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Eti­ket­ten­schwin­del: Wie das Design den Geschmack beeinflusst

Es beginnt wie jedes Jahr im Dezem­ber: Die Rega­le glit­zern. Zwi­schen Tan­nen­grün, Gold­fo­lie und Schnee­flo­cken­mus­tern ste­hen Fla­schen, die nicht ein­fach Wein sein wol­len, son­dern ein Ver­spre­chen. Ein Pinot noir mit rotem Wachs­sie­gel, ein Schaum­wein mit Glit­ze­re­ti­kett, ein Mer­lot in schwe­rer, dunk­ler Fla­sche, die wirkt, als kos­te sie mehr, als sie tut. Und irgend­wo dazwi­schen steht man selbst, frie­rend mit Ein­kaufs­ta­sche, zwi­schen Geschenk­pa­pier und Gedrän­ge – und greift nach der Fla­sche, die am schöns­ten aussieht.

Weih­nach­ten ist das Fest des Scheins. Wir kau­fen Geschich­ten, nicht Din­ge. Und Wein erzählt beson­ders gern. Er hat Eti­ket­ten, die von alten Châ­teaux berich­ten, von Fami­li­en seit 1789, von gol­de­nen Hun­den, Engeln, Eichen­laub. Man­che Eti­ket­ten zei­gen nur Weiss­raum und eine ele­gan­te Typo­gra­fie – Zei­chen des Under­state­ments. Ande­re sind barock, laut, sentimental.

Doch wie stark beein­flusst das, was wir sehen, tat­säch­lich das, was wir schme­cken? For­scher der Uni­ver­si­tät Bor­deaux führ­ten dazu ein Expe­ri­ment durch: Sie gaben Test­per­so­nen den­sel­ben Wein in zwei ver­schie­de­nen Fla­schen. Die eine schlicht, weiss, mini­ma­lis­tisch, die ande­re mit gol­de­ner Schrift, Reli­ef­prä­gung, dicke­rem Glas. Über 70 Pro­zent bewer­te­ten den Wein aus der «teu­ren» Fla­sche als aro­ma­ti­scher, run­der, kom­ple­xer – obwohl er iden­tisch mit dem ande­ren war.
Das Auge trinkt mit. Und das Auge lügt gut. Neu­ro­psy­cho­lo­gisch gese­hen ist das kein Zufall. Unser Gehirn liebt Kon­gru­enz – es möch­te, dass Sin­nes­ein­drü­cke zusam­men­pas­sen. Wenn etwas edel aus­sieht, erwar­ten wir Qua­li­tät. Und weil Erwar­tung ein star­kes bio­che­mi­sches Signal ist, schme­cken wir tat­säch­lich anders. In der funk­tio­nel­len Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie zei­gen sich die­sel­ben Beloh­nungs­area­le, wenn jemand teu­ren Wein trinkt – oder glaubt, teu­ren Wein zu trin­ken. Die Dopa­min­frei­set­zung reagiert nicht auf den Inhalt, son­dern auf das Image.

An Weih­nach­ten ver­stärkt sich die­ser Effekt. In kaum einer ande­ren Jah­res­zeit wird so viel sym­bo­lisch getrun­ken. Der Wein soll nicht nur gut sein, son­dern fest­lich. Nicht nur Genuss, son­dern Ges­te. Wenn jemand eine Fla­sche schenkt, schenkt er eine Idee von Stil, Wär­me, viel­leicht sogar Welt­ge­wandt­heit. Des­halb sieht man in die­ser Zeit über­all «Limi­t­ed Edi­ti­ons», «Win­ter Sel­ec­tions» oder «Fest­tags-Cuvées». Die­sel­ben Wei­ne, nur anders ver­packt. Der Eti­ket­ten­schwin­del ist kei­ne Täu­schung – er ist ein Ritu­al. Ein ästhe­ti­scher Code, der unse­re Sehn­sucht nach Bedeu­tung verpackt.

Doch die Wir­kung geht tie­fer. Der bri­ti­sche Sen­so­rik­for­scher Charles Spence fand her­aus, dass nicht nur Far­ben, son­dern auch For­men unse­ren Geschmack beein­flus­sen. Run­de Eti­ket­ten mit sanf­ten Lini­en wer­den mit Fruch­tig­keit und Weich­heit asso­zi­iert, kan­ti­ge mit Struk­tur und Stär­ke. Dunk­le Far­ben las­sen Wei­ne kräf­ti­ger erschei­nen, hel­le wir­ken fri­scher. Eine visu­el­le Syn­äs­the­sie. Die Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen wis­sen das längst. In Blind­tests beur­tei­len Kon­su­men­ten den­sel­ben Wein deut­lich posi­ti­ver, wenn das Eti­kett emo­tio­nal gestal­tet ist – mit Land­schaft, Hand­schrift oder Sym­bo­lik. Eine nüch­ter­ne Typo dage­gen signa­li­siert Distanz, Pro­fes­sio­na­li­tät, aber weni­ger Wärme.

Und so ste­hen wir an Weih­nach­ten vor einem para­do­xen Regal: Wir wol­len Authen­ti­zi­tät – und kau­fen Insze­nie­rung. Wir suchen den ehr­li­chen Wein – und las­sen uns von Glanz­pa­pier ver­füh­ren. Doch viel­leicht, so könn­te man sagen, ist genau das die Ehr­lich­keit des Moments. Denn Wein ist nicht Wahr­heit im Glas, son­dern Emo­ti­on. Und Emo­ti­on braucht eine Bühne.

Ein Glas Pro­sec­co, das in der Küche unter Neon­licht getrun­ken wird, schmeckt anders als das­sel­be Glas im Ker­zen­schein, mit Zimt­duft in der Luft und einer Melo­die von Bing Crosby im Hin­ter­grund. Die Che­mie ist gleich, die Welt drum her­um nicht. Wein ist Kon­text. Und Design schafft Kon­text. Auch Win­zer wis­sen das. In den letz­ten Jah­ren hat sich ein neu­er Trend ent­wi­ckelt: das bewuss­te Spiel mit Eti­ket­ten­iden­ti­tät. Jun­ge Wein­gü­ter las­sen ihre Fla­schen von Künst­le­rin­nen gestal­ten, ande­re set­zen auf iro­ni­sche State­ments («Drink Me Now», «Char­don­nay for Sad Peo­p­le»). Sie wis­sen: Zwi­schen Kel­ler und Regal ent­schei­det nicht der Gau­men zuerst, son­dern das Auge.

Gleich­zei­tig ent­ste­hen Gegen­be­we­gun­gen. Mini­ma­lis­mus als Pro­test gegen die Über­äs­the­ti­sie­rung. Weis­se Eti­ket­ten, ein­fa­che Schrift, kein Jahr­gang, kein Logo – nur ein Name. Sie signa­li­sie­ren Beschei­den­heit, Hand­werk, Authen­ti­zi­tät. Doch auch das ist Insze­nie­rung. Nichts im Wein ist je zufäl­lig. Viel­leicht liegt dar­in die eigent­li­che Schön­heit: dass Wein ein Spie­gel unse­rer Wün­sche ist. An Weih­nach­ten, wenn alles glit­zert, darf auch das Glas glit­zern. Der Schwin­del ist Teil der Freude.

Aber was pas­siert, wenn man den Schein weg­nimmt? Wenn man den­sel­ben Wein in eine neu­tra­le Fla­sche füllt, ohne Eti­kett, ohne Erwar­tung? Dann bleibt etwas Erstaun­li­ches: die pure Unsi­cher­heit. Man schmeckt plötz­lich vor­sich­tig, sucht Anhalts­punk­te, hört in sich hin­ein. Das zeigt, wie sehr wir Gewiss­heit durch Ästhe­tik gewin­nen. Das Eti­kett ist nicht nur Deko­ra­ti­on – es ist eine kogni­ti­ve Krü­cke, eine Form von Ori­en­tie­rung. Viel­leicht, wenn man es posi­tiv sehen will, ist das Eti­kett eine Ein­la­dung zur Fan­ta­sie. Es erzählt uns, was der Wein sein könn­te. Und wir fül­len den Rest selbst aus – mit unse­ren Erwar­tun­gen, unse­ren Geschich­ten, unse­ren Festtagsstimmungen.

Die Psy­cho­lo­gin Katha­ri­na Graf nennt das «ästhe­ti­sche Selbst­täu­schung»: ein bewuss­ter Glau­be, der sich selbst erfüllt. Wir wis­sen, dass das Gold­pa­pier nicht den Geschmack ver­än­dert – aber es ver­än­dert, wie wir schme­cken wol­len. Und so wird aus der Täu­schung ein Genuss. Der Eti­ket­ten­schwin­del ist kein Betrug, son­dern ein Pakt. Er funk­tio­niert nur, wenn wir mit­ma­chen. Wenn wir glau­ben wol­len, dass die­ses Glas etwas Beson­de­res ist, weil es schön aus­sieht, weil es leuch­tet, weil es Teil eines Moments ist, den wir fest­hal­ten möchten.

Wein ist so gese­hen immer auch Deko­ra­ti­on der See­le. Ein ästhe­ti­scher Trost im grau­en Dezem­ber. Und das Schöns­te an Weih­nach­ten ist viel­leicht nicht die Wahr­heit im Glas, son­dern das Glit­zern drum her­um – die Illu­si­on, dass man für einen Augen­blick etwas Edle­res trinkt, als man sich im Janu­ar wie­der leis­ten wird.

Wenn dann spä­ter, nach Mit­ter­nacht, die letz­ten Gäs­te gegan­gen sind, das Geschenk­pa­pier zer­knüllt in der Ecke liegt und das Ker­zen­wachs am Fla­schen­hals erstarrt, bleibt ein Rest im Glas.

Und er schmeckt erstaun­lich gut.

Viel­leicht, weil dann nichts mehr glit­zert. Nur der Wein selbst – ehr­lich, lei­se und ganz ohne Etikett.

À vot­re santé.

Roman Buss ist seit 1998 wein­be­ra­tend und als Wein­coach tätig.
www.vinosoph.ch