Sir Edward Elgar (1857–1934) begann seine Musikerkarriere als Geiger. Er spielte in zahlreichen Orchestern, was ihm wertvolle Erfahrungen für seine spätere Tätigkeit als Komponist gab. Schon bald merkte er, dass ihm die nötige Begabung für eine Solokarriere fehlte, dass seine Berufung in der Tonschöpfung lag.
Es war der bedeutende Geiger Fritz Kreisler, der den Anstoss zur Komposition des Violinkonzertes in h‑Moll, op. 61, gab (die gleiche Opusnummer wie beim Beethoven-Violinkonzert). «I wish, Elgar would write something for the violin», schrieb Kreisler am 7. Oktober 1905 in der Zeitung «Hereford Times»; Hereford, Worcester – der Geburtsort Elgars – und Gloucester sind die drei westenglischen Städte, in denen das «Three Choirs Festival» stattfindet, an dem Elgar immer sehr aktiv teilnahm.
Am 10. November 1910 war es so weit: Die Uraufführung des Violinkonzertes fand in der Londoner Queen’s Hall statt, mit Kreisler als Solist und Elgar am Pult. Ein Riesenerfolg, der dem Werk treu blieb – es besteht kein Zweifel, dass dieses Stück zu einem Höhepunkt der Violingeschichte geworden ist.
Es war vorgesehen, dass Kreisler das Konzert auf Schallplatten einspielen sollte; doch kam es – wohl aus Termingründen – nicht dazu. Die erste vollständige Aufnahme stammt von Albert Sammons, legendär wurde die generationenüberschreitende Einspielung mit Yehudi Menuhin (16 Jahre alt) und dem Komponisten (75 Jahre alt), die 1932 entstand. Elgar hat im Übrigen den Grossteil seiner Orchesterwerke für die Schallplatte dirigiert.
Und nun hat Warner eine CD des Violinkonzertes mit Vilde Frang auf den Markt gebracht, eine Neuaufnahme, die alle Erwartungen übertrifft. Schon beim ersten Soloeinsatz (Partiturziffer 9) horcht man auf: Was für ein glühender G‑Saiten-Ton, was für eine Phrasierung, mit leidenschaftlichem Portamento – hier wird Elgars liebste Vortragbezeichnung «nobilmente» würdig realisiert. Und dieser Klangzauber, diese überwältigende Musikalität durchzieht das ganze Werk. Vilde Frang ist aber auch durchaus imstande, in den dramatischen, rhythmisch prägnanten Stellen zu überzeugen, so im ersten Satz «più animato» (6 Takte nach Ziffer 21), «appassionato» (Ziffer 39) oder «con fuoco» (39), im dritten «con forza» (84) oder «con fuoco» (91). Diese bei Elgar üblichen sehr zahlreichen Angaben zur Interpretation zu realisieren, gehört zu den vielen Herausforderungen, die an Interpretinnen und Interpreten seiner Musik gestellt werden. Wir finden beim englischen Meister auch Ausdrücke wie «brillante», «strepitoso», «grazioso» … Vilde Frang hält sich gewissenhaft an diese Indikationen und wird von ihrem Partner am Pult, Robin Ticciati, trefflich unterstützt. Gleiches gilt für das gänzlich in Sir Edwards Klangwelt und seiner sehr persönlichen Instrumentationskunst aufgehende Deutsche Symphonie-Orchester Berlin.
Der zweite Satz entführt uns in eine Welt von schier unendlicher Melodie; der dritte ist ein virtuoses Feuerwerk. Dessen Höhepunkt jedoch ist die ungewöhnliche Cadenza accompagnata (Ziffern 101–107). Die Sologeige schwärmt in diversen Themen aus dem Konzert, begleitet von einem «pizzicato tremolando» der Streicher, mit gelegentlichen Akkorden der Hörner – eine absolute Neuigkeit.
Als Zugabe spielt Vilde Frang mit viel Charme «Carissima», eine der so zahlreich in Elgars Werk vertretenen Miniaturen. Ihr Partner am Flügel ist Thomas Hoppe. Dieses Stück entstand Ende 1913 als Auftrag der Gramophone Company. Auflage war, dass es die Länge einer Platte von 12 Zoll (30 cm) nicht überschreiten dürfe (Vilde Frang braucht 3 Minuten 39 Sekunden). «Carissima» war dann auch das erste Stück, das unter Elgars Leitung – in der Fassung für Orchester – auf Platte aufgenommen wurde, am 20. Januar 1914, noch vor dem legendären Trichter … Hier muss ich auf einen kleinen Fehler im sonst ausgezeichneten Beiheft-Text von Lewis Foreman aufmerksam machen: «Carissima» war nicht das erste klassische Werk, das speziell für die Schallplatte komponiert wurde; schon 1903 schrieb Ruggiero Leoncavallo seine «Mattinata» für die Gramophone Company; Solist war Enrico Caruso.