Bild: Jules et Jim de FrancoisTruffaut avec Jeanne Moreau, Henri Serre et Oskar Werner 1961

Jules et Jim oder die Kunst des Liebens

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Von Alex­an­dra Zys­set - Ich weiss nicht mehr, wann ich das ers­te Mal über den Begriff «Poly­amo­rie» gestol­pert bin, aber er war dank sei­ner grie­chisch-latei­ni­schen Wur­zeln leicht zu dechif­frie­ren: poly = vie­le, und amor, ja, das war klar. Trotz­dem klang er für mich furcht­bar neu­mo­disch. Ein hüb­sches Eti­kett, wie auch der Vega­nis­mus, mit dem sich bär­ti­ge Fahr­rad­fah­rer und Grün­tee schlür­fen­de Kunst­stu­den­tin­nen schmü­cken. Es liess mich an Ber­lin Kreuz­berg den­ken und nicht an die Kom­mu­ne I, an Hips­ter und nicht an Hippies.

Wiki­pe­dia gab mir recht. Die Poly­amo­rie ist ein Kunst­wort, das in den frü­hen Neun­zi­gern erfun­den und ver­brei­tet wur­de. Von der uto­pisch-roman­tisch und für unse­re Ohren etwas stau­big klin­gen­den frei­en Lie­be grenzt sich der Begriff klar ab. Wo frü­her noch der Spon­ti-Spruch «Wer zwei­mal mit der­sel­ben pennt, gehört schon zum Estab­lish­ment» galt, mes­sen heu­te poly­amor leben­de Men­schen die Frei­heit ihrer Lie­be nicht mehr an der Anzahl Sexu­al­part­ner. Auch eine offe­ne Bezie­hung will der/die Poly­amo­re nicht füh­ren. In die­sem Modell ver­fügt näm­lich noch immer die Zwei­er­be­zie­hung über das emo­tio­na­le Mono­pol. Will heis­sen, Sei­ten­sprün­ge und sexu­el­le Aben­teu­er sind erlaubt, Lie­be aber holt man sich aus­schliess­lich beim Part­ner. Dabei ist es durch­aus mög­lich, oder viel­mehr natür­lich, meh­re­re Men­schen zu lie­ben. Und wer könn­te uns die­se Lek­ti­on bes­ser ertei­len als Jules, Jim und die im Titel von Fran­çois Truf­f­auts Film uner­wähnt geblie­be­ne Catherine?

Es ist die Geschich­te von zwei Freun­den, dem Öster­rei­cher Jules (Oskar Wer­ner) und dem Fran­zo­sen Jim (Hen­ri Ser­re), die auf die eben­so freie wie flat­ter­haf­te Cathe­ri­ne (Jean­ne Moreau) tref­fen. Zwar ver­lie­ben sich bei­de in sie, doch es ist Jules, der sie hei­ra­tet und mit ihr eine Fami­lie grün­det. Erst als sich die drei nach dem ers­ten Welt­krieg wie­der­se­hen und die Ehe am Ende ist, beginnt die eigent­li­che Ména­ge-à-trois. Cathe­ri­ne trennt sich von Jules und hei­ra­tet Jim, ver­lässt aber weder das Haus im Schwarz­wald noch Töch­ter­chen Sabi­ne. Sie bleibt. Jules bleibt. Jim zieht ein. Dass die Dörf­ler das Gespann als ver­rückt ver­spot­ten, stört die­se nicht. Im Gegen­teil; ihr Leben zu dritt ist glück­lich. Zumin­dest für eine Zeit.

Jean­ne More­aus dunk­le Augen, ihr ver­ächt­lich stol­zer Mund. Es ist kein Wun­der, dass die Künst­ler­freun­de die­sem Gesicht, das sie an das einer archai­schen Sta­tue erin­nert, ver­fal­len. Aus­ser­dem umgibt Cathe­ri­ne eine Aura des Charmes. Exzen­trisch ist sie und selbst­be­stimmt, vor allem für eine Frau in der Bel­le Epo­que. Sie lässt sich von kei­nem etwas sagen. Weder die Gesell­schaft noch die Män­ner bestim­men über ihr Leben. Gleich­zei­tig muss sie stets um Auf­merk­sam­keit buh­len, ohne sich selbst jemals genug zu sein. Sie pen­delt von einem Lieb­ha­ber zum nächs­ten und hin und wie­der zurück zu Jules, der ihr in Hörig­keit erge­ben ist. Er emp­fin­det, anders als Jim, kei­ne Eifer­sucht. Obwohl ihm die Drei­er­be­zie­hung zur Last wird, macht es ihn glück­lich, die bei­den um sich zu wis­sen. Es ist die­se Tra­gik aller Betei­lig­ten, dass sie weder mit‑, noch ohne ein­an­der aus­kom­men können.

Die Psy­cho­lo­gie der Figu­ren ist – wie bei real den­ken­den und füh­len­den Men­schen – kom­plex. Dass der Film ihre Ambi­va­lenz nicht nur sicht­bar, son­dern auch empha­tisch nach­voll­zieh­bar macht, ist sei­nen gran­dio­sen Schau­spie­lern und dem Dreh­buch zu ver­dan­ken. Es basiert auf dem gleich­na­mi­gen semi-auto­bio­gra­fi­schen Roman, mit dem der damals 74-jäh­ri­ge Hen­ri-Pierre Roché anfangs der 1950er debü­tier­te. Fran­çois Truf­f­aut ent­deck­te ihn ein paar Jah­re spä­ter, als er eine Kis­te mit gebrauch­ten Büchern durch­stö­ber­te. Er ver­lieb­te sich auf der Stel­le in den musi­ka­lisch klin­gen­den Titel und kauf­te das Buch. 1962 ver­film­te er es.

Mag sein, dass die Umstän­de, denen wir einen der laut dem «Time»-Magazin hun­dert bes­ten Fil­me aller Zei­ten zu ver­dan­ken haben, dem Zufall unter­la­gen. Doch der Erfolg von «Jules et Jim» grün­det auch auf dem Geist sei­nes Jahr­zehnts. Es ist die Deka­de einer Jugend, die den Krieg nicht erlebt hat und sich aus dem bür­ger­li­chen Kor­sett ihrer Eltern befrei­en will. Intel­lek­tu­el­le war­nen vor einem neu­en, von der fun­keln­den Welt des Kon­sums bedeck­ten Krieg, und Stu­den­ten gehen für sozia­le Gleich­be­rech­ti­gung, die Rech­te der Frau und eine freie­re Bil­dungs­po­li­tik auf die Stras­se. Kon­ser­va­ti­ve Lebens­ent­wür­fe, die auf kern­lo­sen Norm­wer­ten beru­hen, leh­nen sie ab. Und dazu gehört für vie­le auch die Ehe. Das Pro­blem, das die Gene­ra­ti­on 68 mit ihr hat­te, war noch nicht, dass sie mit einer fünf­zig­pro­zen­ti­gen Wahr­schein­lich­keit schei­tert. Viel­mehr emp­fan­den sie den Anspruch, eine Per­son mit­tels recht­li­chem Ver­trag an sich zu bin­den, als Sym­ptom besitz­ori­en­tier­ten Den­kens. Mein Haus, mein Part­ner, mein Fern­seh­ge­rät. Für die wah­re Lie­be schien in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft kein Platz mehr zu sein.

Ähn­li­cher Ansicht war Sozi­al­psy­cho­lo­ge und Best­sel­ler-Phi­lo­soph Erich Fromm, des­sen 1956 erschie­ne­nes Werk «Die Kunst des Lie­bens» in den Sech­zi­gern eif­rig gele­sen wur­de. Er dia­gnos­ti­ziert dem moder­nen Men­schen eine Unfä­hig­keit, die exis­ten­zi­el­le Ein­sam­keit mit­hil­fe der Lie­be zu über­win­den. Frau­en und Män­ner von heu­te sei­en nur auf den best­mög­li­chen Tausch­han­del aus; mög­lichst viel Geliebt­wer­den gegen mög­lichst wenig Lie­be. Wer nicht gut abschnei­det, kann sich immer noch mit sexu­el­ler Befrie­di­gung betäu­ben – wie die Zucht­men­schen in Aldous Hux­leys Dys­to­pie «Bra­ve New World» – oder mit ande­rem Spass von der Stan­ge, wie ihn die Kon­sum­ge­sell­schaft en mas­se bereit­hält. Aller­dings zieht Fromm die Auf­he­bung der Mono­ga­mie nicht in Betracht. Er ver­langt dem Men­schen in einer Welt vol­ler Mög­lich­kei­ten eine Ent­schei­dung für einen ande­ren Men­schen ab. Eben­so ist die Lie­be laut ihm eine Ent­schei­dung, da sie eine akti­ve Tätig­keit ist, die es zu erler­nen gilt. Die Bezie­hung ist Arbeit an sich selbst. Und die­ser Pro­zess beinhal­te Selbst­dis­zi­plin, Geduld und Konzentration.

Das klingt alles sehr nach Paar­the­ra­pie. Man kann Fromms Ide­al aber auch im Sin­ne eines Bedürf­nis­ses des Men­schen nach Reli­gi­on und Gebo­ten deu­ten. Die Bezie­hung, die er beschreibt, ist ein Spiel nach bestimm­ten Regeln. das wir gewin­nen kön­nen, wenn wir uns an sie hal­ten und uns inner­halb des Rah­mens nur genug anstren­gen. Wir wäh­len das Spiel zwar selbst, jedoch ver­hält es sich mit den Regeln kaum anders als mit Neu­jahrs­vor­sät­zen. Ist es die Ver­lo­ckung des Ver­bo­te­nen? Ein bio­lo­gi­sches Bedürf­nis, sei­ne Gene mög­lichst weit zu ver­brei­ten? Oder ein­fach der Lauf der Din­ge? Fakt ist: Paa­re betrü­gen sich. Sie lügen und schä­men sich, ver­let­zen und füh­len sich schul­dig dabei. Dar­aus resul­tiert Doppelmoral.

Das Wun­der­ba­re an Jules, Jim und Cathe­ri­ne ist, dass sie ihr Begeh­ren nicht unter­drü­cken. Sie stel­len kei­ne Regeln auf aus­ser der einen: Ehr­lich­keit. Natür­lich macht sie das nicht immun gegen Eifer­sucht und Ver­lust­ängs­te. Doch wären die Gefüh­le nicht eben­so bestim­mend, wenn sie unaus­ge­spro­chen blie­ben? Die Figu­ren in «Jules et Jim» las­sen die ste­ti­gen Ver­än­de­run­gen in ihrer Bezie­hung zu und ver­su­chen mit ihnen klar­zu­kom­men. Sie weh­ren sich nicht gegen den Strom des Lebens, son­dern ver­su­chen in ihm zu schwim­men, ohne unterzugehen.

Sind Jules und Jim (und Cathe­ri­ne) des­we­gen «poly­amor»? Ich glau­be nicht. Aus dem Wunsch, die Lie­be neu zu erfin­den, ist eine Bewe­gung gewach­sen mit eige­nen Flag­gen, Schlei­fen und Sym­bo­len. In Inter­net­fo­ren und Ver­ei­nen sam­melt sich die Sze­ne und ver­sucht Kon­zep­te für ein gelin­gen­des Zusam­men­le­ben zu defi­nie­ren. Die Poly­amo­ren ver­trei­ben Zeit­schrif­ten und Mani­fes­te, machen sich in der Poli­tik für ihre Rech­te stark und klam­mern sich so an eine neue Form des alten Spiels, eine Art Ersatz­re­li­gi­on. Truf­f­auts Prot­ago­nis­ten dage­gen gehö­ren kei­ner Her­de an. Sie sind Lieb­ha­ber, Freun­de, Men­schen – und das ist manch­mal genug.

Bild: zVg.
ensuite, Sep­tem­ber 2017



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