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Eine Tour­nee leben

Von Albert le Vice – In «ensuite» von Okto­ber und Novem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res habe ich erzählt, wie das hier­zu­lan­de so vor sich geht, wenn jun­ge Thea­ter­leu­te öffent­lich zu spie­len begin­nen wollen.

In unse­rem Fall (Anfang 1968) gelang uns dies über die ver­wirk­lich­te Idee eines eige­nen, fah­ren­den Klein­thea­ters, das «schie­fe Thea­ter». Sie­ben Jah­re waren wir damit unter­wegs, über 1’100 Vor­stel­lun­gen gaben wir und in gut 60 Städ­ten erreich­ten wir um die 90’000 Zuschauer.

Jetzt soll vom Wesen einer sol­chen Tour­nee die Rede sein, in die­sem Fall von einer Tour­nee im eige­nen Thea­ter durch die Städ­te der

BASEL

Schweiz und Deutsch­lands, von unse­rem ein­jäh­ri­gen Gast­spiel in Paris und der sechs­wö­chi­gen Teil­nah­me am Fes­ti­val d› Avi­gnon in Frankreich.

Tour­nee, sie­ben Jah­re unter­wegs sein in den gros­sen Städ­ten Euro­pas mit einem veri­ta­blen klei­nen Thea­ter mit 120 Sitz­plät­zen, das tönt ver­heis­sungs­voll und aben­teu­er­lich – und das ist es auch. Nur soll­te man sich unter einem sol­chen Unter­fan­gen nicht Gla­mour und der­glei­chen vor­stel­len, son­dern eine per­ma­nen­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Unbe­kann­ten und dem Uner­war­te­ten, und ein bestän­di­ges Suchen nach der rich­ti­gen Lösung von kon­kre­ten Pro­ble­men, die sich einem sol­chen Unter­fan­gen beinahe.

ZÜRICH

auto­ma­tisch und fort­wäh­rend in den Weg stellen.

Gewiss, Thea­ter­tour­nee hört sich locker an, aber hin­ter dem schö­nen Wort ver­steckt sich eine kom­ple­xe, nicht so ein­fa­che Rea­li­tät. Allein schon die Rea­li­tät des fahr­ba­ren Thea­ter­hau­ses; dann die Rea­li­tät gros­ser euro­päi­scher Städ­te, die mit Sicher­heit zu aller­letzt auf das Gast­spiel eines Klein­thea­ters war­ten; natür­lich auch die Rea­li­tät des Woh­nens und Essens unter­wegs; wei­ter die Rea­li­tät von Jah­res­zeit und Wet­ter; die Rea­li­tät der Amts­stu­ben mit ihren Behör­den und deren Vor­schrif­ten und Vor­stel­lun­gen; die Realität

WINTERTHUR

der Gren­zen, die Rea­li­tät der Stras­se, respek­ti­ve die Rea­li­tät eines ton­nen­schwe­ren Vehi­kels mit sei­nen Tücken und den dar­aus resul­tie­ren­den Pannen.

Und dann die Rea­li­tät des Eigent­li­chen, des Thea­ters, damit ver­bun­den die Rea­li­tät der Pres­se, der Medi­en der Wer­bung und des Publi­kums. Und schluss­end­lich die Rea­li­tät von drei bis vier Men­schen, die mit all die­sen Rea­li­tä­ten fer­tig wer­den müs­sen und dabei eigent­lich bloss von einer Gewiss­heit aus­ge­hen dür­fen, näm­lich dem unge­schrie­be­nen Gesetz, dass Leu­te, die mit sowas in der Öffent­lich­keit erschei­nen wol­len, mit allem, was sich dabei ereig­nen kann, sel­ber fer­tig wer­den müssen.

ZÜRICH

Und dar­an zeigt sich, dies nur so neben­bei, was ihre Krea­ti­vi­tät wert ist.

Ein Leben aus Ideen? Das schie­fe Thea­ter hat uns gelehrt, was Ideen-haben wirk­lich heisst. Uns? Ja, uns. Näm­lich Moni­ca und Domi­ni­que Thom­my, mei­ne Frau, die damals noch Buch­mann hiess, und mich. Und jetzt kon­kret die Tour­nee des schie­fen Thea­ters von 1968 bis 1975. Die­se Geschich­te wer­de ich nicht chro­no­lo­gisch erzäh­len, son­dern ich wer­de ver­su­chen, anhand unse­rer Erleb­nis­se die oben erwähnten

ST. GALLEN

Rea­li­tä­ten für Sie, die Lese­rin und den Leser, nach­voll­zieh­bar zu machen.

Die Rea­li­tät «Behör­de» Behör­de ist nicht gleich Behör­de. Behör­de in Basel ist nicht Behör­de in Zürich, ist nicht Behör­de in Paris oder Behör­de in Darm­stadt. Die­se Behör­den mögen sich also stark von­ein­an­der unter­schei­den, obschon sie eigent­lich immer die glei­che Fra­ge zu beant­wor­ten haben. Und so wer­den sie für uns, die wir ja immer das­sel­be Begeh­ren stel­len, ver­gleich­bar, messbar.

SCHAFFHAUSEN

Kon­kret pas­siert dabei Fol­gen­des: An irgend einem Tag in irgend einem Jahr kreuzt da in einem die­ser Behör­den-Büros eine jun­ge Frau auf. In ihrem Kopf das Ansin­nen, auf einem zen­tra­len und beleb­ten Platz in eben die­ser Stadt mit einem Thea­ter, das sich mit «schief» apo­stro­phiert, öffent­lich auf­tre­ten zu wollen.

Dazu sagt die eine Behör­de: Wun­der­bar! Unser bes­ter Platz ist der und der… Die ande­re ver­kün­det schroff: Für sowas, wie Ihr schrä­ges Dings­bums gibt’s in unse­rer Stadt kei­nen öffent­li­chen Grund… Die drit­te schickt die jun­ge Frau von Pon­ti­us zu Pila­tus, die­se erzählt sieben

BADEN

ver­schie­de­nen Amts­stel­len ihren Antrag, wäh­rend sich jede ein­zel­ne für unzu­stän­dig erklärt und den Ball wei­ter­reicht… Und dann gibt es auch die Behör­de, mein vier­tes Bei­spiel, die es fer­tig bringt, fest­zu­stel­len, dass da offen­sicht­lich ein Unter­la­ge­klotz unter einer Stüt­ze hoch­kant und nicht quer, wie auf dem Plan ein­ge­zeich­net, mon­tiert sei, was einer defi­ni­ti­ven Bewil­li­gung im Wege ste­he… Mit sol­cher Rea­li­tät muss fer­tig wer­den, wer mit einem schie­fen Thea­ter auf Tour­nee gehen will. Und er muss höf­lich sein und nett; und sie muss in jeder Situa­ti­on auf die ret­ten­de Idee, das über­zeu­gen­de Augen­zwin­kern, das erlö­sen­de Lächeln oder den genia­len Trick kom­men, um die Geschich­te zu

AARAU

einem guten Ende zu bringen.

Die Rea­li­tät „Wet­ter“ Nor­ma­ler­wei­se ist Wet­ter ja in der Kunst kaum von gros­ser Bedeu­tung, mit Aus­nah­me des Frei­licht­thea­ters viel­leicht. Direkt «match­ent­schei­dend» ist das Wet­ter für ein schie­fes Thea­ter an dem Tag, an dem es auf- oder abge­baut wer­den muss. Fünf­zehn Grad minus bei gna­den­lo­ser Bise am Neu­en­bur­ger­see sind mit Sicher­heit ein ernst-zuneh­men­der Fak­tor für jene zwei Figu­ren, die zwei Tage spä­ter im geheiz­ten Theäter­chen von 120 Per­so­nen warm emp­fan­gen wer­den wol­len. Auf der ande­ren Sei­te, ein paar Mona­te spä­ter und eini­ge Brei­ten­gra­de süd­li­cher (zum Bei­spiel im medi­ter­ra­nen Avi­gnon) haben dann die sel­ben zwei Figu­ren auch dann noch fröh­lich und mun­ter vor ihrem Publi­kum zu bestehen, wenn die­ses vor Hit­ze röchelt und nach küh­ler Luft japst.

Wet­ter ist aber auch Schnee, der ein Thea­ter­dach spie­lend zum Eisturz brin­gen kann, oder das fah­ren­de Gefährt von der siche­ren Fahr­bahn abbringt. Und sol­ches ist dann, wenn es pas­siert, nicht bloss ein miss­li­cher Umstand, der mit einem kur­zen Tele­fon­an­ruf über­wun­den wer­den kann, son­dern eine erns­te Bedro­hung des gan­zen Unter­neh­mens. Ein schie­fes Thea­ter ist eben nicht ein kal­ku­lier­ba­res, ver­si­cher­ba­res Risi­ko, son­dern eine Ein­ma­lig­keit, die

OLTEN

bereits ein hef­ti­ger Schnee­sturm zum Ver­schwin­den brin­gen kann. Und das heisst mit ande­ren Wor­ten: nichts ande­res, als dass die drei bis vier Leut­chen auf ihrer Euro­pa­tour­nee nicht nur Käl­te, Wind und Hit­ze aus­zu­hal­ten haben, son­dern auch das Gefühl der Bedro­hung und der per­ma­nen­ten Unsicherheit.

Die Rea­li­tät „fah­ren­des Vehi­kel“ Rei­sen ist in der Vor­stel­lung von uns Heu­ti­gen im 21. Jahr­hun­dert eine beque­me Ange­le­gen­heit im kli­ma­ti­sier­ten Inne­ren eines Autos, eines

SOLOTHURN

Zugs oder eines Flug­zeugs. Die Tour­nee-Rea­li­tät eines schie­fen Thea­ters wider­spricht die­ser Vor­stel­lung natür­lich in voll­kom­mens­ter Wei­se. Hier reist nicht ein moder­nes Mons­trum, mit allen mög­li­chen tech­ni­schen Schi­ka­nen aus­ge­stat­tet, son­dern ein poe­ti­sches Relikt aus längst ver­blass­ten Zei­ten – und die­ses sieht nicht nur ver­spielt nost­al­gisch aus, son­dern es ver­kör­pert auch eine ganz ande­re Rea­li­tät – eben eine, die sich auch kör­per­lich aus­drückt. Das hat natür­lich Kon­se­quen­zen fiir die, die sich dar­auf einlassen.

Kon­kret: Ein schie­fes Thea­ter reist lang­sam – mit maxi­mal 50 Stun­den­ki­lo­me­tern. Sein Zug­fahr­zeug ist eben ein alter Sau­rer aus dem Jahr 1933. (Wur­den wir jeweils nach dem Alter unse­res Las­ters gefragt, war unse­re Ant­wort hin­ter­häl­tig: über tau­send Jahre…

BIEL

Die his­to­risch Den­ken­den glaub­ten uns.) Ein Sau­rer 1933 ist kein Ive­co 2011, was zum Bei­spiel bedeu­tet, dass sei­ne Ersatz­tei­le unter Umstän­den auf dem Auto­fried­hof gefun­den wer­den müs­sen. Mit einer sol­chen Rea­li­tät muss man dann zum Bei­spiel fer­tig wer­den, wenn im Ruhr­ge­biet plötz­lich eine Zylin­der­kopf­dich­tung ihren Geist aufgibt.
Und wenn ein Pneu her­un­ter­ge­fah­ren ist, liegt der Ersatz nicht im nächs­ten Pneu­haus, son­dern in einer alten, aus­ran­gier­ten Remi­se in einem Hin­ter­hof in Weiss-ich-nicht-wo, die zuvor erst noch gefun­den sein will.

BERN

Mit andern Wor­ten: Hin­ter einer Pre­miè­re auf Ber­lins Leni­ner-Platz steckt mög­li­cher­wei­se, und vom Publi­kum völ­lig unbe­merkt, eine Moto­ren­pan­ne in Mühlheim/Ruhr, die nur über eine Umweg­rei­se von über tau­send Kilo­me­tern, Abschlep­pe­rei­en durch DDR-Gebiet, Geld­trans­fers aus der femen Schweiz und völ­li­ges Umor­ga­ni­sie­ren von ver­bind­li­chen Abma­chun­gen beheb­bar ist.
Zur Erin­ne­rung: Es geht hier um Ideen, aber eben nicht bloss um sol­che, die die Thea­ter­vor­stel­lung bele­ben, son­dern sol­che, die die­se erst ermög­li­chen. Und dabei ist dann halt ein Thea­ter-Vehi­kel mit sei­ner Rea­li­tät nicht zu unterschätzen.

THUN

Die Rea­li­tät «Wer­bung» Die Tour­nee eines schie­fen Thea­ters ist die Rei­se eines Thea­ters, das es nicht gibt. Das tönt kokett, ist aber tat­säch­lich so gemeint, wie es gesagt ist. Für die Bewoh­ner jener Stadt, in der die­ses Thea­ter zu gas­tie­ren gedenkt, ist ein schie­fes Thea­ter erst Wirk­lich­keit, wenn es vor Ort auf­ge­baut, also sicht­bar und von den Medi­en vor­ge­stellt ist. Ist es dann wie­der abge-reist, hört es auf für die­se Stadt zu exis­tie­ren. Dar­um eben gibt es die­ses Thea­ter irgend­wie nicht. Sowas schafft sich eine eige­ne Rea­li­tät, die auf einer sol­chen Tour­nee eben­falls gelebt sein will:

LUZERN

Die Rea­li­tät der Wer­bung. Ein schie­fes Thea­ter unter­wegs muss sich per­ma­nent bekannt machen – in jeder Stadt neu. Es muss also wer­ben; und dazu ste­hen ihm durch­schnitt­lich pro Sai­son etwa 10’500 Fr. zur Ver­fü­gung, also unge­fähr 1’200 Fr. pro Stadt. Mit 10’500 Fr. pro Sai­son erreicht das schie­fe Thea­ter rund 13’000 Zuschau­er. Die­sen Erfolg schafft die­ses Thea­ter mit einem durch­schnitt­li­chen Wer­be­auf­wand von 80 Rp. pro zah­len­de Zuschaue­rin. Das ist die finan­zi­el­le Rea­li­tät. Hin­ter die­ser ver­steckt sich aller­dings eine ganz ande­re – eine gelebte;

GENEVE

und die erzählt sich wohl weit bes­ser, als nack­te Zah­len. Davon will ich jetzt reden.
Kurz gesagt geht es bei einem Thea­ter unter­wegs fort­wäh­rend dar­um, den Leu­ten der gera­de aktu­el­len Stadt ver­ständ­lich zu machen, was auf sei­ner Büh­ne gespielt wird. Dazu ste­hen ihm Pla­ka­te zur Ver­fü­gung, Hand­zet­tel und Inse­ra­te in den Zei­tun­gen. Am wich­tigs­ten aber sind die redak­tio­nel­len Zei­tungs­be­rich­te und die Sen­dun­gen in Radio und Fern­se­hen. Die­se kön­nen natür­lich weit dif­fe­ren­zier­ter berich­ten als die bezahl­te Wer­bung. Aller-dings, von allei­ne und auf eige­nen Antrieb des Medi­ums ent­ste­hen die­se Berich­te nicht.

NYON

Der jeweils zustän­di­ge Redak­tor muss folg­lich vom bevor­ste­hen­den Gast­spiel erfah­ren, und er muss einen per­sön­li­chen Ein­druck von die­sem Vor­ha­ben gewin­nen können.
Aus die­sem Grund küm­mern sich im schie­fen Thea­ter Lise­lot­te oder Moni­ca ganz gezielt um die­se Auf­ga­be. Als eine Art Bot­schaf­te­rin­nen (sie gehen dem Thea­ter immer um unge­fähr zwei bis vier Wochen vor­aus und kon­tak­tie­ren die Pres­se, das Radio, das Fern­se­hen, die Behör­den und ver­schie­dens­te fiir das Thea­ter wich­ti­ge Orga­ni­sa­tio­nen), als Vor­bo­tin­nen ver­kör­peren sie qua­si das schie­fe Thea­ter. Mit andern Wor­ten, sie ver­mit­teln den Medi­en den wich­ti­gen ers­ten Ein­druck. Und ihnen ist es jeweils zu

MONTREUX

ver­dan­ken, wenn über unser Thea­ter berich­tet wird.
Der Blick auf die­se Rea­li­tät des schie­fen Thea­ters macht auch deut­lich, wie das Leben in die­ser Trup­pe fak­tisch abläuft, nicht line­ar und büro­kra­tisch struk­tu­riert, son­dern äus­serst agil. Denn prak­tisch bedeu­tet das Vor­aus­ei­len unse­rer Bot­schaf­te­rin­nen, dass sie unter Tag in der nächs­ten Stadt das Ter­rain vor­be­rei­ten, auf den Abend zurück zum Thea­ter kom­men, den Bil­lett­ver­kauf erle­di­gen, die Tages­ab­rech­nung besor­gen und uns hin­ter der Büh­ne wäh­rend der Vor­stel­lung assis­tie­ren. (Unse­re Auf­ga­ben wäh­rend des Tages sind natür­lich ganz ande­re, aber davon dann später.)

LAUSANNE

Das schie­fe Thea­ter sind nicht zwei Künst­ler und zwei Frau­en, die ihnen zudie­nen, son­dern es ist eine Trup­pe von vier Leu­ten, die die­ses Thea­ter leben. Und zum Leben der Rea­li­tät «Wer­bung» gehört dann auch das Aus­hän­gen von Pla­ka­ten und das Ver­tei­len von Flug­pro­spek­ten. Das erle­digt die gan­ze Trup­pe gemein­sam. Und das bedeu­tet kon­kret, dass wir so unge­fähr eine Woche vor dem nächs­ten Gast­spiel tags­über in der nächs­ten Stadt pla­ka­tie­ren und auf den Abend in die Stadt, wo wir gera­de spie­len, zurück­keh­ren für die Vor­stel­lung. Was das heisst, kann sich viel­leicht vor­stel­len, wer weiss, was tau­send aus­zu­hän­gen­de Pla­ka­te real sind.

FRIBOURG

Hin­ter der Rea­li­tät «Wer­bung» ver­steckt sich eine immense Arbeit, die von Gast­spiel zu Gast­spiel geleis­tet wer­den muss.

Die „Rea­li­tät des Woh­nens» Tour­nee, das heisst Unste­tig­keit, Hei­mat­lo­sig­keit, Unge­bun­den­heit. Wie lebt sich das? Wo wohnt man, wenn man von Sep­tem­ber bis Ende Juni unter­wegs ist? In Wohn­wa­gen? In Hotels? Und wo ver­kös­tigt man sich?

YVERDON

Von allem Anfang an ist uns klar, dass wir im unste­ten Leben einer Tour­nee auch Ruhe und Pri­vat­heit nötig haben. Also schlies­sen wir schon im Vor­feld das Rei­sen im Wohn­wa­gen aus; und das Hau­sen in Hotels ist uns zu kon­form und zu teuer.
Also leben wir sie­ben Jah­re lang in pri­va­ten Zim­mern, manch­mal in klei­nen Woh­nun­gen, und eigent­lich immer getrennt von­ein­an­der. Daheim in der Schweiz war­tet auch bei lan­ger Abwe­sen­heit eine Woh­nung auf uns – unser rich­ti­ges Daheim, auf das wir uns, gera­de gegen Sai­son­ende, wie Kin­der auf Weih­nach­ten freuen.

NEUCHATEL

Doch wie wohnt es sich nun unter­wegs –real? In einem Wort: Sehr, sehr unter­schied­lich. Das ist gar nicht schlecht, denn auf die­se Wei­se lernt man Men­ta­li­tä­ten, Eigen­hei­ten und Macken von Men­schen ken­nen – meist sind es Schlum­mer­müt­ter. Das Schö­ne (und manch­mal Bemü­hen­de) dar­an: Die Zim­mer sind möbliert, ein­ge­rich­tet, und spre­chen eine eige­ne Spra­che: Manch­mal sind sie gemüt­lich und lie­be­voll aus­ge­stat­tet; manch­mal kahl, zweck­mäs­sig und berech­nend; manch­mal trau­rig wie Men­schen, die einem Ver­stor­be­nen nach­wei­nen; manch­mal frei­gie­big; manch­mal nichts als kor­rekt; manch­mal ideo­lo­gisch; manch­mal locker, fröh­lich, unkompliziert…

LA CHAUX DE FONDS

Kurz, unse­re Tour­nee-Zim­mer sind wie die Men­schen; manch­mal ver­trägt man sich gut mit ihnen, manch­mal ner­ven sie, manch­mal über­fah­ren sie einen, manch­mal wei­chen sie aus. Inter­es­sant in die­sem Zusam­men­hang ist dabei das Ver­hal­ten von Lise­lot­te und mir beim Bezug des «neu­en» Daheims. (Wie es bei Moni­ca und Domi­ni­que jeweils zuging, weiss ich natür­lich nicht.) Wir wer­fen als ers­tes jeweils einen kur­zen, geüb­ten Blick auf die Gesamt-situa­ti­on, stel­len das Gepäck, das wir bereits bei uns haben, in irgend­ei­ne freie Ecke, und dann wer­den die Möbel umge­stellt – hin und her, kreuz und quer. Ertappt uns

ZÜRICH

die Ver­mie­te­rin dabei (Ver­mie­ter sind eher sel­ten), kriegt sie einen ers­ten Schock – aber das legt sich in der Regel. Unse­re Umstel­le­rei hat natür­lich ihren tie­fen, ritu­el­len Sinn: Wir ergrei­fen so qua­si Besitz «unse­res» Ter­ri­to­ri­ums, wir set­zen «Duft­mar­ken» und rich­ten uns eben in den Gege­ben­hei­ten so ein, wie es uns ent­spricht; das heisst, wir schie­ben und ändern, bis es uns eini­ger­mas­sen wohl ist. Und dann sind wir hier.

BASEL

Und wenn wir wie­der weg­zie­hen, beginnt bei Lise­lot­te das gros­se Trau­ern und Jam­mern dar­über, dass wir schon wie­der ver­las­sen müs­sen, was uns doch so ans Herz gewach­sen ist … Ja, aber wann wohnt es sich denn eigent­lich, wenn man doch unter­wegs ist? In der Regel spät nachts nach der Vor­stel­lung und am Vor­mit­tag, wenn kei­ne Ter­mi­ne wahr­ge­nom­men wer­den müs­sen, oder wenn Pla­ka­tie­ren oder Zügeln ange­sagt ist. Und natür­lich am frei­en Wochen­en­de, das heisst, in der Regel an Sonn- und Mon­ta­gen. Das sind auch die bei­den Tage, wo wir uns die Stadt gründ­li­cher anschau­en, Kunst­in­sti­tu­tio­nen besu­chen oder ins Theater

BERN

und ins Kon­zert gehen kön­nen. Unser Thea­ter und unse­re Part­ner sind dann weit weg, vor­aus­ge­setzt, es pas­siert nichts Unvorhergesehenes.
Das kur­ze Woh­nen im pri­va­ten Abseits ist etwas wie eine Insel in der Per­ma­nenz eines sol­chen Thea­ter­le­bens. Und es ist sehr wich­tig. Wich­tig ist das Pri­va­te auch, weil man sich als Part­ner einer sol­chen Insti­tu­ti­on durch und durch kennt. Man lebt so Vie­les gemein­sam und gibt so viel Per­sön­li­ches in das Gemein­sa­me, man freut sich am Sel­ben, fürch­tet sich vor dem Sel­ben, man liebt und hasst oft das Sel­be und beim Spie­len auf der Büh­ne teilt man sogar die Emo­tio­nen miteinander.
Das alles bin­det auf wun­der­ba­re Wei­se, aber es schafft auch emotionale

LUGANO

Abhän­gig­kei­ten, die pro­ble­ma­tisch wer­den kön­nen. Und in die­sen Gege­ben­hei­ten tut es gut, Zei­ten des ganz Pri­va­ten, Zei­ten des Getrennt­seins von den Part­nern leben zu kön­nen. Im Woh­nen wird das möglich.

Die Rea­li­tät «Stadt» Um die sech­zig Städ­te haben wir auf unse­rer sie­ben­jäh­ri­gen Tour-nee mit dem schie­fen Thea­ter ken­nen gelernt. Die­ses Ken­nen­ler­nen ist ein pro­fun­des, das eigent­lich emo­tio­nal vonstatten

LOCARNO

geht. Auf die­ser lan­gen Tour­nee haben wir die Stadt kul­tu­rell lesen gelernt. Damit will ich sagen, wir haben eine Art Gefühl für das Leben in der Stadt ent­wi­ckelt. Wir wuss­ten und wis­sen immer noch sehr schnell, was mit einer Stadt los ist. Wir mer­ken es sofort: Die­se Stadt ist leben­dig, die­se ver­schla­fen, die­se gemüt­lich, jene denkt nur ans Geld, die­se ist stolz, jene blufft. Und wir mer­ken auch schnell, wenn eine Stadt zu Tode moder­ni­siert ist. Die­ses Gefühl hat sich natür­lich nicht ein­fach so erge­ben, es ist für eine Trup­pe auf Euro­pa- Tour­nee lebensnotwendig.

Foto: zVg.
ensuite, Janu­ar 2012