Der Begriff Nachhaltigkeit ist in der Definition vor allem besetzt durch ökologische, energetische und moralische Themen. In der Kulturförderung wird «nachhaltig investiert», und man meint damit Gebäudemanagement, Betriebsökonomie, soziale Teilhabe und faire Anstellungsbedingungen. Ziel dieser Nachhaltigkeitsdefinitionen sind langfristige, krisenfeste Finanzierungs- und Organisationsmodelle für Kultureinrichtungen. Doch das Wichtigste geht komplett vergessen.
Jährlich investieren wir als Gesellschaft in der Schweiz gemeinsam Geld in die Bereiche Kultur und Kunst, in die Kreativwirtschaft, um so das immaterielle, geistige Wachstum der Gemeinschaft voranzutreiben. Wir wollen miteinander und voneinander lernen, uns gemeinsam austauschen, moralische Themen diskutieren, debattieren und so als mündige Menschen weiterkommen. Die Idee ist, dass wir unser Wissen und unsere Erfahrungen teilen, dass wir durch deren Durchmischung auf neue Impulse für neue Lösungen stossen, aber auch, dass wir uns gegenseitig respektieren, akzeptieren und schätzen lernen. Eine starke Kultur macht ein Land stark – das hat aber nichts mit einer «Unterhaltungs-» oder «Showindustrie» zu tun oder damit, wie gut die Kulturschaffenden für ihre Arbeit bezahlt werden. Dieser Ansatz ist grundfalsch, denn Kultur ist ein Bestandteil der gesamten Bevölkerung und nicht einer auserwählten Berufsgilde. Kultur ist die moralische Instanz in der Politik, die sich ansonsten nur an Wirtschaft und Macht orientiert. Logisch, müssen alle Angestellten oder Selbstständigen in einem Staat ebenso eine würdige und gesicherte Existenz führen können. Und auch der Service public gehört in den Bereich der Kultur. Doch genau das ist mit unserem heutigen Kulturverständnis nicht gegeben. Wir tun nur so.
Am Thema der Nachhaltigkeit können wir das gut erkennen: Es geht dabei nicht primär um klimatische Ziele oder um Geld, wenn wir in der Kultur über Nachhaltigkeit sprechen – sondern um unsere Moral, unser gemeinsames Verständnis der Zeit und vor allem darum, dass diese Investition in Kultur und Kunst in der Gesellschaft eine Entwicklung voranbringt. Kultur und Nachhaltigkeit meinen eigentlich das intelligente und gesunde Wachstum einer Gesellschaft. Das bedingt, dass wir Zustände in der Gesellschaft analysieren, Dinge erkennen, diskutieren und entsprechend handeln. Studien gibt es viele, doch in Kultur und Kunst suchen wir sie ziemlich vergebens. Das irritiert mich bei den jährlichen Kulturinvestitionen von fast 3 Milliarden und den zusätzlichen Milliardenspritzen von Stiftungen und Privaten. Bei jedem anderen Bereich in einer Gesellschaft führen wir Spardebatten, wollen Effizienz und Ergebnisse sehen. Doch die Kulturförderung liefert da nichts – nur das Fazit: «Kultur ist wichtig.»
Die grossen moralischen Fragen werden heute in der Politik ohne Bevölkerung definiert. Wirklich sinnvoll wäre das, wenn unsere PolitikerInnen grosses Interesse an kulturellen und damit auch an philosophischen Themen hätten.
Die grossen moralischen Fragen werden heute in der Politik ohne Bevölkerung definiert.
Also eine Art «Rat der Weisen» bilden würden. Wer politische Debatten verfolgt, weiss, dass wir da weit davon entfernt sind. Genau aus diesem Grund ist die Kluft zwischen PolitikerInnen, dem Staatsapparat und der Bevölkerung zunehmend gewachsen. Das sehen wir in der Schweiz in den Abstimmungsergebnissen bei fast 50 zu 50 Prozent. Solche Ergebnisse repräsentieren eine zerrissene Kultur. Im Nachbarsland Deutschland demontieren die politischen Parteien diese sichtbar selbst: Die AfD, eigentlich «für Deutschland», zerreisst das Land, statt es zu kitten. Die SVP bei uns genau gleich. Wofür also investieren wir so viel Geld in unsere «Kultur»?
Ich bemängle schon lange, dass sich die Kulturförderung nur um künstlerische Belange bemüht. Die Kulturabteilungen der Städte, Kantone, aber auch das Bundesamt für Kultur sind nur noch Ersatz für Kulturgewerkschaften oder deren verlängerter Arm. Der Verband Suisseculture hat nur die Aufgabe, Kulturschaffende wirtschaftlich zu schützen. Der Dialog mit der Bevölkerung wird von allen systematisch verhindert und blockiert. Das sieht man neu sehr schön bei dem Webauftritt vom Bundesamt für Kultur (BAK): Nur im Impressum sind noch eine Telefonnummer und eine E‑Mail publiziert – ansonsten werden keine Namen oder Personen genannt – ausser man studiert das Organigramm. Möglichst keine Diskussion mit der Öffentlichkeit – das ist sogar Konzept im BAK gemäss einer Aussage eines leitenden Mitarbeiters.
Genauso demontieren wir aber unsere Investition, die uns gesellschaftlich weiterbringen sollte. Die Kulturbranche interessiert sich nur für die eigene Wirtschaftlichkeit, und die Gesellschaft wird als zahlendes Publikum wahrgenommen. Dabei geht es immer um uns alle und darum, wie wir miteinander agieren. Aber das Bild der Kulturschaffenden, die für ihre Arbeit subventioniert werden und von der Gesellschaft zusätzlich Tickets verlangen, offenbart ein sonderbares Kulturverständnis und eine sonderbare Kulturdefinition. Darüber müssen wir dringend nachdenken, denn die 3 Milliarden könnten wir sonst ergiebiger für die kommenden Klimaprobleme verwenden – davon würden wesentlich mehr Menschen profitieren. Bei kaum einem anderen gesellschaftlichen Investitionsbereich fehlt eine so klare Definition der erwarteten Gegenleistung wie in der Kulturförderung – und vor allem fehlt eine sichtbare Entwicklung.
Nachhaltigkeit in der Kultur heisst, dass wir durch unsere Investitionen einen erkennbaren gesellschaftlichen Fortschritt messen können. Doch wir stehen heute vor dem Problem, dass die Gesellschaft in viele kleinste Fragmente aufgeteilt ist und wir kaum noch in einem gemeinsamen Staat leben. Und genau diese Verantwortung haben die PolitikerInnen, die Kulturverantwortlichen, die Kulturschaffenden, die Medien und auch die Bevölkerung vernachlässigt. Wie wenig Interesse der Staat tatsächlich an unserem kulturellen Gedächtnis hat, musste ich kürzlich selbst erfahren – als ich das Bundesamt für Kultur anfragte, ob es an unserem digitalen Artikelarchiv interessiert wäre. Das ist kulturhistorisches Material aus einem Vierteljahrhundert Schweiz mit über 12 000 Beiträgen, die nicht als Werbung oder PR-Artikel publiziert, sondern von über 400 MitarbeiterInnen in 25 Jahren unabhängig selbst gesehen und entdeckt, recherchiert, erlebt und erzählt wurden. Ich wurde im Frühling von einem deutschen Archiv darauf angesprochen, dass es sehr daran interessiert wäre, und so suchte ich das Gespräch mit dem Bundesamt für Kultur. Doch die haben kein Interesse – auch nicht an einem Gespräch. Absurd?
Darum wird es jetzt Zeit, gemeinsam über eine wirklich nachhaltige Kultur nachzudenken.






