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Ernst­haft

(Lukas Vogel­sang) – Vor eini­gen Tagen wur­de ich von einer Stu­den­tin der St. Gal­ler Uni­ver­si­tät, wel­che eine Stu­die über online-Kul­tur­jour­na­lis­mus durch­führt, ernst­haft gefragt, ob der tra­di­tio­nel­le Kul­tur­be­griff ver­al­tet sei, ob Begrif­fe wie «Life­style» oder «Peo­p­le» nicht bes­ser wären? Ich japs­te nach Luft.

Die Fra­ge ist lei­der berech­tigt – aber nicht im Sin­ne der Sache an sich, son­dern in unse­rem Ver­ständ­nis, dem Sinn und dem Umgang mit dem Wort «Kul­tur».

Die Tages­me­di­en tun dabei ihren Löwen­an­teil. So hat aus­ge­rech­net der kul­tur­freund­li­che «Bund» vor eini­gen Wochen eine Sub­ven­ti­ons­sta­tis­tik ver­öf­fent­licht, wel­che das Stras­sen­mu­sik­fes­ti­val Bus­kers mit der Ber­ner Kunst­hal­le ver­gleicht: Bus­kers wird mit 100‘000 Fran­ken unter­stützt und zählt ca. 70‘000 Besu­che­rIn­nen (eige­ne Anga­ben) – die Ber­ner Kunst­hal­le erhält 1,2 Mil­lio­nen Fran­ken und weist 8‘253 Besu­che­rIn­nen aus. Die­ses Zah­len­spiel scheint als Grund­la­ge zu genü­gen, einen Ver­gleich anzu­stel­len. Dabei wird nicht dar­an gedacht, dass die Kunst­hal­le auch aus einem Gebäu­de besteht, wel­ches 365 Tage im Jahr bezahlt, unter­hal­ten, bewirt­schaf­tet und bewor­ben wer­den muss. Dem gegen­über ist das Bus­kers-Fes­ti­val ein Event von drei Tagen und die meis­ten Arbei­ten wer­den ehren­amt­lich aus­ge­führt. Das Bus­kers führt kei­ne Kunst­samm­lung, kein Kunst­la­ger und Archiv für die Ankäufe.

Die Ber­ner Kunst­hal­le wird nicht pro Besu­cher mit 145 Fran­ken pro Ein­tritt sub­ven­tio­niert, son­dern ganz Bern, also min­des­tens 140‘000 Men­schen pro­fi­tie­ren als Gesell­schaft von der Insti­tu­ti­on – das gan­ze Jahr.

Aber ein­fach mal mit Brat­würs­ten und Picas­sos jon­glie­ren – das gehört heu­te zum guten Ton.

Dabei ist egal ob die­se von allen besucht wird oder nicht – wir fah­ren schliess­lich auch nicht durch jedes Gäss­chen einer Stadt und nut­zen nicht jedes Amt und jeden Sport­platz –, trotz­dem bezah­len alle pau­schal Steu­ern dafür. Das heisst Gesell­schaft und Soli­da­ri­tät – und das Ver­ständ­nis davon hat mit zivi­li­sier­ter «Kul­tur» zu tun. Lang­sam wir­ken die Argu­men­te der Kul­tur­geg­ner pri­mi­tiv und unzi­vi­li­siert. Als hät­te die Auf­klä­rung nie stattgefunden.

Eine wei­te­re Fol­ge die­ser unsach­ge­mäs­sen und media­len Ver­ar­bei­tung spü­ren wir in der Ber­ner Reit­schu­le-Dis­kus­si­on. Nur um der Pole­mik Wil­len wer­den hier ein­sei­tig Bei­trä­ge in den Medi­en ver­öf­fent­licht, und damit die Leser­schaft heiss gemacht. Über­grif­fe auf die Poli­zei wer­den bewusst auf den News­sei­ten über Tage an Top­po­si­tio­nen fest­ge­klebt. Über Kul­tu­rel­les wird gene­rell nur berich­tet, wenn ein pole­mi­sches The­ma ansteht – und dann muss es schnell gehen: Zeit für eine ein­ge­hen­de Recher­che ist kurz, der quan­ti­ta­ti­ve Out­put muss stim­men. Die Zei­tung muss Gesprächs­the­ma sein – nicht etwa der Inhalt. Man will «des Bür­gers » Mei­nung hören – statt ihm eine sach­li­che, fun­dier­te Grund­la­ge zu bie­ten, auf deren Fun­da­ment eine per­sön­li­che Mei­nung über gesell­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge gebil­det wer­den kann. Medi­en spie­len heu­te Gesell­schafts­un­ter­hal­ter und ver­ges­sen ihre Pflicht. Das Resul­tat ist die dum­me Fra­ge, ob der tra­di­tio­nel­le Medi­en­be­griff ver­al­tet sei, ob Begrif­fe wie «Life­style» oder «Peo­p­le» nicht bes­ser wären? Wir bekla­gen uns über ver­ant­wor­tungs­lo­se Regie­rungs­mit­glie­der und Mana­ge­rIn­nen, die nur für ihren eige­nen Selbst­pro­fit arbei­ten. Doch: Die Medi­en sind die vier­te Gewalt in unse­rer Demo­kra­tie. Genau die­se vier­te Gewalt arbei­tet aber nur noch für den Selbst­pro­fit. Was für ein fürch­ter­li­cher Ver­lust für die­ses Land! Was für eine tra­gi­sche Wen­de in unse­rer Demo­kra­tie! Doch die Medi­en wis­sen nicht, ob sie die­ses The­ma unter «Life­style» oder «Peo­p­le » publi­zie­ren sollen.

Bei einer Tages­zei­tung, wel­che auf dem oben erwähn­ten Niveau über Kul­tur debat­tiert, müs­sen mei­ner Mei­nung nach Köp­fe rol­len. Das betrifft übri­gens auch ande­re Berei­che bei den Tages­me­di­en. Mit die­ser jour­na­lis­ti­schen Qua­li­tät wird jeg­li­che Glaub­wür­dig­keit der Zei­tung unter­gra­ben und das Publi­kum nur noch für dumm verkauft.