Bild: Bern 11.4.2012- Marianne Hamre, Philip Hagmann und Andri Schenardi in der HP2 zu "Tage unter", einer Schweizer Erstauffuehrung von Arne Lygre in der Inszenierung von Olivier Bachmann am Stadttheater Bern. Premiere: Dienstag, 17. April 2012 (Annette Boutellier)

Ich wer­de dir eine Geschich­te geben

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Von Fabi­en­ne Nae­ge­li – Schwei­zer Erst­auf­füh­rung von «Tage unter» am Stadt­thea­ter Bern: Von der Decke hän­gen Neon­lam­pen wie in einem Labor. Dar­un­ter ste­hen vier Per­so­nen in spi­tal­far­be­ner Klei­dung, «Frau», «Mäd­chen», «Jun­ge Peter» und «Besit­zer». Die Situa­ti­on ist beklem­mend, bei­na­he klaus­tro­pho­bisch, so dass einem ein Schau­er über den Rücken läuft. Wir befin­den uns in einem ver­las­se­nen Haus, genau­er im Ver­suchs­raum, einer Art fens­ter­lo­sem Kel­ler. «Besit­zer» öff­net einen ste­ril wir­ken­den Plas­tik­beu­tel und ent­nimmt ihm ein Jackett. «Ich habe nichts. Bin nichts. Bis jetzt. Ich hat­te ein­mal. Ich war etwas. Aber nicht jetzt», behaup­tet er, dem wie auch allen ande­ren der bestimm­te Arti­kel ver­lo­ren gegan­gen ist. «Frau» wider­spricht ihm: «Wir haben Prin­zi­pi­en, ein Haus, ein­an­der, einen Ein­weg­spie­gel und einen Bunker.»

Im schall­dich­ten Kel­ler­ver­lies hält «Besit­zer» Men­schen gefan­gen, die er von der Stras­se oder an einer Bus­hal­te­stel­le mit­nimmt. «Ich zer­stö­re. Ich stel­le wie­der her. Ich hel­fe. Ich baue auf.» In welt­ver­bes­ser­li­cher Manier glaubt er, die kaput­ten und ver­lo­re­nen Exis­ten­zen ret­ten und ihnen eine neue Geschich­te geben zu müs­sen. Er bricht die Per­sön­lich­keit der Ent­führ­ten, damit sie eine neue Iden­ti­tät gewin­nen oder zumin­dest die alte ins Wan­ken gerät. Er selbst hat eben­falls mit sei­nem alten Leben gebro­chen. Nun ver­hilft er ande­ren zu ihrem Bes­ten, zu ihrer Hei­lung, und zwingt ihnen sei­ne Geschich­te auf. Nach einem Monat im Bun­ker und eini­gen wei­te­ren im Ver­suchs­raum wer­den die Gefan­ge­nen mit der Auf­la­ge, nicht wie­der kom­men zu dür­fen, ent­las­sen. «Frei­heit in Schrit­ten» nennt «Besit­zer» das.

Bei «Frau» hat die Metho­de gewirkt. Sie ist soweit, Eigen­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und in ein neu­es Leben zu tre­ten, glaubt «Besit­zer». Doch «Frau» lei­det an tota­lem Selbst­ver­lust, dem soge­nann­ten Stock­holm-Syn­drom. «Bin nichts allein. Mei­ne Geschich­te ist leer.» Sie ist «Besit­zer» hörig, fühlt sich in sei­ner Ord­nung behü­tet, bei gleich­zei­ti­ger Angst vor ihm. Selbst zu ent­schei­den hat sie ver­lernt. Sie exis­tiert nur noch für und durch «Besit­zer». Er ist zu ihrem ein­zi­gen Ori­en­tie­rungs­punkt gewor­den. Ein Leben ohne ihn kann sie sich nicht vor­stel­len. Eine regel­rech­te Lie­bes­ge­schich­te ver­bin­det die bei­den. Gemein­sam mit ihm beob­ach­tet sie als will­fäh­ri­ge Kom­pli­zin die Gefan­ge­nen. Gegen ihren Wil­len muss sie den Schritt nach draus­sen versuchen.

Nach einem Monat darf «Mäd­chen» aus dem Ver­lies nach oben zu «Besit­zer» und «Frau», die sich davor fürch­tet, da es alles durch­ein­an­der brin­gen kann. «Mäd­chen» ist rebel­lisch und wehrt sich selbst­be­wusst gegen die Gefan­gen­schaft. Sie ver­sucht zu ent­kom­men. Doch wer nicht mit­macht, dem dro­hen Ver­lust von Fin­gern und Zehen. Immer wie­der wird die Fol­ter­sze­ne­rie mit in war­mes Licht getauch­ten, kur­zen Geschich­ten durch­bro­chen, wel­che die Ver­gan­gen­heit und Zukunft der drei ima­gi­nie­ren. Die regel­haf­te Struk­tur gerät kom­plett aus den Fugen als ver­se­hent­lich «Jun­ge Peter» gefan­gen genom­men wird. Er ist der Feh­ler in der Ver­suchs­an­ord­nung, der ein­zi­ge mit Namen, der zudem von sei­nen Eltern gesucht wird. Plötz­lich ist auch noch der «Besit­zer» tot. Mit des­sen Abwe­sen­heit gestal­ten sich die Bezie­hun­gen unter den drei unfrei­wil­lig sich selbst über­las­sen Ver­blie­be­nen neu. Die Gewalt­spi­ra­le jedoch setzt sich fort. Jede der Figu­ren kann Täte­rIn, bezie­hungs­wei­se Opfer sein und die Posi­ti­on des ande­ren über­neh­men im Spiel der Mög­lich­kei­ten von Geschich­ten. Man mani­pu­liert sich gegen­sei­tig und lotet stän­dig wech­seln­de Macht­ver­hält­nis­se aus.

Das Dra­ma «Tage unter» von Arne Lyg­re fas­zi­niert durch sei­ne unter­schied­li­chen Nar­ra­ti­ons­ebe­nen. Neben der direk­ten Rede, der gän­gi­gen Figu­ren­per­spek­ti­ve, spre­chen die Cha­rak­te­re in der drit­ten Per­son über sich selbst und kom­men­tie­ren ihre Hand­lun­gen: «Mäd­chen weint», «Frau betrach­tet Besit­zer». Die­ses Schreib­prin­zip nennt der nor­we­gi­sche Dra­ma­ti­ker «Hyper­re­pli­ken». Die schreck­li­che Gewalt, die den Sze­nen teils inne­wohnt, wird in der Insze­nie­rung nicht illus­triert, son­dern fin­det vor allem auf sprach­li­cher Ebe­ne statt und bleibt infol­ge­des­sen meist der Ima­gi­na­ti­on der Zuschau­en­den über­las­sen. Obwohl einem, allein durch den Hand­lungs­ort, unwei­ger­lich Erin­ne­run­gen zu Kam­pusch und Fritzl in den Sinn kom­men, zieht die Insze­nie­rung kei­ner­lei Ver­bin­dun­gen zu spe­zi­fi­schen Fäl­len. Viel­mehr zeigt das zukünf­ti­ge künst­le­ri­sche Lei­tungs­team des Thea­ter Marie mit «Tage unter» ein Stück über eine Extrem­si­tua­ti­on des Beherr­schens und Beherrscht­wer­dens. Ein Spiel mit Behaup­tun­gen und humo­ris­tisch iro­ni­schen Momen­ten, in dem Men­schen in ihren Rol­len­spie­len und Prin­zi­pi­en so gefan­gen sind, dass schon mal ein Fens­ter für unwich­tig gehal­ten wird, oder man, anstatt zu befrei­en, sich mit ein­schliesst, um zusam­men zu sein.

„Tage unter“
Spiel: Phil­ip Hag­mann, Mari­an­ne Ham­re, Mona Kloos, Andri Schenardi.
Insze­nie­rung: Oli­vi­er Bach­mann. Büh­ne: Erik Noor­lan­der. Musik: Pas­cal Nater.
Kos­tüm: Myri­am Casanova.
Licht: Reto Dietrich.
Dra­ma­tur­gie: Patric Bachmann.
www.stadttheaterbern.ch
www.theatermarie.ch

Foto: zVg.
ensuite, Mai 2012



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