Bild: Bern, 31.10.08 c Peter Mosimann: Pedro Lenz, Schriftsteller

«Ich glau­be fest an die Münd­lich­keit der Literatur»

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Von Anto­nio Suá­rez Vare­la – Pedro Lenz ist einer der schweiz­weit bekann­tes­ten Mund­art­dich­ter. Zur­zeit arbei­tet er an einem Roman­pro­jekt mit dem Arbeits­ti­tel «Inland». 2008 erhielt er den Kul­tur­preis der Stadt Bern. Im Inter­view mit ensuite – kul­tur­ma­ga­zin spricht der Ber­ner über die Spra­che, die Schwei­zer Lite­ra­tur­sze­ne, lite­ra­ri­sche Vor­bil­der, sei­ne Arbeits­wei­se und sei­nen unge­wöhn­li­chen Werdegang.

ensuite – kul­tur­ma­ga­zin: Das Jahr 2008 war für dich sehr erfolg­reich. Du bist mit dem Kul­tur­preis der Stadt Bern aus­ge­zeich­net wor­den und hast als ein­zi­ger Schwei­zer Autor in Kla­gen­furt am Wett­le­sen des Inge­borg-Bach­mann-Prei­ses teil­ge­nom­men. Was waren für dich die High­lights 2008?

Pedro Lenz: Für mich war der Lite­ra­tur­preis der Stadt Bern schon wich­ti­ger als die Nomi­na­ti­on in Öster­reich, weil mir ein Preis nicht für einen Roman, son­dern für die vie­len Tex­te ver­lie­hen wor­den ist, die ich geschrie­ben habe. Mein High­light war das Kurz­stück, das ich für das Stadt­thea­ter geschrie­ben habe, ein Mono­log für eine Frau, die von Hei­di Maria Glöss­ner ver­kör­pert wur­de. Das Stadt­thea­ter hat ein Autoren­pro­jekt rea­li­siert, für das es drei­zehn Autorin­nen und Autoren requi­riert hat, um ein kur­zes Stück von zwan­zig bis dreis­sig Minu­ten zu schrei­ben. Ich habe einen Mono­log auf Mund­art geschrie­ben. Zuerst hiess es, dies gin­ge nicht auf Mund­art, denn die Tex­te waren für das Ber­li­ner Heft «Thea­ter der Zeit» bestimmt. Ich aber habe dar­auf bestan­den, denn die­ses Stück muss­te auf Mund­art sein. Das haben sie schliess­lich akzep­tiert und auch so abgedruckt.

Und wel­che Erin­ne­run­gen ver­knüpfst du mit der Ein­la­dung an den Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis?

Zuerst war ich über­rascht, dass ich über­haupt ein­ge­la­den wur­de. Sie­ben Jury­mit­glie­der laden je zwei Autoren ein. Ich wur­de von einem Jury­mit­glied aus der Schweiz ein­ge­la­den. Ich wuss­te von Autoren­kol­le­gen, dass die­se Ver­an­stal­tung in ein Abschlach­ten aus­ar­ten kann. Ich hat­te wegen des Fern­seh­for­mats zuerst Beden­ken. Ich wuss­te nicht, ob ich mir das antun woll­te. Doch ich dach­te mir, dass ich jetzt alt genug bin, um damit umge­hen zu kön­nen. Ich habe ein Text­frag­ment aus einem Roman ein­ge­ge­ben [Titel: «Inland». A.d.R.], den ich in Kla­gen­furt las. Der kam aber bei der Jury nicht gut an. Vom Publi­kum und von Autoren­kol­le­gen erhielt ich posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen, so dass ich trotz­dem glück­lich nach Hau­se gehen konn­te. Um den Preis konn­te ich lei­der nicht mehr mitkämpfen.

Ist die­se Ver­an­stal­tung ein Club eli­tä­rer Lite­ra­tur­kri­ti­ker, die Lite­ra­tur aus der Pro­vinz nicht zu schät­zen wissen?

Ich schrieb einen sehr münd­li­chen Text und hat­te das Gefühl, dass die Jury nicht bereit war, sich damit ernst­haft aus­ein­an­der zu set­zen. Ich möch­te ihr kei­nen Vor­wurf machen. Ver­mut­lich pass­te der Text ein­fach nicht in die­sen Kon­text. Doch es ist die Art von Lite­ra­tur, die ich mache. Ich konn­te mich nicht ver­bie­gen und einen Text extra für Kla­gen­furt schrei­ben. Es han­del­te sich um einen Mono­log einer Figur, die psy­chisch krank ist. Aus­ge­hend von die­sem Text, hät­te man sich mit der Münd­lich­keit in der Lite­ra­tur aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, eines mei­ner Haupt­the­men. Es geht um die Fra­ge, wie man münd­li­che Spra­che in Lite­ra­tur umset­zen kann, damit es so wirkt, als ob sie noch münd­lich wäre. Dies wur­de in Kla­gen­furt nicht goutiert.

Der Text stammt aus dem Eröff­nungs­ka­pi­tel dei­nes noch unver­öf­fent­lich­ten Romans «Inland».

Es han­delt sich um eine Figur, die aus ihrer Jugend in der Pro­vinz erzählt. Wäh­rend sie das tut, macht sie immer wie­der Rück­blen­den. Ich befas­se mich mit der Idee, wie die Erin­ne­rung funk­tio­niert. Ihr fal­len immer wie­der Erin­ne­run­gen ein, die sich wie im Kreis immer wie­der über­schnei­den und am Schluss ein Gan­zes bil­den. Es wird qua­si ein gan­zes Leben in klei­nen Epi­so­den erzählt. Erst im Ver­lauf der Lek­tü­re erfährt man über den eigent­li­chen Antrieb die­ses Erzählens.

Wes­halb bevor­zugst du für dei­ne gespro­che­nen Tex­te so oft die Monologform?

Der Mono­log ist eine sehr dank­ba­re Form für Ein­zel­le­sun­gen, denn er erlaubt mir, aus der Sicht der jewei­li­gen Figur zu spre­chen. Dies bedingt natür­lich, dass man sich in die­se Figur hin­ein­ver­setzt, doch es wirkt dann sehr unmit­tel­bar in der Münd­lich­keit, denn die erzäh­len­de Instanz fällt weg.

Du sprichst in dei­nen Tex­ten vom All­täg­li­chen, von ganz nor­ma­len Leu­ten, die ganz nor­ma­len Beru­fen nach­ge­hen. Trotz­dem möch­test du nicht als Arbei­ter­li­te­rat bezeich­net wer­den. Warum?

Ich möch­te es so aus­drü­cken: Das, was ich mache, ist hoch­ar­ti­fi­zi­ell. Es ist kei­ne Arbei­ter­li­te­ra­tur im klas­si­schen Sinn, wie bei­spiels­wei­se der sozia­le Rea­lis­mus. Die Idee ist die, dass es wir­ken soll, als ob es sich um einen tran­skri­bier­ten Text hand­le. Es gibt Leu­te, die sagen: «Genau so spricht mein Gross­va­ter». Doch der Pro­zess, um dort­hin zu gelan­gen, also auf eine hoch­künst­li­che Art Authen­ti­zi­tät her­zu­stel­len, ist ein sehr künst­li­cher. Ich mon­tie­re die Spra­che regel­recht, rhyth­mi­sie­re sie. Dar­aus ent­steht so etwas wie eine fal­sche Natürlichkeit.

Wie gehst du vor, wenn du Rhyth­mus in den gespro­che­nen Text brin­gen willst?

Zual­ler­erst gehe ich davon aus, dass jede Spra­che einen Rhyth­mus besitzt. Ich war 2005 sechs Mona­te in Schott­land. Zuerst ver­stand ich das schot­ti­sche Eng­lisch nicht, obwohl ich Eng­lisch ver­ste­he. Dann merk­te ich, dass es stets eine Fra­ge des Rhyth­mus ist. Die Schot­ten haben zwar eine ande­re Beto­nung, doch das Haupt­pro­blem bestand dar­in, dass sie über eine eige­ne Rhyth­mik und Sprach­me­lo­die ver­fü­gen. Ich suche die Sprach­me­lo­die in mei­ner Mund­art. Dabei ver­fah­re ich intui­tiv. Doch beim Schrei­ben lese ich jeweils laut vor, um her­aus­zu­fin­den, ob ich die Sprach­me­lo­die hin­krie­ge. Dar­aus ergibt sich das Tem­po meist von selbst, denn ich eli­mi­nie­re alles, wor­über ich beim Lesen stol­pe­re. Ich for­me den Text auch mit den Zei­len­um­brü­chen so, dass ich immer gleich vier bis fünf Sät­ze auf­sa­gen kann, bevor ich wie­der Luft holen muss.

Du bist ein künst­le­ri­scher All­roun­der. Du bist Kolum­nist, Slam-Poet, Roman­cier und Mund­art­dich­ter. Wie bringst du all die­se Tätig­kei­ten unter einen Hut? Hast du bei über 300 Auf­trit­ten im Jahr noch Zeit für die Musse?

Im Moment kaum. Doch wäh­rend Autoren­kol­le­gen den Vor­mit­tag oder Abend damit ver­brin­gen, ein Bohè­me­le­ben zu füh­ren, bin ich meist am Arbei­ten. So kommt bei mir auto­ma­tisch mehr her­aus am Ende des Tages. Wenn ich täg­lich drei Sei­ten schrei­be, was nicht sehr viel ist, dann habe ich Ende Jahr tau­send Sei­ten. Das heisst, dass ich sehr oft am Arbei­ten bin. Das Her­um­rei­sen zu den Lesun­gen gehört für mich zur Frei­zeit. Die frei­en Aben­de, an denen man nichts macht, ver­mis­se ich gar nicht. Ich hat­te davon schon genug in mei­nem Leben. Das stän­di­ge Schrei­ben ist für mich zum Lebens­in­halt geworden.

Führst du also kein Bohèmeleben?

Nein, eigent­lich nicht. Ich genies­se es natür­lich schon inten­siv, wenn ich an einem Ort auf­tre­te. Denn obschon die Lesung viel­leicht bloss eine hal­be Stun­de dau­ert, so ver­brin­ge ich letzt­lich trotz­dem vier bis fünf Stun­den unter­wegs mit ande­ren Künst­lern. Ich bin ja auch in einer Autoren­grup­pe. Mein Bohè­me­le­ben fin­det meist im Zug oder auf der Heim­fahrt von einer Lesung statt. Es ist nicht so, dass ich um elf Uhr Vor­mit­tags auf­ste­he und dann lang­sam in den Tag hin­ein­schlit­te­re. Nor­ma­ler­wei­se sit­ze ich recht dis­zi­pli­niert am Mor­gen um acht oder halb neun an mei­nem Büro­tisch und schreibe.

Ist es aber nicht so, dass man Zeit und Musse
für die Inspi­ra­ti­on braucht?

Dar­auf wur­de ich oft ange­spro­chen. Vie­le Leu­te glau­ben, die Inspi­ra­ti­on käme vom Nichts­tun. Bei mir kommt die Inspi­ra­ti­on oft wäh­rend des Schrei­bens und bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Text. Bei einer Kolum­ne habe ich einen Abga­be­ter­min. Daher wäre es schlecht, wenn ich wegen eines Schreib­st­aus ein lee­res Blatt abge­ben müsste.
Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass mit mir etwas geschieht, sobald ich anfan­ge zu schrei­ben. Manch­mal muss ich zuerst mit etwas ande­rem begin­nen und mich nicht zu sehr auf die Kolum­ne fixie­ren. Sobald ich anfan­ge zu schrei­ben, löst das bei mir einen Pro­zess aus, der mich zu Inspi­ra­tio­nen führt.

Du machst sehr vie­le Din­ge par­al­lel. Wenn du aus­wäh­len müss­test, wel­che dei­ner Tätig­kei­ten fin­dest du als Lite­rat am spannendsten?

Ich kann das so nicht beant­wor­ten. Alles gehört für mich sehr eng zusam­men. Die Kolum­ne ist eine Schreib­form, die ich seit Jah­ren pfle­ge, denn es war eine der ers­ten Mög­lich­kei­ten, mit Lite­ra­tur Geld zu ver­die­nen. Und ich spre­che nicht von den Bla­bla-Kolum­nen irgend­wel­cher Pro­mi­nen­ten, von denen es heut­zu­ta­ge immer mehr gibt. Ich begrei­fe die Kolum­ne als lite­ra­ri­schen Arti­kel. Das war für mich sozu­sa­gen eine ers­te Lie­be. Mich inter­es­sie­ren aus­ser­dem die Büh­nen­li­te­ra­tur, das Thea­ter, das Hör­spiel und Radio­ge­schich­ten. Ich glau­be sehr fest an die Münd­lich­keit in der Lite­ra­tur. Gera­de in einer Zeit, in der immer weni­ger gele­sen wird, ist es wich­tig, die Leu­te mit mehr Ora­li­tät zu errei­chen. Ich habe gemerkt, dass ich mit Münd­lich­keit an Leu­te her­an­kom­me, die mit Lite­ra­tur nichts am Hut haben. Ich fin­de es inter­es­sant, Lite­ra­tur zu machen, die sowohl dem lite­ra­risch Inter­es­sier­ten einen neu­en Zugang eröff­net als auch dem lite­ra­risch Uner­fah­re­nen. Es gibt viel Lite­ra­tur, zu der der Zugang erschwert ist. Ich möch­te einer­seits die Zugangs­schwel­le mög­lichst tief hal­ten, ande­rer­seits auch Fines­sen aus­ar­bei­ten, die der Ken­ner schät­zen kann.

Wie gehst du vor, wenn du einen gespro­che­nen Text fürs Publi­kum schreibst?

Zuerst ver­su­che ich her­aus­zu­fin­den, wie die Leu­te im All­tag oder in der Beiz spre­chen. Dabei stel­le ich fest, dass die Leu­te oft in Schlau­fen spre­chen, beson­ders älte­re Men­schen. Meist erzäh­len sie von sehr vie­len ver­schie­de­nen Din­gen, bevor sie auf den Punkt kom­men. Die­se Art des Spre­chens ver­su­che ich nach­zu­bil­den. Ein Bei­spiel: Ich sah ein­mal einen Haus­wart, wie er ein Kind mass­re­gel­te. Und wäh­rend er dies tat, fing er plötz­lich damit an, von sei­nen per­sön­li­chen Pro­ble­men zu spre­chen. Ich merk­te sofort, dass dies eine gute Aus­gangs­si­tua­ti­on ist. Ich schrieb dann einen Text von einem Mann, der klei­nen Kin­dern Mär­chen erzäh­len soll­te. Wäh­rend des Erzäh­lens aber schweift er von der Prin­zes­sin ab zu einem Rund­um­schlag gegen den heu­ti­gen Pro­mi­nen­ten­adel. Plötz­lich erin­nert er sich an sei­ne Freun­din, die ihn ver­las­sen hat und wie weh ihm das tut. Und das alles erzählt er den Kin­dern. Die Figur ver­lässt also die ein­ge­schla­ge­ne Erzähl­ebe­ne und fängt plötz­lich an, über per­sön­li­che Din­ge zu erzäh­len. Und das ver­leiht der tra­gi­schen Geschich­te eine gewisse
Komik. Für mich ste­hen Humor und Tra­gik immer sehr nahe bei­ein­an­der. Ich mache nie Humor um der Poin­te wil­len, son­dern weil er ein gutes Schmier­mit­tel ist, um Tra­gi­sches zu erzählen.

Spre­chen wir von dei­nen lite­ra­ri­schen Vor­bil­dern. Ver­mut­lich lie­ge ich nicht falsch, wenn die in Spa­ni­en zu fin­den sind…

Ich habe lan­ge Spa­nisch stu­diert, das Stu­di­um aber nie abge­schlos­sen. Für mich war die spa­ni­sche oder latein­ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur wie eine ande­re Welt. Ich habe dort auf ver­schie­de­nen Ebe­nen Vor­bil­der gefun­den. Sei es zum Bei­spiel Josep Plà, ein Chro­nist der Pro­vinz, der all­täg­li­che klei­ne Rei­sen und Fuss­wan­de­run­gen in Lite­ra­tur umwan­delt, sei es ein Fran­cis­co Umbral, der ein meis­ter­haf­ter Zei­tungs­schrift­stel­ler war, von dem ich viel übers Kolum­nen­schrei­ben gelernt habe, aber auch älte­re Autoren wie César Gon­zá­lez Rua­no, der ein bedeu­ten­der Kolum­nist in den 1930er- und 1940er-Jah­ren war. Und im Bereich der Roman­li­te­ra­tur war vor allem Juan Mar­sé wich­tig. Auch in der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur hat­te ich mei­ne Vor­bil­der: Peter Bich­sel zum Bei­spiel ermög­lich­te mir als noch unge­bil­de­ter Mau­rer den Zugang zur Lite­ra­tur. Dann habe ich mich quer durch die lite­ra­ri­sche Land­schaft gele­sen. Bei den spa­ni­schen Autoren ist es so, dass ich die näch­te­lang lesen kann, um mich dann am nächs­ten Tag an den Schreib­tisch zu set­zen, ohne gleich deren Stil zu kopie­ren, weil ich ja auf Deutsch schrei­be. Das hat sich bewährt.

Dei­ne Sprach­ent­wick­lung war eher unge­wöhn­lich. Du hast bis ins Kin­des­al­ter im Eltern­haus Spa­nisch gespro­chen, bevor du den Ber­ner Dia­lekt auf­ge­nom­men hast. Wie ver­lief die­ser Pro­zess bei dir genau?

Mei­ne Mut­ter ist Spa­nie­rin und mein Vater sprach sehr gut Spa­nisch. Des­halb spra­chen wir zu Hau­se immer Spa­nisch. Die deut­sche Mund­art habe ich erwor­ben, als ich von zu Hau­se aus­zog. Wäh­rend den ers­ten vier Jah­ren sprach ich nur Spa­nisch, und als ich dann anfing, draus­sen zu spie­len, kam immer mehr das Deut­sche dazu. Als ich in die Schu­le kam, konn­te ich bereits Deutsch. Ab sie­ben oder acht Jah­ren fing ich an, Deutsch mit den Geschwis­tern zu spre­chen. Doch mit mei­ner Mut­ter sprach ich wei­ter­hin Spa­nisch. Mit der Zeit aber wur­de das Deut­sche immer wich­ti­ger. Ich erin­ne­re mich, als unser Vater uns gan­ze Aben­de lang Wil­helm Busch vor­las, damit wir das Hoch­deut­sche lern­ten, bevor wir in die Schu­le kamen. Ich brauch­te das Spa­ni­sche dann nur noch, um mit mei­ner Mut­ter zu kom­mu­ni­zie­ren. Mit sech­zehn Jah­ren fing ich eine Leh­re an und arbei­te­te sie­ben Jah­re lang auf dem Bau. Erst dann rück­te das Spa­ni­sche wie­der in den Vor­der­grund, denn damals arbei­te­ten noch recht vie­le Spa­ni­er auf Bau­stel­len. Spä­ter natür­lich dann auch wie­der wäh­rend des Stu­di­ums. Mei­ne jet­zi­ge Mut­ter­spra­che, das Schwei­zer­deut­sche, ist eigent­lich eine Zweit­spra­che. Des­halb habe ich wahr­schein­lich auch einen ande­ren Blick dar­auf. Ich kann mich noch sehr gut an mei­ne Kind­heit in Lan­gen­thal erin­nern, als es noch weni­ge Aus­län­der gab. Ich schäm­te mich manch­mal für mei­ne Mut­ter, wenn sie in der Metz­ge­rei sie­ben­mal sagen muss­te, was sie woll­te, bis der Metz­ger sie ver­stand. Das Gefühl des Fremd­seins hat mir einen sehr wachen Blick auf die Spra­che gege­ben. Ich habe dadurch ver­mut­lich auch etwas über­kom­pen­siert, indem ich zei­gen woll­te, dass ich ein noch bes­se­rer Ber­ner sein konn­te, um im Kan­ton Bern akzep­tiert zu werden.

Und wie ver­lief die Ent­wick­lung beim Ver­fas­sen von Texten?

Beim Schrei­ben war es anders. Ich woll­te eigent­lich nie auf Mund­art schrei­ben. Ich emp­fand sie nie als Lite­ra­tur­spra­che. Ich bin von Guy Krneta und Beat Ster­chi qua­si dazu ver­lei­tet wor­den. Ich habe erst im Nach­hin­ein gemerkt, wel­che Frei­hei­ten sie einem gibt. Ich hat­te von der Mund­art­li­te­ra­tur lan­ge Zeit ein fal­sches Bild. Ich ver­band sie näm­lich mit dem Hei­mat­tüm­li­chen oder der unsäg­li­chen Erin­ne­rungs­li­te­ra­tur mit ihrer Aus­sa­ge, dass frü­her immer alles bes­ser war. Damit woll­te ich nichts zu tun haben. In Schott­land aber habe ich gemerkt, dass Mund­art auch etwas Avant­gar­dis­ti­sches sein kann und nicht unbe­dingt etwas Bewah­ren­des sein muss.

Hast du das Gefühl, dass die Dia­lekt­li­te­ra­tur in der Schweiz stief­müt­ter­lich behan­delt wird?

Ich glau­be, dass ein Wan­del im Gang ist. Ich habe Dia­lek­to­lo­gie­se­mi­na­re an der Uni belegt und mich inten­siv mit Mund­art befasst. Ich bin ein Ver­fech­ter der unrei­nen Spra­che. Ich bin ein Anti­be­wah­rer, weil ich davon über­zeugt bin, dass die Spra­che ein leben­di­ger Orga­nis­mus ist, der sich wan­delt. Wenn man die Spra­che muse­al bewah­ren will, dann stirbt sie. Ich begeg­ne in mei­nen Krei­sen oft soge­nann­ten Sprach­hy­gie­ni­kern und Sprach­po­li­zis­ten. Das lässt mich kalt. Es bringt mich zum Lachen. Für mich ist Mund­art der Sprach­stand der Pra­xis. Wenn die jun­gen Leu­te von heu­te «Sor­ry» statt «Excü­se» sagen, dann ist «Sor­ry» ein Mund­art­wort, so wie einst «Excü­se» eins gewor­den ist. Ich neh­me das auf, was umgangs­sprach­lich gilt und arbei­te damit. Das ist für mich etwas sehr Frei­es. Eine gros­se Frei­heit ist es, etwas zu gebrau­chen, ohne es gleich zu bewer­ten. Ich hal­te nichts davon, im alten Bern­deutsch­wör­ter­buch von Von Grey­erz einen schö­nen alten Aus­druck zu suchen, um einen Text blu­mi­ger zu machen.

Wie war das, als du damit ange­fan­gen hast, auf Mund­art zu schrei­ben? Es gibt ja kei­ne akzep­tier­te Ortho­gra­phie. War das ein Problem?

Eine offi­zi­ell aner­kann­te Ortho­gra­phie gibt es zwar nicht, doch es gibt eini­ge Päps­te, die eine bestimm­te Schreib­wei­se vor­schla­gen. Genau aus die­sem Grund habe ich zu Beginn auch nicht mund­art­lich publi­ziert. Mitt­ler­wei­le bin ich in die­ser Hin­sicht locke­rer gewor­den. Ich habe für mich eine Schreib­wei­se gefun­den, die in sich auf­geht. Aus­ser­dem habe ich einen guten Lek­tor. Es gibt tau­send Theo­rien zu Mund­art­schreib­wei­sen, doch ich bin da ziem­lich pragmatisch.

Ich möch­te wie­der auf dei­ne schwei­ze­risch-spa­ni­schen Wur­zeln zurück­kom­men. Die Iden­ti­tät ist ja immer ein Kon­strukt. Wie hast du dir dei­ne Iden­ti­tät auf­ge­baut? Als was siehst du dich?

Einer­seits sehe ich mich schon als Welt­bür­ger, doch mei­ne Freun­de sagen mir, dass es kaum einen schwei­ze­ri­sche­ren Schwei­zer gäbe als ich. Ich habe mei­ne Iden­ti­tät durch Über­kom­pen­sa­ti­on aufgebaut.

Wie meinst du das?

Das heisst zum Bei­spiel, noch pünkt­li­cher zu sein als ein Schwei­zer, noch bes­ser rasiert zu erschei­nen… Ich habe die Schwei­zer Kli­schees ver­in­ner­licht. Ich kom­me zufäl­lig aus Lan­gen­thal, und ohne Patri­ot sein zu wol­len, prägt einen das. Die­se Prä­gung möch­te ich weder abwa­schen noch ver­leug­nen. Ich glau­be, dass man sich nur dort ver­wur­zeln kann, wo man her­kommt. Aus­ge­hend von die­ser Erkennt­nis kann man offen durch die Welt gehen. Häu­fig sagt man mir nach, dass ich ein Pro­vinz­au­tor sei. Das mag stim­men. Doch alle Autoren, die ich schät­ze, sind oder waren erst ein­mal loka­le Autoren. Die guten Autoren der Welt­li­te­ra­tur, mei­net­we­gen Wil­liam Faul­k­ner oder auch Juan Mar­sé, schrei­ben meist nur über eine bestimm­te Regi­on. Für mich ist Welt­li­te­ra­tur nicht, wenn ein Autor sei­ne Figu­ren durch die Welt rei­sen lässt.

Du hast sie­ben Jah­re lang als Mau­rer auf Bau­stel­len gear­bei­tet. Dein Wer­de­gang zum Lite­ra­ten war ziem­lich unge­wöhn­lich. Wann kam bei dir eigent­lich der Drang zum Schrei­ben auf?

Es war in der Tat ein Impe­tus. Ich zog mit neun­zehn Jah­ren als jun­ger Mau­rer nach Zürich. Ich wohn­te allei­ne und kann­te nie­man­den. Nach neun Stun­den Arbeit auf dem Bau kehr­te ich nach Hau­se zurück, koch­te etwas für mich und setz­te mich an eine alte Schreib­ma­schi­ne, die ich von mei­nem Vater bekom­men hat­te. Ich muss dazu sagen, dass ich aus einem bil­dungs­bür­ger­li­chen Eltern­haus stam­me, wie man land­läu­fig zu sagen pflegt. Zu Hau­se wur­de gele­sen. Ich stam­me also nicht aus einem Arbei­ter­mi­lieu und war auch nicht der ers­te in der Fami­lie, der mit dem Lesen anfing. Die Arbeit als Mau­rer war wie eine Flucht in eine eige­ne Welt. Es war ein gesuch­ter Ent­scheid. In Zürich ver­spür­te ich den Drang zum Schrei­ben, merk­te aber auch bald, dass mei­ne Mög­lich­kei­ten begrenzt waren. Das hat mich spä­ter dazu bewo­gen, die Matu­ra nach­zu­ho­len. Ich hat­te das Gefühl, dass mir Grund­wis­sen fehlte.

Seit meh­re­ren Jah­ren schon bist du ein schweiz­weit bekann­ter Autor. Du bist durch zahl­lo­se Klein­thea­ter getin­gelt. Die Leu­te erken­nen dich auf der Stras­se. Wie gehst du mit dei­ner Bekannt­heit um?

Die Leu­te sind sehr dis­kret. Es pas­siert sehr sel­ten, dass mich jemand auf der Stras­se anspricht und dann weg­läuft. Dies ist ziem­lich unan­ge­nehm. Wenn mir jemand am Zür­cher Bahn­hof hin­ter­her­läuft und mei­nen Namen ruft und ich mich dann umdre­he, mei­ne ich im ers­ten Moment, dass es jemand sein muss, der mich kennt. Ich sage dann, ja, ich bin Pedro Lenz und erwar­te dann ein Gespräch. Dann sagen sie mir: «Aha, ich hab’s mir gedacht!» Und dann gehen sie wei­ter. Das ist immer noch eigen­ar­tig für mich, denn für mei­ne Freun­de und die Leu­te aus mei­nem Umfeld bin ich hof­fent­lich immer noch der­sel­be geblie­ben. Was sich auch geän­dert hat, ist, dass ich nicht mehr alles sel­ber machen kann, was oft schwer ver­ständ­lich ist. Wenn ein Freund mich fragt, ob ich an sei­ner Hoch­zeit lese, sage ich ihm, dass er sich an mei­ne Agen­tin wen­den soll, weil ich mei­ne Agen­da nicht mehr sel­ber füh­re. Das wirkt auf die Leu­te manch­mal etwas arro­gant, doch es ist nicht anders machbar.

Jetzt wo du ein bekann­ter Autor bist und den «Kuchen» qua­si von innen kennst, wie nimmst du den Lite­ra­tur­be­trieb in der Schweiz all­ge­mein wahr?

Im Unter­schied zu den 1970er- oder 1980er-Jah­ren gibt es heu­te kei­ne Über­göt­ter mehr. Es gibt in der Schweiz zwar nach wie vor gros­se bekann­te Schrift­stel­ler, doch sie schüch­tern die jun­gen Autoren nicht mehr ein. Es ist ein sehr leben­di­ger Betrieb. Ich tau­sche mich sowohl mit jun­gen als auch mit älte­ren Autoren aus. Was mich anfangs über­rasch­te, ist, dass die Kol­le­gia­li­tät unter den Autoren sehr gross ist, und nicht wie ich ursprüng­lich befürch­tet hat­te, ein Hau­fen von Ego­is­ten, die sich unter­ein­an­der kon­kur­ren­zie­ren. Zur­zeit emp­fin­de ich die Schwei­zer Lite­ra­tur­sze­ne als sehr span­nend. Es gibt die paar gros­sen Namen, die alle ken­nen, doch dahin­ter gibt es ein brei­tes Mittelfeld.

Drei Abschluss­fra­gen: Wel­che Pro­jek­te ver­folgst du zur­zeit, wel­che wer­den dich in der unmit­tel­ba­ren Zukunft noch beschäf­ti­gen und was wür­de dich noch rei­zen, was du bis­her noch nicht gemacht hast?

Zur­zeit arbei­te ich an mei­nem Roman «Inland». Dane­ben schrei­be ich wei­ter­hin mei­ne Kolum­nen und Mund­art­mo­no­lo­ge für die Lesun­gen. Die­ses Jahr möch­te ich auch ein neu­es Pro­jekt gemein­sam mit mei­nem Pia­nis­ten vom Duo «Hohe Stir­nen» [Patrik Neu­haus. A.d.R.] rea­li­sie­ren. Mit­tel­fris­tig wür­de es mich rei­zen, ein abend­fül­len­des Thea­ter­stück zu schrei­ben. Thea­ter ist eine sehr dank­ba­re Dis­zi­plin. Ich habe zwar schon für diver­se Pro­jek­te geschrie­ben, aber noch nicht das defi­ni­ti­ve Thea­ter­stück, das für den Druck bestimmt sein könnte.

Pedro Lenz wur­de 1965 in Lan­gen­thal gebo­ren. 1981 fing er mit der Mau­rer­leh­re an und arbei­te­te anschlies­send wäh­rend sie­ben Jah­ren auf dem Bau. 1995 schloss er die Matu­ra ab. Spä­ter stu­dier­te er meh­re­re Semes­ter lang His­pa­nis­tik und Ger­ma­nis­tik an der Uni­ver­si­tät Bern. Pedro Lenz schreibt regel­mäs­sig Kolum­nen für die «WOZ», den «Bund» und das «Lan­gen­tha­ler Tag­blatt». Gemein­sam mit Patrik Neu­haus bil­det er das Duo «Hohe Stir­nen» und ist Teil der Spo­ken-Word-Grup­pe «Bern ist über­all». Aus­ser­dem schreibt er Thea­ter­stü­cke und Hör­spie­le und pro­du­ziert Radio­bei­trä­ge für Radio DRS. Pedro Lenz ist mehr­fach aus­ge­zeich­net wor­den. 2008 erhielt er den Kul­tur­preis der Stadt Bern. Er lebt und arbei­tet in Bern.

Bild: zVg.
ensuite, Janu­ar 2009



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