Das 10 Jahre PROGR Jubiläum (4.–7.9.2014) ist verdient. Kein anderes Kulturzentrum in der Schweiz hat sich so kontinuierlich zu einem derartigen Kreativ-Schmelztiegel entwickelt, wie dieses frühere Schulhaus. Und es ist bezeichnend, dass diese Dynamik nur durch Private entstehen konnte. Der PROGR ist für Bern eine kulturelle Goldgrube – und birgt gleichzeitig die grösste Gefahr für die Behörden dieser Stadt.
Bern ist regelrecht verwöhnt mit Kulturzentren. Mit der international beachteten Reitschule, einem Vorbild aller Kulturzentren in der Schweiz, hat sich daneben im PROGR eine neue Kulturgeneration gebildet. Wo in der Reitschule noch der politische Geist der 70er in den Mauern wohnt, und viele Generationen und Kulturen Raum und ideologische Heimat finden, ist im PROGR ein neuer, junger und kreativer Kern am Werk. Der PROGR ist noch immer am Anfang, und wird wohl immer am Startpunkt bleiben, doch seine Unabhängigkeit hat in den 10 Jahren ein mächtiges Potential freigesetzt, welches immer mehr Menschen infiziert.
Die Anfangs erwähnte Gefahr lauert in der Unbändigkeit der Institution. Durch einen eleganten Schachzug konnte man das alte Progymnasium aus den Fängen der Privatwirtschaft und der Politik befreien. Der PROGR hätte ein langweiliges Verwaltungsobjekt werden können. Nach dem Willen der Bevölkerung, welche 2009 in einer Abstimmung den PROGR einem Gesundheitszentrum vorgezogen hat, und durch die Privatisierung der Institution (Stiftung und Verein), haben sich Menschen zusammengeschlossen und gemeinsam gebaut. Unterdessen ist das Gebäude fast komplett saniert – eine Bedingung, welche die Stadt auferlegte. Das einstige Projekt hat eine Eigendynamik entwickelt: Der PROGR ist durch den Glauben an eine Sache – so absurd diese in der Vorstellung einmal schien – zu einer besseren Realität emporgestiegen. Die Gefahr lauert also in der Überzeugung. Die Stadt, oder besser: die Politik hätte manchmal gerne mehr Einflussmöglichkeiten und Kontrolle.
Natürlich gibt es auch kritische Stimmen – im PROGR ist nicht alles heilig. Allerdings kann Kritik diese Institution nicht kippen. Dazu ist das Gerüst von Stiftung und Verein zu gut gebaut. Niemand hat im PROGR die Macht – alle haben die Macht. Es ist jedoch klar, dass hier Miete bezahlt werden muss, und das Gebäude ist nicht selbstreinigend. Die Selektion, wer ein Atelier mieten kann und darf, ist manchmal eine Interpretationsfrage. Interpretieren gehört zum Beruf von KünstlerInnen – ein paar Diskussionen gibt es immer. Doch genau daran wächst der PROGR.
Und was ist der Output? Das Haus ist für über 200 Menschen ein Produktionshaus, Ausstellungsraum oder Galerie, ein Atelierhaus, ein Übungsgelände, ein Schulungszentrum, manchmal eine Künstlerherberge, eine Bar, eine Konzertbühne, ein Party-Lokal, eine Werkstatt, ein Videoraum, ein Experimentierfeld, ein Ich-Raum, eine Auszeit und ein Denkraum. Es gab auch schon Yoga hier, und Essen kann man auch.
Das Jubiläumsfest ist in 10 Sparten aufgeteilt. Während vier Tagen werden diese der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei wird das ganze Gebäude genutzt – innen wie aussen.
PROGRAMM-ÜBERSICHT
(Pressetext) Gemäss Konzept wird der Fokus auf dem PROGR Innenhof liegen. Die Bildenden Künstlerinnen werden mit der PROGR Show «Kunst in Bau» vor allem die Fenster zum Innenhof, aber auch ausgewählte Räume und Ateliers bespielen. Die Eröffnung der Jubiläumsfeierlichkeiten findet am 4 .9. 14 um 18 h mit der Vernissage der Ausstellung statt, und geht in der Turnhalle mit der Vernissageparty in Zusammenarbeit mit «Swing Thing» weiter. Die PROGR Show wird dabei mit den Arbeiten aus den Sparten Performance, Foto, Film/Video und Grafik in einen Dialog treten. Die Ausstellungszeiten sind wie folgt: Donnerstag 18 – 21 h, Freitags von 14 – 21 h, Samstags von 14 – 21 h und Sonntags von 11 – 17 h. Im Rahmen der Ausstellung wird im 1. Stock, Gang Flügel Ost, sowie an der Waisenhausfassade das Fahnenprojekt «Fahnenwald» der Sparte Grafik/Illustration gezeigt, bei dem 10 externe Berner Grafikbüros mitmachen. In der Ausstellungszone EG West wird eine Fotoausstellung den Ausblick auf das Lieblingsfoto der PROGR Fotografinnen in den Zwischenraum zum Haus der Kantone geben. In der Ausstellungszone Ost werden die Galerien ihr aktuelles Programm zeigen. Die Sparte Film/Video zeigt im Raum von videokunst.ch «Killing your Darling» und eine Werkschau. Die Sparte Performancekunst wird ein Performancefenster von Freitag bis Sonntag, jeweils von 13 – 15 h im Innenhof und zur Schützenmatt öffnen. Der Performance-Parcours findet unter Beteiligung von PROGR und Externen Performerinnen statt. Ab Freitag wird der Innenhof mit einer Openair Bühne schwerpunktmässig von den PROGR Bands bespielt werden – Freitags von 18 – 22 h und Samstags von 16 – 23 h. Am Donnerstag (perkussiv), Freitag (instrumental) und Samstag (vokal) wird der «PROGR Ruf» um 18 h aus möglichst vielen Fenstern ertönen. Alle sind zum Mitmachen aufgerufen. Ab 22 h wird die Sparte Musik mit Acts in der Turnhalle jeweils bis in den frühen Morgen den musikalischen Bogen weiterspannen. Es gibt weitere geplante Spielstätten, wie den Sonarraum und den Estrich. Am Samstag wird das Fest seinem Höhepunkt entgegensteuern mit der Modeshow «Get Dressed» auf dem Laufsteg in der Aula, auf dem 8 Schweizer Labels defilieren werden. Ab 22 h wird dann die Abschlussparty in Gang kommen – an diversen Locations wie der Multimedia-Lounge in der Aula, dem Lehrerzimmer und der Turnhalle, dem Hinterzimmer und der Elektrobar.
Während der vier Tage werden die Sparten Tanz, Theater und Literatur mit kleineren Interventionen präsent sein. In einem diskursiven Format wird am Samstag der Verein imPROGR ein Podium durchführen. Während der parallel stattfindenden Aktionstage auf der Schützenmatt/Hodlerstrasse wird mit Performances und dem NEUstadt-lab der Bogen zum Kunstmuseum und der Reitschule/Grosse Halle gespannt werden.
PROGR – Zentrum für Kulturproduktion
Waisenhausplatz 30 // 3011 Bern
www.progr.ch
progr.ch/progrfest
facebook.com/progr.fest
Foto: PROGR, © L. Vogelsang
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014