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Heu­te beson­ders güns­tig: Frau­en­fleisch. Ein ver­füh­re­ri­sches Kiloangebot

Von Dr. Regu­la Stämpf­li - Unse­re Essay­is­tin über «Die Geschich­te der Ana­to­mie», «Die kran­ke Frau», «Ich kauf mir ein Kind», «Die KI war’s!», «Bin ich ein Klon-Kind?», «Sapi­ens» und «The 1619 Pro­ject». Alles Bücher, die herr­schen­de Sprech­akt­po­li­ti­ken und Skla­ve­rei der Ver­gan­gen­heit beschrei­ben – ohne dass die AutorIn­nen deren zeit­ge­nös­si­sche Bri­sanz rea­li­sie­ren. Tja: Gute Bücher sind immer grös­ser als ihre SchöpferInnen.

Im «Ana­to­mi­schen Thea­ter der Uni­ver­si­tät Cam­bridge», einer Abbil­dung aus dem Jahr 1815, sieht man ein über dem Sezier­tisch hän­gen­des Ske­lett, bei­des in der Mit­te eines Ron­del­ls. Tote und Leben­de qua­si har­mo­nisch ver­eint. Es war den dama­li­gen aka­de­mi­schen Flei­schern gleich­zei­tig ein Memen­to mori – «Erin­ne­re dich dar­an, dass du sterb­lich bist» – wie auch ein anschau­li­ches Lehr­ob­jekt. Das ers­te gedruck­te Buch der Ana­to­mie, «Fasci­cu­lus medi­cinae», wur­de 1491 in Vene­dig ver­öf­fent­licht und besteht aus zehn ganz­sei­ti­gen Holz­schnit­ten: graus­lich-schön gemacht. Eine öffent­li­che Sek­ti­on bspw. illus­triert die medi­zi­ni­sche Flei­sche­rei jener Zeit beson­ders dras­tisch: über­all Toten­köp­fe, Ske­let­te inmit­ten gelehr­ter Her­ren; einer, der am offe­nen Leib ope­riert, zieht Där­me bis zum Boden, die unter dem Tisch dann von einem Hund ver­speist wer­den. Ein ande­res Bild: Bar-tolo­meo Eusta­chi zeich­ne­te 1714 Gehirn und Wir­bel­säu­le sehr poe­tisch und dabei so erkennt­nis­reich, dass auch heu­ti­ge Neu­ro­lo­gen fas­zi­niert davon sind, was er schon alles über das mensch­li­che Ner­ven­sys­tem wuss­te. Colin Sal­ters «Die Geschich­te der Ana­to­mie in 150 Büchern – von der Anti­ke bis heu­te» aus dem Haupt-Ver­lag ist ein genia­ler Bil­der­band. Scha­de, dass der Text sehr knapp gehal­ten ist: Eigent­lich könn­te man aus dem Band noch einen zusätz­li­chen ver­fas­sen. Dann käme auch die Frau­en­ge­schich­te zum Zug. Fas­zi­niert, aber auch trau­rig macht die Mani­fes­ta­ti­on ana­to­mi­scher Prä­zi­si­on: Mensch und Tier sind aus der Sicht medi­zi­ni­scher Flei­scher wirk­lich nur Objek­te und damit äus­serst modern.

Was lehrt: Der mensch­li­che Kör­per ohne Leib und See­le ist so ver­wund­bar, dass er von jeder Ideo­lo­gie aufs Bru­tals­te aus­ge­nutzt, gefol­tert, ver­wen­det und weg­ge­wor­fen wer­den kann. Die Moder­ne bringt nicht nur uni­ver­sel­le Ver­spre­chen und ein «Gott ist tot», son­dern gleich­zei­tig die schlimms­ten Alb­träu­me für indus­tri­el­le und unmensch­li­che Körper–Verwertungsgeschichten. Wer Men­schen wie Metz­ger schnei­det, wird sie als Metz­gers­kin­der an den Uni­ver­si­tä­ten zu lin­gu­is­tisch poe­ti­schem Fleisch umdeu­ten kön­nen – so mei­ne Leh­re der letz­ten Jahr­hun­der­te zu Poli­tik, Mensch und Kör­per. Des­halb ist es heut­zu­ta­ge so ein­fach, leben­de Men­schen wie tote zu behan­deln. Nie­re, Leber, Herz, Lun­ge, Bauch­spei­chel­drü­se, Darm, Kno­chen­mark, ja alles mensch­li­che Gewe­be kann trans­plan­tiert, ver­wer­tet und ver­kauft wer­den. «Organ­spen­de» nennt man das Geschäft mit mensch­li­chen Ersatz­tei­len auf dem Weg vom Toten zum Leben­den oder: von einem Men­schen zum ande­ren. Tote kön­nen als «Organ­spen­der» bis zu acht Men­schen das Leben ret­ten, hielt der Euro­pa­rat 2014 fest. Gewe­be­spen­den, wie die Nabel­schnü­re mei­ner drei Kin­der, ret­te­ten weit über 100 Men­schen­le­ben. Davon wuss­te ich nichts, als ich nach glück­li­chen Gebur­ten vom jewei­li­gen Arzt schnell gefragt wur­de, ob ich denn nicht mei­ne hoch­qua­li­ta­ti­ven Stamm­zel­len der Wis­sen­schaft «spen­den» wol­le. Wie viel Hun­dert­tau­sen­de Euro die betref­fen­den Ver­tei­lagen­tu­ren damit ver­dient haben? Eine «Spen­de» zum Woh­le der Mensch­heit lässt die Phar­ma­in­dus­trie Mil­lio­nen ver­die­nen – davon berich­ten tun die wenigs­ten, und wenn sie es tun, wer­den sie als alt­mo­disch oder als homöo­pa­thi­sche Spin­ner beschimpft. Was, zuge­ge­ben, lei­der auch viel zu vie­le sind.

Tota­li­tä­re Sys­te­me, so lehrt uns Han­nah Are­ndt, ope­rie­ren mit Begrif­fen, Wort­schöp­fun­gen, Neu­deu­tun­gen – sie fül­len her­kömm­li­che Spra­che mit dem Gegen­teil des­sen, was inten­diert war. «Eizel­len­spen­de» ist auch so ein Lügen­kon­strukt. Anders als die Samen­spen­de, die in höchs­tens fünf Minu­ten Mas­tur­bie­ren erle­digt ist, erfor­dert die «Eizel­len­spen­de» eine hor­mo­nel­le Vor­be­hand­lung von eini­gen Mona­ten und einen schmerz­haf­ten ope­ra­ti­ven Ein­griff mit dem Risi­ko einer dar­aus fol­gen­den Unfrucht­bar­keit. Kei­ne Frau spen­det ihre Eier, sie ver­kauft sie oder friert sie ein. Im Hin­blick auf Repro­duk­ti­on war Spra­che DIE Herrschafts‑, Unter­drü­ckungs- und Ver­schleie­rungs­ma­schi­ne par excel­lence. Beson­ders die zeit­ge­nös­si­sche, post­ko­lo­nia­le Sprech­wei­se ist sehr geschickt dar­in: Kaum Ver­ben benut­zend, ope­rie­ren Sub­stan­ti­vie­run­gen ent­lang einer Gut-böse-Ach­se mit beson­de­rem Voka­bu­lar für Kri­ti­ke­rin­nen. Mit Begrif­fen las­sen sich cle­ve­re post­mo­der­ne, zeit­ge­nös­si­sche Men­schen­fleisch­sys­te­me errich­ten. «Fort­pflan­zung, Befruch­tung, Repro­duk­ti­on, Retor­te – es sind abs­trak­te, kli­nisch sau­be­re Begrif­fe (…). Bereits Jah­re vor dem Miet­mut­ter­schafts­dis­kurs ist die Mut­ter­schaft ver­bal im Namen der Gen­der­ge­rech­tig­keit beer­digt und zu einer rei­nen Mut­ter­rol­le degra­diert wor­den (…). Die Beschrei­bung eines Men­schen soll nicht mehr bio­lo­gi­schen Fak­ten, son­dern den Ansprü­chen der Anti­dis­kri­mi­nie­rung genü­gen.» So schreibt die rechts­kon­ser­va­ti­ve Autorin Bir­git Kel­le in ihrem lesens­wer­ten Buch «Ich kauf mir ein Kind». «Die Spra­che war’s!», müss­ten wir alle schrei­en, nicht «Die KI war’s!», wie dies Katha­ri­na Zweig in ihrem Buch mit eben­die­sem Titel zur sog. künst­li­chen Intel­li­genz meint. Zweig schreibt zwar sehr klug, wie Netz­wer­ke ope­rie­ren und Fehl­ent­schei­de tref­fen, wie sie bspw. einen Ter­ro­ris­ten iden­ti­fi­zie­ren, der kei­ner ist, son­dern «nur» Jour­na­list sei; dass aber hin­ter digi­ta­len Netz­wer­ken struk­tu­rell per­fi­de ideo­lo­gi­sche Sprach­me­ta­phern ste­cken, erwähnt sie nicht. Ihr Buch ist trotz­dem emp­feh­lens­wert, weil sie die Digi­ta­li­sie­rung rela­tiv ein­fach erklärt. Zum Ver­ständ­nis von Code, Kör­per und Poli­tik trägt sie indes­sen zu wenig bei – wie fast alle, die ent­we­der über Digi­ta­li­sie­rung oder über Poli­tik schrei­ben und die Chan­ce ver­pas­sen, bei­des kri­tisch zusammenzudenken.

Algo­rith­mi­sche Netz­wer­ke machen nicht ein­fach Feh­ler, son­dern sie wan­deln Lebe­we­sen in tote Buch­sta­ben und Zahl­kom­bi­na­tio­nen um. Dies hat Gemi­ni, das KI-Bild­pro­gramm, vor weni­gen Wochen sehr lus­tig gezeigt. Was ist pas­siert? Goog­le weiss mitt­ler­wei­le von der poli­ti­schen Wir­kung von Codes. Vor lau­ter Angst, poli­tisch inkor­rekt zu sein und den Bias der weis­sen Por­no­män­ner, deren algo­rith­mi­sche Grund­la­gen unse­re Com­pu­ter­sys­te­me bis heu­te beherr­schen, zu wie­der­ho­len, pro­du­zier­te die KI-Bild­ma­schi­ne ahis­to­ri­schen Schrott. Auf die Ein­ga­be «deut­sche Sol­da­ten im Jahr 1943» zeig­te sie Bil­der von extrem gut aus­se­hen­den schwar­zen Män­nern und asia­ti­schen Frau­en unter Fan­ta­sie-Stahl­hel­men und in Nazi­uni­for­men: So also sieht Geschich­te «accor­ding to Woke-AI» aus. Der Spott war schmerz­haft, der Meis­ter hims­elf, Ser­gey Brin ent­schul­dig­te sich wort­reich im «Guar­di­an»: «We defi­nitet­ly mes­sed up.» Wir haben ver­sagt. Das Bei­spiel ist nicht nur lächer­lich, son­dern beweist auch, wie wir Geschich­te, Gegen­wart und Zukunft wirk­lich völ­lig neu pro­gram­mie­ren kön­nen. Des­halb gibt es die völ­lig durch­ge­knall­ten «Que­ers for Hamas» oder eine Judith But­ler, Hei­li­ge an west­li­chen Uni­ver­si­tä­ten, die behaup­tet: «Der 7. Okto­ber 2023 war bewaff­ne­ter Wider­stand.» Zah­len schrei­ben Geschich­te und machen aus Mör­dern Opfer, aus Ras­sis­ten Befrei­ungs­kämp­fer, aus Toten Leben­de und aus Leben­den Tote. «Digi­sprech» ver­kehrt nicht nur Begrif­fe in ihr Gegen­teil, son­dern fabri­ziert die Geschich­te der Mensch­heit neu.
Womit ich bei der Ana­to­mie und bei «Die kran­ke Frau» – der deut­sche Titel eines wei­te­ren Buches zum The­ma, dies­mal von Eli­nor Cleg­horn – ange­kom­men wäre. Ich habe das Buch zum Geburts­tag geschenkt gekriegt, ob dahin­ter wohl eine Bot­schaft steck­te? Die post­ko­lo­nia­le Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin schreibt eine Geschich­te der Frau­en­krank­hei­ten in Epi­so­den. «Unwell Women. A Jour­ney Through Medi­ci­ne and Myth in a Man-Made World» ist eine Samm­lung dazu, wie sich Frau­en und ihr Kör­per der jewei­li­gen gesell­schaft­li­chen Hier­ar­chie andie­nen muss­ten. Sie schreibt es natür­lich nicht so, dies sind mei­ne Wor­te, son­dern sie schwa­felt stre­cken­wei­se von «Pri­vi­le­gier­ten und Nicht­pri­vi­le­gier­ten», wie es halt so Mode ist im dümm­li­chen post­ko­lo­nia­len Erzäh­lungs­stil. Ihr Kapi­tel über Hys­te­rie im 19. Jahr­hun­dert ist den­noch sehr lesens­wert, weil es zeigt, wie psy­cho­lo­gi­sche Uni­ver­sal­dia­gno­sen für Frau­en auch heu­te noch wir­ken. Und zwar so, dass Frau­en dar­an ster­ben oder lebens­lang behin­dert wer­den. Eine Freun­din von mir, knap­pe 24 Jah­re alt, ver­lor im Febru­ar einen Eier­stock, und zwar nur, weil sie eine Frau war. Sie litt unter furcht­ba­ren Bauch- und Unter­leibs­schmer­zen, die Ärz­tin in Mün­chen dia­gnos­ti­zier­te nor­ma­le Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den, psy­cho­lo­gi­schen Druck und schick­te sie mehr­mals nach Hau­se. Bis M. auf die Not­fall­sta­ti­on kam, weil die Schmer­zen nicht mehr aus­zu­hal­ten waren, dort eine lebens­ge­fähr­li­che Infek­ti­on fest­ge­stellt wur­de und in einer Not­ope­ra­ti­on der mitt­ler­wei­le ent­zün­de­te Eier­stock ent­fernt wer­den muss­te. M. wäre um ein Haar durch klas­si­schen Sexis­mus in der Medi­zin mit 24 Jah­ren in die Meno­pau­se und die Kin­der­lo­sig­keit gejagt wor­den. Cleg­horn zeigt Jahr­hun­der­te sol­cher Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung. Bei­spiels­wei­se die furcht­ba­re Erkran­kung Endo­me­trio­se: betrifft Mil­lio­nen von Frau­en welt­weit. Hier sie­delt sich Gebär­mut­ter­schleim­haut aus­ser­halb des Ute­rus an – im Bauch, in den Orga­nen, in den Mus­keln – und ver­ur­sacht höl­li­sche Schmer­zen. Für die­se gynä­ko­lo­gi­sche Pan­de­mie reicht es dem deut­schen Staat nur grad zu fünf Mil­lio­nen Euro für die For­schung, wäh­rend für Trans­se­xua­li­tät und Repro­duk­ti­ons­me­di­zin mitt­ler­wei­le Mil­li­ar­den inves­tiert wer­den. Sprach­lich wer­den die von Endo­me­trio­se betrof­fe­nen Frau­en dar­über hin­aus öffent­lich unsicht­bar gemacht: Die «Bun­des­stif­tung für Gleich­stel­lung» in Deutsch­land schreibt am 29. Sep­tem­ber 2023, dem inter­na­tio­na­len Tag der Endo­me­trio­se: «Die gröss­te Betrof­fe­nen­grup­pe bil­den cis Frau­en und Mäd­chen. Aber auch gen­der­que­e­re, inter und trans Per­so­nen kön­nen an Endo­me­trio­se erkran­ken – eben­so Män­ner.» Sor­ry, Idio­tin­nen: Es geht um eine klas­si­sche Frau­en­krank­heit, die jahr­zehn­te­lang nicht erforscht, behan­delt und aus der Welt geschaf­fen wur­de, weil die Krank­heit «nur» Frau­en betraf. Und den Gleich­stel­lung­s­tel­len kom­men zuerst Trans­frau­en in den Sinn?
So wie Digi­ta­li­tät die rea­le Welt weg­rech­net, wer­den die Geschlechts­or­ga­ne der Frau­en von der Bio­lo­gie abge­kop­pelt. Plötz­lich gibt es kei­ne Frau­en mehr, die als Frau­en dis­kri­mi­niert, miss­han­delt und ermor­det wer­den, son­dern nur noch «Per­so­nen mit Ute­rus», die von einer ande­ren Frau ver­ge­wal­tigt wur­den. So gesche­hen kürz­lich bei einem Fall an einem deut­schen Gericht, wo der Ver­ge­wal­ti­ger als «Frau» dar­auf beharr­te, vom Opfer auch kor­rekt so ange­spro­chen zu wer­den. Frau­en wer­den unter dem Hin­weis auf «Fort­schritt» (im 19. Jh. war es die Natur) sprach­lich seziert, dis­kri­mi­niert, sexis­tisch ent­eig­net, frau­en­has­se­risch deklas­siert. Dies nicht von Nazis, son­dern ger­ne von öffent­lich-recht­li­chen Insti­tu­tio­nen und Medi­en. «Vul­va Owners» muss der bri­ti­sche NHS poli­tisch kor­rekt schrei­ben, wenn es um Frau­en­sta­tio­nen und Gebär­sta­tio­nen geht. «Per­sons with Ute­ri», schrei­en durch­ge­knall­te Femi­nis­tin­nen, die nie­man­den aus­schlies­sen wol­len, schon gar nicht die «Frau­en mit Penis». 2021 titel­te «The Lan­cet», eines der wich­ti­gen Medi­zin­ma­ga­zi­ne: «Peo­p­le with Vagi­nas» – aus­ge­rech­net um über jahr­hun­der­te­lang ver­schlepp­te Frau­en­krank­hei­ten zu berich­ten, u. a. über Endo­me­trio­se. Vor zehn Jah­ren wit­zel­te ich noch über «Men­schen mit Mens­trua­ti­ons­hin­ter­grund», um den Men­schen­sta­tus der Frau zu beto­nen; heu­te bleibt mir das Lachen bis zum Erbre­chen im Hals ste­cken. Frau­en sind bei Mil­len­ni­als und Zoo­mers durch­wegs «Flin­tas», «Menstru­ie­ren­de», «Per­so­nen mit Ute­rus», «gebä­ren­de Per­so­nen» oder ande­re ideo­lo­gi­sche Neo­lo­gis­men. Frau­en wer­den im Eng­li­schen neu als «non-male» bezeich­net, also als «Nicht-Mann», der ab und an als «Penis­trä­ger» auch an sei­ne Geschlechts­or­ga­ne erin­nert wird. Die «Frau mit Penis» wur­de schon erwähnt, ist total beliebt, kei­ne Poin­te. Unter­ir­disch ist der neue Vor­schlag der bri­ti­schen Gesund­heits­po­li­ti­ker und Trans­ak­ti­vis­ten: Frau­en sol­len doch als Per­so­nen mit einem «bonus hole», einem Zusatz­loch, beschrie­ben wer­den. Das «Zusatz­loch» zeigt, wer Meis­ter und wer Skla­vin ist. Es gibt kei­nen Men­schen mit «zu wenig Loch». Erstaun­li­cher­wei­se ist dies die­sel­be Com­mu­ni­ty, die dann bei Embry­os auf einer Geschlech­ter­wahl zwi­schen Mäd­chen und Buben beharrt. Gebiert die sog. Miet­mut­ter einen Jun­gen statt eines Mäd­chens, kann die «feh­ler­haf­te» Ware zurück­ge­ge­ben wer­den. Brau­chen Sie noch meh­re­re Bei­spie­le? Es sind sol­che Begrif­fe, die wie Codes ope­rie­ren und die leben­de Welt durch ideo­lo­gi­sche Kunst ersetzen.

Die­sel­ben Medi­en und Bewe­gun­gen, die nichts dar­an fin­den, Men­schen in einem gekauf­ten Frau­en­leib her­an­zu­züch­ten oder Frau­en­kör­per als Dienst­leis­tung zu mar­kie­ren, schrei­ben dann auf­rüh­re­ri­sche Bücher – dar­un­ter sehr gute – dar­über, wie schlimm die Skla­ve­rei in der Ver­gan­gen­heit war. Sie mer­ken dabei nicht, dass sie gleich­zei­tig das Voka­bu­lar für zeit­ge­nös­si­sche Skla­ven­hal­ter ver­fei­nern. Die ILO schätz­te 2015, dass auch heu­te noch über 24 Mil­lio­nen Men­schen durch Zwangs­ar­beit regel­recht ver­sklavt wer­den. Und weil die Lin­ke seit 30 Jah­ren dar­an nichts ändern kann, ver­sucht sie jetzt, die­se Erbärm­lich­keit in neue Begrif­fe zu klei­den. «Sex­ar­beit» ist dabei der zynischs­te aller Begrif­fe, erst kürz­lich wie­der auf SRF als völ­lig nor­ma­le Arbeit pro­pa­giert und pro­te­giert. Husch­ke Mau meint dazu in ihrem Buch «Ent­mensch­licht»: «Das ‹Huren­stig­ma› abschaf­fen zu wol­len, indem man Pro­sti­tu­ti­on lega­li­siert, ist so, als wür­de man sagen: ‹Wir lega­li­sie­ren häus­li­che Gewalt, dann haben die von ihren Ehe­män­nern geschla­ge­nen Frau­en nichts mehr, wofür sie sich schä­men müssen.›»
Die Sex­ar­bei­te­rin­nen-Pro­pa­gan­dis­tin­nen unter­schei­den ger­ne in bösen Men­schen­han­del und gute Sex­ar­beit: Dabei gibt es kaum Unter­schie­de, nur wer­be­tech­ni­sche Luxus­ein­zel­fäl­le. Pro­sti­tu­ti­on und Leih­mut­ter­schaft sind moder­ne Skla­ve­rei neu eti­ket­tiert. Wie die­se in der Ver­gan­gen­heit aus­sah, erzählt «The 1619 Pro­ject» der Pulit­zer-Preis­trä­ge­rin Niko­le Han­nah-Jones. Die 250 Jah­re dau­ern­de Bar­ba­rei in den USA – Zitat aus dem Buch, nicht von mir – begann 1619 mit zwan­zig bis dreis­sig Skla­ven aus Afri­ka. Das Buch erzählt die Grün­dungs­ge­schich­te der USA als Skla­ven­ge­schich­te, was der ambi­va­len­ten Geschich­te Ame­ri­kas nicht immer gerecht wird, aber unbe­dingt not­wen­dig ist. Der Men­schen­han­del lief ent­lang von Busi­ness und Ras­sis­mus – von weiss zu schwarz, von schwarz zu schwarz, von ara­bisch zu schwarz. Die Skla­ven­händ­ler tra­fen sich im glo­ba­len Busi­ness: Men­schen wur­den eben­so gehan­delt wie Gewür­ze, Roh­stof­fe und Tex­ti­li­en. Dies ist heu­te ähn­lich: «Man bestellt es in Ame­ri­ka, der Ukrai­ne oder auch in Geor­gi­en. Her­stel­lungs­ma­te­ri­al, Aus­stat­tung und Far­be wer­den nach Kata­log aus­ge­sucht. Man bezahlt es und holt es nach der Fer­tig­stel­lung ab.» Die Ware ist nicht ein Auto, son­dern ein Men­schen­kind. So sieht der zeit­ge­nös­si­sche Skla­vin­nen­han­del aus, prä­zi­se beschrie­ben im Buch «Ich kauf mir ein Kind». Die Kin­der der Skla­vin­nen lei­den unter post­trau­ma­ti­schen Stö­run­gen – meist ihr Leben lang. Davon erzählt Oli­via Mau­rel, Leih­mut­ter­schafts­kind und gran­dio­se Kämp­fe­rin für ein welt­wei­tes Mietmutterschaftsverbot.

Karin J. Leber­sor­ger erzählt von Bera­tung, Beglei­tung und Psy­cho­the­ra­pie nach Kin­der­wunsch­be­hand­lun­gen in «Bin ich ein Klon-Kind?» – auch so ein wert­vol­les Werk, das von den öffent­li­chen Medi­en nicht bespro­chen wird, obwohl im Rund­funk­auf­trag, in der Wei­sung für den Ser­vice public, steht, dass über die für die Demo­kra­tie rele­van­ten The­men infor­miert wer­den soll.

Skla­ve­rei ist eine Kon­stan­te der Mensch­heits­ge­schich­te mit unter­schied­li­chen Haut­far­ben, aber meist gut erkenn­bar am weib­li­chen Geschlecht. Des­halb sehe ich «1619» nicht nur als «Revi­si­on der US-ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te», son­dern als Teil einer neu­en Mensch­heits­ge­schichts­schrei­bung, die sich nicht nur um Haut­far­ben, Geschlecht und Her­kunft, son­dern um Herr­schaft, Spra­che, Ideo­lo­gie, um Mehr­hei­ten und Min­der­hei­ten, um his­to­ri­sche Jah­res­da­ten, um eine Ver­bin­dung von Tätern und Opfern küm­mert. Es braucht ein «Ele­men­te und Ursprün­ge von Skla­ven­herr­schaf­ten», damit wir auch die gegen­wär­ti­ge Demo­kra­tie wei­ter­brin­gen und nicht via Codes und Men­schen­fleisch-Han­del in tota­li­tä­re Sys­te­me umwan­deln, die jeden Hor­ror der Ver­gan­gen­heit per­fi­de über­tref­fen ver­mö­gen. So argu­men­tiert übri­gens auch Yuval Noah Hara­ri in sei­nem sehr lus­ti­gen, sehr gut gemach­ten, zwar viel zu wenig femi­nis­ti­schen, aber trotz­dem erwäh­nens­wer­ten Comic­buch «Sapi­ens. Das Spiel der Wel­ten». Denn eines ist klar: Wer Bio­lo­gie, Wirk­lich­keit und Wahr­heit unter Leben­den durch Sprech­ak­te ver­än­dert, stellt sich in die Rei­he aller Skla­ven­händ­ler, die dank Spra­che behaup­te­ten, leben­de Men­schen sei­en nicht unse­re Schwes­tern und Brü­der, son­dern nur Num­mern, Codes oder Tie­re. Letz­te­re wer­den geges­sen, Men­schen in der Geschich­te auch, neu wer­den sie ein­fach in Fleisch­stü­cken ver­kauft oder vermietet.

· Colin Sal­ter: Geschich­te der Ana­to­mie in 150 Büchern – von der Anti­ke bis heu­te. Haupt 2024.
· Bir­git Kel­le: Ich kauf mir ein Kind. Das unwür­di­ge Geschäft mit der Leih­mut­ter­schaft. Finanz­Buch-Ver­lag 2024.
· Katha­ri­na Zweig: Die KI war’s! Von absurd bis töd­lich: Die Tücken der künst­li­chen Intel­li­genz. Hey­ne 2023.
· Eli­nor Cleg­horn: Die kran­ke Frau. Kie­pen­heu­er & Witsch 2022.
· Niko­le Han­nah-Jones: The 1619 Pro­ject. N.Y. Times Com­pa­ny 2021.
· Karin J. Leber­sor­ger: Bin ich ein Klon-Kind? Bera­tung, Beglei­tung und Psy­cho­the­ra­pie nach Kin­der­wunsch­be­hand­lung. Brandes&Apsel-Verlag 2023.
· Yuval Noah Hara­ri: Sapi­ens. Das Spiel der Wel­ten. C.H. Beck 2024.