­re Frauenwahl&Stimmrecht

Tote muti­ge Frau­en wer­den ver­ehrt, leben­de am liebs­ten immer noch ver­brannt. Zwar benutzt man heut­zu­ta­ge kei­ne Schei­ter­hau­fen mehr: Es genü­gen ein paar Medi­en-Män­ner­ru­del mit kei­fen­den Anti­hel­din­nen an ihrer Sei­te, um die wirk­lich gros­sen Frau­en­fi­gu­ren der Gegen­wart zum Ver­stum­men zu brin­gen. Nächs­tes Jahr wird mei­ne (von Trolls copy­pas­te-geprüf­ten) Dis­ser­ta­ti­on zur “stra­te­gi­schen Syn­the­se von Geschlecht in Krieg und Poli­tik” 20 Jah­re alt. Eben­so ein Grund zu fei­ern wie heu­er das 100jährige Frau­en­stimm- und wahl­recht, das in der Schweiz 2021 halb so alt wer­den wird.

Wohl des­halb wur­den die “Jubiläen”1918 in der Schweiz aus­schliess­lich von Män­nern diri­giert, falsch nar­ra­tiert und sexis­tisch kura­tiert. Die Aus­stel­lung “1968” war ein miss­glück­tes Kunst­spek­ta­kel der spek­ta­ku­lär ent­po­li­ti­sier­ten Art. Auch der “Gene­ral­streik von 1918” spielt im Natio­nal­mu­se­um die Rol­le einer Kunst­ak­ti­on, bestehend aus gei­len Pla­ka­ten, beein­dru­cken­den schwarz-weiss Bil­dern und lächer­li­chen Mili­tärs (die damals nie Anlass zum Lachen boten).

Da war es sehr wohl­tu­end, eine ganz klas­si­sche und infor­ma­ti­ve Aus­stel­lung zu 100 Jah­re Wahl- und Stimm­recht in Irland zu besu­chen. Frau­en waren im Mit­tel­punkt, die Demo­kra­tie damit auch, Mode wur­de nicht als Kunst, son­dern im Zuge des Wan­dels inter­pre­tiert: Alles ohne Schnör­kel, ohne Pathos, doch mit vie­len Ein­bli­cken in die Kom­ple­xi­tät von Frau­en­hass und Frauenbefreiung.

Die Aus­stel­lung “Women in Poli­tics and Public Life, from 1918 to 2018” ist noch bis 3. Febru­ar 2019 in Dub­lin Cast­le zu sehen.

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Novem­ber: Spitz­maus Mum­my in a Coff­in and other Treasures

Das Jahr 2018 bot viel Ver­gnüg­li­ches – mal abge­se­hen von der Poli­tik. Dar­un­ter befand sich die Aus­stel­lung von Wes Ander­son im Kunst­his­to­ri­schen Muse­um in Wien. Der Fil­me­ma­cher Ander­son ver­zau­bert die Welt mit wun­der­bar ver­schach­tel­ten Asso­zia­tio­nen. Der deut­sche TAGESSPIEGEL mein­te über “The Grand Buda­pest Hotel”: “Auf nach Fan­ta­sistan!” Dabei sind es nicht ein­fach Fan­tas­te­rei­en, die Wes Ander­son zu beweg­ten Bil­dern macht, son­dern die­se untrüg­lich klu­ge Kom­bi­na­ti­on von Spiel, Wirk­lich­keit und neu­er Erzäh­lung. Nun durf­te er auch ein paar Muse­ums­räu­me auf Träu­me set­zen. Das “Fut­te­ral für den Säbel Karls des Gros­sen” hat dar­in eben­so Platz wie mein Lieb­lings­expo­nat, das dem Kura­to­ren Ander­son zum Titel sei­ner 400 Din­ge ver­half: Der gepfleg­te Spitz­maus-Sarg, der von nun an eigent­lich in jede Kunst­samm­lung gehört.

Die Arbeit von Wes Ander­son als Kura­tor ist noch bis am 28. April 2018 zu sehen.

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Okto­ber: “House of Euro­pean History”

Aus mei­nen Brüs­se­ler Tagen pfle­ge ich zau­ber­haf­te Freund­schaf­ten, die zu regel­mäs­si­gen Besu­chen in die euro­päi­sche Haupt­stadt füh­ren, wo ich gleich­zei­tig Beruf und Lie­be ver­bin­den kann. Die Natur der Visi­ten ist meist poli­ti­scher oder pri­va­ter Natur, wes­halb für Aus­stel­lun­gen nur wenig Zeit bleibt, was eine Schan­de ist, denn Bru­xel­les glänzt mit exzel­len­ten Museen.

Des­halb war mei­ne Freu­de umso grös­ser, end­lich eine exklu­si­ve Füh­rung durch das “House of Euro­pean Histo­ry” zu krie­gen, in dem Gebäu­de, das lan­ge Jah­re die Krip­pe für den krab­beln­den EU-Nach­wuchs beher­berg­te. Die Aus­stel­lung zur euro­päi­schen Geschich­te ist aus­ser­or­dent­lich klug kura­tiert – man beden­ke: Euro­pa hat es geschafft, sich auf vie­ler­lei Nar­ra­ti­ve so zu eini­gen, dass Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te im Mit­tel­punkt ste­hen. Die “Vor­tex of Histo­ry” ist aus Stahl und Alu­mi­ni­um gebaut und ver­bin­det als “Wort­wir­bel” höchst ein­drück­lich und kunst­voll alle Stock­wer­ke mit­ein­an­der. Getra­gen wird dies alles von einem Schwei­zer. Adolf Muschg ver­ziert mit einem Zitat den gan­zen obers­ten Stock: “Was Euro­pa zusam­men­hält und was es trennt, ist das gemein­sa­me Gedächtnis.”

Das Erstau­nen und der Unglau­be der Grup­pe war gross als ich dar­auf hin­wies, dass Adolf Muschg und ich den­sel­ben Pass besäs­sen. Die meis­ten tipp­ten auf Öster­rei­cher. Doch als Eine, die den Satz “Die Ver­schwei­ze­rung Euro­pas” geprägt hat, mein­te ich nur tro­cken: “Was Euro­pa zusam­men­hält und was es trennt, liegt in der Schweiz.” Zudem: Die Euro­päi­sche Bür­ger­initia­ti­ve, The Euro­pean Citi­zen Initia­ti­ve, wur­de auch von einer Schwei­ze­rin erfun­den. Es war die Poli­to­lo­gin Regu­la Stämpf­li, die der Euro­päi­schen Bür­ger­initia­ti­ve nicht nur zum Namen, son­dern auch zur Struk­tur der euro­päi­schen Bür­ger­be­geh­ren ver­half. Doch es wer­den mit Bestimmt­heit Schwei­zer Män­ner sein (sie wer­keln schon hef­tig dar­an), die dafür sor­gen, dass auch in künf­ti­gen Wort­wir­beln die Frau­en­na­men mög­lichst unsicht­bar gemacht werden.

Das Haus der Euro­päi­schen Geschich­te ist jeden Tag geöff­net und nur am 1. Janu­ar, 1. Mai, 1. Novem­ber und am 24.&25.&31. Dezem­ber geschlossen.

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Sep­tem­ber: The Design Muse­um London

Wie war ich trau­rig als ich ver­nahm, dass das Design Muse­um in Lon­don sei­nen Stand­ort wech­seln wür­de! Statt mit mei­nen Kin­dern wie üblich den Besuch der Tower-Bridge mit Form und den klas­si­schen oran­gen Stüh­len im Design­mu­se­um an der Them­se zu kon­ter­ka­ri­kie­ren, war die­ses Jahr das mon­dä­ne, gen­tri­fi­zier­te Ken­sing­ton ange­sagt. Vier Jah­re hat der Umbau des his­to­ri­schen Gebäu­des gedau­ert und über 97 Mil­lio­nen Euro gekos­tet. Schön ist alles gewor­den. Wirk­lich gut gemacht und trotz­dem: Dem ver­wais­ten Muse­um für Gestal­tung in Zürich nicht unähn­lich, fehlt dem neu­en Design-Muse­um der Groo­ve von Gestal­tung, die noch nach Hand­werk und nicht nur nach Markt riecht.

Mein “Desig­ning Poli­tics. The Poli­tics of Design” – aus mei­ner Zeit des Inter­na­tio­na­len Forums für Gestal­tung – kam indes­sen trotz­dem nicht zu kurz. Die Lon­do­ner U‑Bahn ist als ent­schei­den­de Etap­pe in “Form fol­lows Func­tion” eben­so auf­ge­führt wie Mar­ga­re­te Schüt­te-Lihotz­kys gross­ar­ti­ge “Frank­fur­ter Küche”. Die gibt es sogar in Ori­gi­nal-Nach­bau in Lon­don. Gre­te Schüt­te-Lihotz­ky war bis zu ihrem Lebens­en­de eine muti­ge, enga­gier­te Anti­fa­schis­tin und Femi­nis­tin. Sie lehn­te 1988 das Ehren­zei­chen für Wis­sen­schaft und Kunst durch Bun­des­prä­si­den­ten Wald­heim auf­grund des­sen natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­gan­gen­heit ab. Sie klag­te 1995 Jörg Hai­der nach einem ras­sis­tisch moti­vier­ten Bom­ben­at­ten­tat öffent­lich an. Und sie wit­zel­te anläss­lich ihres 100. Geburts­ta­ges: “Ich wür­de es genos­sen haben, ein Haus für einen rei­chen Mann zu entwerfen.”

Das Lon­do­ner Design­mu­se­um ist jeden Tag von 10 Uhr bis 18.00 Uhr geöff­net. Die Dau­er­aus­stel­lung ist gratis.

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August: Das Tro­ja­ni­sches Pferd von Iphofen

Als Auf­takt zu unse­ren all­jähr­li­chen Grie­chen­land­fe­ri­en, die ich seit 10 Jah­ren dazu benut­ze an mei­nem unfi­nis­hed Dra­ma wei­ter­zu­schrei­ben, fuh­ren wir zum Markt­platz in Ipho­fen, Land­kreis Kit­zin­gen, irgend­wo in Bay­ern, Deutsch­land. Alte Cine­as­ten müs­sen sich mei­ne Kul­tur­rei­sen je län­ger je mehr wie “Out of Rosen­heim” vor­stel­len. Ich muss nur auf­pas­sen, dass ich mit den Jah­ren nicht auch noch Mari­an­ne Säge­b­rechts Kör­per­mas­se anneh­me. Sechs Meter hoch, vier Ton­nen schwer und kom­plett aus Holz. Da steht es, das Tro­ja­ni­sche Pferd von Ipho­fen. Es ist Teil der Son­der­aus­stel­lung zu “Hein­rich Schli­e­mann”, der ja nur auf­grund von Text und Aben­teu­er­wil­len Homer zu archäo­lo­gi­schen und nicht nur zu poe­ti­schen Ehren ver­half. Die Ili­as gehört nach wie vor zu den Welt­wun­dern der Lite­ra­tur – zeit­ge­nös­sisch am bes­ten nach­zu­hö­ren bei Raoul Schrott.

Das klei­ne Knauf-Muse­um zeig­te über 150 Expo­na­te der Tro­ja-Gra­bung von Hein­rich Schli­e­mann: Vie­le Gefäs­se aus Gold, Sil­ber und ein Gross­teil des soge­nann­ten Pria­mos-Schat­zes. Die Ori­gi­na­le lie­gen im Puschi­kin-Muse­um in Mos­kau: Der Zwei­te Welt­krieg lässt auch bei der Geschich­te des Alter­tums grüs­sen. Allen Unken­ru­fen der “ech­ten” Archäo­lo­gen zum Trotz (die in Hein­rich Schli­e­mann immer noch den Stüm­per ver­mu­ten), zeigt das Muse­um den Homer-Enthu­si­as­ten als aus­ser­or­dent­lich gebil­de­ten Mann: 14 Spra­chen beherrsch­te der Auto­di­dakt. Die­se ver­hin­der­ten jedoch nicht, dass er sei­ne sen­sa­tio­nel­len Fun­de zeit­wei­se mit äus­serst bra­chia­len Gra­bungs­me­tho­den aus der Poe­sie und dem Mythos ins Licht der rea­len Tür­kei beförderte.

Die Aus­stel­lung “Hein­rich Schli­e­mann in Tro­ja” ende­te am 2.1..2018. Das Tro­ja­ni­sche Pferd von Ipho­fen wur­de von einer Soft­ware-Fir­ma für eine fünf­stel­li­ge Sum­me gekauft: Tro­ja­ner sind schliess­lich schon längst digital.

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Juli: Unvoll­endet: Trum­pism. Ein Phä­no­men ver­än­dert die Welt

Der Abga­be­ter­min war Ende Janu­ar 2018. “Mit die­ser Art (Kunst), dass es kei­ne Argu­men­te mehr braucht, um zu regie­ren, stell­te Donald Trump selbst Barack Oba­ma in den Schat­ten. Die Klick­ra­ten-Fix­a­ti­on zeigt, wie sehr sich die klas­si­sche Demo­kra­tie zur rei­nen Insze­nie­rung gewan­delt hat: Exper­ten, Jour­na­lis­ten und Umfra­gen ver­kau­fen Images – nicht zuletzt von sich selbst.” Dies schrieb ich Ende Juli, fünf Mona­te bevor der Schön­schrei­ber Relo­ti­us unter dem Geschrei der Main­stream-Jour­nis als Mär­chen­er­zäh­ler ent­larvt wur­de. Und es galt immer noch drei wei­te­re Kapi­tel zu schrei­ben! Ende August soll­te es dann soweit sein. Der Ver­le­ger ein Engel, der Ver­lag, klein und fein, das Idi­om “Müns­ter” ver­traut und das Sach­buch wie­der­um zehn Jah­re zu früh. Doch zur Frank­fur­ter Buch­mes­se war alles hei­ter und fein. “Ideo­lo­gie, Spra­che, Refe­ren­zen und Emble­men zu gehor­chen, die in der jewei­li­gen Gesell­schaft für “wahr”, “rich­tig” und “wich­tig” gehal­ten wer­den, ist noch lan­ge kein Debat­tie­ren. Was die Maschi­nen gewin­nen lässt, sind nicht deren über­zeu­gen­de­ren Argu­men­te, son­dern nur Fak­ten und rhe­to­ri­sche Tricks.”

Wann Quo­ten, Hit­lis­ten und Klicks über den Wert von Infor­ma­ti­on ent­schei­den, kann in Trum­pism. Ein Phä­no­men ver­än­dert die Welt nach­ge­le­sen und ver­stan­den wer­den. In jeder Buch­hand­lung erhält­lich: 2019 auch in fran­zö­sisch und englisch.

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Juni: refai­re le monde

Die Aus­sen­po­si­ti­on ver­bin­den Gian­ni Mot­ti, mich und vie­le der hier Lesen­den. EX-POSITION füll­te das Helm­haus in Zürich: Vom 18. Mai bis 17. Juni. Die Welt neu machen, wie wür­de sich dies wohl anfüh­len, wie wür­de uns die Welt anschau­en und wir in sie hinein?

Gian­ni Mot­ti fer­tig­te aus dem abge­saug­ten Kör­per­fett von Sil­vio Ber­lus­co­ni ein Stück Sei­fe an – für mich ein wun­der­ba­res Zeit­do­ku­ment für die herr­schen­de Bio­po­li­tik und mei­ne Arbeit am Pro­jekt “Men­schen essen”. Die Aus­stel­lung im Helm­haus hät­te bes­se­re Gesprä­che, Polit­phi­lo­so­phie-Podi­en und Medi­en­spek­ta­kel ver­dient. Die NZZ titel­te: “Enfant ter­ri­ble Gian­ni Mot­ti geht im Helm­haus aufs Gan­ze”: Doch die gros­se Aus­ein­an­der­set­zung fehl­te lei­der. Welch gros­ser Unter­schied zu 2008 als Mot­ti kur­zer­hand ein Mina­rett auf das Dach des ört­li­chen Kunst­hau­ses setz­te! Leser­brie­fe, ein zutiefst erbos­ter Stadt­prä­si­dent und Medi­en­be­rich­te waren die Fol­ge. 2006 setz­te die Schwei­ze­rin Fleur Stoeck­lin auch Mina­ret­te in Düs­sel­dorf hin: “Aggres­si­on” nann­te sie ihre Instal­la­ti­on. Die Mina­ret­te hat­ten die Form von Rake­ten und über­leb­ten den Pro­test­sturm nur weni­ge Tage.

Im Helm­haus domi­nier­ten Zäu­ne und Pflas­ter­stei­ne – uneben, so dass jedes freie sich bewe­gen mas­siv ein­ge­schränkt wur­de. Mot­ti durf­te im Helm­haus die Welt nicht neu machen, doch sei­ne Kunst ganz anders und stil­ler, des­halb nicht weni­ger ein­drück­lich “refai­re”.

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Mai: Swiss­maid und Macht Liebe!

Frau­en – die unge­schrie­be­ne Geschich­te. Mar­grit v. Zing­ge­ler ist seit 1999 Pro­fes­so­rin für Ger­ma­nis­tik an der Uni­ver­si­tät von Michi­gan. Sie ist Autorin meh­re­rer Stan­dard­wer­ke und stell­te im Mai 2018, auf Ein­la­dung von Patri­zia Mor­di­ni, Syn­d­icom, ihr bemer­kens­wer­tes Buch “Swiss Maid. The Untold Sto­ry of Women ´s Con­tri­bu­ti­ons to Switz­er­land ´s Suc­cess” in Bern vor. Es wur­de ein klei­ner, fei­ner, klu­ger Abend mit der SP-Stän­de­rä­tin Ani­ta Fetz und Mar­grit v. Zing­ge­ler unter der Gesprächs­lei­tung von mir. Das Wort­spiel Swiss Made und Swiss Maid ist beab­sich­tigt, da pho­ne­tisch der Unter­schied mar­gi­nal ist. Swiss made kommt einem Label gleich und steht für hohe Pro­dukt­qua­li­tät, Swiss Maid steht für die Schwei­zer Magd. Zing­ge­ler zeigt ein­mal mehr, wie ent­schei­dend die klas­si­schen Bür­ger­rech­te für Frau­en sind: “Den Frau­en in der Schweiz wur­de 1971 end­lich nicht nur die Zun­ge, son­dern auch die Feder gelöst.”

Zing­ge­ler belegt in ihrem Buch, wie hin­ter­häl­tig das Wirt­schafts­wun­der Schweiz auf rein männ­li­che Eigen­schaf­ten und Qua­li­tä­ten redu­ziert wür­de: Dabei waren es vor­wie­gend die Frau­en und ihre Kin­der in der Tex­til­in­dus­trie, die dem Land eine Pro­to­in­dus­tria­li­sie­rung ermög­lich­te: Swiss made halt.

Der Ein­satz der Schwei­zer Frau­en wird bis heu­te von allen Sei­ten run­ter­ge­spielt, abge­wer­tet, ver­schwie­gen oder mit Absicht gegen noch leben­de Frau­en ver­dreht (“Frau­en­be­we­gung als weis­se Eli­te­ver­an­stal­tung” wie dies die Gen­der­theo­re­ti­sie­ren­den ger­ne raus­po­sau­nen). Das Buch von Mar­grit V. Zing­ge­ler ist das bes­te Gegen­mit­tel zu der­art irren, ahis­to­ri­schen und ent­po­li­ti­sier­ten Positionen.

Es kommt noch etwas hin­zu: Unter den Gäs­ten befand sich der Thea­ter­ma­cher, Schau­spie­ler und Come­di­an Die­go Val­sec­chi. Er kon­zi­pier­te mit sei­nem Büh­nen­part­ner Pas­cal Nater ein zau­ber­haf­tes Stück: Macht Lie­be! Soviel Klug­heit, Witz, Charme, Welt- und Frau­en­ge­schich­te kom­men sel­ten zusam­men, was zeigt: Kul­tur ist immer dort wahr, wo man sie gar nicht wirk­lich ver­mu­tet. An einem span­nen­den Abend zur Frau­en­ge­schich­te im Hotel Bern im schö­nen Monat Mai 2018.

Das Pro­gramm “Macht Lie­be” ist am 12.1.2019 in Rogg­wil, am 1.3. 2019 in Aar­au, am 15.3.2019 in Lan­gen­thal und an vie­len ande­ren Ter­mi­nen in der gan­zen Schweiz (alle Thea­ter: Unbe­dingt buchen! Ein bes­se­res poli­ti­sches Pro­gramm mit Witz, Charme und Kön­nen gibt es momen­tan nicht) auf Tour.

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April: Bau­haus in Tel Aviv

Isra­el darf man unter Intel­lek­tu­el­len weder in der Schweiz noch in Deutsch­land mit Namen nen­nen. Wenn ich von mei­nen Rei­sen in die­ses Land berich­te, wer­de ich beschimpft und muss mir dann stun­den­lan­ges Geze­ter über das “Apart­heits­sy­tem” anhö­ren von Leu­ten, die ihren Anti­ras­sis­mus ger­ne mit dem Wohl­wol­len gegen­über der Bur­ka zum Aus­druck brin­gen. Sage ich hin­ge­gen: “Tel Aviv” begin­nen die Gesich­ter zu leuch­ten, die Schwu­len schwär­men von den geni­als­ten Clubs, die Les­ben von den schöns­ten Men­schen und die Cisir­gend­was vom bes­ten Food der Welt. Gestal­ter zau­bern die Weis­se Stadt als Bau­haus-Sym­bol her­vor, ohne zu wis­sen, dass es in Isra­el wegen den von der Lin­ken so ver­ehr­ten “net­ten” Rake­ten­wer­fern next door kaum Denk­mal­schutz und staat­li­ches Geld gegen den Ver­fall der alten Bau­haus-Stadt gibt. Tel Aviv ist die moderns­te, urbans­te und welt­frei­es­te Stadt auf der gan­zen Welt – sie sieht je nach Kriegs- und Wirt­schafts­la­ge auch ent­spre­chend so aus. Wer wis­sen will, was Zukunft ist, ist in Tel Aviv mit allem gut bedient: Sowohl im posi­ti­ven wie auch im nega­ti­ven. Zei­ge ich die Sky­line von Tel Aviv schrei­en alle “Man­hat­ten” und ich ant­wor­te nur mit “Shalom”.

Das Bau­haus-Cen­ter in Tel Aviv wird übri­gens von einem Schwei­zer gelei­tet. Es liegt in der bes­ten Kauf­stras­se von Tel Aviv, offe­riert die zau­ber­haf­tes­ten Goo­dies zum Nach­hau­se­brin­gen und ist von einer der­art befrei­en­den Beschei­den­heit, dass man die engen Trep­pen stän­dig rauf- und run­ter­tan­zen möchte.

Das Bau­haus Cen­ter in Tel Aviv ist Shop und Muse­um zugleich und zu nor­ma­len Öff­nungs­zei­ten “besuch­bar”.

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März: Der Scharf­rich­ter von Mosbach

Der Beruf des Scharf­rich­ters eta­blier­te sich im deutsch­spra­chi­gen Raum unge­fähr im 13. Jahr­hun­dert und lässt sich mit der Fol­ter als pro­zes­sua­les Beweis­mit­tel in Zusam­men­hang brin­gen. So bru­tal dies auch alles klin­gen mag: Vie­len His­to­ri­kern gilt die Ein­füh­rung des Hen­kers, der Fol­ter und der grau­sa­men Beweis­füh­rung als Beginn des euro­päi­schen Rechts­staa­tes. Nur Bar­ba­ren, Meu­te­rer, Geset­zes­lo­se – die IS-Idio­ten las­sen grüs­sen – rich­ten nach Lust und Lau­ne hin. Hier­ar­chien, staat­li­che Auto­ri­tä­ten und auf Legi­ti­ma­ti­on aus­ge­rich­te­te Herr­scher brau­chen irgend­ei­ne Art von Beweis­füh­rung: die reicht eben von der Fol­ter bis in die Neu­zeit zum Water­boar­ding. Alles ande­re als lus­ti­ge The­men. Der Beruf des Scharf­rich­ters war eine Tätig­keit am Ran­de der mit­tel­al­ter­li­chen Stän­de­ge­sell­schaft. Der ein­zi­ge Vor­teil bestand in rela­ti­ver mate­ri­el­ler Sicher­heit. Meist waren die Scharf­rich­ter auch Wund­ärz­te, da sie auf­grund ihrer Fol­ter- und Kopf­ab­tä­tig­keit über prä­zi­se ana­to­mi­sche Kennt­nis­se ver­füg­ten. Wie nah Fol­ter und Ärz­te­be­ruf ein­an­der ein­mal waren und ange­sichts der ille­ga­len Organ­trans­fers, der Pfu­sche­rei bei Krebs­me­di­ka­men­ten oder auch der Abtrei­bungs­in­dus­trie von weib­li­chen Föten immer noch sind, wird ger­ne verdrängt.

Das Foto wur­de im März in Mos­bach am Neckar, wo ich regel­mäs­sig zu Besuch bin, auf­ge­nom­men. Eine ehe­mals blü­hen­de Stadt, der die Bana­li­tät der kapi­ta­lis­ti­schen Gier­wirt­schaft in den letz­ten Jah­ren lei­der arg zuge­setzt hat.

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Febru­ar: Basel. Fon­da­ti­on Beye­ler. Ohne Worte.

Basel. Tin­gue­ly Muse­um. Zitat.

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Janu­ar: Kiki Smith

Das Münch­ner Haus der Kunst kommt aus den Schlag­zei­len nicht mehr her­aus. Lei­der nicht wegen der Kunst, son­dern wegen Kor­rup­ti­on, Fehl­ma­nage­ment, Sci­en­to­lo­gy und Bäu­men, die unter kei­nen Umstän­den gefällt wer­den soll­ten. All dies war im Janu­ar 2018 noch nicht bekannt. So konn­ten die Bünz­li-Bay­ern die weit­sich­ti­ge und welt­läu­fi­ge Aus­stel­lung der gross­ar­ti­gen Kiki Smith bewun­dern. Well, es waren wie üblich vor allem die Tou­ris­ten, die kamen, da Kunst in Bay­ern wie in Zürich oft nur noch Medi­en- und kaum Besuchs­ereig­nis ist.

Lilith war dem Tal­mud zufol­ge die ers­te Frau von Adam. Sie war ihm völ­lig gleich­be­rech­tigt, was die­sem nicht pass­te. Als Adam sie gefü­gig machen woll­te, ver­wei­ger­te sie sich und flog ein­fach davon. Wären alle Frau­en Lilith, #MeToo wäre ein Hash­tag geblie­ben. Doch lei­der ging die Geschich­te unglück­lich wei­ter… bis Kiki Smith kam. Sie lässt das wil­de Weib leben, sie zeigt die Frau ver­letzt­lich, sie nimmt der unbe­fleck­ten Hei­li­gen die Mytho­lo­gi­sie­rung, sie macht all das, was heut­zu­ta­ge die jun­gen Frau­en, die sich am liebs­ten sel­ber ver­kau­fen statt in Soli­da­ri­tät mit fet­ter Weib­lich­keit zu leben, bis auf ihre mage­ren Kno­chen erschreckt. Kiki Smith erzählt von Natur und Kul­tur, ein auf­ge­ris­se­ner Bauch eines Wol­fes gebiert die Frau. 1995 ver­gif­te­te eine Pes­ti­zid­wol­ke in New Jer­sey unzäh­li­ge Vögel: Kiki Smith setz­te ihnen ein Denk­mal. Ach: Möch­te doch die Welt mit Kiki Smith ver­schmel­zen! Sie wäre ein ehr­li­che­rer und lebens­wer­te­rer Ort.

Bild: sie­he links (Gross­bild)

Die Bil­der sind alle von Regu­la Stämpf­li und unter­lie­gen dem Copy­right von Regu­la Stämpfli.