For­sy­the und Lab­ans spä­ter Einfluss

Von

|

Drucken

Von Kris­ti­na Sol­da­ti - Wenn Dimi­t­ri, dem berühm­ten Tes­si­ner Clown, ein Stock im Hemds­är­mel steckt, bau­melt er an ihm wie am Klei­der­bü­gel, beim begrüs­sen­den Hän­de­schüt­teln erlei­det sein Gegen­arm leich­te Neben­wir­kun­gen. Dann führt plötz­lich der­sel­be Stock durch ein Hosen­bein, sodass sich Arm und Bein nun in ver­häng­nis­vol­ler Kom­pli­zen­schaft befin­den. Und wenn Dimi­t­ri den ima­gi­nä­ren Stock sich aus dem Hemds­är­mel schüt­telt, ihn fal­tet und in die Hosen­ta­sche steckt, ist die Geschich­te des Sto­ckes im Ram­pen­licht, Spot­light auf Hän­den und Tasche. Nicht so bei Wil­liam For­sy­the! Das Licht blie­be auf dem Rücken. Was für ein Spek­ta­kel zeich­net sich da ab! Am Klei­der­bü­gel hän­gen? Da sind Schul­tern ver­krampft erho­ben, die Tail­le zieht sich wohl auf Kos­ten des Hal­ses in die Län­ge, beim Hän­de­schüt­teln bebt der gesam­te Rücken mit und oben flat­tert die Gegenhand.

Was For­sy­the inter­es­siert ist der Tanz des Kör­pers im Schat­ten der bedeut­sa­men Vor­gän­ge. Immer wie­der betont er, dass sol­che Stä­be oder ande­re vor­ge­stell­te geo­me­tri­sche For­men zwar nütz­li­che impro­vi­sa­to­ri­sche Hilfs­mit­tel sind, das eigent­lich Span­nen­de sich aber im reagie­ren­den Kör­per abspielt. Doch beleuch­tet For­sy­the uns nur den Form­ab­druck der Pan­to­mi­me ähn­lich der Nega­tiv­form beim Bron­ze­guss? Und knippst uns zudem das Licht über die Stock-Sto­ry aus? Fas­sen wir uns ein Herz: Ja, uns ent­geht der Slap­stick und wir ver­lie­ren eini­ges an bedeut­sa­men Gescheh­nis­sen aus den Augen. Doch er öff­net uns die Augen für die Zusam­men­hän­ge, die hin­ter der Geschich­te wirk­sam sind. Und aus­ser­dem, für die von uns, die eine all­zu gros­se Kro­ko­dils­trä­ne dem letz­ten Bedeu­tungs­ge­halt nach­wei­nen: For­sy­the hat auf sei­ner käuf­li­chen CD-Rom «Impro­vi­sa­tio­nal Tech­no­lo­gies» in die Hän­de sei­ner Tän­zer wie­der die Stö­cke und her­aus­reiss­ba­ren Stuhl­bei­ne pro­ji­ziert. Stock und Stuhl wer­den nach­träg­lich wie eine Strich­männ­chen­zeich­nung über den Tanz geblen­det. Der Aha-Effekt ist gewal­tig, man glaubt plötz­lich, den Tanz ver­stan­den zu haben. Und die Kro­ko­dils­trä­ne trocknet.

Und wofür öff­net For­syh­te uns die Augen als Ent­schä­di­gung für den aus­ge­blen­de­ten Slap­stick auf der Büh­ne? For­sy­the öff­net uns die Augen für die Zusam­men­hän­ge am Tän­zer­kör­per, wäh­rend die­ser eine Ope­ra­ti­on aus­führt. Zusam­men­hän­ge, die im Bal­lett tun­lichst ver­tuscht wer­den. Dass die Gegen­hand mit attert, wenn die Hand (am ande­ren Ende des fik­ti­ven Sto­ckes) schüt­telnd grüsst, wäre undenk­bar. In anmu­ti­ger Hal­tung, einer sich ent­spannt geben­den Grund­span­nung, wird jeder ruck­haf­ten Ein­wir­kung – die es im Bal­lett durch­aus gibt ent­ge­gen­ge­wirkt. Um die grösst­mög­li­che Zahl von Zusam­men­hän­gen zu ent­de­cken, bemüht For­syh­te des Tän­zers Phan­ta­sie – sys­te­ma­tisch: Er stel­le sich einen Wür­fel vor, in dem er steht (ja, wir erin­nern uns rich­tig, der Wür­fel ist der Pro­to­typ des lab­an­schen Iko­sa­eders). Er ver­ge­wis­se­re sich, dass hin­ter ihm genau­so viel kine­ti­scher (über Bewe­gung erreich­ba­rer) Raum ist wie vor ihm. Er nut­ze ihn in glei­chem Mas­se, wie auch die Ebe­nen im Wür­fel (oben, mit­tig und boden­tief). Ide­al hier­für ist die Übung, die unter­schied­lichs­ten Punk­te im Wür­fel mit­ein­an­der zu ver­bin­den, sagen wir, zwei sich gegen­über­lie­gen­de. Und sie in unter­schied­lichs­ter Wei­se zu ver­bin­den: auf direk­tem, linea­ren Weg oder über Kur­ven (das fusst noch immer auf Laban). Und sie mit den unter­schied­lichs­ten Kör­per­tei­len zu ver­bin­den. Da kann schon mal ein Gesäss zum Aus­gangs­punkt vor­pre­schen und ein Ziel­punkt mit der Nasen­spit­ze erlangt wer­den. Ent­wi­ckelt sich hier­bei «nur» ein kom­ple­xes Raum­ge­fühl? Nein, die Mecha­nik, die der Bewäl­ti­gung der Auf­ga­be zugrun­de­liegt, inter­es­siert. Und sie ist durch unse­rer Ana­to­mie bedingt. Über wie­vie­le Kur­ven (oder Ecken!) kön­nen zwei Punk­te durch Gesäss und Nasen­spit­ze ver­bun­den wer­den? Die Wir­bel und der Hals erlau­ben ein schlan­gen­haf­tes Aus­schwen­ken von Kur­ven. Und wie sieht’s aus beim Ver­bin­den der­sel­ben Punk­te mit Fuss und Hand? Hier kön­nen Knie, Hüf­te und Ellen­bo­gen eckig ein­bre­chen. Die Gelen­ke offen­ba­ren ihre schar­nier­haf­te Mecha­nik. Neben der Mecha­nik unter­sucht For­sy­the die mög­li­chen Dyna­mi­ken. Und die­se stu­diert For­sy­the mit einer Akri­bie, die an Lab­ans Euki­ne­tik, die Antriebs­leh­re, gemahnt. Die Dyna­mik eines Stock-Weg­ge­schleu­derns, um auf unse­re pan­to­mi­mi­sche Übung zurück­zu­kom­men, wäre die fol­gen­de: Aus einer schein­bar reg­lo­sen kör­per­zen­trums­nah ein­ge­dreh­ten Dis­kus­wer­fer­po­se her­aus «explo­diert» die auf­ge­stau­te Ener­gie im Kör­per­in­ne­ren und schleu­dert den Arm in einem Kreis­ra­di­us hin­aus. Die Flieh­kraft des Armes kann den Kör­per pro­blem­los mit­reis­sen. Die Spi­ra­le, die die Arm­be­we­gung in die Luft zeich­net, fin­det For­sy­the zwar auch span­nend, er kennt sol­che Bewe­gungs­ge­stal­ten aus Lab­ans Chor­eu­tik. Hier inter­es­siert ihn nun aber deren dyna­mi­sche Her­aus­bil­dung. Das Poten­ti­al die­ser Schleu­der-Dyna­mik, dem Stand­ort zu ent­kom­men, fas­zi­niert For­sy­the von Berufs wegen, ver­ständ­li­cher­wei­se. Wel­cher Tän­zer möch­te schon in einem Kä g ange­na­gelt blei­ben? Doch Laban hat Tän­zern mit Neu­land­ge­lüs­ten vor­ge­sorgt: Der Wür­fel, der kine­ti­sche Raum um den Tän­zer, wan­dert ein­fach mit.

Magie oder Spas­mus? For­sy­the zieht einen nicht nur in den Bann der Hin­ter­grund­ge­scheh­nis­se, er ist auch ein Magi­er, ein Herr unsicht­ba­ren Gesche­hens. Was läuft z.B. in unse­rem Kör­per ab? Schon mal sich bewusst gemacht, wie die Nie­re beim Buckeln sich wölbt? Nein? In einer Impro­vi­sa­ti­ons­übung schult For­sy­the unser Reprä­sen­ta­ti­ons­ver­mö­gen eines inne­ren Organs. For­men wir unse­re Hand best­mög­lich nach des­sen Bil­de und die Übung kann begin­nen: Beugt man sich nach vorn, so wölbt sich das Organ (und die Hand) ent­spre­chend. Er macht uns Unsicht­ba­res sicht­bar. Kann sich jeder vor­stel­len, wie – spas­tisch – es aus­sieht, wenn man mit intro­ver­tier­tem Blick die Nie­re zu spü­ren glaubt und ihre wech­seln­de Lage beim Bie­gen-Beu­gen aus­lo­tet, beglei­tet von einer unför­mi­gen Hand­an­bal­lung (die im Fal­le des Her­zens wohl auch noch pulsiert…)?

Wie konn­te es so weit mit Bil­ly kom­men? Eigent­lich hat er doch 1973 ganz unbe­darft und unauf­fäl­lig wie so vie­le klas­si­sche Tän­zer unse­ren Kon­ti­nent betre­ten und sich mit respek­tier­li­chem Abstand hin­ter dem Star Richard Cra­gun ins Stutt­gar­ter Bal­lett ein­ge­reiht. Wir erin­nern uns: Die grös­se­ren Städ­te im Nach­kriegs­deutsch­land haben sich mit dem Élan des Wie­der­auf­baus auch im Wett­kampf der Bal­le­ri­nen und Bal­le­ri­nos pro­liert. Lei­der ist der Bal­lett­di­rek­tor John Cran­ko, der Bill aus Über­see weg­lock­te, bald ver­stor­ben. Die Nach­fol­ge­rin, Mar­cia Hay­dée, folg­te sei­ner Linie der Cho­reo­gra­phen-Nach­wuchs­för­de­rung. For­sy­the nahm die Chan­ce wahr und schuf 1976 Urlicht, ein Pas de deux in neo­klas­si­schem Duk­tus für sich und sei­ne dama­li­ge Frau. Es schlug ein wie eine Bom­be. Über Nacht avan­cier­te er zu einem Haus­cho­reo­graph. Er dank­te den Pos­ten aber nicht stil­wah­rend. Lang­sam zeig­te der Rock’n’Roll-Rebell im Schafs­pelz die Kral­len. Bill hat­te Beat im Blut. Noch vor jeg­li­cher Tanz­aus­bil­dung hat­te er in der Jugend sämt­li­che Col­lege-Kum­pa­nen aus der Dis­co-Gene­ra­ti­on an die Wand getanzt. Man kann förm­lich den schel­mi­schen Spass spü­ren, den Bill gehabt haben muss, als er 1979 in «Orpheus» die Bewoh­ner der Unter­welt zu zucken­den Krüp­peln macht, Eury­di­ke dage­gen auf Spit­ze tän­zeln lässt. Es ging ein Schrei durch die Pres­se. Doch da hat­te er sich in der Fach­welt schon eta­bliert. Früh, ja sehr früh erkann­te bei­spiels­wei­se Heinz Spoer­li vom Bas­ler Thea­ter das viel­ver­spre­chen­de Talent und gab 1977 For­sy­the ein Werk in Auf­trag. So ent­stand dort sei­ne Cho­reo­gra­phie auf Bachs a‑moll-Vio­lin­kon­zert. Einer von Bills Stutt­gar­ter Ensem­ble­kol­le­gen war Jiri Kili­an, der inzwi­schen das berühm­te Neder­lands Dance Thea­ter (NDL) über­nahm. Als For­sy­the jung den Tän­zer­be­ruf auf­gab, um sich ganz der Cho­reo­gra­phie­l­ei­den­schaft hin­zu­ge­ben, pro­fi­tier­te Kili­an von die­ser Bekannt­schaft. Die nie­der­län­di­sche Com­pa­nie, die so schon in aller Mun­de war, schmück­te sich nun bald mit des­sen Feder. Es ging steil berg­auf, er war in Lon­don gefragt und das Pari­ser Cha­te­let woll­te ihn als Bal­lett­di­rek­tor ver­pflich­ten. Da schlug in Frank­furt der Inten­dant mit bes­ten Bedin­gun­gen zu. Die­se konn­te er auch lan­ge auf­recht­erhal­ten. Dann aber muss­ten die west­deut­schen Städ­te mit dem Soli­da­ri­täts­gro­schen ihren Tri­but für die Wie­der­ver­ei­ni­gung zol­len. Man muss dazu wis­sen, ein Stadt­thea­ter erhält im Gegen­satz zu Staats­thea­tern kei­ne unter­stüt­zen­den Bun­des­gel­der und im Gegen­satz zum Lan­des­thea­ter vom eige­nen «Land», in die­sem Fall Hes­sen, kei­nen Pfen­nig. Ab 1990 über­nahm For­sy­the die Ver­ant­wor­tung, die Inten­danz des Frank­fur­ter Bal­lets und ab 1998 auch die des schlies­sungs­be­droh­ten Thea­ters am Turm (TAT), eines inter­na­tio­nal ange­se­he­nen Expe­ri­men­tier-Thea­ters in Frank­furt. Er merk­te mit der Zeit, dass man seit Jah­ren an der Oper mit dem Erfolg der Tanz­spar­te die finan­zi­el­len Löcher ande­rer Spar­ten stopf­te. Mit den inter­na­tio­na­len Tour­neen erwies sich sei­ne Com­pa­nie näm­lich als ren­ta­bles Export-Pro­dukt. Nach zwan­zig Jah­ren ver­ab­schie­de­te sich For­sy­the vom Frank­fur­ter Thea­ter, des­sen künst­le­ri­sches und tech­ni­sches Per­so­nal er wie­der­holt für sein fach­män­ni­sches Enga­ge­ment rühm­te. Es ist ein geschicht­li­cher Glücks­fall, wenn ein Thea­ter den Mut für einen Rebell hat und in Schlüs­sel­po­si­tio­nen Leu­te sit­zen, die Manns genug sind, ihm die Stirn zu bie­ten (der jah­re­lan­ge Part­ner in der Lei­tung des Bal­lets und spä­te­re Inten­dant Mar­tin Stein­hoff här­te­te sei­ne mit einer Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie). Kon­ti­nui­tät dort zu gewäh­ren, wo jemand von sich aus auf bestän­di­ge Erneue­rung aus ist wie Bill und das Publi­kum in sei­ner Stil­bil­dung mit­nimmt, ist ein euro­päi­scher Glücks­fall. Die Ban­ken­me­tro­po­le konn­te sich die Kon­ti­nui­tät leis­ten. Sie hat­te gekonnt inves­tiert: In den unter­neh­me­ri­schen Geist eines Ame­ri­ka­ners, der über­kom­me­nen Stil wie auch (ver­krus­te­te) thea­tra­le Struk­tu­ren nicht als gege­ben hinnimmt.

Dekon­struk­ti­on des Bal­letts Bal­lett lern­te For­sy­the rela­tiv spät, dafür direkt bei einem Leh­rer, der als Balan­chi­ne-Tän­zer ihm die Augen für die Form­ex­pe­ri­men­te öff­ne­te. Als jun­ger Tän­zer der Joffrey-Bal­lett-Com­pa­nie sah Bill die auf Klas­sik fun­dier­ten, aber über­aus dyna­mi­schen Tän­ze der Ame­ri­ka­ne­rin Twy­la Tharp. Er lieb­te ihre fri­sche Art im Tanz: «Sie war gleich­zei­tig unter­halt­sam und ana­ly­tisch.» Die­sen Anspruch wird Bill auch an sich stel­len. «Ich mag klas­si­sches Bal­lett. Ich fin­de, es ist eine schö­ne, neu­tra­le Spra­che. Man sieht ein Bal­lett, man liest Geschich­te… Was wir zu tun ver­su­chen, ist, an der logi­schen Syn­tax fest­zu­hal­ten, ohne in das rhe­to­ri­sche Sprach­spiel des Bal­letts zu ver­fal­len. Cho­reo­gra­phie ist wie eine Spra­che. Sie ist wie ein Alpha­bet, und du musst nicht unbe­dingt Wör­ter aus­buch­sta­bie­ren, weisst du… Der Wert einer Spra­che ist bestimmt durch den Kon­text, in dem sie erscheint. Das Wich­tigs­te ist, wie du die Spra­che anwen­dest, nicht, was du mit ihr sagst», erfährt man in einem in den frü­hen 80ern ver­öf­fent­lich­ten Interview.

Wie die spä­ten Dada­is­ten der ame­ri­ka­ni­schen Avant­gar­de mit Spra­che umgin­gen, wis­sen wir. Wir erin­nern uns an Cage und Cun­ning­ham, die ihren Bewusst­seins­strom ies­sen lies­sen und über der Lek­tü­re Joy­ce’ aus «holy ghost» unver­se­hens ein «holo caust» enste­hen lies­sen (in den frü­hen Vier­zi­gern). Oder wie in Cun­ning­hams Hän­den die Bewe­gungs­spra­che des Bal­letts der Will­kür des Wür­fels unter­wor­fen wur­de und mit Gra­ham-Ober­kör­pern daher­kam, ganz zu schwei­gen vom gefun­de­nen picken­den Vogel­kopf oben­auf. Col­la­ge war das Prin­zip der Syn­tax. Zwar fin­den wir Alea­to­rik auch in For­sy­thes Cho­reo­gra­phie­ver­fah­ren, aber viel mehr von der Sys­te­ma­tik eines Rudolf von Laban. Ein­mal mit einer Knie­ver­let­zung ans Bett gefes­selt, ver­tief­te sich Bill in des­sen bewe­gungs­ana­ly­ti­sche Schrif­ten. Indem auch das Bal­lett in Raum­rich­tun­gen eines Qua­drats ein­ge­teilt ist, um sei­ne Posen auf das Umfeld aus­zu­rich­ten, ist es nicht abwe­gig, wenn sich For­sy­the Lab­ans Theo­rie zunut­ze machen will. Wir erin­nern uns, es waren eher die Pio­nie­re wie Mary Wig­man, die sich durch die geo­me­tri­sche Erfas­sung des Rau­mes durch den Kör­per gegän­gelt fühl­ten. Sie spür­ten den Raum, sei­ne atmo­sphä­ri­sche, in Marys Wor­ten «kos­mi­sche» Stim­mung. Ihre Gefüh­le kom­mu­ni­zier­ten über den Raum mit dem All. Bei For­syh­tes sind es die geo­me­tri­schen Eigen­ar­ten der Ana­to­mie, die mit dem Raum in Bezie­hung ste­hen. Welch ein ekla­tant ver­schie­de­ner Ansatz! Dass man auch Wig­mans Tanz nach­träg­lich über Laban ana­ly­sie­ren kann, steht aus­ser Fra­ge. Für ihr schöp­fe­ri­sches Ver­fah­ren und Selbst­ver­ständ­nis war die Sys­te­ma­tik eher hin­der­lich und muss­te samt den ana­ly­sie­ren­den Expe­ri­men­ten tief ins Unter­be­wuss­te sickern, um frucht­bar zu wer­den (sie mied auch zeit­le­bens eine wei­te­re Zusam­men­ar­beit mit Laban). For­sy­the dient jedes Detail der Chor­eu­tik oder Euki­ne­tik als Quel­le ver­spiel­ter Erkun­dung. Impuls einer Bewe­gungs­fol­ge in der Antriebs­leh­re? Neh­men wir doch gleich zwei! Wür­fel um das Bewe­gungs­zen­trum her­um? Dann neh­men wir halt zwei! For­sy­thes Krea­ti­vi­tät ist so span­nend wie es sich anhört. Sei­ne CD «Impro­vi­sa­ti­on Tech­no­lo­gies» führt es dem «ana­ly­ti­schen Tanz­au­ge», wie der Unter­ti­tel heisst, anschau­lich vor.

Und wie kommt es, dass For­sy­thes Bewe­gun­gen schluss­end­lich alles ande­re als geo­me­trisch aus­se­hen? Wie kommt es, dass trotz lau­ter unter­schied­li­cher Impul­se der Ein­druck eher ein Fluss ist? Mer­ce Cun­ning­ham hat­te sei­nen Spass dar­an, Hal­tungs- und Bewe­gungs­frag­men­te in ein kör­per­li­ches Gesamt­ereig­nis zusam­men­zu­wür­feln. Dabei ent­steht Ecki­ges und Inkom­pa­ti­bles, was einen Charme für sich hat. Bei For­sy­the wer­den geo­me­tri­sche Ent­de­ckun­gen am Kör­per und um ihn her­um (auch Abstän­de und Stre­cken zwi­schen Kör­per­tei­len kön­nen geo­me­trisch sein!) durch die Müh­le des Kör­per­zen­trums wie durch einen Ver­dau­ungs­trakt gewalzt. Das Mah­len ist die Vor­lie­be For­sy­thes. Sein Tanz ist viel­leicht der leben­digs­te (Kunst-)Ausdruck zeit­ge­mäs­sen Wie­der­ver­wer­tens. Nicht wie Tin­gue­ly und Cun­ning­ham, die fer­ti­ge Ver­satz­stü­cke ab- und zusam­men­bau­en (die eigent­li­chen Dekon­struk­ti­vis­ten). For­sy­the nimmt eine klas­si­sche Posi­ti­on, lässt den Ober­kör­per oder die Hüf­te in ihr ein­mal rotie­ren, und die Posi­ti­on erscheint wie neu mit einem bizar­ren Bei­geschmack. Oder er nimmt sie, fal­tet die Extre­mi­tä­ten an den Schar­nie­ren ein, über­nimmt den dar­aus ent­ste­hen­den Impuls im Ober­kör­per auf, durch­walzt ihn in einer Kör­per­wel­le und ent­lässt ihn am ande­ren Kör­per­en­de wie­der. Her­ge­brach­tes rezy­klie­ren und unbe­deut­sa­me Res­te aus dem Schat­ten pan­to­mi­mi­scher Impro­vi­sa­tio­nen ver­wer­ten, das sind Geheim­re­zep­te aus sei­ner Impro-Küche. War­um beschwe­ren wir uns, dass wir zuneh­mend weni­ger an For­syht­hes Tanz (wieder)erkennen? Wir ste­hen gebannt vor der Sys­te­ma­tik sei­ner Pro­duk­ti­ons­ma­schi­ne­rie, was her­aus­kommt ist orga­nisch. Oder ver­krüp­pelt. Denn eines ist mit For­sy­the gewiss: was her­aus­kommt ist ungewiss.

Über­win­dung thea­tra­ler Struk­tu­ren For­sy­the hat sei­ne Com­pa­nie 2004 aus der her­kömm­li­chen Ein­bin­dung in einer Insti­tu­ti­on gelöst. Er bezog mit einer um die Hälf­te ver­min­der­ten Trup­pe den Musen­tem­pel Hel­ler­au bei Dres­den. Hier hat­ten vor hun­dert Jah­ren Mary Wig­mann und ande­re moder­ne Tän­zer ihre Initia­li­sie­rung erfah­ren (bevor sie zum Mon­te Veri­tà pil­ger­ten). Von Hel­ler­au aus bin­det sich For­sy­the «lose» an Häu­ser wie Zürich und Frank­furt. Schon in Frank­furt ver­such­te er mehr­fach, sich aus den Zwän­gen der Thea­ter­struk­tu­ren zu befrei­en – um den Tanz etwa ein­sam in einem acht Meter tie­fen Schacht zu erkun­den (durch den Schacht wer­den gewöhn­lich Kulis­sen vom Maler­saal in die Schrei­ne­rei gelas­sen). War das sei­ne Ant­wort auf die Kür­zung der Gel­der um 80 Pro­zent? Im Schacht, Teil einer instal­la­ti­ven Per­for­mance-Rei­he Wan­da Golon­kas «An Anti­go­ne», spiel­te For­sy­the mit der Wahr­neh­mung der Guck­kas­ten­büh­ne – von oben. For­sy­the kleb­te als Per­for­mer an den Sei­ten­wän­den, von ihnen wie durch Schwer­kraft ange­zo­gen. Vorn und hin­ten war schon gar nicht aus­zu­ma­chen. Wenn von oben geguckt wird, was ist da noch auf­recht? Der thea­ter­wis­sen­schaft­li­che Blick von aus­sen (For­sy­the schul­te ihn an der Uni­ver­si­tät in Flo­ri­da) wird empi­risch erprobt am Blick­win­kel eines Feld­for­schers. Ob das Feld nun weit oder eng ist. Instal­la­tio­nen prä­sen­tie­ren die Ergeb­nis­se, das Feld dabei ist immer sel­te­ner eine Büh­ne. Die Züri­cher kön­nen seit gut zwei Jah­ren ein sol­ches Feld in der Schiffs­bau­hal­le selbst abschrei­ten. Sie erleb­ten dort haut­nah «Human Wri­tes», «Kammer/ Kam­mer», in den Stras­sen ihrer Stadt «City of Abs­tracts», sowie «Het­e­ro­to­pia» und unlängst «Defen­ders». For­sy­thes wei­te­re Ent­wick­lung? Das ist ein wei­tes Feld…

Bild: Peter Welz & Wil­liam For­sy­the, still aus «When­ever on on on nohow on», 2005
ensuite, April 2008



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.