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Fron­tex

Ein Stück über Irr‑, Ein und Über­fahr­ten von Migran­tin­nen und Migranten:

Arbeits­lo­sig­keit, Kri­mi­na­li­tät, Dro­gen, Woh­nungs­knapp­heit, sin­ken­de Flücht­lings­boo­te, Ein­wan­de­rungs­wel­len, frei­er Per­so­nen­ver­kehr, Schengen/Dublin, Aus­schaf­fung, schwar­ze Schäf­chen und böse Raben – das sind nur eini­ge der Schlag­wor­te und Bil­der, die in den Medi­en im Zusam­men­hang mit Migra­ti­on auf­tau­chen. Fron­tex, die euro­päi­sche Agen­tur für die ope­ra­ti­ve Zusam­men­ar­beit der EU-Mit­glieds­staa­ten an den Aus­sen­gren­zen, ist in der Pres­se hin­ge­gen kaum zu fin­den. Die Gemein­schafts­agen­tur der Euro­päi­schen Uni­on mit Sitz in War­schau sorgt erfolg­reich und kaum sicht­bar dafür, dass die Gren­zen dicht blei­ben. Mit ihren gros­sen finan­zi­el­len Res­sour­cen erstellt sie Risi­ko- und Gefah­ren­ana­ly­sen, koor­di­niert aktiv die Über­wa­chung sowie den Schutz der Aus­sen­gren­zen, stimmt die Aus­bil­dung von natio­na­len Grenz­schutz­be­am­ten der ein­zel­nen Staa­ten auf­ein­an­der ab und hilft den EU-Mit­glieds­staa­ten bei der Abschie­bung von Per­so­nen aus Dritt­staa­ten. Zahl­rei­che huma­ni­tä­re Orga­ni­sa­tio­nen kri­ti­sie­ren die Ein­sät­ze von Fron­tex bei­spiels­wei­se im Mit­tel­meer­raum, bei wel­chen Flücht­lin­ge auf offe­ner See zurück­ge­wie­sen und somit zu immer gefähr­li­che­ren Rou­ten gezwun­gen wer­den, wodurch immer mehr ihr Leben verlieren.

Fron­tex steht für Ver­net­zung und wirkt als Bin­de­glied zwi­schen den ein­zel­nen EU-Staa­ten oder für Migra­ti­ons­ge­schich­ten, wie im neu­en Stück der Com­pa­gnie Majacc. Was pas­siert, neben Würst­chen bra­ten und bana­len All­tags­pro­ble­men dis­ku­tie­ren, wenn zwei Schwei­zer in den Alpen wan­dern und plötz­lich einem Tür­ken begeg­nen, Frau­en in einer Bar bei einem Glas Wein sich über lebens­ver­än­dern­de Boots­fahr­ten unter­hal­ten oder wenn zwei ille­ga­le Migran­ten auf einem grie­chi­schen Grenz­pos­ten mal eben kurz unbe­auf­sich­tigt war­ten müs­sen? Dies erzählt die Com­pa­gnie Majacc mit sar­kas­ti­schem Blick in drei bit­ter­süs­sen, gro­tesk komi­schen, leicht sur­rea­lis­ti­schen Sze­nen in ihrer aktu­el­len Pro­duk­ti­on «Fron­tex», die sich mit Ver­su­chen des ille­ga­len Grenz­über­tritts und Schick­sa­len von Migran­tin­nen und Migran­ten aus­ein­an­der­setzt. Die fik­ti­ven Geschich­ten neh­men kei­ne kon­fron­ta­ti­ve Gegen­po­si­ti­on zur Orga­ni­sa­ti­on Fron­tex ein, son­dern erzäh­len von wan­dern­den Men­schen, wel­che bereit sind, für eine Fahrt alles auf­zu­ge­ben und jedes Risi­ko ein­zu­ge­hen, um einem uner­träg­lich hoff­nungs­lo­sen Leben zu ent­flie­hen. Sie zei­gen das Unver­ständ­nis, die Gren­zen der Spra­che, ja die Sprach­lo­sig­keit der Öffent­lich­keit wie auch der Migran­tin­nen und Migran­ten. Sie bil­den das Frem­de ab, stel­len es hin und las­sen es wirken.

Die 2005 von Regis­seur und Autor Roger Bing­ge­li Ber­nard gegrün­de­te Com­pa­gnie Majacc gewann letz­tes Jahr mit dem Stück «Nev­res­tåd», wel­ches von Aus­län­dern in der Schwei­zer Rekru­ten­schu­le han­delt, am zwei­ten natio­na­len Secon­do-Thea­ter­fes­ti­val im Stadt­thea­ter in Olten. Migran­tin­nen und Migran­ten wer­den im dies­jäh­ri­gen Stück «Fron­tex» zur Hälf­te von Migran­tin­nen und Migran­ten gespielt. Die Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler besit­zen den Tür­ki­schen, Grie­chi­schen, Kolum­bia­ni­schen, Boli­via­ni­schen, den Öster­rei­chi­schen und den Schwei­zer Pass. In «Fron­tex» erhal­ten sie Gele­gen­heit, die Öffent­lich­keit zum Hin­schau­en und Nach­den­ken über schick­sals­haf­te Irr‑, Ein- und Über­fahr­ten zu bewegen.

18. – 21. Febru­ar, 20:30h, Tojo Theater
Idee/Regie: Roger Bing­ge­li Ber­nard. Spiel: Kat­ja Bro­chet, Adi Hal­ter, Murat Akdas, Nico­le Toch­ter­mann, Chan­tal Tin­gue­ly, Judith Kreis, Pin­to Gal­li, Patrik Locher, Sav­vas Sari­kos­tas. Musik: Pin­to Gal­li. Bühne/Kostüm: Sara Wein­gart. Dra­ma­tur­gie: Sibyl­le Hei­ni­ger. Pro­duk­ti­on: Mathi­as Brem­gart­ner, Roger Bing­ge­li Bernard.

Foto: zVg.
Publi­ziert: ensuite Nr. 74, Febru­ar 2009