Interview mit Urs Kummer, dem Pressesprecher des «Strauhof-Komitees»
Das Literaturmuseum Strauhof bleibt zwar, aber das Budget wird von der Stadt Zürich gekürzt – man sucht nach einer privaten Trägerschaft, die das Museum leitet.
Es scheint schwierig zu sein, Literatur und Literaten auszustellen. Man braucht Geschick, um Buchinhalte zu visualisieren und die oft scheuen oder unnahbaren Autoren fassbar zu machen. Dem Strauhof-Team ist dieses Meisterstück gelungen, und die Ausstellungen haben international Beachtung gefunden. Nach zehn Jahren Betrieb sollte Schluss sein. 2013 beschloss die Stadt Zürich, dass das Museum Strauhof dem Jungen Literaturlabor JULL weichen müsse: Ab 2015 würde ein Literaturlabor für Jugendliche im Strauhof eingerichtet – mit Lesungen, Diskussionen, Workshops, Schulprojekten. Natürlich könne es auch weiterhin Literaturausstellungen geben – so die Stadt Zürich –, an verschiedenen Orten, ab und zu. Gegner formierten sich u.a. als Strauhof-Komitee/Verein Pro Literaturmuseum Strauhof, und sammelten Unterschriften für eine Petition für den Erhalt des Strauhofs. Unter Druck gesetzt, musste sich die Stadt Zürich mit den Forderungen auseinandersetzen, und teilte im Juli 2014 mit, dass der Strauhof erhalten bleibe und das Junge Literaturlabor irgendwo anders realisiert werde. Erleichterung ist da – der Kampf für den Erhalt des Literaturmuseums Strauhof in Zürich hat sich gelohnt. Allerdings ist noch nicht der Zeitpunkt, sich auf den Siegeslorbeeren auszuruhen. Der Betrag, den die Stadt ab 2015 budgetiert hat, ist deutlich unter dem bisherigen Beitrag. Zudem wird das Projekt Strauhof «teilprivatisiert» – man sucht eine private Trägerschaft. Der Weiterbetrieb des Literaturhauses Strauhof ist also neu von Drittmitteln abhängig. Das heisst, die Stadt sucht Interessierte, und eine Jury wird eingereichte Konzepte bewerten. Die neue Trägerschaft kann die Ausstellungsräume für eine Pilotphase unentgeltlich nutzen, erhält einen Startbeitrag von 500 Franken und jährliche Unterstützungsbeiträge von 425 000 Franken. Bis Ende Jahr wird sich die Stadt für eine Trägerschaft entscheiden. – Interview mit Urs Kummer, dem Pressesprecher des «Strauhof-Komitees», zum ersten Teilsieg des Protests.
ensuite: Erfolgreich konnte sich in den letzten 10 Monaten ein Widerstand gegen die Schliessung des Literaturmuseums Strauhof formieren. Ein Teilerfolg ist im Juli 2014 zu verzeichnen. Was wurde bisher erreicht?
Urs Kummer: Das einzige Literaturmuseum der Schweiz bleibt dank der überwältigenden Unterstützung der Öffentlichkeit erhalten. Immerhin haben über 7000 Literaturliebhaber die Petition unterzeichnet, und die Medien, insbesondere die Süddeutsche Zeitung, der Tages-Anzeiger und die NZZ, haben mit ihren fundierten Berichten und Recherchen die Umkehr eingeleitet. Nicht weniger als dass es weiterhin Literaturausstellungen im Strauhof geben wird, und dass die James-Joyce-Foundation im dritten Stockwerk des Strauhofs verbleiben kann wurde erreicht: Ein furioser Erfolg!
Ein Erfolg übrigens, der auch im Ausland mit Freude und Anerkennung zur Kenntnis genommen wurde, ein Erfolg notabene, der als kulturpolitisches Signal mindestens in den deutschsprachigen Ländern viel Beachtung gefunden hat. Ein Signal deshalb, weil sich einige Kulturpolitiker künftig zweimal fragen werden, ob sie mal kurz mit der Brechstange bewährte Institutionen aushebeln wollen.
Seit Juli 2014 ist klar, dass der Strauhof als Ausstellungsraum bestehen bleibt. Nun sucht die Stadt Zürich private Ausstellungsmacher, die sie mit Gratismieten für das Lokal und zusätzlichen Beiträgen unterstützt. Was wird sich ändern, wenn nun eine private Trägerschaft die Ausstellungen organisiert?
Der Betrieb wird von der trägen Stadtverwaltung abgekoppelt sein, und dementsprechend vermehrt die Möglichkeit haben, verrückte, aussergewöhnliche, wahnsinnige, herzzerreissende, überkandidelte, beschwipste, pudrige und exaltierte Ausstellungen zu präsentieren. Jedoch sind den Ausschweifungen finanziell gewisse Grenzen gesetzt. Unserer Meinung nach müssen weitere Sponsoren und Geldgeber gesucht werden, sonst wird dies ein sehr dünnes, vitrinenlastiges Konzeptlein. Bis anhin zeigte das Literaturmuseum im Strauhof vier Ausstellungen jährlich, wofür die Stadt rund 1,5 Millionen zur Verfügung gestellt hat. Für die kommende private Trägerschaft ist die Stadt nun bereit, 425 000 Franken Betriebskosten zu übernehmen. Sie sehen: die Mittel wurden um zwei Drittel gekürzt.
Der Verein Pro Literaturmuseum Strauhof wird sich auch an der Ausschreibung der Stadt beteiligen. Was sind Kernanliegen/Ideen im Konzept des Vereins?
Wir werden ein machtvolles, überzeugendes Konzept einreichen, das dem Strauhof entspricht, der ja ein Teil des literarischen Gedächtnisses der Schweiz ist, dem der Verein sich verpflichtet fühlt. Offen gesagt möchte ich momentan nicht mehr verraten, und so allen anderen lieben Kollegen, die sich auch an der Ausschreibung beteiligen, nicht noch mehr Möglichkeiten liefern, sich als Trittbrettfahrer zu profilieren. Der Verein «Pro Literaturmuseum Strauhof» und das «Strauhof-Komitee», in dem die per 1. Januar 2015 entlassenen Mitarbeiter organisiert waren, welche famos gegen die Schliessung gekämpft haben, hätten es eigentlich verdient gehabt, ohne Ausschreibung den Strauhof bespielen zu dürfen. Schliesslich war es das «Strauhof-Komitee» (das nun im Verein Pro Literaturmuseum Strauhof aufgegangen ist), das mit seiner Hartnäckigkeit die Stadt zur Umkehr gezwungen hat. Im Übrigen muss sich das Junge Literaturlabor (JULL) der Provinz GmbH, dem das Literaturmuseum im Strauhof hätte weichen sollen, und das nun an der Bärengasse angesiedelt wird, sich auch keinem Wettbewerb stellen. Vice versa?
Seit 25 Jahren führte der Strauhof Literaturausstellungen «von internationaler Ausstrahlung» durch. Mit einem geschickten Schachzug wollte die Stadt das Museum durch das sogenannte Jugend-Literaturlabor JULL von privaten Organisatoren ersetzen lassen – also einem kostengünstigen «literarischen Ersatz». Warum hat der Plan nicht funktioniert und es ist trotzdem zu Protesten gekommen?
Die Idee der Stadt, das Literaturmuseum zu schliessen und stattdessen ein sogenanntes junges Literaturlabor (JULL) zu implementieren, hat sich als grandioser Irrweg, als Schnapsidee erwiesen. Die Stadt hat im luft- und blutleeren Raum agiert, weil sie sich nie ernsthaft mit der internationalen Bedeutung des Literaturmuseums auseinandergesetzt hat. Die Präsidialabteilung war nie Herr der Lage, weil falsche Schlüsse aus falschen Einschätzungen gezogen wurden. Stadtpräsidentin Mauch und Kulturdirektor Haerle vermittelten immer den Eindruck, im Eigensinn und nicht im Gemeinsinn zu handeln.
Wahrscheinlich stand am Anfang die Idee, diesen angeblich verstaubten Laden Literaturmuseum, der eh nur von ein paar versprengten Rentnern besucht werde, durch eine jugendliche, dynamische, den neuen Medien zugewandte Einrichtung zu ersetzen. Ich gehe davon aus, dass die Kulturdirektion so besoffen von dieser Idee war, dass alle Realitätschecks ausblieben, alle Gegenargumente ausgeblendet wurden, und man es deshalb unterlassen hatte, sich überhaupt Gedanken darüber zu machen, wie diese Schliessung eigentlich zu begründen sei. Während der Auseinandersetzung sind der Stadtpräsidentin und dem Kulturdirektor unglaubliche kommunikative Fehler unterlaufen, die ihrer schwer vermittelbaren Idee JULL den Boden unter den Füssen wegzogen. Wie ein Mantra wiederholte Stadtpräsidentin Mauch den Satz: «Wir nehmen den Protest ernst», was an sich ein Paradoxon ist, und auch zu einem Pressekommentar geführt hat der begann mit: «Ach, diese Ernstnehmer …» Kulturdirektor Haerle liess sich zu unüberlegten Kommentaren hinreissen, etwa mit dem Satz zur Besucherzahl des Literaturmuseums Strauhof: «Das ist nicht schlecht für ein spezialisiertes Nischenangebot, aber es ist nicht der Louvre», den man ja eigentlich nur beantworten kann mit: «Tatsächlich ist der Strauhof nicht der Louvre, aber Peter Haerle ist auch nicht André Malraux».
Der Knackpunkt war jedoch die mit der Schliessung des Literaturmuseums verknüpfte Idee, an der Bärengasse ein Archivzentrum zu installieren. Dort sollten dereinst die James-Joyce-Stiftung, das Thomas-Mann-Archiv und das Max-Frisch-Archiv zusammengefasst werden. Offensichtlich wurde diese Idee ohne jegliche Abklärung zu den Räumlichkeiten einfach mal in die Welt hinausposaunt. Die Bärengasse sollte der Rettungsanker für die unter zunehmender Kritik stehende Schliessung des Literaturmuseums im Strauhof sein. Als klar wurde, dass die Archive aus baulichen Gründen nicht an die Bärengasse wechseln würden, war die als neues Literaturkonzept im November 2013 verkaufte Idee mausetot.
Das Literaturpodium der Stadt Zürich hat seine Tätigkeit nach über 50 Jahren auf Ende 2011 eingestellt. Zur Förderung der Literatur gibt es in der Stadt Zürich ein überspannendes Netzwerk von vielen Förderungseinrichtungen auf der Ebene des Bundes, des Kantons und von privaten Stiftungen. Was sind die literarischen Schwerpunkte, die in nächster Zeit aufgebaut und gefördert werden, und welche sind auch existenziell bedroht?
Keine Kulturinstitution in der Stadt Zürich wird in nächster Zeit existentiell bedroht sein, denn Kulturdirektor Peter Haerle wird sich hüten, so schnell wieder die Öffentlichkeit zu schockieren. Was allerdings seine literarischen Schwerpunkte anbelangt, bin ich ratlos.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






