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Glas­kunst – mit Brüchen

Das Gewer­be­mu­se­um Win­ter­thur zeigt der­zeit unter dem Titel «Glas­klar» eine viel­sei­ti­ge Aus­stel­lung zum Mate­ri­al Glas mit einem deut­li­chen Schwer­punkt auf sei­ner kunst­hand­werk­li­chen Ver­wen­dung. Der kul­tur­ge­schicht­li­che oder ‑tech­ni­sche Hin­ter­grund wird gut doku­men­tiert, die Ent­wick­lung der Ver­ar­bei­tungs­tech­no­lo­gien von Glas anschau­lich erklärt. Wei­te­re, etwas zufäl­lig wir­ken­de Kapi­tel gel­ten bau­tech­ni­schen und indus­tri­el­len Anwen­dun­gen von Glas. Was bei aller Viel­falt fehlt, ist der ord­nen­de Blick der ver­spro­che­nen Mate­ri­al­schau – und jener in künf­ti­ge Anwen­dun­gen von Glas. Der Spa­gat zwi­schen Kunst­hand­werk und Tech­no­lo­gie ist dem Gewer­be­mu­se­um dies­mal nicht ganz gelungen.

Kunst­hand­werk zwi­schen Gebraucht­glas und Kunstobjekt

Kunst­hand­werk­lich inter­es­sier­te Besu­che­rin­nen und Besu­cher wer­den im letz­ten und gröss­ten Aus­stel­lungs­raum des Gewer­be­mu­se­ums eine gross­ar­ti­ge Aus­la­ge von 125 Objek­ten fin­den: Fla­cons aus grü­nem Kris­tall­glas, Trink­glä­ser in allen (nicht nur zweck­mäs­si­gen) Aus­prä­gun­gen, Tee­sets, Lam­pen und Vasen in man­nig­fal­ti­ger Form und Aus­prä­gung. Die Stü­cke stam­men teil­wei­se von bekann­ten Namen wie Wil­helm Wagen­feld, Adolf Loos oder Car­lo Scarpa.

Die Objek­te sind schwer­punkt­mäs­sig im Zeit­raum Dreis­si­ger bis Sech­zi­ger Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts ent­stan­den. Auch ein Auf­trags­werk für das Gewer­be­mu­se­um, eine Bal­lon­leuch­te von Matteo Gonet, ist dar­un­ter. Ver­tre­ten sind ins­be­son­de­re Pio­nie­re des Gebraucht­gla­ses, oft thü­rin­gi­scher Her­kunft, dane­ben Skan­di­na­vi­sches Glas und Glas­kunst aus Mura­no. Die in die­sem Raum aus­lie­gen­de, elf A4-Sei­ten umfas­sen­de Doku­men­ta­ti­on ersetzt dabei die feh­len­den Objekt-Legen­den. Man hat den Ein­druck, dass die Aus­stel­lungs­ma­cher Mar­kus Rigert und Clau­dia Cat­ta­neo beson­ders hier jene «schil­lern­de Viel­falt eines Mate­ri­als» auf den Besu­cher wir­ken las­sen woll­ten, wel­che die Aus­stel­lungs­tex­te ver­spre­chen: «Glas fas­zi­niert und bezaubert.»

Fas­zi­nie­rend ist bereits die amor­phe Sub­stanz von Glas: ein Fest­kör­per, der aber nicht als kris­tal­li­sier­te, son­dern als schnell gefro­re­ne Flüs­sig­keit ent­stan­den ist. Ver­schie­de­ne Eigen­schaf­ten machen Glas zum idea­len Werk­stoff: Es ist licht­durch­läs­sig, was­ser­dicht und geruchs­neu­tral. Und: die Roh­stoff­vor­rä­te für die Her­stel­lung von Glas sind schier uner­schöpf­lich. Der Werk­stoff beglei­tet daher die Zivi­li­sa­ti­ons­ge­schich­te der Menschheit.

Glas­au­ge oder Christbaumkugel

Der inhalt­li­che und zeit­li­che Bogen, den die Aus­stel­lung «Glas­klar» spannt, ist ent­spre­chend weit. Der Besu­cher wird zuerst mit dem Grund­prin­zip der Glas­pro­duk­ti­on ver­traut gemacht und den zum Ein­satz gelan­gen­den Roh­stof­fen. Ein kur­zes Ein­spreng­sel mit wert­vol­len Expo­na­ten gilt frü­hen Glas­pro­duk­ten bis zum Barock.

Danach wird die Tech­no­lo­gie­ge­schich­te der Glas­pro­duk­ti­on auf­ge­rollt. Vom heu­ti­gen Stand­punkt aus gese­hen zeich­net sie sich durch zwei ent­schei­den­de Inno­va­ti­ons­schrit­te aus: der Erfin­dung des Zieh­glas­ver­fah­rens (ab 1904), wel­ches die Pro­duk­ti­on von güns­ti­gem Flach­glas ermög­lich­te, das aller­dings noch stark gewellt und optisch unru­hig war, und der Ein­füh­rung des Float­glas­ver­fah­rens (ab 1960), durch das plan­par­al­le­les und optisch idea­les Glas zu noch güns­ti­ge­rem Preis gegos­sen wer­den kann.

Zukunft als Technologieträger 

Ach­zig Pro­zent der Anwen­dun­gen von Glas sind heu­te archi­tek­to­ni­sche Float­glas-Anwen­dun­gen. Und unse­re Zukunft wird noch glä­ser­ner, glaubt man der Bran­che. Der ame­ri­ka­ni­sche Dis­play­glas-Her­stel­ler Cor­ning ver­öf­fent­licht im Febru­ar 2011 sei­ne glä­ser­e­ne Visi­on unse­res All­tags in Form eines You­tube-Vide­os «A Day Made of Glass», mitt­ler­wei­le über 16 Mil­lio­nen Mal abge­spielt. Dem­nach wer­den sich unse­re Woh­nun­gen bald in ästhe­ti­sche und funk­tio­na­le Dis­play­wel­ten ver­wan­deln: Glas als «Smart Mate­ri­al». Unsicht­bar ist dage­gen das Glas­fa­ser­netz, wel­ches die Haus­hal­te der Stadt Zürich bald ver­bin­den wird. Auch in der Com­pu­ter-Schnitt­stel­le «Thun­der­bolt», zu deutsch «Blitz­schlag», soll­ten Licht­lei­ter zur Über­tra­gung des Signals zum Ein­satz kom­men (bis­her ste­cken in den Kabeln aller­dings wei­ter­hin Kup­fer­lei­ter – aus Kostengründen).

Das Mate­ri­al Glas ent­wi­ckelt sich zuneh­mend zum Tech­no­lo­gie­trä­ger und zum funk­tio­na­len, ästhe­ti­schen oder tech­no­lo­gi­schen Bau­stoff. Die­se Per­spek­ti­ve wird vom Gewer­be­mu­se­um Win­ter­thur, das Gebrauchs­ge­gen­stän­de mit künst­le­ri­schem Anspruch im Visier (und in der Samm­lung) hat, nur am Ran­de ver­folgt. Bei­de Stoss­rich­tun­gen, die kunst­hand­werk­li­che und die tech­no­lo­gi­sche, gar zu einer umfas­sen­den Mate­ri­al­schau zu ver­bin­den, ist eine Auf­ga­be, die im beschränk­ten Raum­an­ge­bot des Gewer­be­mu­se­ums Win­ter­thur nicht befrie­di­gend gelin­gen kann.

Ent­spre­chend mutet der mitt­le­re Teil der Aus­stel­lung etwas belie­big an. Er greift zwei Schau­plät­ze her­aus und stellt uns die hand­werk­li­che Glas­pro­duk­ti­on einer Dorf­glas­hüt­te im Thü­rin­ger Wald und die indus­tri­el­le Glas­pro­duk­ti­on der Klein­stadt Jena vor. Die Expo­na­te ihrer­seits sind viel­ge­stal­tig und ja, sie fas­zi­nie­ren: Glas­au­gen und Christ­baum­ku­geln, Lin­sen und Bril­len­glä­ser, glä­ser­ne Insek­ten- oder Koral­len­mo­del­le, Ther­mos­fla­schen und phar­ma­zeu­ti­sche Glas­pro­duk­te schrei­ben die glit­zern­de und facet­ten­rei­che Glas­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts. Den Anwen­dun­gen im Bau­ge­wer­be ist eine geson­der­te Wand gewid­met. Zuletzt fol­gen eini­ge Sta­tio­nen, bei wel­chen der Besu­cher anfas­sen und expe­ri­men­tie­ren darf: Licht­bre­chun­gen und Pola­ri­sa­ti­on kön­nen expe­ri­men­tell nach­voll­zo­gen, Licht­lei­ter spie­le­risch unter­bro­chen oder Glastex­ti­li­en befühlt wer­den. Ein Hauch von Tech­nik­mu­se­um kommt auf, wir nähern uns der Gegenwart.

Chro­no­lo­gi­scher und insze­na­to­ri­scher Bruch

Der Über­gang in den nächs­ten und gröss­ten Raum setzt die­ser Ten­denz ein abrup­tes Ende: Der Aus­stel­lungs­be­reich «Glas in Kunst und Design» ver­engt den Blick wie­der auf Gebrauchs­ge­gen­stän­de mit künst­le­ri­schem Anspruch. Die­ser chro­no­lo­gi­sche und insze­na­to­ri­sche Bruch lässt den Besu­cher mit sei­nem bis hier erar­bei­te­ten Wis­sen allein; einen logi­schen Anschluss bil­det die Fort­set­zung nicht.

«Glas­klar» ist eine fun­dier­te kunst­hand­werk­li­che Aus­stel­lung. Das Rah­men­pro­gramm ver­wan­delt das Muse­um mal zur Glas­blä­ser­werk­statt, mal zum Kon­zert­saal für – selbst­ver­ständ­lich glä­ser­ne – Per­kus­si­ons­in­stru­men­te. Dem Anspruch, die Quer­schnitt­per­spek­ti­ve einer Mate­ri­al­schau zu eröff­nen, wie die Infor­ma­ti­ons­tex­te wie­der­holt ver­spre­chen, wird die Aus­stel­lung aber nicht gerecht. Dafür ist das Feld zu weit und der vor­han­de­ne Platz zu gering, dafür sind die Expo­na­te zu ein­sei­tig gewählt und geht der Blick doch nur punk­tu­ell über den kunst­ge­werb­li­chen Tel­ler­rand hin­aus. Glas­klar ist aber eines: Das The­ma hat Poten­zi­al und die Win­ter­thu­rer Aus­stel­lung macht Appe­tit auf mehr.

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