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Julia dreht am Fokus

By Robert Salzer

Ama­teur-Video­auf­nah­men zei­gen ein jun­ges Mäd­chen in der Natur, das fröh­lich mit dem Ball spielt. Es scheint eine unbe­schwer­te Kind­heit zu haben. Kurz wird die Stim­mung aber getrübt, als der Kame­ra­mann einem schwar­zen Jun­gen befiehlt, aus dem Bild zu gehen. Eine Ein­stel­lung spä­ter sieht man das Mäd­chen beim Füt­tern der Fische. Es wirkt nach­denk­lich und sagt plötz­lich in die Kame­ra, dass es nicht mehr gefilmt wer­den möch­te. Der fil­mi­sche Vor­spann eta­bliert die Rol­len des Abends: Auf der einen Sei­te die wohl­be­hü­te­te Julia, auf der ande­ren Sei­te Jel­son, der Sohn eines Bediensteten.

Julia und Jel­son heis­sen im Ori­gi­nal­text von August Strind­berg Fräu­lein Julie und Jean. Das 1888 geschrie­be­ne Kam­mer­stück «Fräu­lein Julie» ver­han­delt Lie­be, Macht­po­si­tio­nen und Klas­sen­un­ter­schie­de. Regis­seu­rin Chris­tia­ne Jata­hy lässt das Stück statt in Schwe­den im heu­ti­gen Bra­si­li­en spie­len, in wel­chem die Unter­schie­de zwi­schen Arm und Reich auch nach dem Ende der Kolo­ni­al­zeit nach wie vor bestehen. Wie bei Strind­berg ver­führt Julia Jel­son wäh­rend eines Fes­tes der Beleg­schaft. Und wie bei Strind­berg geschieht, was nicht gesche­hen darf.

Raf­fi­nier­te Multimedialität

Chris­tia­ne Jata­hy zieht alle Regis­ter der media­len Ver­mi­schung von Film und Thea­ter. Zwei Lein­wän­de die­nen sowohl als Pro­jek­ti­ons­flä­che wie auch als Vor­hang, der Ein­bli­cke gibt in die Dreh­or­te des Stücks. Live-Video­auf­nah­men und vor­pro­du­zier­te Fil­me ver­mi­schen sich mit dem Schau­spiel der zwei Haupt­cha­rak­te­re. Das Fest der Beleg­schaft erle­ben wir auf der Lein­wand, wäh­rend eine Hecke live im Büh­nen­raum als Kulis­se steht und es so ermög­licht, dass die Schau­spie­ler mit dem Film inter­agie­ren kön­nen. Ganz neue Ein­drü­cke schafft die Live-Kame­ra, die einer­seits immer wie­der Gegen­per­spek­ti­ven ermög­licht, es aber auch schafft, Emo­tio­nen zu ver­stär­ken. Die Sex­sze­ne bei­spiels­wei­se fin­det hin­ter der Lein­wand statt, per Kame­ra ist der Zuschau­er den­noch live dabei. Das schafft immer wie­der voy­eu­ris­ti­sche Momen­te und lässt auch über die Stär­ken der unter­schied­li­chen Medi­en nach­den­ken. Die Kame­ra kann, wozu das wan­dern­de Auge des Thea­ter­zu­schau­ers sel­ten in der Lage ist: Sie fokus­siert und blen­det aus. Nähe und Zärt­lich­keit wir­ken durch das Auge der Kame­ra viel stärker.

Macht der Moral, Macht des Stan­des und Macht der Kamera

Was im Spiel begann, ent­wi­ckelt sich zwi­schen Julia und Jel­son zu einer tod­erns­ten Ange­le­gen­heit. Sie befin­den sich in einer ver­zwick­ten Lage. Was wird pas­sie­ren, wenn Juli­as Vater von der Affä­re erfährt? Wäh­rend sie ihre Flucht vor­be­rei­ten, wech­seln die Gefüh­le der bei­den zuein­an­der von Lie­be zu Hass hin und her. Die bei­den kämp­fen um die Ober­hand. Mal ist es Julia wegen ihres Stan­des, dann wie­der Jel­son, der Julia mora­lisch und auf­grund sei­ner Männ­lich­keit über­le­gen scheint. Als wei­te­re Instanz auf der Büh­ne ist der Kame­ra­mann prä­sent, der immer wie­der Anwei­sun­gen gibt: „Schnitt“, „Action“. Die Kame­ra nimmt die Rol­le des abwe­sen­den aber omni­prä­sen­ten Vaters ein. Im Ori­gi­nal von Strind­berg wird er durch sei­ne auf der Büh­ne lie­gen­den Hand­schu­he und Stie­fel repräsentiert.

Die vier­te Wand fällt

Chris­tia­ne Jata­hy scheint ihren eige­nen Mit­teln dann doch nicht zu ver­trau­en. Sie insze­niert einen Bruch mit der bis­he­ri­gen Ästhe­tik. Als Jel­son den Wel­len­sit­tich von Julia tötet, um bei ihrer Rei­se wenig Bal­last dabei zu haben, fällt die Schau­spie­le­rin, die Julia ver­kör­pert, aus der Rol­le. «Did you see this?» ruft sie ins Publi­kum. Dann ver­lässt sie den Spiel­ort und nimmt ein Bad im Zürich­see. Die Kame­ra folgt und der Dar­stel­ler von Jel­son kann sie schliess­lich zum wei­ter­spie­len bewe­gen. Patsch­nass macht sie als Julia wei­ter, fällt aber bis zum Ende noch eini­ge Male aus der Rol­le. Jata­hy insze­niert so nicht nur den Kon­flikt von Julia und Jel­son, die gefan­gen in ihren Gesell­schafts­rol­len sind, son­dern auch jene der Schau­spie­le­rin, die etwas spielt, was sie viel­leicht gar nicht will. Das ist eine schö­ne Idee, wird jedoch auf eine solch plum­pe Art gemacht, dass sie nicht wirkt. Tief­punkt ist der Moment, in wel­chem Julia ins Publi­kum schaut und auf eng­lisch ver­kün­det, dass die Dar­bie­tung vor­bei sei. Das Publi­kum beginnt zu klat­schen, doch einen Moment spä­ter wird das Stück dann doch fortgesetzt.

Im Vor­wort zu Fräu­lein Julie schreibt August Strind­berg, dass er den Men­schen der Zukunft als «so auf­ge­klärt» erwar­te, dass er die «unzu­ver­läs­si­gen Gedan­ken­ma­schi­nen, wel­che Gefüh­le genannt wer­den» abge­legt haben wer­de. Die­se trüb­ten die Urteils­kraft. Jata­hy scheint das Ende des Abends für ein sol­ches zukünf­ti­ges Publi­kum zu insze­nie­ren. Die Bil­der und die Emo­tio­na­li­tät, wel­che sie in der knap­pen Stun­de davor mit Film und Schau­spiel erzeugt hat, las­sen aber nicht kalt.

: http://www.kulturkritik.ch/2013/julia-nach-august-strindbergs-fraulein-julie-christiane-jatahy/