Gros­se Operationen

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(Con­stan­tin Seibt) – 

In den letz­ten Wochen sprach man ziem­lich viel von die­sem Brief hier an die Chef­re­dak­ti­on des «Tages-Anzei­gers». Dazu kann ich als Ange­stell­ter nicht viel sagen. Aus­ser, dass eine Debat­te immer eine gute Idee ist.

Der Fun­ke

Viel­leicht kann man in zehn Jah­ren davon spre­chen, wenn alles schon längst eine Fall­stu­die ist. So wie der WOZ-Relaunch im Jahr 2003. Er hat mich eini­ges an Respekt gelehrt: Wie gefähr­lich der Umbau einer Zei­tungs­re­dak­ti­on sein kann.

Es war ein unver­gess­lich heis­ser Som­mer, der heis­ses­te seit über 100 Jah­ren. Als wir bei einem Redak­ti­ons­fest das Bier im Fluss küh­len woll­ten, war der Fluss wär­mer als das Bier.

Wir arbei­te­ten fast ohne Pau­se. Tags mach­ten wir die Zei­tung. Nachts arbei­te­ten wir am neu­en Kon­zept. Wir schlie­fen sel­ten, aber wir hat­ten einen kla­ren Plan.

Wir, das war vor allem die Inland­re­dak­ti­on. Sie war seit zwei Jah­ren im Amt – im Herbst 2001 war die Vor­gän­ger­ge­ne­ra­ti­on aus ver­schie­de­nen Grün­den fast kom­plett gegan­gen. Es war der idea­le Zeit­punkt dafür. Pünkt­lich zum Start der neu­en Crew fie­len die Tür­me des World Trade Cen­ter, die New Eco­no­my-Bla­se platz­te, die Bör­se geriet in Panik, die Swis­sair ging bank­rott, im Par­la­ment in Zug brach­te ein Irr­sin­ni­ger 14 Leu­te um, zwei Schwei­zer Flug­zeu­ge stürz­ten ab, der Gott­hard­tun­nel brannte.

Erfah­rung zähl­te plötz­lich nicht mehr viel. Eine neue Zeit kam. Die Neun­zi­ger­jah­re waren vorbei.

Wir ver­such­ten, die lin­ke «Wochen­zei­tung» für die Schweiz neu zu den­ken. Erin­ne­re ich mich recht, waren die wich­tigs­ten Punk­te etwa folgende:

  1. Kei­ne Moral mehr. Den Neo­li­be­ra­lis­mus als böse zu geis­seln, hat­te nicht funk­tio­niert. Es ging dar­um, zu zei­gen, dass er nicht rentierte.
  2. Kein Jam­mern mehr. Die 90er-Jah­re waren in der Schweiz die Zeit der Sie­ge für SVP plus Ban­ken und der Nie­der­la­gen der Lin­ken. Man muss­te den Kampf sport­lich auf­neh­men: mit Sta­tis­ti­ken, Kalt­blü­tig­keit, guter Laune.
  3. Kei­ne Angst mehr. Man muss­te mit dem Geg­ner reden, statt ihn nur zu analysieren.
  4. Kei­ne Neben­schau­plät­ze mehr: nicht das Idyll der letz­ten kol­lek­ti­ven Bau­ern schil­dern, son­dern die zen­tra­len Kämp­fe im Bun­des­haus. Und die zen­tra­len Debat­ten in der Ökonomie.
  5. Kei­ne Depres­si­on mehr. Wenn die Welt schon nicht genug Ver­gnü­gen lie­fer­te, dann wenigs­tens die Tex­te dar­über. Eine Lin­ke konn­te sich alles leis­ten, nur nicht Langweile.

Kurz, wir ver­such­ten eine ande­re Hal­tung: näher, kalt­blü­ti­ger, per­sön­li­cher, smar­ter. In den Wor­ten von Ray­mond Chand­ler «von einer har­ten Fröhlichkeit».

Zuge­ge­ben, die­se Zie­le hat­ten viel von unfai­rer Pole­mik gegen die frü­he­re Gene­ra­ti­on. Aber wir woll­ten kei­ne Gerech­tig­keit, son­dern Zei­tung machen.

Und von Zeit zu Zeit gelang uns das nicht schlecht.

Im Prin­zip funk­tio­nier­te die Inland-Redak­ti­on zu die­ser Zeit nicht sehr anders als die New-Eco­no­my-Start-Ups: Wir sas­sen in einem hip­pen Quar­tier vor bun­ten Macs, bestell­ten Piz­za, hiel­ten Akti­en von einem Unter­neh­men, das kei­nen Gewinn abwarf, arbei­te­ten bis in die Nacht vor den Bild­schir­men, leb­ten im ewi­gen Flow der Nach­rich­ten und waren über­zeugt, dass die Zukunft uns gehörte.

Kein Wun­der, rich­te­ten wir ziem­lich schnell den Blick über die Res­sort­gren­ze auf die gesam­te Zei­tung. Mit der Fra­ge, was zu machen war.

Es war uns klar, dass eine Zei­tung den Wen­de­kreis eines Tan­kers hat­te. Und dass man nicht zu wenig Ener­gi­sches tun konnte.

Der Plan

Der Relaunch hat­te zwei Grün­de. Einen ästhe­ti­schen: In der Zei­tung war zu viel Grau. Auf den Schwarz­weiss­bil­dern sahen die meis­ten Por­trä­tier­ten aus, als hät­ten sie gera­de den Atom­krieg über­lebt. Dazu kamen sei­ten­wei­se altern­de Max-Frisch-Epi­go­nen, altern­de Free­jaz­zer, altern­de Unter­grund-Bas­ken – über das Leben wur­de alles gesagt, aus­ser, dass es manch­mal schön war.

Und es gab einen öko­no­mi­schen Grund: Fast seit ihrer Grün­dung pen­del­te die WOZ zwi­schen 12’000 und 14’000 ver­kauf­ten Aus­ga­ben, egal wie dick oder gut das Blatt war. Das ver­ur­sach­te ein chro­ni­sches Defi­zit von etwa 100’000 Fran­ken pro Jahr. Kein Wun­der, muss­te die Zei­tung alle vier Jah­re eine Wenn-ihr-nicht-spen­det-brin­gen-wir-uns-um-Selbst­mord-Kam­pa­gne fahren.

Kurz: Wir woll­ten dop­pelt raus aus dem Ghet­to. Aus dem Ghet­to der Kli­schees von und über uns; aus dem Ghet­to des Auf­la­ge­de­ckels. Wir muss­ten hin zu 20’000 Exemplaren.

Nach einer halb­jäh­ri­gen Kas­ka­de von Sit­zun­gen brach­ten wir Fol­gen­des auf die Reihe:

  • Zwei gros­se und zwei klei­ne neue Res­sorts: Wirt­schaft und Leben, Wis­sen und Sport. Plus neue Leute.
  • Ein neu­es Lay­out. Neu mit mög­li­chen Farbfotos.
  • Eine neue Druckerei.
  • Eine neue Buch­hal­tung samt neu­er Buchhaltungssoftware.
  • Eine neue Werbeagentur.
  • Deren Meis­ter­stück: eine Fund­rai­sing-Kam­pa­gne, die knapp eine Mil­li­on Cash für den Neu­start brachte.

Es war ein end­lo­ser, erschöp­fen­der, glück­li­cher Som­mer. Ende Sep­tem­ber erschien die ers­te Num­mer der neu­en Zei­tung. Tags dar­auf reg­ne­te es – zum ers­ten Mal seit Mona­ten. Wir stie­gen aufs Dach und waren nass und gerührt. Die Dop­pel­schich­ten hat­ten ein Ende. Jetzt konn­ten wir uns wie­der aufs Zei­tung­ma­chen kon­zen­trie­ren, dach­ten wir.

Doch die­ser Gedan­ke war ein schreck­li­cher Feh­ler. Tat­säch­lich fing die Arbeit erst an.

Die Feu­er

Zei­tun­gen sind Rou­ti­ne­ma­schi­nen. Sie bestehen fast nur aus Abläu­fen. Zur Pro­duk­ti­on jeder Num­mer sind Hun­der­te Ent­schei­dun­gen not­wen­dig, die meis­ten davon fal­len auto­ma­tisch. Und der Relaunch hat­te – trotz end­lo­ser Pla­nung – den Orga­nis­mus der Zei­tung ver­letzt. So wie zwei neu ange­näh­te Zusatz­ar­me einen Kör­per ver­let­zen würden.

Von Tag eins an bra­chen über­all in der Redak­ti­on klei­ne Feu­er aus. Die Abschluss­re­dak­ti­on war von der Text­men­ge über­las­tet und koch­te. Die neu­en Res­sorts fan­den sich schwer. Eini­ge der neu ange­heu­er­ten Leu­te muss­ten ein­ge­ar­bei­tet wer­den: eini­ge waren ein Gewinn, ande­re ein erns­tes Pro­blem. Die neue Buch­hal­tungs­soft­ware pro­du­zier­te kon­stant klei­ne Feh­ler und gros­sen Ärger. In den Res­sorts mit Span­nun­gen – etwa im Kul­tur­teil – brach offe­nes Mob­bing aus.

Ein Kol­lek­tiv wie die WOZ hat vie­le Vor­tei­le; aber nicht die kla­rer Zustän­dig­kei­ten. Nie­mand war auf einen Schwel­brand die­ser Hart­nä­ckig­keit vor­be­rei­tet. Über­all lösch­ten irgend­wel­che Leu­te. Meh­re­re Frie­dens­de­le­ga­tio­nen wur­den etwa in den Kul­tur­teil geschickt, wo sie sofort ange­grif­fen wur­den: Man streck­te eine hel­fen­de Hand hin­ein und zog einen blu­ti­gen Stumpf her­aus. Und auch das Herz des Umbaus, das Inland, war erschöpft: Wir hat­ten zwecks Kon­trol­le meh­re­re Leu­te als Statt­hal­ter in die neu­en Res­sorts geschickt. Nun fehl­ten sie.

Ende Jahr war klar, dass wir etwas tun muss­ten. Im Janu­ar wähl­te die WOZ zum ers­ten Mal zwei Che­fin­nen: noch ohne viel Kom­pe­ten­zen, aber nach har­tem Wahl­kampf, in gereiz­ter Atmosphäre.

Es war ein Mini­mum an for­mel­ler Auto­ri­tät. Und sie kam kei­nen Augen­blick zu spät.

Das Feu­er

Denn eines der Feu­er erwies sich als fast töd­lich. Es war das Feu­er in der Buch­hal­tung. Der neue Buch­hal­ter war ein älte­rer Herr mit Schnauz, ein­ge­stellt als erfah­re­ner Finanz­chef eini­ger KMUs. Er blieb der unauf­fäl­ligs­te Mann des gan­zen Betriebs. Das ein­zi­ge Bemer­kens­wer­te an ihm war ein gele­gent­li­ches grund­lo­ses Kichern. Doch das irri­tier­te nie­man­den: Ein Buch­hal­ter, dach­ten wir.

2003 hat­te die WOZ einen über­ra­schend soli­den Jah­res­ab­schluss: Erst­mals seit Jah­ren mit Gewinn. Danach erhiel­ten wir nur noch eine Zahl: die ste­tig stei­gen­de Abo­kur­ve, die nicht sen­sa­tio­nell, aber kon­stant stieg.

Die Zah­len zum Früh­lings­quar­tal kamen nicht. Der Buch­hal­ter ver­schob den Ter­min von Woche zu Woche. Die Ver­lags­lei­tung war mit den ande­ren Feu­ern im Haus beschäf­tigt, aus­ser­dem mit einer Wei­ter­bil­dung zum The­ma Con­trol­ling. Es wur­de Som­mer, bis sie ernst­haft Druck mach­te. Und ein Ulti­ma­tum setz­te, die Zah­len in spä­tes­tens zwei Wochen zu liefern.

Das war das letz­te Mal, dass jemand den Buch­hal­ter sah. Er kam nicht mehr zur Arbeit. Anfang August brach man die bei­den gros­sen Kor­pus­se unter sei­nem Schreib­tisch auf. In bei­den fand man je einen Berg mit Bele­gen, Rech­nun­gen, Mah­nun­gen, die meis­ten ungeöffnet.

Die neue Buch­hal­te­rin brauch­te vier Mona­te, um das Cha­os auf­zu­ar­bei­ten. Das Ergeb­nis war, zusammengefasst:

  1. Unse­re Ein­nah­men waren zwar line­ar gestie­gen. Aber unse­re Aus­ga­ben exponentiell.
  2. Der erstaun­lich bril­lan­te Jah­res­ab­schluss 2003 war dadurch ent­stan­den, dass über die Hälf­te aller Dru­cke­rei­rech­nun­gen nicht ein­ge­rech­net waren. Tücki­scher­wei­se hat­te das die Revi­si­on nicht bemerkt, da sich durch den Relaunch fast alle Posi­tio­nen geän­dert hatten.
  3. Nach dem Gesetz hät­ten wir unse­re Bilanz hin­ter­le­gen müs­sen. Der ein­zi­ge Weg dar­an vor­bei war, inner­halb der nächs­ten drei Mona­te einen Drit­tel der Zei­tung zu kap­pen. Und einen Drit­tel der Mitarbeiter.

Die Schmel­ze

Seit­dem weiss ich, wie es in den letz­ten Tagen Roms aus­ge­se­hen hat. Zwar ging alles zivi­li­siert zu; aber im Klei­nen war es der Zusam­men­bruch der Zivilisation.

Innert Tagen schmol­zen die Hier­ar­chien im Blatt und es ent­stand eine ein­zi­ge, unkla­re Mas­se. Jeder rede­te mit fast jedem, jeder such­te irgend­wel­che Hebel zu drü­cken – doch kei­ner hat­te mehr den Trans­mis­si­ons­rie­men zur Macht. Die­se hat­te zu exis­tie­ren aufgehört.

Das Pro­blem war, dass eine um einen Drit­tel klei­ne­re Zei­tung eine ande­re Zei­tung war: Man brauch­te ein neu­es Kon­zept dafür. Nur konn­te man nicht seri­ös über das Kon­zept reden, ohne dass man dadurch Vor­ent­schei­dun­gen für die Ent­las­sun­gen traf. Und man konn­te nicht seri­ös über Ent­las­sun­gen reden ohne ein Kon­zept für eine neue Zeitung.

Die Sit­zun­gen dazu ver­lie­fen chao­tisch: Zu eini­gen erschie­nen gera­de ein­mal fünf Leu­te, zur nächs­ten fünf­zig, die ver­lang­ten, ohne wei­te­re Debat­te abzu­stim­men. Die Ergeb­nis­se waren fast durch­ge­hend unbrauch­bar: 16:14 Stim­men bei 15 Enthaltungen.

Nichts gab nie­mand eine Legi­ti­ma­ti­on. Wenn man mit einem Kol­le­gen rede­te, war man immer in zwei von den sechs wich­tigs­ten Punk­ten einig – nur mit jeder Per­son in zwei ande­ren Punk­ten. Es räch­te sich nun, dass das ehe­mals ziem­lich ent­schlos­se­ne Inland seit dem Relaunch nicht mehr mit­ein­an­der gere­det hat­te. Wir hat­ten zu viel zu tun und waren der Sym­pa­thie für­ein­an­der sicher. Jetzt, in der Kri­se, war die Sym­pa­thie geblie­ben, aber die gemein­sa­me Linie war weg.

Über­haupt war es gespens­tisch, wie sich das Ver­hält­nis zu den Mit­men­schen änder­te. In jeder Redak­ti­on gibt es Leu­te, deren Arbeit man für poli­tisch exzen­trisch, ästhe­tisch zwei­fel­haft oder schlicht etwas lang­wei­lig hält. Und eigent­lich ist das kein Pro­blem, denn eine Zei­tung ist kei­ne Kader­par­tei, sie braucht Viel­falt. In der Kri­se änder­te sich das: die freund­li­che Gleich­gül­tig­keit, Grund­la­ge aller ver­nünf­ti­gen Gesell­schaf­ten, ver­schwand. Und mach­te dem Gedan­ken Platz: Was macht der da noch hier? Jeder von uns hat­te plötz­lich Schlan­gen im Herz und eine schwar­ze Lis­te im Kopf.

In den zähen, ergeb­nis­lo­sen Mona­ten von Kri­sen­sit­zun­gen lös­te sich das Pro­blem der Ent­las­sun­gen fast kom­plett. Aber auf die schlech­tes­te Wei­se: vie­le Leu­te gin­gen. Es waren oft die bes­ten, die eine ande­re Stel­le krie­gen konn­ten. Und die freund­lichs­ten, die es nicht aus­hiel­ten, dass ande­re statt ihnen ent­las­sen wür­den. Sie stürz­ten sich in das eige­ne Schwert.

Am Ende stan­den drei Kon­zep­te zur Wahl:

  1. Die Reduk­ti­on aufs Wesent­li­che. Wir muss­ten einen Gross­teil der neu­en Res­sorts wie­der ein­reis­sen, so schlimm das auch war. Und dar­aus ein gross­zü­gi­ges Inland bau­en: Mit der Kraft zu Recher­chen und der Mög­lich­keit, dazwi­schen das unver­zicht­ba­re Leich­te zu lie­fern. Denn das Kern­ge­schäft der WOZ war es, die lin­ke poli­ti­sche Zei­tung für die Schweiz zu sein.
  2. Opfer­sym­me­trie oder genau­er: Gärt­chen zu Schre­ber­gärt­chen. Alle Res­sorts blei­ben, die Bud­gets wer­den unter­schieds­los um etwa 30% gekürzt. Also am stärks­ten im Inland.
  3. Die WOZ wird vor allem wegen des Kul­tur­teils gele­sen. Des­halb muss der Kul­tur­teil aus­ge­baut werden.

Das ers­te Modell war das, was ich ver­trat; das zwei­te war das, was die neue Redak­ti­ons­lei­tung ver­trat; das drit­te war das Pro­jekt des Kulturteils.

Die Sit­zung dazu ende­te im Cha­os, mit unkla­ren Mehr­hei­ten. Und mit einem Feh­ler von mir: Ich spot­te­te zu gereizt über das Modell des Kul­tur­teils. Die Kul­tur­re­dak­teu­rin brach in Trä­nen aus. Mit jeder Trä­ne, die über ihr fal­ti­ges, güti­ges Gesicht rann, sank mei­ne Reputation.

In der Woche dar­auf wur­de prak­tisch ohne Dis­kus­si­on ein sechs­köp­fi­ger Ermäch­ti­gungs­aus­schuss ein­ge­setzt, mit der Dik­ta­to­ren­macht, alles zu ent­schei­den, ohne Rekurs. Vom Inland war nur noch eine Per­son dabei.

Der Aus­schuss ent­schied sich für Opfer­sym­me­trie. Und Gärt­chen zu Schre­ber­gärt­chen. Wegen der Abgän­ge muss­te nur noch eine ein­zi­ge Redak­teu­rin ent­las­sen werden.

Ich hielt die Ent­schei­dung für eine Nicht-Ent­schei­dung: für eine Ver­ur­tei­lung sämt­li­cher Res­sorts zu Jah­ren von Res­sour­cen­pro­ble­men. Und dadurch zu har­ter, frucht­lo­ser Abfüll­ar­beit: mir garan­tier­tem Grau in der Zei­tung, weil man nicht mehr sorg­fäl­tig arbei­ten konn­te. Es wur­de Zeit zu gehen, zer­zaust, mit­schul­dig, in Freund­schaft und dank­bar für ein gros­ses Abenteuer.

Die nächs­ten zehn Jah­re gaben mir Unrecht. Die Abon­nen­ten­zah­len sta­gnier­ten zwar. Und die Zei­tung hat­te enor­me Qua­li­täts­schwan­kun­gen. (Okay, wel­che hat das nicht?) Aber ein eiser­ner Ein­stel­lungs­stopp und har­te Bud­get­kon­trol­le brach­ten die WOZ in nie erträum­te schwar­ze Zah­len. Mit mehr­fa­chen Gehalts­er­hö­hun­gen. Die WoZ ist eines der weni­gen Bei­spie­le gelun­ge­ner Austeritätspolitik.

Der Rauch

In der offi­zi­el­len Geschichts­schrei­bung der WoZ gilt der Relaunch 2003 als Bei­spiel dafür, was pas­siert, wenn eine klei­ne rück­sicht­lo­se Grup­pe Plä­ne macht, ohne auf Mehr­heit, Tra­di­ti­on und Rou­ti­niers Rück­sicht zu neh­men. Und als Mah­nung für Beschei­den­heit und eine kon­se­quen­te Sparpolitik.

Das hat was. Mei­ne Gegen­ar­gu­men­te wären: 1. Es war not­wen­dig, die Zei­tung zu öff­nen. 2. Dass die Zei­tung ein­fach über­rollt wur­de, stimmt nicht wirk­lich: Es gab zum Teil wochen­end­lan­ge Sit­zun­gen, zu jedem Punkt einen Wett­berb der Ideen, über alles Abstim­mun­gen. 3. Die zen­tra­le Ursa­che des Schei­terns war die Kata­stro­phe in der Buch­hal­tung: Denn für den Fall eines aus dem Ruder lau­fen­den Bud­gets hät­ten wir einen Plan B gehabt.

Aber das ist längst Ver­gan­gen­heit. Trotz­dem habe ich noch eini­ge Jah­re dar­über nach­ge­dacht, was man hät­te anders tun kön­nen. Und machen müss­te, wenn man wie­der die Chan­ce zu einer sol­chen Ope­ra­ti­on hätte.

Ich den­ke, folgendes:

  1. Bei einer gros­sen Ope­ra­ti­on – Relaunch, Fusi­on, Aus­bau, Abbau – kommt die här­tes­te Arbeit nicht vor­her, beim Pla­nen. Son­dern nach­her. Im Prin­zip müss­te man vor Tag X eini­ge der bes­ten Leu­te drei Wochen in die Feri­en schi­cken, auf dass sie in den Mona­ten danach frisch sind: zum Feu­er löschen.
  2. Einer der gröss­ten Feh­ler war, dass die ver­ant­wort­li­chen Leu­te nach dem Relaunch wegen der täg­li­chen Arbeit zu lan­ge nicht mehr sys­te­ma­tisch mit­ein­an­der spra­chen. Zu den Punk­ten: Was ist los, was wol­len wir, was tun wir. Das räch­te sich bit­ter in der Kri­se, als Einig­keit gebraucht wor­den wäre.
  3. Um- und Aus­bau­ten nei­gen dazu, aus Rück­sicht auf bestehen­de Struk­tu­ren das gewünsch­te Neue in zusätz­li­chen Anbau­ten unter­zu­brin­gen. Mit vier neu­en Res­sorts war der Relaunch 2003 zu umfang­reich: ein klas­si­scher Impe­ri­al Over­st­rech. Miss­trau­isch wer­den soll­te man immer dann, wenn das Orga­ni­gramm mas­siv erwei­tert wird. (Das klas­si­sche Bei­spiel: Wenn – wie bei vie­len Fusio­nen – ein neu­er Mit­tel­bau an fri­schen Chefs entsteht.)
  4. Der Relaunch 2003 wur­de als zu radi­kal kri­ti­siert; er war eher zu wenig radi­kal. Man hät­te das Neue nicht in Anbau­ten, son­dern im Kern unter­brin­gen sol­len: In einem um Wirt­schaft und Leben erwei­ter­ten Inland etwa, oder mit dem Umbau der WoZ in ein pflicht­stoff­ar­mens Maga­zin wie die «Welt­wo­che». Und dazu mit Tabu­brü­chen. In Fall der WoZ etwa: Mit einem Mecha­nis­mus, dass Ent­las­sun­gen über­haupt mög­lich sind, bei mie­ser Arbeit oder Mob­bing. Kei­ne Ahnung, ob die­ser Kampf im Redak­ti­ons­kol­lek­tiv hät­te gewon­nen wer­den kön­nen. Aber er hät­te sich gelohnt.
  5. Klei­ne Feh­ler kom­men in Redak­tio­nen zwar unver­meid­lich vor: Dort malt man al fres­co. Aber in der Buch­hal­tung sind sie ein mas­si­ves Warn­si­gnal. Man müss­te sofort mit der gros­sen Kel­le dahinter.

Soweit die ers­te Hälf­te zu grös­se­ren Zei­tungs-Ope­ra­tio­nen. In der nächs­ten Fol­ge ein inter­es­san­tes Relaunch-Modell aus Schweden.

Und zum Schluss noch ein aktu­el­les PS: Die WoZ hat die­se Woche für eine Über­wa­chungs-Son­der­num­mer ein bril­lan­tes Erpres­sungs-Video auf­ge­schal­tet. Man muss es sich anse­hen. Und dazu die­se sehr lus­ti­ge Sei­te über den Schwei­zer Geheim­dienst­chef. Das Fest dazu steigt Sams­tag, 20 Uhr, im Club Vol­taire, Zürich, Ein­tritt 19.84 Franken.

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Die­ser Bei­tag wur­de auto­ma­tisch per RSS auf unse­re Web­sei­te gestellt. Der Ori­gi­nal­text ist über den Tages­an­zei­ger, dem Blog von Con­stan­tin Seibt – http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline – zu finden. 



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