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Han­del mit Dik­ta­tu­ren und Han­del mit Fik­tio­nen: Von Oria­na Fall­a­ci zu Frank Bösch

Von Dr. Regu­la Stämpf­li - Kürz­lich beim Abend­essen: «Aja­tol­lah Kho­mei­ni war kein Dik­ta­tor, son­dern befrei­te Per­si­en vom kolo­nia­len Erbe und mach­te den moder­nen Iran.» Daher weht der Wind, dach­te sich die ensuite-Essay­is­tin. Hier ihre lite­ra­ri­sche Antwort.

Die Geschich­te der Mensch­heit kennt eini­ge Kon­stan­ten. So auch die der Ver­füh­rung der Jugend durch Mas­sen­mör­der. Lenin, Sta­lin, Hit­ler, Fran­co, Sala­zar, Pol Pot, Mao, Idi Amin, Hai­le Selas­sie, Aja­tol­lah Kho­mei­ni, Sad­dam Hus­sein, Kim Il-sung, Jas­sir Ara­fat – um nur um die bekann­tes­ten zu nen­nen – begeis­ter­ten zunächst die intel­lek­tu­el­le Éli­te, dann die Mas­sen und füll­ten anschlies­send die Gefäng­nis­se. Der His­to­ri­ker Frank Bösch hat mit «Deals mit Dik­ta­tu­ren» ein neu­es Werk vor­ge­legt, in dem vie­le der Erwähn­ten im Zusam­men­hang mit dem Aus­sen­han­del der BRD und der Ber­li­ner Repu­blik zur Spra­che kom­men. Böschs gewal­ti­ges Buch, das sich lei­der nicht so flüs­sig liest wie sein «1979», wel­ches ich hier noch­mals emp­feh­le, kommt auf Samt­pfo­ten daher. «Der Umgang mit unde­mo­kra­ti­schen Staa­ten ist eine schwie­ri­ge Her­aus­for­de­rung.» «Her­aus­for­de­rung» ist als Begriff wie ein Hauch im krie­ge­ri­schen Sturm inter­na­tio­na­ler Finanz- und Wirt­schafts­po­li­tik. Mei­ne eige­ne The­se in «Trum­pism. Ein Phä­no­men ver­än­dert die Welt» sieht im Ver­sa­gen Barack Oba­mas dar­in, den Finanz­ka­pi­ta­lis­mus von Dik­ta­tu­ren und auto­ma­tisch repe­tier­ten Fik­tio­nen zu lösen, den Start­schuss für den drit­ten Welt­krieg, der mit dem Ein­marsch der Rus­sen in die Ukrai­ne am 24. Febru­ar 2022 begon­nen hat. So viel zum Begriff «Her­aus­for­de­rung» bei Bösch. Ich sehe den «Han­del mit Dik­ta­tu­ren» nicht ein­fach als Chall­enge, son­dern als völ­lig ver­sem­mel­te Haus­auf­ga­ben von Demo­kra­tien, mit Dik­ta­tu­ren nur dann Han­del zu trei­ben, wenn der Han­del an Bedin­gun­gen geknüpft ist. Trans­ak­ti­ons­steu­er bspw. als Must, damit alle im inter­na­tio­na­len Finanz­markt teil­neh­men dür­fen, oder etwa umge­kehr­te Beweis­last bei Ver­let­zun­gen von sozia­len und öko­lo­gi­schen Stan­dards. Import­ver­bot für Waren aus Län­dern, die Kin­der­ar­beit haben. In den 1990er-Jah­ren schon ver­fass­te die ILO – damals, als die Sozi­al­de­mo­kra­tie noch was Prak­ti­sches konn­te – gute Leit­fä­den für den «Wan­del durch Han­del», der im 21. Jahr­hun­dert zum «Han­del macht dik­ta­to­ri­schen Welt­wan­del» gewor­den ist.

Den­noch ist das Buch von Frank Bösch auf­schluss­reich. Es erzählt die erstaun­lich schlecht erforsch­te deut­sche Aus­sen­han­dels­po­li­tik und bringt Ent­setz­li­ches ans Tages­licht. Bonn unter­hielt gute Bezie­hun­gen mit Fran­cos Spa­ni­en, Sala­zars Por­tu­gal, hof­fier­te Grie­chen­lands Dik­ta­tur, die Dik­ta­tur Süd­ko­re­as eben­so, unter­stütz­te Mobu­tu in Zaï­re (Kon­go), Gad­da­fi in Liby­en und war, wie wir wis­sen, bei der Ver­ga­be der Fuss­ball-WM 2022 nach Katar mass­ge­bend. So weit, so schlecht.

Doch auch Frank­reich war im Dik­ta­to­ren­ku­scheln weit vor­ne. Als der Geist­li­che Aja­tol­lah Kho­mei­ni am 1. Febru­ar 1979 mit einer Son­der­ma­schi­ne der Air France (Alko­hol wur­de strik­te ver­bo­ten) in Tehe­ran lan­de­te, klatsch­te tout Paris. Über 150 Jour­na­lis­ten reis­ten im Flug­zeug mit. Dies war der Dank dafür, dass alle inter­na­tio­na­len Jour­nis, gross gewor­den im schreck­li­chen Viet­nam­krieg, seit­dem aus­ge­stat­tet mit einer gros­sen Ame­ri­ka­ent­täu­schung bis zum Ame­ri­ka­hass, im schii­ti­schen Kle­ri­ker die «ori­gi­nä­re, per­si­sche Lösung» der Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung vom Wes­ten sahen. Aja­tol­lah Kho­mei­ni war für die Lin­ken Euro­pas und der USA DER Heils­brin­ger gegen den ver­hass­ten «impe­ria­lis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus». Der 76-jäh­ri­ge Mann ver­sprach ihnen 19 Grund­sät­ze von Demo­kra­tie, Men­schen­rech­ten, Säku­la­ris­mus, Volks­sou­ve­rä­ni­tät. In sei­nem «Mein Kampf», des­sen isla­mi­sche Ver­si­on «Der isla­mi­sche Staat» heisst, stand aber schon 1970: «Das Gesetz ist nichts ande­res als der Befehl Got­tes.» Kho­mei­ni dach­te kei­ne Sekun­de dar­an, west­li­che demo­kra­ti­sche Men­schen­rech­te in sei­nem Got­tes­staat zuzu­las­sen. Die Geist­li­chen waren von Anfang Exe­ku­to­ren. Zudem: Der uner­mess­li­che Reich­tum Per­si­ens mach­te die Geist­li­chen völ­lig unab­hän­gig vom Volk. Die Mul­lahs brau­chen kein Volk, das Erd­öl und die damit ver­bun­de­ne Indus­trie, alle Finan­zen, Land, Wäh­rung, ein­fach alles gehört ihnen. Selbst die Natio­nal­so­zia­lis­ten hat­ten weni­ger tota­li­tä­re Zugriffs­macht über alle Berei­che von Gesell­schaft, Öko­no­mie, Staat, Kul­tur und Wis­sen­schaft. Die Mul­lahs kön­nen so vie­le Men­schen umbrin­gen wie damals die Ade­li­gen im feu­da­len Euro­pa, und sie tun es viel häu­fi­ger als die dama­li­gen Ade­li­gen. «Zieht euch schwarz an. Denn ihr geht zu einer Beer­di­gung. Ihr trau­ert um eure letz­ten Grund­rech­te, eure letz­te Frei­heit»: So beginnt Golineh Ata­is «Iran – die Frei­heit ist weib­lich», ein Buch, das für den Grim­me-Preis nomi­niert war. Das Schwert der isla­mi­schen Revo­lu­ti­on trifft immer zuerst die Frau­en – wohl des­halb schweigt die Lin­ke vor­nehm. Denn Frau­en gehö­ren zu den Pro­ble­men zwei­ter Klas­se. «Wir haben kei­ne Revo­lu­ti­on gemacht, nur um Rück­schrit­te hin­neh­men zu müs­sen», skan­dier­ten die Frau­en an der rie­si­gen Frau­en­de­mons­tra­ti­on im Juli 1980. «Mil­lio­nen Frau­en aller Schich­ten hat­ten sich im Namen der Befrei­ung an der Revo­lu­ti­on betei­ligt, aber nie­mals hat­ten sie damit gerech­net, dass ihre Män­ner nun plötz­lich meh­re­re Frau­en hei­ra­ten, sich bedin­gungs­los schei­den las­sen und sich der Ehe­frau wie eines Möbel­stü­ckes ent­le­di­gen konn­ten. Nie­mals hat­ten sie geahnt, dass die Geschlech­ter in der Gesell­schaft fort­an rigo­ros getrennt würden.»

Die Welt blieb stumm. So wie Frank Bösch auch nichts über die Pro­tes­te gegen die Geschlech­ter-Apart­heid in den Dik­ta­tu­ren berich­tet – sie spielt in der Beur­tei­lung von Men­schen­rech­ten kaum eine Rol­le, wie wir auch aktu­ell am Umgang mit den Tali­ban in Afgha­ni­stan sehen, die von Gen­fer Lob­by­is­ten aus gese­hen als ganz «nor­ma­le Staats­män­ner» end­lich inter­na­tio­nal aner­kannt wer­den sol­len. Der alte Sozia­list Antó­nio Guter­res, die­se Schan­de von Gene­ral­se­kre­tär der UNO, mein­te erst kürz­lich, wie vie­le «Fort­schrit­te Afgha­ni­stan» doch im «Wie­der­auf­bau» des Lan­des geleis­tet habe. Ach ja: die Tali­ban. Unter­stützt von Iran – wie alle isla­mis­ti­schen Welt­re­vo­lu­tio­nen. Nicht nur gehört den Mul­lahs ihr eige­nes Land, es blei­ben genü­gend Mil­li­ar­den übrig, um den inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus mit Ton­nen von Bom­ben zu ver­sor­gen. Auch dar­über liest und hört man bei uns wenig. Viel zu wenig.
Dabei wäre es so ein­fach. Die Mul­lahs, die gesam­te ira­ni­sche Füh­rung, gehö­ren auf die Lis­te der inter­na­tio­nal gesuch­ten Ver­bre­cher; Iran gehört mas­siv sank­tio­niert und iso­liert. Das Ver­mö­gen der Mul­lahs muss sofort ein­ge­fro­ren werden.

Wer ande­res behaup­tet, ist an Demo­kra­tie nicht inter­es­siert. Wie die sog. «femi­nis­ti­sche Aus­sen­mi­nis­te­rin» Baer­bock. In der Iran-Fra­ge reiht sie sich ein bei den ers­ten ex-natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Funk­tio­nä­ren des dama­li­gen Aus­wär­ti­gen Amtes: Demo­kra­tie spiel­te damals kei­ne Rol­le, Haupt­sa­che, das Land kam wirt­schaft­lich wie­der auf die Bei­ne. Apro­pos nicht inter­es­siert. Die Sozio­lo­gen ver­wei­gern übri­gens den Begriff «Dik­ta­tur» mit dem Hin­weis, die­ser sei wer­tend. Han­nah Are­ndt wür­de sich bei so viel dreis­ter anti­de­mo­kra­ti­scher Dumm­heit im Grab umdrehen.

Nach sei­ner Ankunft 1979 fuhr der Aja­tol­lah zum Fried­hof Behescht‑e Zahra. Sym­bo­li­scher hät­te die Wahl des isla­mis­ti­schen Todes­en­gels wohl nicht sein kön­nen. 1979 füll­ten noch vie­le Schah-Geg­ner die Grä­ber; dies soll­te sich durch die Tau­sen­den von neu­en Lei­chen, ermor­det vom Kho­mei­ni-Got­tes­staat, sehr bald ändern. Das Ziel der isla­mis­ti­schen Mul­lahs bleibt bis heu­te die Ver­wand­lung der gan­zen Welt in einen Fried­hof. Des­halb finan­zie­ren sie Hamas, His­bol­lah, Hut­his, Boko Haram und wie sie alle heis­sen. Fun Fact übri­gens: In der Schweiz gilt nach wie vor das ira­ni­sche Fami­li­en­recht, sprich die Scha­ria. Dies auf­grund eines Staats­ver­trags zwi­schen der Schweiz und Per­si­en aus dem Jahr 1934. Der Bun­des­rat spricht sich aktu­ell für eine Über­prü­fung aus, Iro­nie off.

Wir erfah­ren in Böschs «1979», dem Jahr als die Gegen­wart begann, wie die Ein­rich­tung des isla­mi­schen Got­tes­staa­tes in Per­si­en als Blau­pau­se für alle fol­gen­den isla­mi­schen Welt­re­vo­lu­tio­nen gel­ten kann. Inso­fern war al-Qai­da eigent­lich nur ein fal­scher Fokus nach 9/11: In Wahr­heit ging es damals und geht es heu­te um die Erobe­rung der Welt durch den «bewaff­ne­ten Wider­stand» (Zitat Judith But­ler) der isla­mi­schen Welt­re­vo­lu­ti­on. Auch dar­über wird kaum gere­det und wenn, nur von durch­ge­knall­ten Rechts­extre­men, die damit das The­ma erst recht aus der öffent­li­chen Debat­te drängen.

Das Mul­lah-Régime in Iran ver­bin­det nach über 40 Jah­ren Agi­ta­ti­on mitt­ler­wei­le alle isla­mis­ti­schen Strö­mun­gen, von denen beim his­to­risch viel gelob­ten «tra­di­tio­nel­len Islam» nichts mehr übrig bleibt: Al-Qai­da, Tali­ban, Isla­mi­scher Staat, Hamas, His­bol­lah, Boko Haram, Hut­his, die ägyp­ti­sche Mus­lim­bru­der­schaft u. a. ver­bin­den die fun­da­men­ta­le Zurück­wei­sung west­li­cher Wer­te mit krie­ge­ri­scher Welt­po­li­tik, codier­ten Fik­tio­nen und Alli­ier­ten in allen west­li­chen Kul­tu­ren, Medi­en und Uni­ver­si­tä­ten inklu­si­ve. Es geht nicht um einen «Kampf der Kul­tu­ren», son­dern um die Ver­fü­gungs­ge­walt über Roh­stof­fe, Ener­gie, inter­na­tio­na­le Finan­zen und um geo­po­li­ti­sche Macht­ord­nung. Die ira­ni­sche Revo­lu­ti­on fand übri­gens, ohne Witz, nach eige­ner Zeit­rech­nung nicht im Jahr 1979 statt, son­dern im Jahr 1399/1400. Passt doch, nicht wahr?

His­to­risch wür­de ich die Revo­lu­ti­on in Iran im Jahr 1979 des­halb mit der der Kom­mu­nis­ten 1917 gleich­set­zen, inklu­si­ve der glei­chen Her­aus­for­de­run­gen für die demo­kra­ti­sche Welt. Des­halb wäre das Ver­sa­gen Barack Oba­mas genau­er zu unter­su­chen, so wie ich es in «Trum­pism. Ein Phä­no­men ver­än­dert die Welt» getan habe – für des­sen Fort­set­zung ich schon längst einen Ver­lag suche.

1917 ging es um die inter­na­tio­na­le kom­mu­nis­ti­sche Welt­erobe­rung, die das gesam­te 20. Jahr­hun­dert mit einer Blut- und Mord­spur form­te. 1979 begann die Ver­ge­wal­ti­gungs- und Mord­or­gie der Isla­mis­ten gegen alles, was uns Frau­en und Demo­kra­tIn­nen hei­lig ist.

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«Dies ist viel­leicht die ers­te gros­se Erhe­bung gegen die welt­um­span­nen­den Sys­te­me, die moderns­te und irr­sin­nigs­te Form der Revol­te», mein­te Michel Fou­cault bewun­dernd im Hin­blick auf Kho­mei­ni. Judith But­ler fas­zi­nier­ten die «Schöp­fungs­kraft poli­ti­scher Spi­ri­tua­li­tät» und, erst kürz­lich, der gigan­ti­sche und wich­ti­ge «bewaff­ne­te Wider­stand» der Hamas, deren Stra­te­gie der Brand­schat­zung, Ver­ge­wal­ti­gung und Fol­ter für sie per­sön­lich zwar «quä­lend» sei, aber den­noch dis­ku­tiert wer­den müs­se. Real­ly? Sie folgt dar­in Wla­di­mir Iljitsch Lenin: «Der Cha­rak­ter eines Krie­ges wird dadurch bestimmt, wel­che Poli­tik der Krieg fort­setzt, wel­che Klas­se den Krieg führt und wel­che Zie­le sie dabei ver­folgt.» In der DDR gehör­te «Frie­den» zum meist­ge­brauch­ten Begriff. Tota­li­tä­rer Wirk­lich­keits- und Wahr­heits­ver­lust waren schon immer das Kenn­zei­chen lin­ker und rech­ter Revo­lu­tio­nen: Es geht um die Krea­ti­on von neu­en Men­schen, neu­en sozia­len Bezie­hun­gen, neu­en Macht­struk­tu­ren: das Dog­ma über die Wirk­lich­keit. Judith But­ler ist dabei beson­ders per­fi­de. Sie nutzt ein demo­kra­ti­sches Ver­let­zungs-Voka­bu­lar, um Ver­ge­wal­ti­gung, Fol­ter und Mord stra­te­gisch sinn­voll zu machen. Dies ist auch die Stra­te­gie zwei­er lin­ker Frau­en in der deut­schen Ampel-Regie­rung: Lisa Paus und Nan­cy Fae­ser. Mit dem Voka­bu­lar des sog. «Selbst­be­stim­mungs­ge­set­zes» und des «Demo­kra­tie­för­der­ge­set­zes» sol­len Sprech­ak­te demo­kra­ti­sche Grund­rech­te aus­ser Kraft set­zen. Auch davon hört man wenig und wenn, wie­der­um nur in ver­damm­ten rechts­extre­men Krei­sen, die damit die wich­ti­ge Kri­tik an der Über­nah­me von Ideo­lo­gie gegen die Demo­kra­tie unschäd­lich machen. Entsetzlich.

Dies ist die logi­sche Fol­ge der «Deals mit Dik­ta­tu­ren» sowie der Über­nah­me von deren Fik­tio­nen, Nar­ra­ti­ven, Erzäh­lun­gen. Wer Han­del mit Dik­ta­tu­ren betreibt, deren Fik­tio­nen mit der Frei­zü­gig­keit von Kapi­tal, Waren, Dienst­leis­tun­gen und Per­so­nen auto­ma­tisch ver­bin­det, trägt die Demo­kra­tie letzt­lich zur Schlacht­bank. Die im Netz mil­li­ar­den­fach repe­tier­ten Sprech­ak­te, Ideo­lo­gien, Nar­ra­ti­ve, Fik­tio­nen haben unse­re west­li­chen Infor­ma­ti­ons­sys­te­me so zuge­müllt, dass Tumb­lr und 4Chan als links- und rechts­ra­di­ka­le Nischen-Hass­ma­schi­nen schon längst im Main­stream ange­kom­men sind. Auch dazu hat Ange­la Nag­le in «Kill All Nor­mies» viel Klu­ges erzählt. Des­halb haben sog. Demo­kra­tIn­nen bspw. den Bank­sprech «Equi­ty» in die Grund­rech­te ein­ge­führt. «Equi­ty» ist der angel­säch­si­sche Begriff für einen Eigen­ka­pi­tal­an­teil an einer Gesell­schaft, ins­be­son­de­re für Akti­en. Nun wird «Equa­li­ty» im neu­en woken (Opus) DEI (Diver­si­ty, Equi­ty, Inclu­si­on) mit «Equi­ty» bezeich­net und behaup­tet Gleich­stel­lung – völ­li­ger Bull­shit. Merkt denn nie­mand, wie DEI die neue Göt­ter­re­li­gi­on der codier­ten finanz­ka­pi­ta­lis­ti­schen Anti­de­mo­kra­tien ist? Des­halb spie­len Inhal­te kei­ne Rol­le mehr, nur noch Algo­rith­men und die ihnen zuge­hö­ri­gen Sprech­ak­te. Des­halb gibt es bei der Lin­ken kei­ne indi­vi­du­el­len Rech­te, son­dern nur noch kate­go­ri­sche Rech­te, Grup­pen­sprech wie «Haut­far­ben», «Gene­ra­ti­on», «gele­se­nes Geschlecht». Es gibt auch kei­nen his­to­ri­schen Fort­schritt mehr – lesen Sie Yuval Noah Hara­ri –, son­dern nur noch gleich­för­mi­ge, gleich­ge­stell­te Evo­lu­ti­on, egal ob es Dik­ta­tu­ren oder Demo­kra­tien sind. Hier spricht die «Mindful-Bewe­gung», die sich sel­ber ein­re­det, alles sei gleich, es kom­me nur auf die Wahr­neh­mung drauf an. Die Dalit in Indi­en wür­den ihm wider­spre­chen, wäre ihnen denn der Schul­be­such erlaubt.

Der Ölma­gnat Mukesh Amba­ni (66) bau­te sich in Mum­bai ein Hoch­haus von 173 Metern Höhe und mit 27 Stock­wer­ken für sechs (!) Fami­li­en­mit­glie­der, inklu­si­ve 600 (!) Ange­stell­ter. Laut «20 Minu­ten» beträgt der Wert des Hau­ses namens Anti­lia über 2 Mil­li­ar­den Dol­lar. Die nicht weis­se Fami­lie fei­ert nun die kom­men­de Hoch­zeit eines Soh­nes mit einer drei Tage dau­ern­den Super­par­ty: Bou­le­vard und seriö­se Medi­en berich­te­ten. Ein Maha­ra­dscha war ein Dreck dage­gen. Die Details der Fête (in «Gala» nach­zu­le­sen) erin­ner­ten an die Prunk­sucht des Schahs von Per­si­en im Jahr 1971. Der liess damals Mil­lio­nen sprin­gen für die sog. 2500-Jahr-Fei­er «sei­ner» Mon­ar­chie. Die aus Euro­pa ein­ge­flo­ge­nen 50 000 Sing­vö­gel ver­durs­te­ten nach drei Tagen, die über 25 000 impor­tier­ten Fla­schen Wein waren dafür kon­su­miert, eben­so die Ton­ne schwar­zen Kavi­ars. Der Unter­schied zu damals indes­sen ist: Der Grös­sen­wahn des Schahs trug zu des­sen Sturz bei. Im 21. Jahr­hun­dert, dem neu­en Dik­ta­tu­ren-Zeit­al­ter codier­ter Feu­da­lis­men, pas­siert das Gegenteil.

2024 fei­ern Medi­en welt­weit die gigan­ti­sche Pre-Wed­ding-Par­ty. Sie ist sehr divers, übri­gens; Rihan­na wird extra ein­ge­flo­gen: Die glo­ba­len Luxus­e­li­ten von Mark Zucker­berg über Royals, Mil­li­ar­dä­re und Super­stars, die ger­ne das Leid der armen Kin­der in Gaza betrau­ern, sind alle anwe­send. Die «Wed­ding-Indus­try» in Indi­en ist der viert­gröss­te Wirt­schafts­zweig im Lan­de. In einem Staat, in dem die Unbe­rühr­ba­ren über ein Vier­tel der Bevöl­ke­rung aus­ma­chen und in Umstän­den leben, die selbst im euro­päi­schen Mit­tel­al­ter als unvor­stell­bar gegol­ten hät­ten. Davon erzäh­len übri­gens zwei Bücher, vom Feuil­le­ton ver­schmäht, doch mil­lio­nen­fach von Frau­en gekauft: «Der Zopf» und «Das Mäd­chen mit dem Dra­chen» von Lae­ti­tia Colom­ba­ni. In der indi­schen Ver­fas­sung sind die Unbe­rühr­ba­ren, die «Nicht-Kas­te» im unmensch­lich archai­schen Kas­ten­sys­tem Indi­ens, theo­re­tisch gleich­ge­stellt. In Wirk­lich­keit bil­den sie den Boden, den die Super­rei­chen aller Welt mit Heli­ko­ptern und Droh­nen über­flie­gen. Schon von Mani­sha gehört? Selbst der Deutsch­land­funk berich­te­te 2020 über die Unbe­rühr­ba­re, deren Schick­sal Hun­dert­tau­sen­de tei­len, hier und jetzt, in Indi­en. Die 19-Jäh­ri­ge wur­de von einer Grup­pe von Kas­ten-Män­nern gefol­tert, ver­ge­wal­tigt, regel­recht zum Spass und zwecks Por­no­gra­fie, die welt­weit alle Frau­en eh bild­lich zer­stört, hin­ge­rich­tet. Manishas Zun­ge war zer­schnit­ten, ihr Rück­grat war gebro­chen, der Nacken war ver­dreht, sie konn­te weder Hän­de noch Bei­ne bewe­gen und kaum mehr atmen. Zwei Wochen kämpf­te sie um ihr Über­le­ben, bis sie der erlit­te­nen Fol­ter erlag. Sie flüs­ter­te die Namen der Täter, die Poli­zei kam sofort nach ihrem Tod, ver­brann­te die Frau und schloss die Fami­lie der Unbe­rühr­ba­ren von der «Bestat­tung» aus und stell­te die Nach­for­schun­gen ein. Auf Wiki­pe­dia wird die gesam­te Geschich­te bis heu­te ver­fälscht, es wird gelo­gen, betro­gen, ver­heim­licht: alles unter den Augen einer Welt­öf­fent­lich­keit, die sich um die­se 300 Mil­lio­nen gefol­ter­ten Men­schen küm­mern könn­te. Zu den Dalit gab es indes­sen noch kei­ne Ver­laut­ba­rung des UNO-Gene­ral­se­kre­tärs, der jeden zwei­ten Tag das Gift sei­nes Anti­se­mi­tis­mus über die öffent­li­chen Kanä­le der inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on ver­brei­tet. Für die urba­nen, diver­sen und glo­ba­len Eli­ten, die sich zum Super­e­vent vor der rich­ti­gen Hoch­zeit zusam­men­fan­den, sind die Fol­ter­ge­schich­ten der Tau­sen­den von indi­schen Mäd­chen so weit weg wie die Hexen­ver­bren­nung im Mit­tel­al­ter für uns. So viel zum codier­ten, sog. inklu­si­ven, inter­sek­tio­na­len Femi­nis­mus, der im bun­ten post­ko­lo­nia­len Gewand in Medi­en, Kul­tur und an den Uni­ver­si­tä­ten nichts ande­res als Miso­gy­nie und sein Grau­en verbreitet.

Noch­mals zum Iran: Im Rück­blick gab es nur eine Intel­lek­tu­el­le, die den wah­ren Cha­rak­ter der isla­mis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on durch den Iran erkann­te: Oria­na Fall­a­ci. Die gros­se Jour­na­lis­tin und Autorin wur­de 1930 als Toch­ter eines Anti­fa­schis­ten in Flo­renz gebo­ren und starb geäch­tet, gecan­celt, ver­einsamt 2006 eben­falls in Flo­renz. Sie führ­te ein kur­zes Jahr­hun­dert­le­ben, war schon als Kind im Wider­stand gegen Mus­so­li­ni enga­giert, gehör­te ihr Leben lang zu den freis­ten Per­so­nen, die es gibt. Ihre zwei Roma­ne «Brief an nie gebo­re­nes Kind» (1977) und «Ein Mann» (1980) sind poe­ti­sche Zeug­nis­se ihres poli­ti­schen Schaf­fens und gehö­ren zur Welt­li­te­ra­tur. In «Ein Mann» erzählt Oria­na Fall­a­ci die wah­re Geschich­te ihrer Lie­be zum grie­chi­schen Wider­stands­kämp­fer und Dich­ter Ale­kos Pana­gou­lis. Pana­gou­lis schei­ter­te 1968 mit dem Atten­tat auf den dama­li­gen Jun­ta-Dik­ta­tor, wur­de jah­re­lang in grie­chi­schen Gefäng­nis­sen gefol­tert, wur­de gegen sei­nen Wil­len frei­ge­las­sen, lern­te die Jour­na­lis­tin Fall­a­ci ken­nen und lie­ben. Aus­ser «Bel­le du Sei­gneur» habe ich sel­ten eine der­art mein Leben umwäl­zen­de Lie­bes­ge­schich­te gele­sen wie Fall­a­cis. Die Mischung aus Poli­tik, Grau­sam­keit, Psy­cho­lo­gie, Ero­tik, Fana­tis­mus gehört zu den inten­sivs­ten Welt­li­te­ra­tur-Erleb­nis­sen. Ihre Poe­sie ergänz­te die Jour­na­lis­tin mit knall­har­ten Inter­views. Ihre Gesprä­che mit Jas­sir Ara­fat, Muammar al-Gad­da­fi, Deng Xiao­ping, Wil­ly Brandt, Hen­ry Kis­sin­ger u. a. sind legen­där. Letz­te­ren brach­te sie dazu, den Viet­nam­krieg als «use­l­ess» und sich selbst als «Cow­boy» zu bezeich­nen. Am 16. Sep­tem­ber 1979 inter­view­te sie im Tscha­dor Aja­tol­lah Kho­mei­ni. Das Gespräch fand ein Ende, als sie mit­ten­drin den Tscha­dor abnahm, die­sen «blö­den Fet­zen aus dem Mit­tel­al­ter». Fall­a­ci ent­larv­te den west­li­chen nihi­lis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus eben­so wie den isla­mis­ti­schen Todes­kult. Ihre Streit­schrift «Wut und Stolz» von 2001, in der sie mit dem Phleg­ma des Wes­tens betref­fend die isla­mi­sche Welt­re­vo­lu­ti­on abrech­net, wur­de von der Lin­ken sexis­tisch als «Hass­ti­ra­de» einer alten Frau und als rechts­extre­men Schrott dif­fa­miert. Die «Uni­on der Mus­li­me Ita­li­ens» rief nach die­sem Buch offi­zi­ell zur Gewalt gegen Fall­a­ci auf. Sie starb, kurz bevor sie ver­ur­teilt wur­de – ihr Erbe liegt nun lei­der in den Hän­den der ita­lie­ni­schen Rech­ten und Rechts­extre­men. Der Oria­na-Fall­a­ci-Preis ist der gros­sen Anti­fa­schis­tin so unwür­dig, dass es schmerzt, ihn über­haupt zu erwähnen.

Es gäbe noch wei­te­re Geschich­ten der Welt in Büchern, doch ich bin erschöpft. Die codier­ten Bana­li­tä­ten in den sozia­len Medi­en, die stän­dig den «bewaff­ne­ten Wider­stand» wie­der­ho­len, selbst von Freun­din­nen wie Mit­hu San­y­al geteilt, haben die Kraft, die Schrei­ben­de zu zer­stö­ren. Eine Schrei­ben­de, die als Mäd­chen in der Unter­schicht gebo­ren, sich wahr­haft ein Leben in Frei­heit, Sicher­heit und Wohl­stand in Euro­pa erar­bei­ten konn­te. Eine Frei­heit, die sie allen Mäd­chen und Frau­en welt­weit wünscht, dafür wei­ter­kämpft und nicht auf­hö­ren wird, die Ver­rä­te­rin­nen demo­kra­ti­scher Grund­rech­te in ihrer Selbst­zer­stö­rung und ihrem fal­schen Krieg auf­zu­hal­ten. Wie habe ich an einer ande­ren Stel­le mal geschrie­ben? Jede Demo­kra­tie misst sich am Zustand der Mäd­chen und der Frauen.

Bücher zum vor­lie­gen­den Essay:
· Frank Bösch: Zei­ten­wen­de 1979. Als die Welt von heu­te begann. C.H.-Beck-Verlag.
· Frank Bösch: Deals mit Dik­ta­tu­ren. Eine ande­re Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik. C.H.-Beck-Verlag.
· Eine Iran-Apo­lo­gie ist vom Zen­trum für poli­ti­sche Bil­dung bei «Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te» 2020 erschie­nen (lei­der, das AuPZ ist ansons­ten immer exzel­lent). Kos­ten­los über bpd.de runterzuladen.
· Golineh Atai: Iran – Die Frei­heit ist weib­lich. Rowohlt-Verlag.
· Ange­la Nag­le: Kill All Nor­mies. Online Cul­tu­re Wars from 4Chan and Tumb­lr to Trump and the Alt-Right.
· Yuval Noah Hara­ri: Sapi­ens – Das Spiel der Wel­ten. C.H.-Beck-Verlag.
· Lae­ti­tia Colom­ba­ni: Der Zopf. S. Fischer Verlage.
· Lae­ti­tia Colom­ba­ni: Das Mäd­chen mit dem Dra­chen. S. Fischer Verlage.
· Oria­na Fall­a­ci: Ein Mann. Kiwi-Verlag.
· Oria­na Fall­a­ci: Brief an nie gebo­re­nes Kind. Ebers­bach und Simon. Das Inter­view Fall­a­cis mit Kho­mei­ni 1979 ist im Netz in der «N.Y. Times» abgedruckt.

· Zum Ver­sa­gen der Lin­ken in Zei­ten algo­rith­mi­scher Repro­duk­ti­on sie­he Regu­la Stämpf­li: Euro­pa zwi­schen Bank­sprech und Sehn­suchts­ort. Darf man als euro­päi­sche Intel­lek­tu­el­le Euro­pa kri­ti­sie­ren? Gra­tis auf denknetz.ch