Es sind die Fra­gen, nicht die Gewiss­hei­ten, Dummkopf

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(Con­stan­tin Seibt) – 

Als Kind erlebt man die­se Ent­täu­schung, wenn man Stei­ne aus dem Fluss holt: Sie fun­keln im Was­ser, aber sobald sie trock­nen, sind sie blass. Man erlebt die­se Ent­täu­schung sehr oft, weil man es lan­ge nicht glau­ben kann: Dass auch die­ser Stein hier nicht mehr fun­keln könnte.

Als Erwach­se­ner geht es einem ähn­lich. Man sieht einen Arti­kel schon beim Auf­trag vor sich, fun­kelnd vor Klug­heit und Witz. Dann schreibt man ihn und er bleibt blass. Und das pas­siert einem immer wie­der, weil man nicht glau­ben kann, dass es auch dies­mal pas­sie­ren könnte.

Ein selt­sa­mer Fluch liegt über dem Schrei­ben, dass man oft gera­de das, was man mit gros­ser Sicher­heit beginnt, mit Demut zu Gra­be trägt. Warum?

Debat­ten-Gespens­ter

Schuld ist, fürch­te ich, etwas Unver­meid­li­ches: Erfah­rung. Die öffent­li­che Debat­te läuft in Zyklen. Gros­se The­men sind fast nie beim ers­ten Mal erle­digt, daher keh­ren sie immer wie­der zurück, wie Trams oder Gespens­ter. (In der Schweiz etwa das Bank­ge­heim­nis, das WEF, die Steu­er­fra­gen, die EU-Fra­ge, und so wei­ter.) Mit der Zeit kennt man sei­ne Dos­siers: Details, Argu­men­te, Zita­te, Sta­tis­ti­ken. Und man hat eine kla­re Haltung.

Das ist auf den ers­ten Blick prak­tisch, weil man die­se wäh­rend der Arbeit nicht mehr ent­wi­ckeln muss. Aber es hat einen Haken. Der Pro­zess der Recher­che, der Pro­zess des Schrei­bens wird zum Schein­pro­zess. Im bes­ten Fall fin­det man ein paar neue Begrün­dun­gen. Aber das Urteil ist von Beginn an gefällt.

Mal­bü­cher für Profis

Das­sel­be gilt auch für die klei­ne Schwes­ter des Kom­pe­tenz-Urteils: das Geschmacks-Urteil. Die­ses ist oft zustän­dig für Füll­stof­fe. Eine Lücke ist in der Zei­tung. Und jemand in der Run­de sagt: «Ade­le hat doch eine tol­le Figur»; «Müt­ter mit Klein­kin­dern sind arro­gant»; «Die Impres­sio­nis­mus-Aus­stel­lung ist Kitsch»; «Lager­feld – ein Genie»; «1.-August-Reden lang­wei­len»; «Madon­na in Strap­sen ist mit 50 unse­xy». Oder das Gegenteil.

Und der Pro­du­zent, der die Lücke fül­len muss, sagt: «Gekauft!»

Der vor­ge­stanz­te Arti­kel – ob durch Kom­pe­tenz oder Geschmack – sieht nach leich­ter Arbeit aus: Denn es ist ziem­lich klar, was zu sagen ist. Nur – meis­tens pas­siert etwas Uner­war­te­tes: Man lang­weilt sich beim Schrei­ben. Man weiss, was kommt, und fühlt sich, als wür­de man Mal­bü­cher aus­ma­len. Und der Text wächst einem wie ein Bauch: etwas form­los, ohne Ener­gie und Schwung.

Der Sprung in die Form

Was also tut man, wenn der Arti­kel von der der ers­ten Minu­te an im Kopf fast fer­tig geschrie­ben ist? Die ers­te und klügs­te Reak­ti­on ist: Angst. Denn die­ser Arti­kel ist nicht siche­re Beu­te, son­dern – zumin­dest künst­le­risch – ein bei­nah siche­rer Absturz.

Doch nichts schrei­ben, geht nicht. Man ver­lö­re schnell den Job, wenn man jedes The­ma beim Errei­chen von genü­gend Sicher­heit mei­den müss­te. Und schliess­lich liegt die Wie­der­ho­lung in der Natur jeder poli­ti­schen und ästhe­ti­schen Debat­te. Wer mit­re­den will, muss sich mit ins Mühl­rad begeben.

Aber wie, ohne zu lang­wei­len? Sich und die ande­ren? Der Aus­weg liegt dar­in, vom bekann­ten auf unbe­kann­tes Ter­rain zu kommen.

Die sti­lis­ti­sche Mög­lich­keit dazu ist: in der Form zu den­ken. Man soll­te kei­nen neu­tra­len Arti­kel schrei­ben. Man ist ja auch nicht neu­tral. Ehr­li­cher wäre eine flam­men­de Pre­digt. Oder je nach Lage: eine Por­ti­on Spott. Oder einen offe­nen Brief. Eine melan­cho­li­sche Medi­ta­ti­on. Ein Stück Volks­hoch­schu­le, gedul­dig und klar. Eine Scharf­rich­ter­ab­rech­nung. Eine Erzäh­lung. Also irgend­et­was, dass den Thrill vom Inhalt auf die Form verlagert.

Fra­gen – der Motor

Die klügs­te Metho­de ist aber, den ein­zig ver­nünf­ti­gen Motor ein­zu­bau­en – und aus einer Gewiss­heit wie­der eine Fra­ge zu machen. Wenn ich mir anse­he, wel­che Arti­kel mir gelun­gen sind und wel­che lahm blie­ben, so ist die Ursa­che meist: Bei den lah­men stand meist eine Gewiss­heit im Zen­trum, bei den ande­ren eine Fra­ge. Denn Gewiss­hei­ten, so ange­nehm sie sind, haben kein Tem­po: Sie sind von Natur her sta­tisch. Fra­gen hin­ge­gen brin­gen einen schnell an die fri­sche Luft, hin­aus ins Unbekannte.

Die Schwie­rig­keit ist nur, auf abge­gras­tem Feld die rich­ti­ge Fra­ge zu fin­den. Also kei­ne rhe­to­ri­sche. Son­dern eine ech­te, bei der man die Ant­wort nicht weiss.

Neh­men wir an, der Teu­fel wol­le es, dass ich wie­der übers Bank­ge­heim­nis schrei­ben müss­te. Das droht, denn kürz­lich lie­fen wie­der Raz­zi­en gegen die UBS und ihre Kun­den in Deutsch­land; und das Steu­er­ab­kom­men steht vor dem Show­down. Nun habe ich zum Bank­ge­heim­nis und Steu­er­hin­ter­zie­hung seit Jah­ren geschrie­ben: Über­sichts­ar­ti­kel, Kan­zel­pre­dig­ten, Spöt­ti­sches, Nach­rich­ten­tex­te, Ana­ly­sen, Inter­views – schreck­lich viel.

Dabei kann man mei­ne Hal­tung (I’m against it) kreuz­falsch fin­den. Aber, ich fürch­te, sie ist nur noch in Nuan­cen ver­än­der­bar. Ent­we­der, weil sie stimmt. Oder weil das Brett vor dem Kopf zuge­wach­sen ist. Egal. Das kon­kre­te Pro­blem ist: Wie kom­me ich trotz­dem wie­der ins Offene?

Viel­leicht mit Fra­gen wie folgenden:

  • War­um wur­de die Omer­tà gebro­chen? War­um hiel­ten die Ban­kiers Jahr­zehn­te dicht und heu­te rei­sen alle paar Mona­te Daten-CDs über die Grenze?
  • War die Ver­zö­ge­rung ein Geschäft oder nicht? Schon vor 12 Jah­ren sag­te mir ein Ban­kier: Das Bank­ge­heim­nis ist unhalt­bar. Aber wir mel­ken die Kuh, so lan­ge sie exis­tiert. War das finan­zi­ell rich­ti­ge Ent­schei­dung? Also: Wel­che Sum­me ist höher: Die Gewin­ne aus der Bewirt­schaf­tung seit 2001 oder die Buss­gel­der und Reor­ga­ni­sa­tio­nen der letz­ten Jahre?
  • Ist die UBS jetzt Opfer einer Intri­ge, ver­lo­gen oder schlicht unre­gier­bar? Denn seit dem USA-Desas­ter 2009 behaup­tet die UBS-Spit­ze, auf das Steu­er­hin­ter­zie­hungs­ge­schäft zu ver­zich­ten. Doch laut deut­schen Fahn­dern funk­tio­nier­ten die Tarn­struk­tu­ren aber bis 2012. (Was die UBS hef­tig bestrei­tet.) Aber selbst dann wäre die Regier­bar­keit einer welt­wei­ten, ver­schach­tel­ten Kon­zern-Büro­kra­tie ein reiz­vol­les Thema.
  • Sind Ban­ker nun cle­ver oder nicht cle­ver? Und wenn ja: auf wel­chen Gebieten?
  • Wer auf dem Finanz­platz sagt eigent­lich was und war­um? UBS, CS, Ban­kier­ver­ei­ni­gung, Raiff­ei­sen, Pri­vat­ban­ken, NZZ, «Welt­wo­che», Fin­ma, FDP, SVP haben zum Teil ver­wir­rend ver­schie­den Posi­tio­nen. Wer hat wel­che und warum?
  • Wie hat sich in Euro­pa eigent­lich der Beruf des Steu­er­fahn­ders gewan­delt – vom Tyrann zu Typen mit einem Hauch von Robin Hood?

Mag sein, dass dies nicht die abso­lu­ten Wahn­sinns­fra­gen sind. Aber es sind wel­che, die den Vor­zug haben, dass ich die Ant­wort nicht ken­ne. Sie rie­chen zwar alle nach Arbeit, aber auch nach Resultat.

Oder neh­men wir, als Geschmacks­the­ma, Madon­na. Neu­lich erschien irgend­wo in der bri­ti­schen Pres­se eine Glos­se, dass Madon­na sich mit fünf­zig nicht mehr auf der Büh­ne aus­zie­hen soll­te, weil unse­xy. Ein eher unchar­man­tes Stück.

Wie könn­te man es ret­ten? Cle­ve­rer wäre gewe­sen, falls man die aktu­el­le Madon­na unse­xy fin­det, sich davon aus­ge­hend ein paar Fra­gen zu stel­len: Wo fängt im Alter Unse­xy­ness an? Wo danach Unsicht­bar­keit? Wo bei Frau­en, wo bei Män­nern? Wo bei Stars? Und: Wie geht man damit klug um, wenn einen das Unver­meid­li­che trifft? Geht das über­haupt: Mit dem Altern klug umge­hen? Etwa durch Mus­kel­trai­ning und Hero­is­mus? Oder mit Weis­heit und Demut? Die aber von nie­mand bemerkt wird? Und neben­bei: Wie ste­he ich zu den Schre­cken des Alters: dem Bauch, den Run­zeln, dem stren­gen Geruch nach Serio­si­tät? Den ewi­gen Wiederholungen?

Das sind nur ein paar mög­li­che Fra­gen. Dafür wah­re. Denn in allen Fäl­len ken­ne ich die Ant­wor­ten nicht.

Aber lesen wür­de ich sie. Und des­halb auch schreiben.

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Die­ser Bei­tag wur­de auto­ma­tisch per RSS auf unse­re Web­sei­te gestellt. Der Ori­gi­nal­text ist über den Tages­an­zei­ger, dem Blog von Con­stan­tin Seibt – http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline – zu finden. 



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