It is the codes, still – the year 2024 by laStaempfli

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Janu­ar: Was ist «Wealth»?

Die Chef­re­dak­to­rin des NZZ-Maga­zins erzählt auf Ende Jahr locker, wie ihre Groß­el­tern einen unge­rahm­ten Picas­so im Schrank ver­ges­sen, ein Bild der ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Eva Hes­se gra­tis bei einem Ate­lier unter­ge­stellt, und das gan­ze Haus vol­ler Kunst gestopft war. Ich dach­te mir nur: Tja. Jour­na­lis­mus und Kunst kön­nen sich nur noch Betuch­te leis­ten. 2024 war das Jahr als alle Frei­en merk­ten: In den Medi­en wird nur reich, der schon mit einem Ver­mö­gen gestar­tet ist. Die Schweiz ist ein­fach reich. Dies begann schon mit den Söld­nern, die von der Obrig­keit für teu­res Geld den Fürs­ten aller Welt über­las­sen wur­den; und, nach Tod auf dem Schlacht­feld, den Obri­gen eine Pen­si­on sowie ein paar Kilo schö­ne Sei­fen (aus dem Kör­per­fett der Sol­da­ten gewon­nen) hin­ter­lies­sen. Dies unter der Rubrik von «Sto­ries, die ich noch nie publi­zie­ren konn­te.» Mein Kul­tur­jahr beginnt ja bes­tens, nicht wahr? Im Janu­ar 2024 ver­mel­de­te die NZZ am Sonn­tag noch, dass sich der Koka­in­kon­sum in den letz­ten zehn Jah­ren ver­dop­pelt hat. Sam­mel­ten die Gross­el­tern der neu­en Che­fin NZZ-Maga­zin also noch Kunst, ver­pufft das vie­le Geld künf­ti­ger Gross­el­tern wohl eher in den zar­ten Näs­chen der Zür­cher Schi­cke­ria. Scha­de eigent­lich. Denn unter der Rubrik «Kul­tur­tech­nik» ver­bu­che ich das Ver­ges­sen eines unge­rahm­ten Picas­so im Schrank als für uns alle gewinn­brin­gen­der als die mit Koka­in ange­rei­cher­ten Trink­was­ser­re­ser­ven rund um Zürich.

Foto von laSt­aem­pf­li auf einem Trip in die Ber­ge, irgend­wo in einem Restau­rant, das dies als Kunst auf­häng­te: Detailansicht.

Febru­ar: Von Mos­kau nach Tehe­ran zu Judith Butler

Der Oppo­si­ti­ons­füh­rer und Putin­kri­ti­ker Alex­ei Nawal­ny hat sein poli­ti­sches Enga­ge­ment mit dem Leben bezahlt. Er wur­de in einem der schlimms­ten Straf­la­ger Russ­lands ermor­det. «Mit Maschi­nen­pis­to­len, war­men Fäust­lin­gen und Filz­stie­feln. Und mit schö­nen, flau­schi­gen Schä­fer­hun­den» schrieb er ein paar Wochen vor sei­nem schreck­li­chen Ende. Dank unfä­hi­ger Medi­en und öffent­lich-recht­li­cher Insti­tu­tio­nen im Wes­ten wird Nawal­ny 2024 eben­so schnell ver­ges­sen wie die tap­fe­ren Ira­ne­rin­nen im Kampf gegen die isla­mis­ti­schen Got­tes­krie­ger in ihrer Regie­rung. Mul­lahs, die übri­gens von der femi­nis­ti­schen Aus­sen­mi­nis­te­rin Anna­le­na Baer­bock eif­rig hofiert wer­den: Deutsch­land hat sei­ne Iran-Deals in der Ampel-Amts­zeit ver­viel­facht. Ist doch schön zu wis­sen, woher das Geld und die Waf­fen stam­men, mit wel­chem die Mul­lahs Isra­el beschies­sen und ihre ter­ro­ris­ti­schen Pro­xis bezahlen!

Frau­en von «Frau, Leben, Frei­heit» wer­den in Tehe­ran täg­lich gefol­tert, ver­ge­wal­tigt und ster­ben in den Ker­kern der Isla­mis­ten wäh­rend in unse­ren west­li­chen Gross­städ­ten durch­ge­knall­te Gen­der­theo­re­ti­ke­rin­nen in Basel als «Que­er for Hamas» durch die Stras­sen zie­hen und Jüdin­nen und Juden bedro­hen. Nur dank X – der den Woken ver­hass­te Elon Musk-Platt­form ist zu ver­dan­ken, dass wir wenigs­tens ab und zu davon erfah­ren. «Die Gren­ze zwi­schen Gut und Böse ver­läuft nicht zwi­schen Staa­ten, nicht zwi­schen Klas­sen, nicht zwi­schen Par­tei­en – sie ver­läuft quer durch jedes mensch­li­che Herz» meint Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn im «Archi­pel Gulag» – ein Buch, das die Genos­sen eben­so has­sen wie die Genos­sin­nen die anti­se­mi­ti­sche Judith But­ler lie­ben. Die meint übri­gens, dass Frei­heit für Frau­en völ­lig über­schätzt sei und im Kampf gegen Unter­drü­ckung und Kapi­ta­lis­mus die Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gung von Israe­lin­nen durch­aus gerecht­fer­tigt sei. Judith But­ler wird wei­ter­hin an allen Schwei­zer Uni­ver­si­tä­ten so gelehrt wie 1933 bis 1945 «Mein Kampf» von Adolf Hit­ler Schul­lek­tü­re war. Krass? Nicht krass genug! Mein Gedicht: «Ihr wollt die Fah­nen schwingen –
für eine Sache, die ihr nicht ver­steht? Ihr seid blind für das Leid der Unschul­di­gen, sprecht von Befrei­ung und sät Gewalt! Seht Ihr nicht, dass Ihr flicht den isla­mis­tisch-tota­li­tä­ren Toten­kranz?» ist von Kurt Tuchol­skys «Sie wol­len den Bür­ger­krieg ent­fa­chen – (das soll­ten die Kom­mu­nis­ten mal machen!) daß der Nazi dir einen Toten­kranz flicht -; Deutsch­land, siehst du das nicht -?» inspi­riert. Tja. Die Nazis haben noch nie gemerkt, dass sie Nazis sind, son­dern waren immer davon über­zeugt, die wirk­lich Guten zu sein; hier ein Insi­der­gruss an M.R.

Foto von laSt­aem­pf­li von Mary Hass­an­pour anläss­lich einer Aus­stel­lung im Febru­ar in Wien. Detailansicht.

März: Euro­päi­sche Müt­ter der Urzeit

Stel­len wir uns vor, eine, nur aus Män­nern bestehen­de Grup­pe unter­nimmt eine lan­ge Wan­der­be­we­gung durch ver­schie­de­ne geo­gra­fi­sche Regio­nen und trifft auf ihrem Migra­ti­ons­zug auf sess­haf­te Völ­ker, in denen Frau­en das Sagen haben. Die Vari­an­te, dass die Män­ner­hor­den die Männ­chen ermor­den, den Nach­wuchs töten, die Frau­en ver­ge­wal­ti­gen, unter­wer­fen und sel­ber mit ihnen sess­haft wer­den, liegt ziem­lich nahe. Will­kom­men in der neue­ren Steinzeitforschung!

Es beginnt – wie immer – bei einer Frau. Die «Venus von Wil­len­dorf» ist ein Rät­sel, eine umwer­fend schön geform­te Figur, ange­nehm fett und für ihre über 30.000 Jah­re sehr gut erhal­ten. Sie wohnt in Wien, im Natur­his­to­ri­schen Muse­um, ist viel klei­ner als erwar­tet und hat mitt­ler­wei­le vie­le Schwes­tern der euro­päi­schen Eis­zeit. Sie war lan­ge DIE Iko­ne der Kunst­ge­schich­te und Archäo­lo­gie. Sie wur­de mal als por­no­gra­fi­sches Objekt, mal als Mut­ter­göt­tin, mal als Meis­te­rin des Tex­til­hand­werks gedeu­tet. Gebaut ist sie aus Sand­stein vom Gar­da­see, ent­deckt wur­de sie 1908 von einem Bau­ar­bei­ter beim Bau der Donau-Ufer­bahn in der Wach­au. Sie ist Aus­gangs­punkt neu­er Geschichts­schrei­bung, die von Karin Bojs «Müt­ter Euro­pas. Die letz­ten 43000 Jah­re» sowie Llu­is Quin­ta­na-Mur­ci «Die gros­se Ody­see. Wie sich die Mensch­heit über die Erde ver­brei­tet hat», neu ver­han­delt wird.

Bei­de erzäh­len davon, wie sich die Migra­ti­on der Urzeit bei Män­nern und Frau­en völ­lig anders mani­fes­tiert und aus­wirkt. Ein Befund, den die Sprach­wis­sen­schaft­le­rin und Archäo­lo­gin Mari­ja Gim­bu­tas (1921–1994) schon in den 1940er Jah­ren fest­hielt. Sie beleg­te mit den Arte­fak­ten und Sprach­ent­wick­lun­gen der Urzeit, ein «Alt­eu­ro­pa» mit matri­li­nea­rer Kul­tur und indo­ger­ma­ni­schen Migra­ti­ons­wel­len, die eine stark patri­ar­cha­le Kul­tur mit sich tru­gen. 2018, auf einer Tagung in Upp­sa­la, ent­schul­dig­te sich der legen­dä­re Colin Ren­frew, Archäo­lo­ge aus Cam­bridge – er war damals schon über acht­zig Jah­re alt – bei sei­nen Kol­le­gen und leis­te­te Mari­ja Gim­bu­tas Abbit­te. «Cer­tain­ly I was wrong», mein­te er bedau­ernd, aber in einer Grö­ße, die den meis­ten Wis­sen­schaft­lern heut­zu­ta­ge lei­der abgeht.

Dass alter­tüm­li­che Migra­ti­on, matrif­o­ka­le Kul­tu­ren und das dar­aus resul­tie­ren­de mensch­li­che Misch­masch in der Archäo­lo­gie aus­ge­blen­det wur­de, hat­te zutiefst ideo­lo­gi­sche Grün­de. Zunächst moch­ten die Natio­na­lis­ten die Idee, dass ihre Kul­tur auf Migran­ten zurück­ge­he, über­haupt nicht. Dann wie­der­um ver­ab­scheu­ten post­ko­lo­nia­le His­to­ri­ker die The­se der ver­ge­wal­ti­gen­den Män­ner­hor­den aus dem Osten. Wei­ter fan­den «diver­se» His­to­ri­ke­rin­nen, dass es in Euro­pa nie matri­ar­cha­le Kul­tu­ren gege­ben haben könn­te, die­se sei­en natür­li­cher­wei­se «indi­ge­nen» Stäm­men vorbehalten.

Die Bio­lo­gie spricht nun ein stren­ges Macht­wort gegen die­se Ideo­lo­gien von links bis rechts. Gene pfle­gen näm­lich nicht zu lügen. DNA-Ana­ly­sen zei­gen: Stein­zeit­frau­en haben ande­re Gene als Stein­zeit­män­ner. Und die gefun­de­nen Arte­fak­te pas­sen in die­se unter­schied­li­che Frau-Mann-Sche­ma­ta, die sich aus­ser­dem als ritu­el­le Unter­schie­de von Göt­tin­nen-Kult und Phal­lus-Kult unter­schei­den lassen.

Womit wir wie­der bei der Venus von Wil­len­dorf wären. Nach neue­rer For­schung ist sie des­halb alles ande­re als eine Por­no­vor­la­ge für Stein­zeit­män­ner. Sie passt zum Furcht­bar­keits­kult inner­halb matri­li­nea­ren Gemein­schaf­ten, die von den indo­ger­ma­ni­schen Migra­ti­ons­strö­men über­fal­len, unter­wor­fen und in patrif­o­ka­le Gesell­schaf­ten umge­baut wur­den. «Ein Teil der neu­en For­schungs­er­geb­nis­se deu­tet dar­auf hin, dass die indo­eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rungs­wel­le tat­säch­lich eine Kul­tur mit sich brach­te, die stark auf Väter und väter­li­che Lini­en aus­ge­rich­tet sind.» Die Klas­si­ke­rin­nen unter uns wuss­ten dies schon längst. Denn der Mythos «Raub der Sabi­ne­rin­nen» scheint viel der urzeit­li­chen Gesell­schafts­for­men zu erklären.

Geno­mik und Popu­la­ti­ons­ge­ne­tik bewei­sen nun die urmensch­li­chen Fabeln von Migra­ti­on, Ver­ge­wal­ti­gung und Unter­wer­fung in der Urzeit. Die Fra­ge: «Woher kom­men wir?» wird im Hin­blick auf «Wohin gehen wir?» aber immer noch ideo­lo­gisch ver­han­delt – Tech­nik, Gene und Geschichts­schrei­bung hin oder her. Die Diver­si­tät der Geno­me erklärt uns nicht nur, wel­che Gene und dar­aus fol­gen­de Arte­fak­te sich durch­set­zen, son­dern stellt uns Neu­zeit­ler auch vor die Fra­ge, wel­che Diver­si­tät und Arte­fak­te wir als Men­schen auch wol­len. Gera­de als Frau­en, die in der Archäo­lo­gie erstaun­li­cher­wei­se noch so genannt wer­den dür­fen, was für die Frau­en in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on nicht mehr gilt – die müs­sen jetzt ein Stern­chen tra­gen, um über­haupt noch zitiert zu wer­den – also gera­de als Frau­en, kann es nicht egal sein, wer uns wel­che Arte­fak­te zer­stört, die Liebs­ten inklu­si­ve Nach­wuchs ermor­det, und eine neue patri­ar­cha­le Linie beginnt, die jede matrif­o­ka­le Kul­tu­ren, par­don, Hori­zon­te ( so hei­ßen Kul­tu­ren auf archäo­lo­gisch) aus­löscht. Bis­her haben Nazis, Ultra­na­tio­na­lis­ten, Sowjet­kom­mu­nis­ten, Mao­is­ten, Isla­mis­ten, Hin­du­is­ten die Geschich­te lan­ge auf ihre Art und Wei­se zurecht­ge­bo­gen, um ihre Män­ner­bün­de, Todes­mys­tik und Klas­sen­ideo­lo­gie für ewig gül­tig zu erklä­ren. Jetzt sind es post­mo­der­ne Mär­chen­er­zäh­le­rin­nen, die uns weis­ma­chen wol­len, dass Kul­tu­ren mit Frau­en­fo­kus, «ter­fi­ge» Wer­ke sei­en, die die Rech­te von stein­zeit­li­chen Trans­men­schen diskriminieren.

Karin Bojs räumt mit «Müt­ter Euro­pas. Die letz­ten 43.000 Jah­re» flan­kiert vom Bio­lo­gen Llu­is Quin­ta­na-Mur­cis «Die gros­se Odys­see», mit all die­sen ver­gan­ge­nen und zeit­ge­nös­si­schen Lügen­ge­bäu­den auf. Bei­de erzäh­len von einer mensch­li­chen Viel­falt, die sich sehr stark und mäch­tig, ent­lang der bestehen­den Geschlech­ter und viel zu oft durch männ­li­che Gewalt, durch­mischt hat. Die Geschich­te der Män­ner unter­schei­det sich bio­lo­gisch und kul­tu­rell mas­siv von der Geschich­te der Frau­en. Zumin­dest was das Urzeit der Mensch­heit betrifft. Ideo­lo­gisch zie­len bei­de Bücher dar­auf hin, die Viel­falt als Fort­schritt zu inter­pre­tie­ren, wobei Karin Bojs aber den Preis, den dabei die Urfrau­en zu zah­len hat­ten, durch­aus kri­tisch erwähnt.

- Karin Bojs, Müt­ter Euro­pas. Die letz­ten 43.000 Jahre.
- Llu­is Quin­ta­na-Mur­ci. Die gros­se Odys­see. Wie sich die Mensch­heit über die Erde ver­brei­tet hat. 
Bei­de C.H. Beck Verlag.

Bild stammt von laSt­aem­pf­li direkt aus dem Natur­his­to­ri­schen in Wien und der Text wur­de im März in der Welt­wo­che in der Lite­ra­tur­bei­la­ge abgedruckt.

April: Dani­elle Pamp und ihre Kunst

«Diva in Qua­ran­ti­ne 2020», war das Aus­hän­ge­pla­kat zur Aus­stel­lung im Künst­ler­haus in Wien. Die visio­nä­re zeit­ge­nös­si­sche Künst­le­rin, bekannt für ihre atem­be­rau­ben­de Por­träts, fängt die Tie­fe und Kom­ple­xi­tät mensch­li­cher Emo­tio­nen. Ihre Wer­ke ver­bin­den klas­si­sche Tech­ni­ken mit einer moder­nen Per­spek­ti­ve und schaf­fen so Kunst­wer­ke, die tief berüh­ren. Kürz­lich hat­te sie eine viel beach­te­te Aus­stel­lung im Künst­ler­haus in Wien, die ihre Bedeu­tung in der Kunst­welt wei­ter unter­mau­er­te. Pamps Kunst über­schrei­tet Gren­zen und bie­tet eine fri­sche und ein­dring­li­che Stim­me in der zeit­ge­nös­si­schen Porträtmalerei.

Dani­elle Pamp ist eine mei­ner bes­ten Freun­din­nen aus Wien, she is just a Star! Es gibt glück­li­cher­wei­se zu «Danielle’s World» einen genia­len ARTE-Film von Micha­el Gebendorfer.

Foto von laSt­aem­pf­li, ein Sel­fie von Regu­la Stämpf­li und der Künst­le­rin Dani­elle Pamp in Stockholm

Mai: Bon­jour Wien – Adieu Vienna. 

«Wien ist eine Stadt, die man erst lie­ben ler­nen muss, und wenn man sie dann liebt, liebt man sie wie kei­ne ande­re.» Die­ses Zitat von Joseph Roth ver­bin­det mich und Wien als Chro­nis­tIn­nen des Unter­gangs, der Beob­ach­tung von Zeit, Poli­tik und Men­schen. Mit Wer­ken wie «Radetz­ky­marsch» und «Hiob» schuf er lite­ra­ri­sche Meis­ter­wer­ke, die Ver­lust, Iden­ti­tät und Hei­mat­lo­sig­keit the­ma­ti­sie­ren – The­men, die auch heu­te hoch­ak­tu­ell sind. Als jüdi­scher Schrift­stel­ler im Exil erleb­te er den Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus und starb 1939 ver­armt in Paris, ein Sym­bol für das Ver­ges­sen, das vie­le sei­ner Zeit­ge­nos­sen traf. Roths poe­ti­sche, prä­zi­se Spra­che und sein Blick für gesell­schaft­li­che Brü­che beglei­ten mich auch im Abschied von Wien – in die­sem Kul­tur­jahr, das mich hei­mat­los gemacht hat. Wien war immer mei­ne neue Hei­mat, mei­ne Feri­en, mei­ne Aus­zeit, mei­ne Freun­din – ich hab nie in Wien gear­bei­tet, son­dern immer nur gelebt. Doch wie mein­te ein bekann­ter fran­zö­si­scher Autor: «l‘ amour dure trois ans» – wie in Roths Pan­op­ti­kum rei­se ich wei­ter und hof­fe doch sehr, nicht in einer Stadt zu lan­den, in der alles nur nach «Kohl» riecht.

Foto: Sel­fie von laSt­aem­pf­li im Lieb­lings­an­zug, irgend­wo in Wien.

Juni: Heu­te beson­ders güns­ti­ges Frauenfleisch. 

Heu­te beson­ders güns­tig: Frau­en­fleisch. Ein ver­füh­re­ri­sches Kilo­an­ge­bot. Ich lie­be die­sen Essay im ENSUITE – es geht um Gemi­ni und des­sen woke Pro­gram­mie­rung, die auf die Fra­ge nach einem SS-Sol­da­ten 1943 die­se sexy Asia­tin in Nazi­uni­form zeigt. KI bleibt unver­stan­den. Sie ist nicht Intel­li­genz, doch Wis­sens­tool von uner­reich­ba­ren Daten­sät­zen, die sich die Welt so ima­gi­nie­ren, wie die gefüt­ter­ten Daten dies gestal­ten. Seit Jah­ren ist mei­ne War­nung nicht, dass Men­schen wie Maschi­nen wer­den, son­dern sich die Men­schen wie Maschi­nen beneh­men, sich deren Daten­sät­zen anpas­sen und auf­grund codier­ter Nar­ra­ti­ven die Welt gestal­ten. Im Mai war mei­ne letz­te Han­nah-Are­ndt-Lec­tu­re, die ich an der HSG initi­iert habe – Isra­el, Gross­bri­tan­ni­en und die USA war­ten schon auf die gleich­na­mi­ge Serie im nächs­ten Jahr. Die NZZ am Sonn­tag berich­te­te am 23.6. 2024 über «Nvi­dia» als «wert­volls­tes Unter­neh­men der Welt», eine Fir­ma, die mit KI viel mehr kann als Halb­lei­ter her­stel­len, in einem Schwei­zer For­schungs­zen­trum, wo mehr als 200 Per­so­nen arbei­ten. Lei­der wur­de das The­ma nicht wei­ter­ver­folgt, wie so oft in den Medi­en heut­zu­ta­ge. So hören wir nichts davon, dass Micro­soft even­tu­ell eine Nukle­ar­an­la­ge für die KI plant oder auch Chat GPT. Eine Anfra­ge auf Chat GPT kos­tet fünf­mal soviel wie eine Anfra­ge auf Goog­le – elek­tro­tech­nisch gespro­chen. Wir blei­ben dran: Com­pu­ting und Simu­la­ti­on blei­ben für laSt­aem­pf­li als Exper­tin für die Ber­tels­mann-Stif­tung aktuell.

Juli: Isla­mis­ti­sche Bar­ba­ren avant la lettre

Ich habe die Isla­mis­ti­schen Bar­ba­ren erlebt. Damals waren es die Revo­lu­tio­nä­ren Gar­den der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, die eine der wich­tigs­ten Stä­de des Mit­tel­al­ters in die Luft gejagt haben. Haben Sie schon mal von Clu­ny gehört? Nicht? Dabei war Clu­ny für Euro­pa fast eben­so wich­tig wie das unter­ge­gan­ge­ne Römi­sche Reich, des­sen Kunst und Kul­tur von den neu­en christ­li­chen Herr­schern eben­so ver­nich­tet wur­den wie ein paar Jahr­hun­der­te spä­ter die Bau­wer­ke der Chris­ten. Iko­no­klas­tik nennt man dies: Die Zer­stö­rung wich­ti­ger zivi­li­sa­to­ri­scher Errun­gen­schaf­ten alter durch neue Herrscher.

Clu­ny, die­se klei­ne Stadt im fran­zö­si­schen Bur­gund, bil­de­te den Kern des spi­ri­tu­el­len Zen­trum Euro­pas im Mit­tel­al­ter. Mit der Grün­dung der Bene­dik­ti­ner­ab­tei im Jahr 910 begann eine Bewe­gung, die die katho­li­sche Kir­che bis in die Neu­zeit und die umlie­gen­de Natur bis heu­te prägt. Die Abtei von Clu­ny stand für stren­ge Ordens­re­geln, lit­ur­gi­sche Pracht und die Unab­hän­gig­keit vom welt­li­chen Ein­fluss – ein Modell für über 1.000 Klös­ter in ganz Euro­pa. Im 12. Jahr­hun­dert war Clu­ny das größ­te und reichs­te Klos­ter der Chris­ten­heit – der Nie­der­gang setz­te mit der Refor­ma­ti­on ein und wur­de voll­bracht mit der bru­ta­len Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on. Die Revo­lu­tio­nä­re wüte­ten in Clu­ny wie die Tali­ban mit den Bud­dha-Sta­tu­en. Vom ehe­ma­li­gen Klos­ter­ge­län­de blei­ben nur noch ein paar ein­drucks­vol­le Stei­ne, Tür­me und Gebäu­de übrig. «The End of Ever­y­thing» fas­zi­niert mich seit­dem: Zivi­li­sa­tio­nen, auf Stein gebaut, die dann einer neu­en Ideo­lo­gie wei­chen muss, die kein Stein mehr auf dem ande­ren lässt.

Foto von laSt­aem­pf­li irgend­wo um Clu­ny her­um: So gut wie im Bur­gund schmeckt übri­gens kein ande­rer Wein.

August: Die Leich­tig­keit von Kunst im öffent­li­chen Raum

Loui­se Dei­nin­ger stell­te im Aux Gazel­les in Wien aus – die Trep­pe zur Maria Hil­fer­stras­se wur­de mit Tüchern kura­tiert, umwer­fend schön, das Wet­ter spiel­te geni­al mit. Loui­se ist nicht nur eine gros­se Künst­le­rin, son­dern Akti­vis­tin mit eige­ner Cha­ri­ty-Orga­ni­sa­ti­on Gyko, die alle unter­stüt­zen soll­ten, weil sie jun­gen Men­schen in Nord­ugan­da mit einer eige­nen Schu­le, Aus­bil­dung und Zukunft ermög­licht. Dei­nin­gers farb­star­ke Gemäl­de aus Acryl, Ele­fan­ten­dung und Kau­ri­mu­scheln und eben dem «Wrap» gehört zu den Men­schen, die Geschich­te schrei­ben wer­den; mit ihrer Kunst und ihrer Per­sön­lich­keit. Könn­ten wir täg­lich von Künst­le­rIn­nen lesen, hören und sehen, wie sie die Welt wahr­neh­men, gestal­ten möch­ten und uns Men­schen ver­bin­den, ganz ehr­lich? Wir wären eine glück­li­che­re Welt, jen­seits des tra­di­tio­nel­len Kul­tur­be­triebs, der seit den 1960er Jah­ren sich als ANTI statt als Pro-Demo­kra­tie definiert.

Foto von laSt­aem­pf­li Wie­ner Trep­pe von Loui­se Dei­nin­ger „It is a wrap.“

Sep­tem­ber: «Träu­men Algo­rith­men von der Demokratie?»

«Alle Weis­heit die­ser Welt ist schon aus­ge­spro­chen.» Am 26. Sep­tem­ber 2024 fei­er­ten wir die Ver­nis­sa­ge des zau­ber­haf­ten De Caro Ver­lags aus Ein­sie­deln. Ich durf­te neben nam­haf­ten Autorin­nen und Autoren über Han­nah Are­ndt schrei­ben, hier eine klei­ne Lese­pro­be und die Auf­for­de­rung: Kauft doch das Buch. So unter­stüt­zen mich mei­ne Fans am bes­ten. LESEPROBE:

Wie schüt­zen wir die Demo­kra­tie vor der Über­macht der Algo­rith­men? – Anlei­tung zur Öffent­lich­keit nach Han­nah Arendt

Von Regu­la Stämpfli

Die Geschich­te der Mensch­heit fasst sich in Mythen, Reli­gio­nen, Ideo­lo­gien, Sprech­ak­te, Nar­ra­ti­ve, Sto­rys, Kurz­fik­tio­nen. Dies war nie anders und gilt auch heu­te. Das Neue dar­an ist, dass Daten, Algo­rith­men und welt­um­span­nen­de Codes, also Zah­len, Sto­rys erzäh­len und nicht mehr Men­schen und deren Maschi­nen. Das Tra­gi­sche dar­an ist: Algo­rith­men träu­men dabei nicht von Demo­kra­tie, son­dern von Häu­fig­keit. Was bedeu­tet dies für uns Men­schen, unse­re Demo­kra­tie, unse­re Welt? 

Wahr­heit und Lüge sind im codier­ten Auto­ma­tis­mus algo­rith­misch gleich­ge­stellt. Nicht der Inhalt ent­schei­det über poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on, poli­ti­sche Ent­schei­dung und Bin­dung, son­dern die Fre­quen­cy. Im «Zeit­al­ter digi­ta­ler Repro­duk­ti­on» sind Wahr­heit und Lüge, Fak­ten und Ver­schwö­rung, Wirk­lich­keit und Fik­ti­on gleich­ge­stell­te Codes. Es gibt kei­ne codier­te Wahr­heit, nur Häu­fig­keit. Algo­rith­men ken­nen kei­ne Urteils­kraft; das Pro­gramm folgt auto­ma­ti­schen Lösungs­vor­schlä­gen. Für Maschi­nen sind wir alle gleich: Ver­bre­cher, Künst­le­rin, Faschist.

Die mil­lio­nen- und mil­li­ar­den­fa­che Wie­der­ho­lung von Codes, die auf Tik­Tok, X/Twitter, Face­book, Tele­gram, Goog­le, Spo­ti­fy, Apps, Insta­gram und ande­ren abruf­bar ist, ist nicht nach Inhalt, Fak­ten und Wahr­heit, son­dern nach algo­rith­mi­schen Pro­gram­men errech­net. Die­se sind nicht öffent­lich und nicht ent­lang demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en pro­gram­miert. Codes eta­blie­ren Kom­mu­ni­ka­ti­on und Herr­schafts­ge­walt. Sie tau­chen in Form von Trends, Hash­tags, Hyper­links, «News» auf, sind nicht rele­vant, son­dern nur häu­fig: Fre­quenz statt Kom­pe­tenz. Des­halb sind Codes nicht Infor­ma­ti­on, son­dern Reprä­sen­ta­ti­on. Sie sind nicht öffent­lich, son­dern fiktiv.

Foto von laSt­aem­pf­li zur Ver­nis­sa­ge des Buches.

Okto­ber: PROPER LOVE im Belvedere

Wir hat­ten mal einen Amoa­ko Boafo in unse­rem Wohn­zim­mer hän­gen; so wie die Fami­lie Witt­gen­stein um die 1900 in Wien einen Gus­tav Klimt. Das Bild hat mein Leben berei­chert und ich trau­re ihm auch Jah­re nach des­sen Ver­lust nach. Im Bel­ve­de­re in Wien 2024 war die Eröff­nung des Shoo­ting­stars Amoa­ko Boafo. Der gros­se Künst­ler aus Gha­na stellt klu­ge Fra­gen zur Gegen­wart und Kunst, trifft auf Klimt und Schie­le und ver­setzt die­se in sei­ne Hei­mat, ins afro-ame­ri­ka­ni­sche Prä­sens, in die gröss­ten Kunst­häu­ser die­ser Welt. «War­um malst du nur Blacks?» wird im letz­ten Raum der Aus­stel­lung im Bel­ve­de­re gefragt und von Amoa­ko Boafo drei­fach und mit Aus­ru­fe­zei­chen beant­wor­tet. Er malt. Boafo ist so ein gros­ser Künst­ler, da erüb­ri­gen sich der­art dum­me Fra­gen. Sei­ne Por­träts sind im Gug­gen­heim-Muse­um eben­so pas­send wie im Pom­pi­dou oder eben in den Wohn­zim­mern kunst­be­geis­ter­ter Men­schen. Boafo ist ein Lie­bes-Künst­ler. Sei­ne Men­schen sind so unfass­bar unter­schied­lich schön, leben­dig, berüh­rend, dass man sofort die Men­schen­lie­be, die im Zynis­mus der Gegen­wart abhan­den­ge­kom­men ist, wie­der spürt. Boafo model­liert, malt, braucht sei­ne Fin­ger, um Kör­per zu model­lie­ren, Gesich­tern den Aus­druck zu ver­lei­hen. Er nimmt die Moder­ne als Ver­spre­chen nach Afri­ka mit, um Euro­pa wie­der auf den Weg zu schi­cken. Gross­ar­tig – Pro­per Love eben.

Foto von laSt­aem­pf­li aus der Belvedere-Ausstellung

Novem­ber: Reform our Insti­tu­ti­ons or How Demo­cra­ci­es fail

In der «Die Pod­cas­tin» von Isa­bel Roh­ner und Regu­la Stämpf­li wird nicht nur spre­chend gedacht oder den­kend gespro­chen, son­dern es wer­den lau­ter neue The­sen, Theo­rien und Welt­erklä­run­gen pro­du­ziert. So auch kurz vor Jah­res­en­de in «Die Pod­cas­tin» – einem der weit­rei­chens­ten Frau­en­pod­casts und einem Pod­cast, der sich end­lich mal nicht um Frau­en­the­men wie Schmin­ke, Psy­che, Diät küm­mert, son­dern um Poli­tik, Kul­tur, Wis­sen­schaft, Zukunft und Kapi­tal. Donald Trump wur­de gewählt – wer «Die Pod­cas­tin» gehört hat­te, war davon alles ande­re als über­rascht. laSt­aem­pf­li hat die Wahl­an­ly­se zu Trump über das Jahr ent­wi­ckelt, auch den Umstand, dass Trumps Auf­stieg im Ver­sa­gen der öffent­lich-recht­li­chen Insti­tu­tio­nen und der code­ge­trie­be­nen Medi­en liegt. Bit­ter wur­de laSt­aem­pf­li nur ange­sichts der inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen! Jahr­zehn­te­lang kämpf­te sie für das inter­na­tio­na­le Völ­ker­recht, als jun­ge Mut­ter wur­de sie sogar zum IKRK ein­ge­la­den, muss­te da lei­der absa­gen – einer der gröss­ten Feh­ler in ihrer Kar­rie­re. Und nun stellt sie fest: Die UNO wird von Dik­ta­tu­ren, Auto­kra­ten und der VR Chi­na mani­pu­liert, von Genos­sen und Genos­sin­nen zum Schre­cken des Wes­tens revo­lu­tio­niert und hul­digt tota­li­tä­ren Ideo­lo­gien wie damals, Sie wis­sen schon wann! Das IKRK ist ein Hamas-Kusch­ler­ver­ein gewor­den – so mei­ne Mei­nung – dies nicht zuletzt, weil sowohl Prä­si­den­tin als auch Gene­ral­se­kre­tär eine UNRWA-Ver­gan­gen­heit haben, die umstrit­te­ne Orga­ni­sa­ti­on, deren Ter­ror­nä­he nach­ge­sagt wird. Die Stadt Zürich hat 380.000 Fran­ken Steu­er­geld an die UNRWA über­wie­sen und wei­te­re 200.000 Fran­ken direkt nach Gaza geschickt. Jour­na­lis­ti­sche Recher­chen zu «Wes­halb, Wer, Wie und an Wen Genau?» – Fehl­an­zei­ge! Schwei­zer Medi­en publi­zie­ren Kilo­watt Codes zu Trump und Musk, aber zu den wirk­lich wich­ti­gen The­men, die uns Bür­ger und Bür­ge­rin­nen INTERESSIEREN MÜSSEN, wer­den nicht recher­chiert. Der ein­zi­ge Trost 2024 in der gesam­ten Nah­ost-Sto­ry war, ohne Seich, der israe­li­sche Geheim­dienst «Mos­sad.» Es gibt ein genia­les «60 Minu­tes» dazu – nicht im Ver­dacht, beson­ders pro-israe­lisch zu sein. Hört es alle nach, denn in euro­päi­schen Leit­me­di­en wur­de die heroi­sche Akti­on schrei­end laut BESCHWIEGEN.

Bild von laSt­aem­pf­lis KI

Dezem­ber: Deut­scher (Un)Kulturbetrieb

Was die ARD-Ver­ant­wort­li­chen bewo­gen hat, Thi­lo Misch­ke zum Nach­fol­ger von Max Moor für ttt – titel, the­sen, tem­pe­ra­men­te – zu ernen­nen, bleibt ein Rät­sel. Nach ers­ten Kri­ti­ken zum «umstrit­te­nen» Mode­ra­to­ren, mein­te die ARD am 27.12.2024 selbst­ver­ständ­lich: Wir freu­en uns auf Misch­kes «ttt»-Moderation und «sei­ne Sicht auf Kul­tur.» Am 4.1.2025 wur­de dann bekannt, dass die Freu­de kur­zer Dau­er war und Thi­lo Misch­ke «ttt» nun doch nicht mode­rie­ren darf.

Thi­lo Misch­ke ist Autor des 2010 publi­zier­ten Buches «In 80 Frau­en um die Welt.» Sie haben rich­tig gele­sen. Es ist «in 80 Frau­en» – mea­ning, sich durch 80 Frau­en vögeln, um dann hof­fent­lich die gro­ße Lie­be zu fin­den. Es geht um eine Macho-Män­ner­wet­te: Der Titel­held Thi­lo soll eine Welt­rei­se machen und 80 Frau­en zu ver­füh­ren. Ist er erfolg­reich, bezah­len die Freun­de den Trip. Das Buch ist schnell geschrie­ben, der Typ ein Frau­en­feind; im Ton­fall, im Besitz­an­spruch, in der Hal­tung, dass Frau­en kei­ne Indi­vi­du­en, son­dern als Grup­pe fucka­bel sind.

2010 war eine ande­re Zeit. Als ich von der «Por­no­gra­fi­sie­rung des All­tags» schrieb, wur­de ich vom Tagi-Magi und der dama­li­gen Redak­teu­rin Bir­git Schmid, die sich aktu­ell in anti­fe­mi­nis­ti­schen Tex­ten bei der «NZZ am Sonn­tag» bei Alt­män­nern beliebt zu machen ver­sucht – oder war es nun «Die Welt­wo­che?», egal, ich muss auch nicht immer alles rich­tig wis­sen, rich­tig, es ist die «NZZ am Sonn­tag», also damals wur­de ich von ihr als «prü­de» geschimpft.

2010 war Anal­sex, Intim­ra­sur, mul­ti­ple Orgas­men durch Dil­dos (wie die Schwu­len, die übri­gens auch «Sex and the City» schrie­ben – unglaub­lich beliebt damals) omni­the­ma­tisch in den Medi­en ver­su­delt. Misch­ke konn­te ja nicht ahnen, dass 15 Jah­re spä­ter die Stim­mung etwas anders ist: «Wie ein stän­dig erreg­ter Play­boy» notiert Misch­ke sei­ne Beob­ach­tun­gen, zugleich ver­sucht er den selt­sa­men Spa­gat zwi­schen poten­tem Erobe­rer und Frau­en­ver­ste­her. «Du darfst eine Japa­ne­rin nie­mals in den Nacken küs­sen, wenn du sie nicht kennst. Das ist unge­fähr so, als wür­dest du eine frem­de Frau auf der Stra­ße fra­gen: Na? Lust auf Anal­ver­kehr?» (Bespre­chung von Rol­lings­tone 3.1.2025) Alles war damals auf Por­no, Sex und Geschlechts­ver­kehr getrimmt – erst zehn Jah­re spä­ter kom­men die­sel­ben Kul­tur­frit­zen, die damals der­be gelacht haben, dar­auf, dass dies viel­leicht nicht immer so cool und links gelau­fen ist, wie sie es damals inter­pre­tiert haben. Thi­lo Misch­ke ging 2012 dann noch: «Unter frem­den Decken – Auf der Suche nach dem bes­ten Sex der Welt» für Pro Sie­ben auf Sen­dung. «Was hat­te ich nicht für abstru­se Ideen, wie ich unter­mau­ern könn­te, dass ich Sex hat­te. Von Lack­mus­strei­fen, die ich in ein Buch ein­kle­be, mit ver­schie­de­nen PH-Wer­ten und Namen dane­ben, bis zu Excel Tabel­len, die einen Kör­per so genau beschrei­ben, dass ich es mir nicht hät­te aus­den­ken kön­nen. Ich woll­te Fin­ger­ab­drü­cke neh­men, heim­lich Nackt­fo­tos machen, Ton­band­auf­nah­men vom jewei­li­gen Sex. Alles unprak­tisch, alles viel zu grob, dach­te ich immer.»

Unap­pe­tit­lich, nicht wahr? Trotz­dem dach­te sich die ARD-Kul­tur­lei­tung, die sonst bei allem «sexis­tisch, isla­mo­phob und hil­fe, das hilft den Nazis» schreit auf die Idee, einen sol­chen Mann zu pro­mo­ten? Ein Mann, der allen Erns­tes in einem Pod­cast behaup­tet, der Urmensch sei aus­ge­stor­ben, weil er «zu zärt­lich zu Frau­en gewe­sen sei» und der Homo sapi­ens statt­des­sen die Frau­en ver­ge­wal­tigt hät­te. Über­haupt Ver­ge­wal­ti­gung. Die­se ist nach Thi­lo Misch­ke «urmänn­lich» und den Jungs lei­der nur durch die Zivi­li­sa­ti­on «abge­wöhnt» worden.

Tja. Ich schrei­be seit über 25 Jah­ren über die Por­no­gra­fi­sie­rung der Welt. Als Ant­wort auf den im Schwei­zer Jour­na­lis­mus immer noch sehr sat­ten Autoren XY (Namen ver­än­dert), der auch von Ver­ge­wal­ti­gungs­ge­nen und explo­die­ren­den Vul­ven schrieb, mein­te ich schon damals sehr tro­cken: «Wenn der Penis nur noch tröp­feln kann.» Die bio­po­li­ti­sche Sexua­li­sie­rung und Pri­va­ti­sie­rung unse­rer west­li­chen Kul­tu­ren, die codiert auf Por­no-Daten­ma­te­ri­al zurück­grei­fen, weil dies die ers­ten Daten waren, die in gro­ßen Men­gen die Digi­ta­li­sie­rung pusch­ten, gras­siert über­all, wird nicht wirk­lich unter erwach­se­nen Frau­en dis­ku­tiert, son­dern in alten, lin­ken Män­ner­sche­ma­ta von frei­em Sex und prü­der Mut­ter ver­han­delt. Das MUSS JA SCHIEF GEHEN.

Lan­ger Sua­da der kur­ze Sinn: Lest end­lich Frau­en. Und zwar die, die nicht stän­dig über Sex, Depres­si­on, Kin­der krie­gen oder «wie Kar­rie­re als Frau machen», schrei­ben, son­dern die, die über alles und Gros­ses schrei­ben. Auf ein neu­es Jahr, möge das Alte end­lich posi­tiv über­holt werden!

Foto von laSt­aem­pf­li : Kunst­werk von Janice Gon­dor «75 Jah­re Grundgesetz.»



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