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«Jeder Jazz­song ist für mich ein klei­nes Theaterstück»

Von Anto­nio Suá­rez Vare­la - Im Novem­ber fei­er­te die Swiss Jazz School (SJS) ihr 40-Jahr-Jubi­lä­um. Die Ber­ner Jazz­schu­le ist eine der ältes­ten Insti­tu­tio­nen ihrer Art in Euro­pa. Die 59-jäh­ri­ge ame­ri­ka­ni­sche Jazz­ge­sangs­leh­re­rin San­dy Pat­ton unter­rich­tet dort seit über vier­zehn Jah­ren. Im Gespräch äus­sert sie sich über ihre Lehr­me­tho­den, ihren künst­le­ri­schen Wer­de­gang und die Unter­schie­de zwi­schen euro­päi­schem und ame­ri­ka­ni­schem Jazz.

Die Swiss Jazz School (SJS) fei­ert zur­zeit ihr 40-jäh­ri­ges Bestehen. Sie unter­rich­ten an die­ser Schu­le seit 1993. Sind Sie stolz dar­auf, Teil die­ser Aus­bil­dungs­stät­te zu sein? 

Ja, sehr sogar. Es ist die zweit­äl­tes­te Jazz­schu­le Euro­pas. Mir wur­de gesagt, sie sei die ältes­te, aber sie ist nur die zweit­äl­tes­te. Die ältes­te euro­päi­sche Jazz­schu­le ist in Graz. An der Bewah­rung des Jazz betei­ligt zu sein, ist für mich eine Ehre und eine gros­se Freu­de. Es ist ein­fach wun­der­bar, eini­ge Leu­te zu ken­nen, die an der Grün­dung der Schu­le betei­ligt waren und zu sehen wie sich die­se im Lau­fe der Jah­re ent­wi­ckelt hat. Ich sehe mich als fes­ten Best­an­teil die­ser Schule.

Sie sind Gesangs­leh­re­rin in der pro­fes­sio­nel­len Abtei­lung der SJS. Hat­ten Sie vie­le Schü­ler, die es zu bekann­ten Jazz­vo­ka­lis­ten gebracht haben? 

Vie­le unse­rer Stu­den­ten sind in der Sze­ne aktiv, wie zum Bei­spiel Myri­am Nyd­eg­ger, Joy Frem­pong oder Myria-Simo­na Pof­fet. Es gibt vie­le Stu­den­ten, die sich einen Namen gemacht haben. Sän­ge­rin­nen wie Nad­ja Stol­ler zum Bei­spiel oder Musi­ker wie Colin Vallon oder Nico­las Per­rin. Es ist des­halb gut zu wis­sen, dass ich ein klein wenig zu deren Kar­rie­ren habe bei­tra­gen kön­nen. Als ich hier an ng, initi­ier­te ich einen Work­shop namens «New Dimen­si­ons», weil die Stu­den­ten damals noch kei­nen Zugang zu Englisch‑, Bewe­gungs- oder Thea­ter­schu­lungs­kur­sen hat­ten. «New Dimen­si­ons» hat­te ich kon­zi­piert, um die­se Din­ge zu för­dern. Wir haben fer­ner fol­gen­de Pro­duk­tio­nen rea­li­siert: Die ers­te hiess «Broad­way My Way», dann mach­ten wir «Motown Goes Jaz­zy», «The Music of Rogers and Heart», «A Jazz Antho­lo­gy» und «Tri­lo­gy Plus». Das Spek­trum reich­te von Spi­ri­tu­al bis Jazz und Hip-Hop, wie etwa bei «The Music of the Wiz», die Micha­el-Jack­son-Ver­si­on von «Der Zau­be­rer von Oz». Die letz­te Pro­duk­ti­on hiess «Around the World in 80 Minu­tes». Wir besuch­ten dabei ver­schie­de­ne Län­der in unse­ren «Sin­gers Nights». Die­se Rei­he dau­er­te etwa sechs Jah­re und es ent­wi­ckel­te sich dar­aus eine klei­ne Sze­ne im Musig Bis­t­rot. Es läuft also eini­ges bei uns.

Was gefällt Ihnen beson­ders am Jazzunterricht? 

Es gefällt mir, dass es Leu­te gibt, die sich die Jazz­mu­sik zu eigen machen wol­len, beson­ders die Sän­ger, weil es so viel Poe­sie sowohl in der Musik selbst als auch in den Song­tex­ten gibt. Dass es also Stu­den­ten gibt, die all dies bereit­wil­lig anneh­men wol­len, gibt mir ein sehr gutes Gefühl, denn in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ren­nen die Leu­te oft den Trends hin­ter­her, sie wol­len das his­to­risch Gewach­se­ne nicht auf­recht­erhal­ten. Dar­um den­ke ich manch­mal, dass es hier in Euro­pa mehr Unter­stüt­zung gibt für Jazz als in den USA, wo es den Leu­ten nur dar­um geht, was gera­de hip ist.

Jazz ist eine der frei­es­ten Kunst­for­men über­haupt, denn es gibt fast kei­ne Gren­zen für die freie Impro­vi­sa­ti­on und Inter­pre­ta­ti­on. Wes­halb benö­ti­gen auf­stre­ben­de Musi­ker eine Schu­le, um sich den Jazz anzueignen? 

Nun, sie müs­sen erst ein­mal die theo­re­ti­schen Grund­la­gen der Musik ken­nen. Das ist bei jeder Musik­form so, die man sich aneig­nen will. Man muss erst die Spra­che des Jazz beherr­schen. Es ist nicht bloss des­halb wich­tig eine Schu­le zu haben, um die­se Spra­che den Stu­den­ten bei­zu­brin­gen, son­dern auch um ihnen zu hel­fen, ande­re Wis­sens­ge­bie­te zu erschlies­sen. Nur so bekommt man das Selbst­ver­trau­en und die not­wen­di­ge Hart­nä­ckig­keit, um die Aus­bil­dung auch zu been­den, denn der Wett­be­werb ist hart.

Wie lan­ge dau­ert die Aus­bil­dung in der Regel? 

Nun, zur­zeit ändert sich alles wegen der Bolo­gna-Reform. Bis­her dau­er­te es vier Jah­re bis man das Diplom hat­te, doch jetzt benö­tigt man drei Jah­re für den Bache­lor- und vier Jah­re für den Master-Abschluss.

Es gibt eine Men­ge Jazz­mu­si­ker, wel­che die Jazz­schu­len mei­den, weil sie es bevor­zu­gen, ihre Kunst auf der «Stras­se» und in den Clubs zu zei­gen. Steht eine Schu­le wie die SJS nicht im Wider­spruch zur Phi­lo­so­phie des Jazz an sich? 

Nein, weil wir sehr vie­le Ver­an­stal­tungs­or­te den Jazz­stu­den­ten bereit­stel­len. Nur das zählt. Des­halb brau­chen Sie kei­ne Stras­sen­mu­si­ker zu sein. Wir haben die «Sin­gers Nights», die Work­shop-Kon­zer­te am Mon­tag­abend und die Jam-Ses­si­ons. Wir stel­len Platt­for­men bereit für wei­te­re Pro­duk­tio­nen und bie­ten den Stu­den­ten eine Men­ge Mög­lich­kei­ten an, um öffent­lich auf­zu­tre­ten. Manch­mal gibt es mehr Jazz in Bern als in New York. Man kann Jazz jeden Abend hören in Bern, an man­chen Aben­den sogar zwei­mal. Da ist ein­mal der Mari­ans Jazz­room, der Mon­tag im Bier­hü­beli, die Maho­ga­ny Hall, dann das Musig Bis­t­rot und das Sous-Soul usw. usf. In Bern gibt es daher jede Men­ge Mög­lich­kei­ten für Jazz­stu­den­ten. Ich den­ke, dass Stu­di­um und Club­auf­trit­te mit­ein­an­der ver­ein­bar sind, womit man das Bes­te von bei­den Wel­ten ver­ei­nen kann.

Dann ist also die Ver­net­zung mit den Ver­an­stal­tern sehr eng? 

Ja, die ist sehr gut. Doch vie­le Stu­den­ten wol­len nicht nur auf­tre­ten, sie wol­len in ihrem Stu­di­um auch ler­nen wie man arran­giert und komponiert.

Wie viel Gebüh­ren bezahlt ein Stu­dent der SJS für ein Studiensemester? 

Nun, ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich den­ke, dass es sehr bil­lig ist im Ver­gleich zu Ame­ri­ka. (Lacht) Ich den­ke, sie bezah­len zwi­schen 500 und 700 Fran­ken pro Semes­ter. Das ist uner­hört wenig. Vor eini­gen Wochen war ich in Salz­burg, wo man mir erzähl­te, dass man dort pro Semes­ter nur 350 Euro bezahlt. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist das ganz anders. Um dort an der Uni­ver­si­tät stu­die­ren zu kön­nen, muss man ein Dar­le­hen auf­neh­men, wenn man nicht reich ist. Und die­ses muss man nach Been­di­gung des Stu­di­ums dann zurück­be­zah­len. Manch­mal gibt es zwar auch ande­re Aus­bil­dungs­för­de­run­gen und Sti­pen­di­en, doch davon gibt es nicht gera­de viel. Dies ist eine Schan­de, denn dadurch ver­grös­sert sich die Bre­sche zwi­schen den Ver­mö­gen­den und jenen, die nichts haben.

Dann erhal­ten also vie­le Stu­den­ten der SJS Stipendien? 

Vie­le erhal­ten auch Sti­pen­di­en und ich hof­fe, dass sie wis­sen, wie glück­lich sie sich schät­zen dür­fen. (Lacht)

Die SJS hat den Ruf, eine tra­di­tio­nel­le Bebop-Schu­le zu sein. Wie sehen Sie das? 

Ich den­ke, dass dies bis zu einem gewis­sen Grad zutrifft. Doch ich den­ke auch, dass dies not­wen­dig ist, denn wenn man die Tra­di­ti­on nicht kennt… Man muss die Geschich­te des Jazz ken­nen, um die Zukunft gestal­ten zu kön­nen. Jene Leu­te, die öffent­lich auf­tre­ten und frei impro­vi­sie­ren wol­len, müs­sen zuerst die Innen­sei­te des Jazz ken­nen. Unse­re Schu­le hat vie­len Stu­den­ten ein brei­tes Fun­da­ment mit auf den Weg gege­ben, um sich auf allen Gebie­ten des Jazz zu behaup­ten. Sie ver­fü­gen über die wich­ti­gen Grund­la­gen, ver­mit­telt durch einen gut aus­ge­bil­de­ten Lehrkörper.

Wor­in besteht Ihr Haupt­au­gen­merk beim Unter­richt? Pas­sen Sie Ihre Lehr­me­tho­den den indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen der Stu­den­ten an? 

Dies ist eine sehr gute Fra­ge, denn die wird nie gestellt. Das Sin­gen ist eine sehr per­sön­li­che Ange­le­gen­heit. Ich habe eine Vor­schlags­lis­te ver­schie­de­ner Reper­toires, die abhän­gig ist vom jewei­li­gen Semes­ter der Absol­ven­ten. Jedem Stu­den­ten gebe ich soge­nann­te «Desi­gner-Lek­tio­nen», denn jeder Stu­dent bedarf ver­schie­de­ner Din­ge auf den unter­schied­li­chen Stu­fen der Aus­bil­dung. Man muss ziem­lich fle­xi­bel sein. Die Gesangs­tech­nik ist das Wich­tigs­te. Man muss wis­sen, wie man atmen muss. Doch jeder Stu­dent singt und inter­pre­tiert einen Song anders. Im Unter­schied zu den Instru­men­ta­lis­ten muss ein Voka­list in ers­ter Linie Lied­tex­te vor­tra­gen. Wich­tig ist auch die Phra­sie­rung der Song­tex­te. Es gibt so vie­le Din­ge, die man beach­ten muss, des­halb müs­sen die Lehr­me­tho­den den momen­ta­nen Bedürf­nis­sen der Stu­den­ten ange­passt wer­den. Das alles macht mei­ne Arbeits­wei­se aus.

Arbei­ten Sie vor­wie­gend mit Jazz­stan­dards oder auch mit Eigenkompositionen? 

Bei­des, sowohl Stan­dards wie eige­ne Lie­der. Ich hel­fe den Stu­den­ten beim Song­tex­ten oder kor­ri­gie­re ihre Ent­wür­fe. Doch am Anfang arbei­ten wir immer mit Standards.

Wel­ches Reper­toire ist momen­tan am belieb­tes­ten bei den Studenten? 

Das ist schwer zu sagen, denn dies hängt davon ab, in wel­chem Semes­ter sie sich gera­de befin­den. Aber vie­le mögen zur­zeit das Reper­toire von Inter­pre­ten wie Micha­el Bublé und Kurt Elling, die eini­ge sehr inter­es­san­te Arran­ge­ments gemacht haben von alten Stan­dards. Vie­le sin­gen «Bla­me It On My Youth» oder Bebop. Der Rah­men ist sehr weit gesteckt. Es gibt eigent­li­che kei­ne Favo­ri­ten. Vor eini­gen Jah­ren woll­ten vie­le «Pano­ni­ca» sin­gen, weil Car­men McRae damals gera­de eine CD her­aus­brach­te mit Songs von The­lo­nious Monk. Die Lis­te der belieb­tes­ten Songs ändert sich ständig.

Und wel­che Kom­po­nis­ten sind beson­ders beliebt? 

Nun, bei den Kom­po­nis­ten sind es vor allem Anto­nio Car­los Jobim und Ivan Lins. Die sind immer sehr wich­tig. Dann natür­lich auch Duke Elling­ton, The­lo­nious Monk und Charles Min­gus, wenn es um die Basics des Jazz geht, und Ella Fitz­ge­rald sowie Sarah Vaug­han für den Gesang. Neu­er­dings gibt es da vie­le neue Sän­ge­rin­nen wie Jane Mon­heit. Eine Sän­ge­rin, die ich beson­ders mag, ist Tier­ney Sut­ton, die ist ziem­lich gut.

Wie eng ist eigent­lich das Arbeits­ver­hält­nis zwi­schen den ver­schie­de­nen Leh­rern der SJS? Tref­fen sie sich unter­ein­an­der regel­mäs­sig, um sich auszutauschen? 

Ja, von Zeit zu Zeit. Bei mir ist es so, dass das Ver­hält­nis zwi­schen mei­nen Stu­den­ten und mir sehr eng ist.

Gibt es kei­nen Ter­min­plan für Lehrersitzungen? 

Doch, manch­mal schon. Wir haben im Dezem­ber wie­der ein Mee­ting. Zur­zeit sind wir dar­an, unse­re Pro­jek­te für Janu­ar auf­zu­glei­sen. Es ist stän­dig etwas los bei uns.

Ver­fol­gen Sie auch inter­dis­zi­pli­nä­re Pro­jek­te mit ande­ren Lehrern? 

Oh ja, soeben ist gera­de mei­ne neue CD erschie­nen. Sie heisst «Pain­ting Jazz» und ent­stand in Zusam­men­ar­beit mit mei­nem Leh­rer­kol­le­gen und Bas­sis­ten Tho­mas Dürst. Wir füh­ren die­ses Semes­ter gemein­sam einen Work­shop mit zwei Bas­sis­ten und vier Sän­gern. Es gibt also durch­aus Team- und Grup­pen­ar­bei­ten, die zur­zeit lau­fen. 

Sie leben in Bern seit 1992. Was mögen Sie an die­ser Stadt? 

Ich mag Bern, weil es so klein ist. Man kommt prak­tisch über­all zu Fuss hin. Und das Leben ist ein­fach. Sobald man jeman­den ken­nen­ge­lernt hat, kennt man sich, wie zum Bei­spiel den Taxi­fah­rer oder den Kiosk­ver­käu­fer. Obwohl Bern eine gros­se Stadt ist, mag ich die­ses typi­sche Klein­stadt­am­bi­en­te sehr.

Keh­ren Sie hin und wie­der auch in die Heimat? 

In der Regel flie­ge ich ein- oder zwei­mal im Jahr in die USA. Ich hat­te im Mai zwei Kon­zer­te und blieb ein paar Tage in New York. Das reicht mir. (Lacht)

Ver­mis­sen Sie das Leben in den Staa­ten denn nicht? 

Nein, ich ver­mis­se es nicht. Ich habe Satel­li­ten­fern­se­hen. Ich emp­fan­ge alle eng­lisch­spra­chi­gen Kanä­le, wenn mir danach ist.

Sie leb­ten auch eine Zeit­lang in Frank­reich, bevor Sie in die Schweiz kamen. Wel­che Enga­ge­ments hat­ten Sie eigent­lich in Paris und an der fran­zö­si­schen Riviera? 

Ich trat auf in eini­gen Clubs und Fes­ti­vals in Niz­za und andern­orts. Beim Jazz­fes­ti­val in Mar­seil­le tra­ten wir als Vor­grup­pe von Way­ne Shorter auf. Dann spiel­ten wir auch in eini­gen Clubs an der Côte d’Azur. Und in Paris trat ich im Hotel Meri­di­an auf. Mit 28 Jah­ren war ich zum ers­ten Mal in Euro­pa, damals noch mit dem Lio­nel Hamp­ton Orches­tra. In fünf Wochen hat­ten wir 31 Shows in sechs ver­schie­de­nen Län­dern. Auch am Ber­ner Jazz Fes­ti­val war ich damals im Jahr 1977. Ich habe noch Bil­der von mir aus jener Zeit, unter ande­rem eines in der Draht­seil­bahn beim Mar­zi­li. Ich hät­te damals nie gedacht, dass ich ein­mal hier leben wür­de. Das ist schon merkwürdig.

Sie sind eine sehr ver­sier­te afro­ame­ri­ka­ni­sche Jazz­sän­ge­rin und ken­nen den Jazz sowohl dies- wie jen­seits des Atlan­tiks. Wo sehen Sie die gröss­ten Unter­schie­de zwi­schen Euro­pa und Nordamerika? 

Nun, ich den­ke die Spra­che kann ein Pro­blem sein, denn vie­le euro­päi­sche Voka­lis­ten schaf­fen es oft nicht, die Spra­che zu ver­in­ner­li­chen, obschon sie meist die Aus­spra­che beherr­schen. Dies ist aber wich­tig, um Emo­tio­nen aus­zu­drü­cken, die in der Poe­sie des Songs ent­hal­ten sind. Manch­mal fehlt ein wenig das Fee­ling. Des­halb habe ich einen Kurs ent­wi­ckelt, um den Leu­ten zu hel­fen. Es gibt Län­der, wo die Leu­te etwas zurück­hal­ten­der sind als in ande­ren. Für die Zukunft ist es wich­tig, dass die Stu­den­ten den emo­tio­na­len Aspekt der Spra­che und die Song­tex­te bes­ser zu erfas­sen ler­nen. Viel­fach sind sie nicht gewillt, ihre Gefüh­le mit den Hän­den aus­zu­drü­cken. Das ärgert mich unge­mein! (Lacht) Sie las­sen ihre Hän­de hier (streckt ihre Arme steif nach unten) oder hal­ten den Mikro­fon­stän­der, was natür­lich völ­lig unnö­tig ist. Des­halb ist es wich­tig, die Fähig­keit zu erlan­gen, sich zu öff­nen und ech­te Emo­tio­nen zu zei­gen. Jeder Song ist für mich ein klei­nes Thea­ter­stück. Und wenn man wirk­lich das aus­strahlt, was man singt, dann wird es das Publi­kum spüren.

Und auf einer all­ge­mei­nen Ebe­ne? Wo sehen Sie die gröss­ten Unter­schie­de zwi­schen Euro­pa und Ame­ri­ka im Jazz? Vie­le Musi­ker sagen ja, dass man in Euro­pa etwas inno­va­ti­ver ist als in den USA… Sehen Sie das auch so? 

Ich den­ke nicht, dass man hier viel inno­va­ti­ver ist. Es ist ein­fach so, dass der euro­päi­sche Jazz den emo­tio­na­len Aspekt der Musik oft nur unge­nü­gend erfasst, unab­hän­gig davon, ob es sich nun um gesun­ge­nen oder instru­men­tel­len Jazz han­delt. Euro­pä­er haben das Bedürf­nis, sich den Jazz anzu­eig­nen und was Eige­nes dar­aus zu machen, was ich sehr gut fin­de, denn so wird der ame­ri­ka­ni­sche Jazz per­p­etu­iert. Doch man kann das eine ohne das ande­re nicht haben.

Fin­den Sie, dass es dem euro­päi­schen Jazz an Emo­tio­na­li­tät mangelt? 

Ich den­ke nicht, dass es ihm dar­an man­gelt. Benut­zen Sie die­ses Wort nicht! (Lacht) Ver­mut­lich eher, dass er nicht jenen Grad der Offen­heit erreicht hat, der not­wen­dig ist, um offen die emo­tio­na­len Bin­dun­gen zum Reper­toire aus­zu­drü­cken, ob es sich nun um Jazz mit oder ohne Gesang han­delt. Es muss sich nicht not­wen­di­ger­wei­se um ein gesun­ge­nes Stück handeln.

Sie sind nicht nur Jazz­leh­re­rin, son­dern auch Künst­le­rin. Sie haben mit einer gan­zen Rei­he von sehr renom­mier­ten Jazz­mu­si­kern zusam­men­ge­ar­bei­tet. Sie haben gesagt, dass die Zeit mit Lio­nel Hamp­ton für Sie gleich­zei­tig eine Art Jazz‑, Enter­tain­ment- und Lebens­schu­le war. Waren die­se drei Jah­re ent­schei­dend für Ihre wei­te­re künst­le­ri­sche Entwicklung? 

Oh ja, abso­lut. Dar­aus erga­ben sich nicht nur neue Chan­cen für mich. Ich gelang­te auch an einen Punkt, wo ich mich hin­ter­fra­gen muss­te, um dafür zu sor­gen, dass ich an das gelan­gen konn­te, was ich noch brauch­te, um bes­ser zu wer­den. Die­se Zeit hat mir neue Lebens­for­men und neue Kul­tu­ren näher­ge­bracht. Es war auf­re­gend zu sehen, wie das Geschäft auf die­sem Level läuft, denn es war ein sehr hoher Level. Für mich waren es Lehrjahre.

Wann war die­se Tour genau? 

Von 1976 bis 1979. Und damals war Fran­kie Dun­lop der Schlag­zeu­ger. Er war bereits bei The­lo­nious Monk Drum­mer. Auch der Saxo­pho­nist René McLean und Cur­tis Ful­ler waren damals in der Band.

War die­se Zeit für Sie der Karrierestart? 

Ich sang schon frü­her, doch in jener Zeit gelang mir der Durchbruch.

Was für Musik mach­ten Sie, als Sie noch san­gen für «Face of the Earth» und anschlies­send für die eige­ne Band Spi­rit? War es Vocal Jazz? 

Nein, es war eher ein Mix zwi­schen Vocal Jazz und R’n’B, in gewis­ser Wei­se eine Art pop­pi­ger Smooth Jazz, obwohl es die­se Bezeich­nung damals für die­sen Musik­stil noch nicht gab.

Erzäh­len Sie mehr über die­se Zeit! 

Als ich an der Howard Uni­ver­si­ty stu­dier­te, war es die Zeit von Sän­gern wie Don­ny Hat­ha­way und ande­rer inter­es­san­ter Leu­te. Wir waren zu viert in der Grup­pe und hat­ten einen Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor und jeman­den, der uns die Har­mo­nik bei­brach­te und sol­che Din­ge. Wir hat­ten eini­ge inter­es­san­te Kon­zer­te, unter ande­rem waren wir ein­mal die Vor­band von The Supre­mes in Bos­ton. Dann war ich bei einer ande­ren Grup­pe namens Faith Hope Cha­ri­ty, die pro­du­ziert wur­de vom berühm­ten Pro­du­zen­ten Van McCoy, der übri­gens den gros­sen Dis­co­hit «The Hust­le» geschrie­ben hat­te. Wir waren eine R‘n‘BGruppe. Erst spä­ter als ich in Washing­ton D. C. leb­te, grün­de­te ich die Grup­pe Spirit.

Wie erleb­ten Sie Ihre Kind­heit und Jugend­jah­re? Sie wuch­sen ja in einer sehr musi­ka­li­schen Fami­lie auf… 

Mein Gross­va­ter war ein Trom­pe­ter und Schlag­zeu­ger. Dann wur­de er neun­fa­cher Fami­li­en­va­ter und muss­te einen zusätz­li­chen Job anneh­men. Von die­sen neun Kin­dern wur­de einer Kon­zert­pia­nist, ein ande­rer spiel­te Trom­pe­te und ein wei­te­rer, mein Schwie­ger­on­kel, spiel­te Bass. Mei­ne Mut­ter sang gele­gent­lich in der Big Band mei­nes Onkels. Das Haus war stets von Musik durch­drun­gen, von Klas­sik über Jazz zu Gos­pel und Pop. Ich hat­te eine wun­der­vol­le Kind­heit. In der Schu­le wur­den auch eini­ge klei­ne­re Thea­ter­stü­cke, Musi­cals und Talent­shows orga­ni­siert. Als ich noch in der High­school war, wur­de eine mei­ner Cou­si­nen Mit­glied der Motown-Grup­pe The Mar­ve­let­tes. Wir gin­gen oft nach Detroit, um uns den Motown-Sound von Leu­ten wie Stevie Won­der und Mar­vin Gaye anzu­hö­ren. Des­halb war der Weg zu einer Kar­rie­re als Sän­ge­rin für mich prak­tisch vorgegeben.

Waren Sie ein Kind der ame­ri­ka­ni­schen Bürgerrechtsbewegung? 

Ja. Mei­ne Schwes­ter Gwen leb­te in jener Zeit in Mont­go­me­ry, Ala­ba­ma. Sie betei­lig­te sich an der Bewegung.

Wie betei­lig­te sie sich? 

Sie betei­lig­te sich als Mit­glied des SNCC (Stu­dent Non-vio­lent Coör­di­na­ting Com­mit­tee) als Pro­test­le­rin und Orga­ni­sa­to­rin. Sie orga­ni­sier­te die Natio­nal Asso­cia­ti­on of Black Stu­dents, wel­che Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen erhielt von der Natio­nal Stu­dents Asso­cia­ti­on. Hier ergibt sich ein inter­es­san­ter Bezug zum Jazz, denn wäh­rend der Zeit der Segre­ga­ti­on in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten war die Jazz­büh­ne einer jener Orte, wo Weis­se und Schwar­ze zusam­men­fan­den. Jazz­mu­sik war schon immer eine inte­grie­ren­de Kraft. Sie führ­te die Men­schen unter­schied­li­cher Haut­far­be zusam­men. Manch­mal bin ich etwas besorgt, denn in Euro­pa ist der Jazz eher eine exklu­si­ve Ange­le­gen­heit. Vie­le Leu­te sind sehr stark dem Kon­kur­renz­den­ken ver­haf­tet. Wir müs­sen vor­sich­tig sein, denn Jazz ist eine Musik, die inte­griert und nicht ausgrenzt.

Dann den­ken Sie also, dass der Jazz in Euro­pa ins Eli­tä­re tendiert? 

Ich den­ke fast, dass die Gefahr droht, dass er sich in die­se Rich­tung ent­wi­ckelt. Wir müs­sen aufpassen.

Sind Sie der Ansicht, dass der Jazz die weis­se und schwar­ze Kul­tur in Ame­ri­ka zusammenführte? 

In der weis­sen Kul­tur war der Jazz ein­zig­ar­tig und vor­herr­schend zugleich. Als Weis­se beschlos­sen, ein Teil davon zu sein, wur­den sie von den Schwar­zen mit offe­nen Armen emp­fan­gen. In den USA kopier­ten damals vie­le weis­se Musi­ker Auf­nah­men von schwar­zen Musi­kern für ein exklu­siv weis­ses Publi­kum. Damals wur­de mun­ter drauf­los kopiert! Elvis Pres­ley kopier­te Otis Black­well und die Blues Brot­hers um John Belu­sci und Dan Aykroyd waren nichts ande­res als eine Kopie von Sam & Dave.

War die­ses Kopie­ren im Jazz nicht so vor­herr­schend wie in der Popmusik? 

Ich den­ke, dass Jaz­zer eine ande­re Men­ta­li­tät haben. Die Jazz­mu­sik ist auf einer theo­re­tisch so hohen Ebe­ne, dass man sich als Musi­ker sehr fest anstren­gen muss. Jazz ist kom­ple­xer als Pop­mu­sik, des­halb war es beim Jazz nicht so wie etwa beim Rock ‘n‘ Roll oder Rhythm and Blues.

Dann waren die Jaz­zer gene­rell etwas offengeistiger? 

Oh ja, abso­lut, in jeder Lebens­be­zie­hung. Sie waren ech­te Bohe­mi­ens. (Lacht) So wie Jack Kerouac und die­se Leute.

Hören Sie sich auch ande­re Musik an aus­ser Jazz? 

Ich mag die klas­si­sche Musik.

Und die Popmusik?

Nun, nur manch­mal. Gewis­se Din­ge mag ich an der Pop­mu­sik, doch ich bin kein Mensch, der den gan­zen Tag Radio hört. Ich mache das nicht.

Sie tra­ten in der Schweiz bereits zwei­mal in einer Gos­pel­gross­for­ma­ti­on als Sän­ge­rin auf. Vie­le Sän­ger, gera­de auch in den USA, schwö­ren auf ihre Gos­pel­wur­zeln, weil sie dadurch den Weg zu einer Sän­ger­kar­rie­re gefun­den haben. Wes­halb ist Gos­pel für eine Gesangs­kar­rie­re oft so wichtig? 

Nun, ich den­ke nicht, dass es so wich­tig ist für eine Jazz­sän­ger­kar­rie­re. Für mich war es das nicht. Als ich Gos­pel sang, woll­te ich etwas Neu­es aus­pro­bie­ren. Es soll­te eine Her­aus­for­de­rung sein. Am Gos­pel inter­es­siert mich, mich emo­tio­nal einer Musik ganz hin­ge­ben zu kön­nen, denn ich spü­re die­se Musik ganz stark. Als ich klein war, schlich ich mich bis zur Bap­tis­ten­kir­che, um mir die­se Musik anzu­hö­ren, denn da gibt es so vie­le star­ke Gefüh­le. Mein Antrieb bestand dar­in, die­ses Fee­ling zu haben. In Euro­pa hin­ge­gen ist es aber eher geläu­fig, dass Rock­sän­ger Jazz­sän­ger wer­den wol­len. Das macht mich ein­fach irre! Wenn Leu­te wie bei­spiels­wei­se Rickie Lee Jones, die wirk­lich eine kom­plet­te Rock­sän­ge­rin ist, das Gefühl haben, ihre Bestä­ti­gung dar­in fin­den zu kön­nen, einen Titel wie «Lush Life» zu inter­pre­tie­ren. Denn sie macht es nicht wirk­lich gut. Sol­che Din­ge regen mich auf. Oder wenn Leu­te wie Phil Coll­ins oder die Rol­ling Stones ent­schei­den, eine Sina­tra-Show mit einer Big Band zu machen. Ent­schul­di­gung, aber das ist ein­fach zu viel des Guten…

… oder Sän­ger wie Rod Steward… 

… oder Rod Ste­ward, genau. Wir Jazz­mu­si­ker befin­den uns in einem stän­di­gen und immer­wäh­ren­den Kampf. Wenn man etwas für den Jazz tun möch­te, dann soll­te man einem Jazz­künst­ler hel­fen. Jazz ver­fügt über eine ganz eige­ne Lebens­phi­lo­so­phie, Denk- und Lebens­art. Des­halb ärgern mich sol­che Din­ge ein wenig. (Lacht) Doch der Gos­pel­ge­sang war für mich eine ganz natür­li­che Erwei­te­rung mei­ner Interessen.

Ich dan­ke Ihnen sehr für die­ses anre­gen­de Gespräch, Frau Patton. 

Ich habe zu danken.

San­dy Patton

wur­de am 8. März 1948 in Detroit gebo­ren. Sie wuchs in einer kin­der­rei­chen und sehr musi­ka­li­schen Fami­lie auf. Ihr Gross­va­ter Frank Gray war ein bekann­ter Trom­pe­ter in den 1920er und 1930er Jah­ren und ihr Onkel Ben­ja­min Gray ein inter­na­tio­nal bekann­ter Kon­zert­pia­nist. Auch vie­le wei­te­re Fami­li­en­mit­glie­der waren akti­ve Musi­ker. Pat­ton begann noch wäh­rend des Jazz­ge­sangs­stu­di­ums an der Howard Uni­ver­si­ty in Washing­ton D.C. eine pro­fes­sio­nel­le Kar­rie­re als Sän­ge­rin in R’n’B‑Gruppen wie «Face of the Earth» und «Faith Hope Cha­ri­ty», bevor sie Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re ihre eige­ne Grup­pe «Spi­rit» grün­de­te. Nach ers­ten Erfol­gen in der Club­sze­ne der Stadt, wur­de sie Mit­glied des Lio­nel Hamp­ton Orches­tra, mit wel­chem sie in den fol­gen­den drei Jah­ren durch Euro­pa und Ame­ri­ka tour­te. Danach zog Pat­ton nach Miami, wo sie zu zahl­rei­chen Enga­ge­ments in der Jazz­sze­ne und im Show­busi­ness kam. In den End­sieb­zi­gern und frü­hen Acht­zi­gern trat Pat­ton an der Sei­te von Jazz­grös­sen auf wie Diz­zy Gil­le­spie, Jaco Pas­to­ri­us, Mark Mur­phy, Paqui­to D’Riviera, Jim­my Woo­de, Al Grey, Juni­or Mance, Ben­ny Bai­ley, Joe Hai­der, Bud­dy Tate, Scott Hamil­ton, Paul Kuhn oder Cab Cal­lo­way. Nach diver­sen Enga­ge­ments als Work­shop­lei­te­rin in Euro­pa zog sie nach Mar­seil­le. 1992 kam sie in die Schweiz und begann ihre Arbeit als Gesangs­leh­re­rin an der SJS. Seit­her hat sie sie­ben Jazz- und Thea­ter­shows im Rah­men ihrer Work­shop­rei­he «New Dimen­si­ons» pro­du­ziert und sich in der Ber­ner und Schwei­zer Sze­ne einen Namen gemacht. Zur­zeit tritt sie auf im Rah­men ihrer Kon­zept­show «San­dy loves Sam­my», eine Hom­mage an den 1990 ver­stor­be­nen Mul­ti­in­stru­men­ta­lis­ten und Schau­spie­ler Sam­my Davis Jr. Aus­ser­dem ver­treibt sie ihre neue CD «Pain­ting Jazz», die sie gemein­sam mit dem Bas­sis­ten Tho­mas Dürst auf­ge­nom­men hat.

CD: San­dy Pat­ton, «Pain­ting Jazz» (Sand­stone / BFG Enterprises)

www.sandypatton.com

Bild: zVg.
ensuite, Dezem­ber 2007