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Fluch und Segen der Wahlmöglichkeiten

«Ich war voll­kom­men ver­lo­ren im Dschun­gel der Mög­lich­kei­ten», sagt die 37-jäh­ri­ge Anna. Nach­dem sie tau­send Din­ge aus­pro­biert hat­te, ihre vie­len Inter­es­sen zum Zug kom­men las­sen woll­te und ver­schie­de­ne Beru­fe aus­ge­übt hat­te, schaff­te sie es eines Mor­gens nicht mehr aus dem Bett. «Die kleins­ten Ent­schei­dun­gen wur­den unmög­lich», sagt sie. Was essen, was anzie­hen? An sol­chen Fra­gen ver­zwei­fel­te Anna. Sie ent­schied sich dann doch für etwas: für einen Kli­nik­auf­ent­halt. Seit­her geht es ihr besser. 

Anna erzählt ihre Geschich­te direkt in mein Ohr, wäh­rend ich auf einer Kran­ken­lie­ge im Zeug­haus Lenz­burg lie­ge, wo zur­zeit die Aus­stel­lung «Ent­schei­den» des Stap­fer­haus Lenz­burg statt­fin­det. Der Unter­ti­tel: «Eine Aus­stel­lung über das Leben im Super­markt der Möglichkeiten.»

Die gros­se Lie­be und die Sache mit der Realität

Die Unend­lich­keit der Mög­lich­kei­ten, die uns gegen­wär­tig offen­ste­hen, die Varia­tio­nen von mög­li­chen Lebens­ent­wür­fen, die Optio­nen in der Berufs­wahl und Kar­rie­re­pla­nung, die freie Wahl einer Ideo­lo­gie, einer Wohn­form, eines Part­ner­schafts­mo­dells sie kön­nen sicher als gros­se Befrei­ung gese­hen wer­den. Als wich­ti­ge Ent­wick­lung hin zu einer frei­heit­li­chen Gesell­schaft, in der die Men­schen ihr Leben sel­ber in die Hand neh­men können. 

Sie sind aber auch nicht sel­ten eine schlich­te Über­for­de­rung. Die gros­se Aus­wahl macht Men­schen krank. Anna ist nicht die ein­zi­ge, die an der «Alles-ist-mög­lich-die-Welt-steht-dir-offen-Stim­mung» unse­rer Gesell­schaft fast zer­bro­chen wäre. Depres­sio­nen und ähn­li­che psy­chi­sche Erkran­kun­gen sind nicht sel­ten dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass der Mensch heu­te stän­dig irgend­wel­che Ent­schei­dun­gen fäl­len muss. Der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Roy Bau­meis­ter hat ein neue­res Krank­heits­bild benannt: «Decis­i­on Fatigue». 

Super­markt – vor allem akustisch

Das Stap­fer­haus Lenz­burg hat mit der Wahl des The­mas «Ent­schei­den» den Nerv der Zeit getrof­fen. Über drei Stock­wer­ke im Zeug­haus wer­den ver­schie­de­ne Aspek­te aus­ge­leuch­tet. Im «Super­markt» die­ser Aus­stel­lung geht es bei­spiels­wei­se um die Part­ner­wahl. Aus Info­gra­fi­ken über zahl­rei­che Sta­tis­ti­ken erfährt man, wie weit Wün­sche zuwei­len von der Rea­li­tät ent­fernt sind. Rund die Hälf­te aller Ehen wird geschie­den, das ist nichts Neu­es. Es ändert aber nichts dar­an, dass über 80 Pro­zent aller Jugend­li­chen an die gros­se, ewi­ge Lie­be glau­ben. Haben sich die 50 Pro­zent Geschie­de­nen bei der Part­ner­wahl ein­fach falsch ent­schie­den? Nach wel­chen Kri­te­ri­en wählt man sich einen Part­ner aus – und wählt man über­haupt oder läuft man der Lie­be nicht viel­mehr zufäl­lig über den Weg? 

Als Kon­trast zur tro­cke­nen Sta­tis­tik gibt es span­nen­de Ein­bli­cke in die Leben von Ein­zel­per­so­nen. Über Kopf­hö­rer kann man Män­nern und Frau­en unter­schied­li­chen Alters zuhö­ren, wie sie erzäh­len, mit wem sie zusam­men sind oder waren, war­um die Bezie­hung funk­tio­niert oder war­um sie geschei­tert ist. 

Infor­ma­ti­ons- neben Unterhaltungswert

Über­haupt sind Hör­sta­tio­nen ein häu­fi­ges Medi­um in die­ser Aus­stel­lung. Lang­wei­lig wird das aber nicht, denn die Hör­si­tua­tio­nen sind sehr unter­schied­lich. So sitzt man bei­spiels­wei­se ein­mal in einer Umklei­de­ka­bi­ne vor dem eige­nen Spie­gel­bild, wäh­rend aus einem Laut­spre­cher eine Glos­se von Peter Schnei­der zum The­ma zu hören ist, die mehr Unter­hal­tungs- als Infor­ma­ti­ons­wert hat. Aber auch das darf sein in einer Aus­stel­lung zu einem ernst­haf­ten The­ma. Oder man liegt – in der ein­gangs erwähn­ten Instal­la­ti­on – wie beim Dok­tor auf einer Kran­ken­lie­ge, aus deren Kopf­teil eine Stim­me ertönt. Doch auch ganz klas­sisch mit Kopf­hö­rer und Sitz­ge­le­gen­heit kann man bei­spiels­wei­se dem Psy­cho­lo­gen Prof. Dr. Gerd Gige­renz­er zuhö­ren, wie er sagt: «Intui­ti­ve Ent­schei­dun­gen sind die besten.» 

Ande­re The­men, wie die poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on der Bevöl­ke­rung oder die per­sön­li­chen Stra­te­gien wich­ti­ger Ent­schei­dungs­trä­ger in der Schweiz, wer­den über ver­schie­de­ne Video-Inter­views bespro­chen. Hin­zu kom­men noch eini­ge Dar­stel­lungs­for­men, die eine Akti­on der Besu­chen­den ver­lan­gen. Zum Bei­spiel ein «Glücks­rad», das deut­lich macht, dass nicht alle Men­schen tat­säch­lich eine so gros­se Aus­wahl zur Ver­fü­gung haben, wie wir sie hier­zu­lan­de ken­nen. Das The­ma «Ent­schei­den» trifft vie­le Men­schen mit der Pro­ble­ma­tik am ganz ande­ren Ende der Ska­la: nicht ent­schei­den zu kön­nen, weil kei­ne Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten vor­han­den sind. 

Wer hält das Steu­er in der Hand?

Wo auf die­ser Welt wir leben, wel­che Her­kunft und wel­ches Geschlecht wir haben, ent­schei­det wesent­lich mit. Alles haben wir nicht in der Hand. Dies trifft auf benach­tei­lig­te Men­schen in beson­de­rem Mas­se zu. Die Aus­stel­lung spricht also an, dass der Super­markt der Mög­lich­kei­ten nicht für alle zugäng­lich ist. Es hät­te aber dazu auch noch ein oder zwei Inputs mehr ver­tra­gen. Wie beein­flusst das Vor­han­den­sein oder das Feh­len von Wahl­mög­lich­kei­ten die Lebens­qua­li­tät der Men­schen? Wie leben jene, die noch nie die Wahl hat­ten und sie nie haben wer­den? Wer sind sie? Und wie den­ken sie über jene, die die Wahl haben, wenn sie zum Nach­den­ken dar­über über­haupt die Mög­lich­keit haben?

Ein biss­chen zu kurz kommt auch die Fra­ge nach dem frei­en Wil­len. Die Aus­stel­lung setzt schein­bar vor­aus, dass wir alle über ihn ver­fü­gen. Die­se Aus­gangs­la­ge in Fra­ge zu stel­len, wäre sicher span­nend gewesen. 

Wo der Super­markt aufhört

Ganz allein gelas­sen wird man mit wei­ter­füh­ren­den Fra­gen aber nicht. Das Maga­zin zur Aus­stel­lung ver­tieft in viel­fäl­ti­gen Tex­ten und Bil­dern die Gren­zen der Mög­lich­kei­ten eben­so wie die Gren­zen der Ein­fluss­nah­me durch jeden Ein­zel­nen. Der obers­te Stock im Zeug­haus zeigt, dass das Leben einem auch «zustos­sen» kann. Wie sagen wir oft nach einer uner­war­te­ten Wen­dung der Din­ge, wenn unse­re Plä­ne am Ende doch nicht auf­ge­hen? «Das Leben ist mir dazwischengekommen.» 

Nie­mand ent­schei­det sich aus eige­nem Wil­len für eine schwe­re Krank­heit, für einen Unfall, für den früh­zei­ti­gen Tod. Und doch pas­sie­ren die­se Din­ge. Unge­fragt, uner­war­tet. Der Bereich «Zufall und Schick­sal» in der Aus­stel­lung zeigt dies mit drei ein­drück­li­chen Geschichten. 

So ver­las­se ich die Aus­stel­lung wohl um eine Illu­si­on erleich­tert, dem ver­meint­li­chen Glau­ben näm­lich, mein Leben lie­ge in mei­ner eige­nen Hand. Und auch sonst wirkt das jüngs­te Pro­dukt des Stap­fer­hau­ses Lenz­burg anre­gend, wie sich zeigt. Noch Tage nach dem Aus­stel­lungs­be­such den­ke ich dar­über nach, wel­che Mög­lich­kei­ten wir haben, wie und war­um wir uns ent­schei­den, wel­che Ver­ant­wor­tung wir dabei tra­gen und wie bewusst wir die­se wahrnehmen. 

Ich fra­ge mich, ob wir viel­leicht oft nur mei­nen, sel­ber zu ent­schei­den, wäh­rend wir in Wirk­lich­keit beein­flusst sind oder ob manch­mal ande­re über uns ent­schei­den, ohne dass wir es als Fremd­be­stim­mung wahrnehmen. 

Wie weit haben wir unser Leben in den eige­nen Hän­den? Dass die Aus­stel­lung selbst vie­le die­ser Fra­gen wenig ver­tieft, stört mich nicht. Sie bleibt bei den Erfah­run­gen aus einem «durch­schnitt­li­chen» Leben und erzählt sei­ne schein­bar simp­len Geschich­ten, die uns im All­tag viel­leicht ent­gan­gen sind, anstatt eine hoch­phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung zu ver­su­chen. So spricht sie ein brei­tes Publi­kum auf einer sinn­li­chen Ebe­ne an – und regt die­je­ni­gen, die sich ver­tieft mit dem The­ma aus­ein­an­der­set­zen wol­len, dazu an, es zu tun.

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