Kurt Felix, die Pudel­fri­sur, ein Jah­res­ge­halt und ande­re bös­ar­ti­ge Nebeneffekte

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(Con­stan­tin Seibt) – 

In mei­nem Nach­ruf zum Show­mas­ter Kurt Felix schrieb ich letz­tes Jahr, dass ich in nur zwei Begeg­nun­gen gleich drei Din­ge von ihm lern­te: Beim ers­ten Mal etwas über Inter­views und Macht. Und beim zwei­ten Mal das Fürchten.

Jeden­falls kos­te­te das Gan­ze mei­ne Fami­lie wahr­schein­lich ein paar Hun­dert­tau­send Franken.

Es begann mit einem gros­sen Foto von mir in der «Schwei­zer Illus­trier­ten» im Janu­ar 1998. Das Foto zeig­te mich mit einer pein­li­chen Pudel­fri­sur. Die Schlag­zei­le dar­über lau­te­te: «Ethisch und mora­lisch ver­werf­lich».

Das war auf Kurt Felix’ Fern­seh­kri­tik-Sei­te. Sie begann:

Ursu­la Hür­ze­l­er hat am letz­ten Diens­tag in «10 vor 10» die Hor­ror­mel­dung ver­le­sen, dass in Alge­ri­en wie­der Hun­der­te von Men­schen mas­sa­kriert wur­den. Keh­len durch­ge­schnit­ten. Köp­fe abge­trennt. Bäu­che auf­ge­schlitzt. Der blan­ke Hass.

Hass dann auch in der nach­fol­gen­den Sen­dung, dem «Zisch­tigs­club». Hass, ver­brei­tet von Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer Con­stan­tin Seibt. Nach einer pole­mi­schen Hass­ti­ra­de gegen Schwei­zer Wirt­schafts­füh­rer und Ban­ker griff er zum ideo­lo­gi­schen Vor­schlag­ham­mer: «Ich has­se Leu­te mit posi­ti­ver Lebens­ein­stel­lung. (…) Die­se gan­zen ver­damm­ten Affen (gemeint sind die Fern­seh­zu­schau­er). (…) Mein Ziel ist, im Lehn­stuhl zu sit­zen in einem Gar­ten mit ein paar Bäu­men. Viel­leicht wür­de in einem der Bäu­me Herr Cabi­al­la­vet­ta an einem Seil hängen.»

Was war passiert?

Zunächst ein ziem­li­ches Desas­ter. Ich hat­te, nach­dem ich ein paar Jah­re in der WoZ eine Punk-Kolum­ne über Poli­tik geschrie­ben hat­te, eine Ein­la­dung ins Fern­se­hen erhal­ten: in eine typi­sche Janu­ar­loch-Debat­te über Schwei­zer Humor.

Wie der Teu­fel woll­te, kol­li­dier­te das Datum der Sen­dung mit den Abga­be­ter­mi­nen von drei Arti­keln. Ich arbei­te­te zwei Näch­te durch. Als ich fer­tig war, blie­ben noch drei Stun­den bis zum Start. Mir blieb nur die Ent­schei­dung zwi­schen zwei Stun­den Schlaf und einem Haar­schnitt. Ich ent­schied mich für letz­te­ren und hoff­te auf ein paar Minu­ten Dösen bei Coif­feur. Unglück­li­cher­wei­se sprach die Dame im Salon nur Spa­nisch. Weiss Gott, was ich ihr sag­te. Weiss Gott, was sie ver­stand. Ich schloss die Augen. Als sie wie­der auf­mach­te, hat­te ich den Kopf kurz rasiert mit einem gros­sen Stück Flausch oben­drauf. Die Pudelfrisur.

Im Bus zum Fern­seh­stu­dio füh­le ich mich wie eine Flüs­sig­keit. Dort traf ich auf die ande­ren Gäs­te. Dar­un­ter waren der Komi­ker Peach Weber, ein sehr ner­vö­ser Best­sel­ler­au­tor Charles Levin­sky und ein furcht­ba­rer Unter­hal­tungs­glatz­kopf namens Hans Gmür. In der Auf­wärm­run­de hät­te man mir die Zäh­ne mit einem Mes­ser auf­he­beln kön­nen. Ich war zu müde für jeden Satz.

In der Sen­dung ver­has­pel­te ich mich bei der Ein­stiegs­fra­ge, wer ich sei. Dann pas­sier­te etwas Schreck­li­ches: Mein Sports­geist erwach­te. Ich ent­deck­te, dass eine Talk-Run­de wie Ame­ri­can Foot­ball war. Wer den Ball hat­te, rede­te, bis er von den Bei­nen geholt wur­de. Mei­ne Tech­nik war, ganz weit draus­sen aus­zu­ho­len, so dass nie­mand wis­sen konn­te, wovon ich sprach, bis ich zum Ende gekom­men war. Ich warf mir qua­si sel­ber einen 30-Meter-Pass.

Das tat ich auch bei dem, was dann als Mord­auf­ruf in der Zei­tung stand. Wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, soll­te ich auf die Fra­ge ant­wor­ten, ob ich den Schwei­zer Humor zu harm­los fin­de. Nach mei­ner Erin­ne­rung sag­te ich:

Über­haupt nicht. Denn Sati­re ist puber­tär. All die­se Gemein­hei­ten gegen Poli­ti­ker, Pro­mi­nen­te, Wirt­schafts­füh­rer, das ist doch kein Beruf für erwach­se­ne Men­schen. Mein Ziel ist, ein wei­ser Mensch zu wer­den. Wenn ich alt bin, dann will ich ein Haus im Grü­nen haben, dort auf der Veran­da sit­zen, einen Enkel auf den Knien schau­keln, Gitar­re spie­len und in den Gar­ten hin­aus­se­hen – und wenn dann dort an einem Baum noch der Chef der UBS, Herr Cabia­val­let­ta, an einem Seil hängt, will ich zufrie­den sein.

Ich fand das ziem­lich lus­tig: eine net­te Par­odie auf die Sati­ri­ker mit ihrem Ver­fol­ger­wahn. Es war auch die ein­zi­ge Aus­sa­ge in der Sen­dung, die ich vor­be­rei­tet hat­te. Die Poin­te hat­te ich bei Hein­rich Hei­ne geklaut, der das­sel­be ele­gan­ter sagte:

Fried­li­che Gesin­nung. Wün­sche: beschei­de­ne Hüt­te, Stroh­dach, aber gutes Bett, gutes Essen, Milch und But­ter, sehr frisch, vor dem Fens­ter Blu­men, vor der Türe eini­ge schö­ne Bäu­me, und wenn der lie­be Gott mich ganz glück­lich machen will, läßt er mir die Freu­de erle­ben, daß an die­sen Bäu­men etwa sechs bis sie­ben mei­ner Fein­de auf­ge­hängt werden.

Kurt Felix ver­stand jedoch kei­nen Spass. Er emp­fahl dem UBS-Chef, vor Gericht zu gehen:

Straf­recht­lich ist der Tat­be­stand der Ehr­ver­let­zung zu prü­fen. Zivil­recht­lich steht eine Per­sön­lich­keits­ver­let­zung in Fra­ge. Wie nun Mat­this Cabi­al­la­vet­ta auf die­se men­schen­ver­ach­ten­de Ver­un­glimp­fung reagiert, weiss ich nicht. Die Chan­cen, einen Pro­zess in die­ser Ange­le­gen­heit zu gewin­nen, wären gross.

Wahr­schein­lich erfährt Herr Cabi­al­la­vet­ta durch die­se Kolum­ne zum ers­ten Mal, dass ihm jemand den gewalt­sa­men Tod wünscht. Nie­mand im Talk-Club hat näm­lich auf­gemuckt und gegen die per­fi­de Unge­heu­er­lich­keit pro­tes­tiert. Die Mode­ra­to­rin hät­te den selbst­er­nann­ten Sati­ri­ker Seibt unmiss­ver­ständ­lich aus dem Stu­dio wei­sen müssen.

Als ich die «Schwei­zer Illus­trier­te» zum ers­ten Mal las, knirsch­te ich aner­ken­nend mit den Zäh­nen. Das hat­te ich dem Sams­tag­abend­sof­tie Kurt Felix nicht zuge­traut. Es war eine ziem­lich gekonn­te Ver­dre­hung mei­ner Wor­te. Plus eine ent­schlos­se­ne Denun­zia­ti­on. Doch rich­tig übel konn­te ich sie ihm nicht neh­men. Wir hat­ten ver­schie­de­ne Ästhe­ti­ken. Er war für das Posi­ti­ve. Ich nicht. Und wie ich aus der Lite­ra­tur­ge­schich­te wuss­te: Ver­schie­de­ne Ästhe­ti­ken, dar­auf stand Tod­feind­schaft. Kein Wun­der, ging er mit der Schrot­flin­te los. Das ein­zi­ge, was ich wirk­lich ein­zu­wen­den hat­te, war, dass Hass hier nicht mein Pro­blem war. Son­dern seins.

Sonst ärger­te mich vor allem die Dop­pe­lung im Titel: «Ethisch und mora­lisch» – ging es noch hoch­tra­ben­der? Und dann, dass er mich «selbst­er­nann­ter Sati­ri­ker» nann­te. Ers­tens hat­te ich mich nie so genannt. Und zwei­tens, selbst wenn, wie sonst soll­te man Sati­ri­ker wer­den – durch ein Diplom?

Das wäre es eigent­lich gewe­sen. Ich hat­te mich am Fern­se­hen bla­miert, er hat­te mir eins auf den Pelz gebrannt.

Es war es aber nicht. Als ich mei­ne Mut­ter am Wochen­en­de besuch­te, hat­te sie von ihren Freun­din­nen bereits einen gan­zen Sta­pel von sechs oder sie­ben «Schwei­zer Illus­trier­ten» erhal­ten. Sie frag­te mich, ob wir jetzt das Land ver­las­sen müssten.

Wirk­lich gefähr­lich wur­de es zwei Wochen spä­ter, als mein Bru­der mir sag­te, dass mein Vater, ein selbst­stän­di­ger Unter­neh­mens­be­ra­ter, einen fast unter­schrie­be­nen Ver­trag mit einer Bank ver­lo­ren hatte.

Ich nahm mei­nen Mut zusam­men und besuch­te sein Büro.

«Sag mal», sag­te ich, «der Auf­trag von der XY-Bank…»

«Mmmh», sag­te mein Vater.

«Alex­an­der sagt, die Sache sei unter­schrifts­reif gewe­sen und jetzt hast du…»

«Habe nichts mehr von ihnen gehört», sag­te er.

«Geht es um viel Geld?»

Mein Vater zuck­te die Schul­tern. «Um ein Jah­res­ge­halt. Oder eineinhalb.»

Ich wuss­te, dass er lang um den Auf­trag gekämpft hat­te. Mir wur­de schlecht.

«Hör mal», sag­te mein Vater, «es ist ver­dammt viel Geld. Aber wenn sie mir den Job tat­säch­lich nicht gege­ben haben wegen dem, was du gesagt hast, dann zur Höl­le mit ihnen. Die Sum­me ist es mir wert, dass mein Sohn sei­ne Mei­nung sagen kann.»

Ich ging, ziem­lich beein­druckt von mei­nem Vater. Nur wäre ich wesent­lich glück­li­cher gewe­sen, wenn es sich über­haupt um mei­ne Mei­nung gehan­delt hät­te. Und nicht um die von Kurt Felix.

Zuhau­se ver­sank ich in Fins­ter­nis und kam auf vier Punkte:

  1. In der Öffent­lich­keit schei­tert man meis­tens wie bei Al Capo­ne, der nicht wegen Mord, son­dern wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ver­ur­teilt wur­de. Man wird sel­ten wegen sei­ner wirk­li­chen Kühn­hei­ten gehängt, son­dern wegen irgend­wel­cher Neben­be­mer­kun­gen. (Das des­halb, weil man bei sei­nen Kühn­hei­ten auf­passt, bei den Neben­be­mer­kun­gen aber nicht.)
  2. Man soll­te nur in Medi­en etwas ris­kie­ren, von denen man was ver­steht. Ich muss­te die Fin­ger vom Fern­se­hen lassen.
  3. Ich nahm mir vor, als Repor­ter künf­tig bei Aus­las­sun­gen (…) fair zu sein. Oder es zumin­dest zu versuchen.
  4. Zuvor hat­te ich sehr über gefal­le­ne Mana­ger und Poli­ti­ker gespot­tet, wenn sie auf die Fra­ge, wie es ihnen geht, mit dem Satz ant­wor­te­ten: «Ich kann mit den Vor­wür­fen leben, aber mei­ne Fami­lie lei­det.» Als ob sie ihre Gefüh­le an Frau und Kin­der dele­giert hät­ten. Heu­te spot­te ich mil­der darüber.

Einen Monat nach der Sen­dung kam eine hand­ge­schrie­be­ne Kar­te der Mode­ra­to­rin per Post. Sie schrieb, ich hät­te die Zuschau­er pola­ri­siert, und das sei auch gut so, denn genau aus die­sem Grund sei ich auch ein­ge­la­den wor­den. Die Kar­te ende­te mit dem Satz: «Ich wün­sche Ihnen alles Gute auf Ihrem wei­te­ren Lebensweg.»

Jeden­falls hof­fe ich, dass ich dabei Kurt Felix so schnell nicht wie­der begeg­ne. Denn dann bin ich auch tot.

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