Ende Juni wurde auf Netflix ein Animationsfilm der Sony-Animationsstudios veröffentlicht. Und obwohl es das Sony-Studio ist, das mit den Spiderverse-Filmen und «The Mitchells vs. the Machines» in den letzten Jahren Disney, Dream-works und Pixar gezeigt hat, wie man kluge, innovative Animation erschafft, welche die Möglichkeiten diese Mediums ausschöpft – sowohl was das Handwerkliche als auch das Storytelling angeht –, schien niemand im höheren Management wirklich an den neuen Film geglaubt zu haben.
Denn dass dieser neue Film ohne Kinostart einfach an Netflix verkauft und dort direkt im Stream veröffentlicht wurde (wie schon die Familienkomödie/Techno-Dystopie «The Michells …», die wegen Covid dieses Schicksal erlitt), deutet darauf hin, dass die Führung des Studios nicht daran glaubte und lieber die 20 % Gewinn (120 Mio. für einen Film, der 100 Mio. gekostet hatte) mit- als das Risiko einer Veröffentlichung mit Promo und einem unberechenbaren Kinopublikum auf sich nahm.
Selbst Netflix glaubte nicht wirklich daran. Ein paar Trailer, kaum externe Werbung, und das war es dann auch. Nicht mal Merchandising (Puppen, Halloweenkostüme, Kleider etc.) wurde produziert. «KPop Demon Hunters» (KPDH) war scheinbar dafür bestimmt, ein schnell vergessenes Sommervergnügen zu werden: zu nischenhaft, zu neu, zu merkwürdig, was den Titel angeht, und etwas, das eh nur die Jüngsten interessieren würde.
Doch dann passierte etwas Unerwartetes: Der Film explodierte geradezu. Das übernatürliche, vor dem Hintergrund koreanischer Popmusik und Volkskultur spielende Animationsmusical erklomm erst die Spitze der Streaming-Charts, wurde dann zum populärsten Netflix-Animationsfilm aller Zeiten, nur um am 3. September mit 265,2 Millionen
Streams zum populärsten Inhalt je der Plattform aufzusteigen. Die Marke von 300 Millionen Streams wurde kurz danach gebrochen, die 400 Millionen fielen im Oktober. Zugleich stürmten diverse der K‑Pop-Songs aus dem Film die Charts, was Wochen an der Spitze der US-Top-100 bedeutete. Einmal fanden sich vier der Titel aus dem Film zugleich in den Top 10. Und die Grammy- und die Oscar-Saison könnten dem Film und der Musik einen zweiten Wind geben.
Wenn etwas so populär ist, kann es ja nur schlecht sein … oder? Der Autor schaute den Film denn auch lange nicht an. Doch wenn die eigene Tochter einen schliesslich darum bittet, den Film endlich im Heimkino erleben zu dürfen, nachdem sie ihn schon viermal auf Handy und Laptop konsumiert hat, willigt man ein, setzt sich mit ihr hin und erwartet erst mal nicht viel.
«KPop-Dämonen-Jäger» … so albern.
Doch der Film packt einen von Anfang an. Die Animation ist wunderbar, und das Storytelling ist ein Wunder der Präzision und Ökonomie: Schon nach zwei Minuten ist die Welt erklärt. Es wird geschildert, wie immer wieder drei Sängerinnen mit ihren Liedern Mut und Gemeinschaftsgefühl in den Zuhörern erwecken und so für eine weitere Generation eine Schranke («Honmoon», in etwa «Seelentor») zwischen Dämonen- und Menschenwelt schaffen und die Menschheit so vor dem Dämonenkönig Gwi-Ma und seinem Hunger nach Seelen schützen.
Das gegenwärtige Trio, die K‑Pop-Gruppe Huntr/x (Huntrix ausgesprochen), besteht aus der überenthusiastischen koreanisch-amerikanischen Rapperin Zoe, der sehr stylischen, harten und emotional explosiven Mira und aus Rumi, der Tochter einer verstorbenen K‑Pop-Sängerin, die Mitglied des vorherigen Trios war. Deren Bandgefährtin Celine erzog Rumi und baute als Managerin das neue Trio um sie auf.
Das grosse Ziel von Huntr/x ist es, mit der Kraft ihrer Fans durch einen neuen Song den «goldenen Honmoon» zu erschaffen, der die Dämonenwelt für immer von jener der Menschen trennen würde. Doch als sie fast so weit sind, schickt Gwi-Ma eine Dämonen-Boy-Band in die Welt, um die Fans von Huntr/x wegzulocken. Dass Rumi genau dann bei der Probe des neuen Hits «Golden» ihre Stimme verliert und mit einer lange von ihr versteckten Scham konfrontiert wird, als sie sich in den Frontsänger der Dämonen-Boy-Band verguckt, wird so plötzlich zur Bedrohung für die ganze Menschheit …
Es ist klar, dass es gut ausgehen und am Ende das Böse gebannt sein wird. Doch warum der Erfolg? Was führte dazu, dass von Kindern bis zu Rentnern so viele Menschen dieses animierte Musical lieben?
1. Story.Die Story ist erhebend, und die Botschaft ist ehrlich positiv, ohne kitschig und sirupig zu sein. Es ist fast nicht möglich, KPDH zu hassen. Die Story ermutigt, zeigt, wie schädlich Scham und Selbsthass sind, wie heilsam Selbstakzeptanz ist: Sei es im Kampf gegen Dämonen, die die Welt oder nur einen selbst verschlingen wollen. Maggie Kang, die Regisseurin und Drehbuchautorin, verwirklichte mit KPDH, der ihre erste Regiearbeit ist, ein von ihr selbst erarbeitetes Konzept, das sie über neun Jahre hinweg verwirklichte. Ihr Ziel: den Film zu erschaffen, den sie als zwölfjährige Immigrantentochter in Kanada gerne gesehen hätte. Diese wäre sicher auch Fan geworden.
2. Musik.K‑Pop ist generell perfekt produzierte Popmusik mit Ohrwurmqualität. Im Fall von «KPop Demon Hunters» dringen die Ohrwürmer nicht nur in den Kopf ein, sondern fahren dort Widerhaken aus, die sich gnadenlos in den Gehörgängen verhaken und noch wochenlang im Kopf bleiben. Dass die Songs dabei die Botschaft des Filmes in sich tragen und mit jeder Textzeile die Handlung voranbringen, macht sie zu klassischen Titeln eines Musicals. Gesungen werden die Titel von den bereits etablierten koreanischstämmigen Sängerinnen Rei Ami und Audrey Nuna und der Komponistin Kim Eun-jae (Ejae), die alle ihre eigenen Farben zu den Harmonien beitragen.
3. Freundschaft.Das Trio im Zentrum des Films ist nicht nur durch die Musik, sondern vor allem durch eine tiefe Freundschaft verbunden. Eine Freundschaft von drei sehr individuellen, von persönlichen Schwächen geplagten, aber durch tiefe Liebe füreinander geprägten Frauen, die zusammen kämpfen und sich stützen. Dass diese Freundschaft durch die wegen Celine tief verwurzelte Scham Rumis fast zerbricht und am Ende triumphal aufersteht, ist das stark schlagende Herz der Story.
4. Humor.Visuelle Gags, Punch-Lines, genüsslich unterminierte Klischees, Wortwitze … Es gibt einiges zu lachen, und die drei Frauen dürfen mitunter hässlich, absurd, verfressen und vor allem auch lustig sein. Viele weibliche Kommentatoren waren begeistert darüber, dass die drei sich mit Gimbap und Ramen vollstopfen und wegen des Sixpacks des Dämonen-Boy-Band-Mitglieds Abby fast den Verstand verlieren dürfen, ohne zu Witzfiguren zu werden. Und dann wären da noch der OCD-geschädigte Tiger Derpy und der Manager Bobby, der nonstop am Anschlag läuft.
5. Animation.Eigentlich erwartet man seit den beiden Spiderverse-Filmen nur das Beste von Sony. Der Anspruch bei jenen Filmen war es, dass jeder Frame des Films als Poster gedruckt und als Kunstwerk an die Wand gehängt werden konnte. KPDH löst diesen Anspruch ebenso ein. Hintergrund, Kleidung, Essen … überall entzücken einen die Details. Dies beginnt bei den traditionellen Mudang-Schamaninnen, die am Anfang des Filmes den ersten «Honmoon» beschwören, geht weiter über die Kostüme der Sängerinnen aus verschiedenen Zeiten, das Essen, die Hintergründe, die Choreografie auf der Bühne und bei Kämpfen. Die Liebe der Macher zu ihrer Kreation ist in jedem Bild greifbar.
6. Antagonisten.Die Boy-Group mit ihrem Anführer Jinu ist als Gegner viel überzeugender, als es ein Klischee-Bösewicht wäre, da es bis zum Finale nicht um einen direkten Kampf gegeneinander, sondern um jenen um die Herzen der Fans geht. Dabei werden die vampirischen Absichten der Dämonen, die Fans wie eine Softdrink-Dose auszusaugen, schon in ihrem ersten Lied «Soda Pop» ausgesprochen. Doch die Verpackung im ansteckend-heiteren Popsong lenkt von dieser düsteren Drohung ebenso ab wie die farbenfrohe Erscheinung der Gruppe.
7. Originalität.Die Welt, in der KPDH spielt, ist frisch, die Prämisse originell und keine Wiederverwertung bekannter Charaktere oder gar eine Wiederverfilmung einer alten Story. Die Geschichte folgt zwar lose der klassischen Heldenreise. Doch Rumi, die Heldin, ist auf das Verzeihen ihrer Gefährtinnen angewiesen, die auch selbst ihre Dämonen überwinden, die Lügen und die Unsicherheiten konfrontieren und verarbeiten müssen, um ihre wahre Stimme zu finden, mit der die Dämonen geschlagen werden können. Vermutlich gab es noch nie einen Selbsthilfefilm mit einem besseren Soundtrack.
8. Stimmen.Sowohl die Sängerinnen als auch die Sprecherinnen von Huntr/x füllen die Worte mit Emotionen und Tiefe und sind perfekt gecastet worden. Es lohnt sich dabei durchaus, die eigene Musik von Audrey Nuna und Rei Ami anzu- und so die Spannweite ihrer Fähigkeiten zu erhören. Dass die Sängerin der «Heldin» Rumi, die Songschreiberin Ejae, erst nachdem sie in dem Film geglänzt hatte, ein eigenes Lied als Interpretin veröffentlichte, ist eine kuriose Fussnote. Doch auch die Sprecherinnen erfüllen die Charaktere bei den Dialogen mit authentischem Leben.
9. Kein Gramm Fett.Der Film ist mit neunzig Minuten schlank. Manche denken, zu schlank. Es wird häufig beklagt, dass zu wenige Dinge ausführlich erklärt, Hintergrundgeschichten nicht behandelt werden. Doch genau das ist die Stärke: Es wird nur so viel gesagt, wie für die Geschichte notwendig ist, und der Zuschauer bleibt mit dem Wunsch zurück, mehr wissen zu wollen von diesem Universum. Der Film lässt einen hungrig und nicht übersättigt zurück.
10. Kultur.K‑Pop ist mit dem TV-Drama «Squid Game» zusammen der global wohl bekannteste Teil der koreanischen Kultur. Von dieser wird hier vieles eingewoben: Essen, Architektur, Fernsehshows, Unterhaltung, Mythologie, Geschichte und Sprache. Dieses kulturelle Gewebe gibt dem Film einen frischen, einzigartigen «Geschmack» und verleiht ihm eine Stimmigkeit, die ihn, egal wie fantastisch der Inhalt sein mag, mit einer, wenn auch für uns fremden, authentischen Realität verbindet.
Natürlich wurde nach dem Riesenerfolg die unvermeidliche Fortsetzung angekündigt. Dass diese aber frühestens in vier Jahren kommt, deutet darauf hin, dass auch beim zweiten Teil Qualität geliefert werden soll.
«KPop Demon Hunters» ist immer noch auf Netflix zu streamen oder in der Schweiz legal über File-Sharing runterladbar (einfach nix raufladen!).