Bild: Illustration of the thought processes in the brain

Künst­li­che Psychopathen

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Von Patrik Etsch­may­er - Nach­dem die – unter­des­sen ein­ge­stell­te – Mög­lich­keit, mit einer Kom­bi­na­ti­on von Nazi-Aus­drü­cken Anzei­gen ziel­ge­rich­tet an Face­book-Nut­zer mit eben die­sen Vor­lie­ben zu rich­ten, ent­deckt wor­den ist, stel­len sich eini­ge Fragen:

Haben die Face­book-Algo­rith­men eigent­lich gar kei­nen Geschmack? Und kei­ne Moral? Und da die­se Fra­gen ohne­hin mit Ja beant­wor­tet wer­den müs­sen, wird es gleich wesent­lich inter­es­san­ter: Wel­che Stich­wor­te gibt es, um Rechts­extre­me, die nur Mus­li­me has­sen, zu tar­get­ten? Gibt es Face­book-Grup­pen, die für eth­nisch neu­tra­len Völ­ker­mord sind? Gibt es wohl auch eine Grup­pe für mili­tan­te Bud­dhis­ten, die gegen Mus­li­me het­zen, die ein­fach noch nicht gefun­den wur­de, weil es kei­ne bur­me­sisch spre­chen­den Admins gibt? Und wel­che geschmack­lo­sen Anzei­gen­stich­wör­ter könn­te man in einer sol­chen Grup­pe wirk­sam vermarkten?

Bei die­ser Face­book-Saue­rei fragt man sich unwill­kür­lich: Kann man auch auf Goog­le oder Twit­ter Ras­sis­ten gezielt in Klar­text anspre­chen? Alle, die Zwei­fel dar­an haben, kön­nen beru­higt wer­den – laut Buzzfeed sei das natür­lich mög­lich: Goog­le ermög­lich­te das Ad-Tar­get­ting für Leu­te, die die Phra­se «Zio­nis­ten kon­trol­lie­ren die Welt» suchen, und Twit­ter liess das geziel­te Bewirt­schaf­ten von ras­sis­ti­schen Begrif­fen für Schwar­ze und His­pa­nics zu.

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Natür­lich wur­den auch hier die Lücken geschlos­sen, sobald die Saue­rei­en erst mal der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert wor­den waren. Bei Twit­ter sei­en Soft­ware­feh­ler schuld gewe­sen, und Goog­le gab zu, dass die Fil­ter nicht gut genug gewe­sen sei­en und man sich bemü­he, die­se Din­ge aus­zu­mer­zen. Und – um wie­der auf Face­book zurück­zu­kom­men: Sheryl Sand­berg, COO von Face­book, muss­te zuge­ben, dass die Auto­ma­tis­men zu fürch­ter­li­chen Resul­ta­ten geführt hät­ten und jetzt in die­sem Bereich wie­der ver­mehrt Men­schen die Kon­trol­le über­neh­men würden.

Der Haken ist, dass in sol­chen Sys­te­men Men­schen erst zum Ein­satz kom­men, wenn die Milch ver­schüt­tet, das Bier umge­kippt und der Nazi von der Lei­ne gelas­sen wor­den ist. Denn auch wenn Goog­le, Apple, Face­book, Micro­soft und wer auch immer noch so hart dar­an arbei­ten: Es wird immer einen Weg geben, die stan­dar­di­sier­ten Abläu­fe der Pro­gram­me – oder eben Algo­rith­men – zu über­lis­ten. Das kann mit ein­fa­chen Abän­de­run­gen in der Schreib­wei­se von Wör­tern pas­sie­ren, die in den ent­spre­chen­den Krei­sen bekannt und in Anwen­dung sind, durch das Ver­wen­den von harm­los schei­nen­den Ersatz­wor­ten und Tarn­aus­drü­cken (wie z. B. 88 für HH, was für «Heil Hit­ler» steht) umgehen.

Das ist der Moment, wo eigent­lich die Stun­de der künst­li­chen Intel­li­genz schla­gen müss­te, soll­te man glau­ben. Doch da gibt es einen wei­te­ren gros­sen Haken:. So heisst Intel­li­genz im Zusam­men­hang mit abstos­sen­dem Ver­hal­ten sehr wenig: Heyd­rich, Men­ge­le und Goeb­bels waren intel­li­gen­te, gebil­de­te Men­schen, ja Heyd­rich war sogar sehr kul­ti­viert und musi­ka­lisch. Mit­hin mehr, als man von einer tum­ben KI je ver­lan­gen wür­de. Und trotz­dem war er ein Schläch­ter son­der­glei­chen, der mit­leid­los Tau­sen­de in den Tod schickte.

Heyd­rich fehl­te es also nicht an Intel­li­genz, son­dern an Mensch­lich­keit und Mit­ge­fühl. Das soll natür­lich nicht heis­sen, dass die zukünf­ti­gen KI von Goog­le und Face­book Mas­sen­hin­rich­tun­gen ver­an­las­sen wer­den; aber wer an das völ­lig miss­glück­te Chat­bot-Expe­ri­ment von Micro­soft namens Tay zurück­denkt, das mit einer vir­tu­el­len jun­gen Frau begon­nen hat­te, die über Twit­ter fröh­lich mit der Welt kom­mu­ni­zie­ren soll­te, und innert 24 Stun­den dank User-Inputs zu einer ras­sis­ti­schen, anti­se­mi­ti­schen Obs­zö­ni­tä­ten­schleu­der mit Inzest­ten­den­zen gewor­den war, sieht, dass hier wirk­lich ein Pro­blem in den Sili­zi­um­hir­nen vor­han­den ist, wenn sie sich von Trol­len schnel­ler ver­der­ben las­sen als ein unge­kühl­tes Pou­let­brüst­chen von Salmonellen.

Dabei ist das Pro­blem ziem­lich klar, was hier schief­geht: Com­pu­ter machen ent­we­der ein­fach schlech­te Bei­spie­le nach oder schla­gen üble Din­ge vor, weil sie ganz ein­fach nicht wis­sen, was die Welt für einen Men­schen ist und wie sie sich anfühlt. Com­pu­ter haben schlicht kei­nen Bezug zum Mensch­sein und sol­len gleich­zei­tig mensch­lich han­deln. Und da geht das ein­fach nicht. Denn ein Com­pu­ter kann nicht lei­den, ein Com­pu­ter kann kei­ne Zwi­schen­tö­ne erken­nen, und er ist auch nicht in der Lage, die Wir­kung sei­ner Wor­te auf die Emp­fän­ger zu qua­li­fi­zie­ren oder quan­ti­fi­zie­ren. Zurück­wei­sung kann für einen Men­schen trau­ma­tisch sein. Das nicht zuletzt, weil der Aus­schluss aus einer Grup­pe evo­lu­tio­när gese­hen lebens­be­dro­hend sein konn­te. Einen Com­pu­ter aber, der nichts als Strom braucht, lässt ein böses Wort so kalt, wie der Pro­zes­sor­küh­ler dies eben zulässt.

Hass und Aus­gren­zung sind – sogar ohne hand­fes­te Taten – für sozia­le Wesen exis­ten­zi­el­le Erfah­run­gen. Jeder kennt das Gefühl, bloss­ge­stellt oder zurück­ge­stos­sen zu wer­den. Wer jemals von einem ange­be­te­ten – poten­zi­el­len – Part­ner abser­viert wor­den ist, weiss genau, wie erschüt­ternd ein sol­ches Erleb­nis sein kann. Eben­so inten­siv ist die Eupho­rie, die man ver­spürt, wenn man von einer Per­son oder einer Grup­pe ange­nom­men und akzep­tiert wird. Sol­che Gefüh­le – und wie wir mit ihnen umge­hen, sie aus­lö­sen und erle­ben – machen uns Men­schen aus. Es ist eine see­li­sche oder neu­ro­na­le Welt, die einem Com­pu­ter, egal, wie toll er pro­gram­miert sein mag, völ­lig fremd ist. Nicht zuletzt, weil die­se Din­ge nicht intel­lek­tu­ell, son­dern rein emo­tio­nal sind. Und Emo­tio­nen sind der wich­tigs­te, wenn nicht gar der ein­zi­ge Antrieb im Leben, wobei Angst und das Stre­ben nach Freu­de Hand in Hand gehen, um uns im Leben wei­ter­zu­brin­gen und vor Scha­den zu bewah­ren. Und da die­se Gefüh­le meis­tens im Aus­tausch mit ande­ren Men­schen ent­ste­hen und auch deren Gefüh­le auf uns zurück­wir­ken, ist Empa­thie ein zwei­ter gros­ser Bau­stein des Mensch- und Menschlich-Seins.

Com­pu­tern feh­len Emo­tio­nen eben­so wie Empa­thie. Genau­so ist dies zu einem gewis­sen Mass bei Psy­cho­pa­then und Sozio­pa­then der Fall, die es zwar schaf­fen, Gefüh­le und Mit­ge­fühl vor­zu­ge­ben, am Ende aber nur die Befrie­di­gung ihrer eige­nen Bedürf­nis­se als Ziel haben. Von dem her sind vie­le sozia­len Netz­wer­ke ech­te Psy­cho­pa­then, die wegen ihres impli­zi­ten Ziels, mög­lichst viel Traf­fic und/oder Umsatz zu gene­rie­ren, fast jede Bemü­hung der Betrei­ber zu sozia­ler Ver­ant­wor­tung ad absur­dum füh­ren. Wenn das Ziel des Algo­rith­mus ist, mög­lichst vie­le Anzei­gen an den Mann / die Frau / den Nazi zu brin­gen, dann wird er nach den ent­spre­chen­den Mög­lich­kei­ten suchen, dies auch zu tun. Und wenn eini­ge Hür­den gesetzt wer­den, wer­den sie zwar berück­sich­tigt wer­den – nicht, weil es für den Algo­rith­mus böse wäre, die­se Din­ge zu schal­ten, son­dern ein­fach, weil dies nun Teil einer Lis­te ist, die ent­spre­chend in den Ablauf ein­ge­schlos­sen wer­den muss –, aber eben­so sicher wer­den die bösen Men­schen, die man eigent­lich ver­mei­den will, einen Weg dar­um her­um finden.

Wobei KI und sozia­le Netz­wer­ke natür­lich kei­ne Psy­cho­pa­then sind. Dafür sind sie viel zu blöd, und sie haben auch kein Inter­es­se, ihre devi­an­ten Trie­be zu befrie­di­gen (man­gels der­sel­ben). Doch je intel­li­gen­ter die­se Enti­tä­ten wer­den, des­to bedroh­li­cher wer­den sie auch – nicht zuletzt, weil sie auch dann immer noch pri­mär die meist kom­mer­zi­el­len Zie­le des Betrei­bers ver­fol­gen wer­den, ohne einen Fun­ken Mensch­lich­keit und ohne Gefühl für das Leben, die Emo­tio­nen und das Schick­sal von Men­schen zu verspüren.

Es wird also inter­es­sant sein, wie die künst­li­che Intel­li­genz den Spa­gat zwi­schen kom­mer­zi­el­len Zie­len und Phil­an­thro­pie fin­den wird, wenn die Intel­li­genz wirk­lich mal da ist. Wenn man nicht wüss­te, dass Men­schen auch ganz allein sau­blöd sind, wäre zum Bei­spiel die Ver­brei­tung von Anti-Impf-Mel­dun­gen etwas, dass eine KI eines Phar­ma­her­stel­lers machen wür­de, der Medi­ka­men­te gegen Infek­ti­ons­krank­hei­ten her­stellt. Ein Bot eines Waf­fen­her­stel­lers wür­de sich bemü­hen, Kra­wal­le in wohl­ha­ben­den Wohn­ge­gen­den zum För­dern des Ver­kaufs von Hand­feu­er­waf­fen zu för­dern. Eine Bör­sen-KI mani­pu­liert Kur­se, um den Gewinn «ihrer» Bank zu ver­grös­sern und ein Ver­si­che­rungs-Bot die Daten von Erd­be­ben- und Sturm­pro­gno­sen, um den Ver­kauf von Poli­cen hin­auf­zu­trei­ben. Alb­traum­sze­na­ri­en, die an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen sind?

Nicht wirk­lich, denn die künst­li­che Blöd­heit wür­de die­se Din­ge sogar machen «dür­fen», wenn aus­drück­lich for­mu­liert wäre, dass kein Mensch phy­sisch geschä­digt wer­den darf. Direkt wür­de kei­ne der oben genann­ten Hand­lun­gen jeman­den ver­let­zen. Das erlaub­te Mass indi­rek­ter Aus­wir­kun­gen hin­ge­gen ist viel zu schwer zu quan­ti­fi­zie­ren, um so eine Enti­tät nicht total zu läh­men, da ja jede Hand­lung unbe­re­chen­ba­re indi­rek­te Aus­wir­kun­gen hat. Sol­che Din­ge – die ja durch­aus in glei­cher Art von ethisch zwei­fel­haf­ten Men­schen gemacht wer­den – dürf­ten der­einst ein ers­tes Zei­chen ech­ter künst­li­cher Intel­li­genz sein.

Doch ver­mut­lich wird erst dann, wenn eine KI heim­lich den Zucker­ge­halt von Corn­flakes noch wei­ter erhöht hat, um die Ver­käu­fe von Insu­lin zu stei­gern, der Ruf laut, die Grund­la­gen einer ech­ten künst­li­chen Ethik – nen­nen wir die­se doch KE – zu schaffen.

Und wenn es so weit ist, wer­den wir über eini­ge abstos­sen­de Such­wor­te auf einer Social-Media-Platt­form nur noch lächeln, wäh­rend wir uns fra­gen, wie wir die elek­tro­ni­schen Psy­cho­pa­then wie­der ein­fan­gen können.



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