Eine Tour­nee leben – Teil 2

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Von Albert le Vice 

PARIS

Ein Gast­spiel will geplant sein – eigent­lich muss es vor­ge­fühlt sein. Man muss bei­spiels­wei­se im Vor­aus bestim­men, wie lan­ge es dau­ern soll; man muss wis­sen, wo das Thea­ter auf­ge­baut wer­den kann, man muss spü­ren, wo die Leu­te ger­ne sind, und man muss auch im Vor­aus abschät­zen kön­nen, wie gross der Zuspruch des Publi­kums etwa sein könn­te. Und das zwingt einen, genau hin­zu­schau­en, auf­merk­sam hinzuhören:

Auf das Ver­hal­ten der Men­schen in der Fuss­gän­ger­zo­ne, auf den Ton der Ver­käu­fe­rin­nen in den Läden, auf die Art, wie die «Höck­ler» in der Beiz mit­ein­an­der spie­len und reden, auf die Bereit­schaft, den Pla­kat­ver­trä­ger wohl­wol­lend anzu­se­hen, oder ihn schroff abzu­put­zen. Es gibt tausend

AVIGNON

Unschein­bar­kei­ten, die Aus­kunft über das Befin­den einer Stadt geben. Auf sie zu ach­ten haben wir täg­lich und aus nahe­lie­gen­dem Inter­es­se gelernt. Dar­aus haben wir unser Fee­ling entwickelt.

Die Stadt ist fas­zi­nie­rend. Für ein schie­fes Thea­ter macht es einen gros­sen Unter­schied, ob es in Ber­lin (mit Mau­er) spielt, oder in Frank­furt. Die Gelöst­heit der Stu­den­ten in Aachen unter­schei­det sich von der Lee­re in Ham­burgs Innen­stadt am Abend.

Die fei­ne Freund­lich­keit Nürn­bergs ist was ganz ande­res als die grob­schläch­ti­ge Mün­chens. Die Bas­ler fin­den das Leben «fein», wie sie sagen, und

MÜNCHEN

die Zür­cher mei­nen, selbst Wit­ze kau­fen zu kön­nen. Dane­ben Paris, das Welt­stadt-Dorf mit den tau­send­fäl­ti­gen, nicht sel­ten luschen Bezie­hun­gen, und das neben Locar­no, das sei­nen Poli­zei­chef gleich sel­ber den Ast absä­gen lässt, der irgend­wem im Wege ist.

Das ist Stadt. Und mit die­ser Rea­li­tät hat sich ein schie­fes Thea­ter auf Tour­nee real aus­ein­an­der zu set­zen. Denn die­se Rea­li­tät und der Umgang mit ihr bestim­men zu einem guten Teil den Erfolg eines klei­nen Thea­ters, das sich dem Leben einer frem­den Stadt aussetzt.

STUTTGART

Die Rea­li­tät «Thea­ter-Trup­pe» Als Thea­ter sie­ben Jah­re lang auf Tour­nee zu sein, heisst, gemein­sam mit zwei, manch­mal drei Men­schen eine Art von Leben zu tei­len, die gewag­ter, unsi­che­rer, unvor­her­seh­ba­rer, kurz aben­teu­er­li­cher nicht sein kann.

«Leben tei­len» sage ich bewusst, denn es geht hier nicht bloss um das pro­fes­sio­nel­le Bewäl­ti­gen eines abwechs­lungs­rei­chen Pro­jekts, son­dern um das gemein­sa­me Leben eines Werks durch vier Per­so­nen. (Übri­gens, wenn ich von drei oder vier Per­so­nen spre­che, so hat das damit zu tun, dass unse­re Trup­pe manch­mal drei Mit­glie­der umfasst, manch­mal vier. Wäh­rend den

NÜERNBERG

ers­ten drei Tour­nee-Jah­ren sind wir zu dritt, nach­her zu viert – zwei Män­ner, zwei Frau­en, die mit der Zeit zu Paa­ren und irgend­wann zu Ehe­paa­ren wer­den.) Eine Thea­ter-Trup­pe wie das schie­fe Thea­ter ist viel­leicht am ehes­ten mit einem Streich­quar­tett zu ver­glei­chen, in dem ja die ein­zel­nen Mit­glie­der äus­serst sen­si­bel auf­ein­an­der ach­ten müs­sen, was sie natür­lich auch für All­tags­pro­ble­me emp­find­lich macht. Das kann dann auch schwie­rig sein.

FRANKFURT

Bei einem schie­fen Thea­ter auf sei­nen lan­gen Rei­sen kom­men, situa­ti­ons­be­dingt, noch eini­ge wesent­li­che Aspek­te erschwe­rend hin­zu. Auf sie möch­te ich jetzt, wo es um die Rea­li­tät einer sol­chen Trup­pe geht, etwas näher eingehen:

Grund­sätz­lich ist für das Gedei­hen einer guten Trup­pe Vor­aus­set­zung, dass sich die ein­zel­nen Mit­glie­der gegen­sei­tig nicht bloss mögen, respek­tie­ren und ach­ten, sie müs­sen dar­über hin­aus mensch­lich har­mo­nie­ren wie ein Streich­quar­tett, dann aber mit unend­lich vie­len zusätz­li­chen Hin­der­nis­sen fer­tig wer­den, die im Musik­be­trieb durch ande­re Insti­tu­tio­nen arbeits­tei­lig über­nom­men wer­den, und erst noch abge­si­chert sind mit Geld im Hintergrund.

DÜSSELDORF

Genau hier liegt der gros­se Unter­schied zu einem schie­fen Thea­ter. Die­ses ist Künst­ler-Ensem­ble, Agen­tur, Hand­wer­ker­crew, Wer­be­bü­ro, Buch­hal­te­rei, Risi­ko­ma­na­ge­rin, Lebens- und Schick­sals­ge­mein­schaft in einem. Eines hängt da vom andern ab, jeder ein­zel­ne Bereich, jede ein­zel­ne Per­son kann das Gan­ze gefähr­den – oder erfolg­reich wer­den lassen.

Von sei­ner Struk­tur und sei­ner Kom­ple­xi­tät her ist die­ses Thea­ter als öffent­li­che Insti­tu­ti­on poten­ti­ell fort­wäh­rend bedroht – nicht zuletzt auch durch die bana­le Tat­sa­che, dass kei­nes sei­ner Mit­glie­der ein­fach so ersetzt wer­den kann.

BERLIN

Doch, was heisst dies alles für das eigent­li­che Leben in einem sol­chen Thea­ter? Es heisst wohl in ers­ter Linie (und das klingt banal), dass das Zusam­men­ge­hen in jedem ein­zel­nen Fall extrem seri­ös und ver­ant­wor­tungs­voll bedacht sein will – und zwar von jedem der spä­te­ren Trup­pen­mit­glie­der. Denn, wohl­ver­stan­den, hier spie­len Gesetz­mäs­sig­kei­ten eine Rol­le, die wir eigent­lich vom Ver­liebt­sein her kennen.

Aller­dings, Kopf­lo­sig­keit liegt in unse­rem Fall nicht drin.

Dabei ist ja die Schwie­rig­keit beim Ent­schei­den die, dass erst im alltäglichen

HANNOVER

Umgang mit­ein­an­der und den anfal­len­den Pro­ble­men ersicht­lich wird, ob das gefor­der­te Zusam­men­spiel auch tat­säch­lich klappt. Die Trup­pe hat sich etwa Fol­gen­des zu fra­gen: Kann Lise­lot­te ver­han­deln? Kann es Moni­ca? Kön­nen Domi­ni­que und ich, bei­de kei­ne Hand­wer­ker, ein zwölf Ton­nen schwe­res Gefährt bau­en? Wie reagiert wer, wenn in Paris eine Plei­te droht? Was geschieht, wenn plötz­lich jemand krank wird? Wer lie­fert die trag­fä­hi­gen Ideen? Wer ent­schei­det, was gut ist; wer, was pro­du­ziert wer­den kann? Wie gehen wir damit um, dass wir unse­re Freun­de daheim in der Schweiz las­sen müs­sen? Und wie sieht das mit dem impro­vi­sier­ten Woh­nen auf die Dau­er aus? Fra­gen, Fra­gen, Fragen.

HAMBURG

Im Grun­de sind eigent­lich nicht die im Vor­aus gege­be­nen Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen ent­schei­dend, son­dern eine gewis­se inne­re Bereit­schaft, eine Offen­heit und Zuver­sicht, sich immer wie­der sol­che Fra­gen zu stel­len und auf gute Wei­se damit umzu­ge­hen. Auf gute Wei­se? Wahr­schein­lich heisst das «wohl­wol­lend». Wohl wol­lend dem Gegen­über, Wohl wol­lend dem Gan­zen. Destruk­ti­ves, Rächen­des, Weh­tu­en­des hat in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen (die sich zwangs­läu­fig ein­stel­len wer­den) im Leben einer sol­chen Trup­pe mit Sicher­heit nichts zu suchen.

LUENEBURG

Und die­ses Bewusst­sein muss wohl jedes Mit­glied als eine Art von Cha­rak­ter­ei­gen­schaft mit­brin­gen. Eine sol­che Trup­pe setzt ein Ver­hal­ten vor­aus, eine Grund­ein­stel­lung, die das gute Gelin­gen will, eine Ein­stel­lung, die sich bei­na­he kind­lich am Gelin­gen einer Geschich­te freut. Damit Sie sich jetzt, lie­be Lese­rin, lie­ber Leser, ein kon­kre­tes Bild über einen Tour­nee­tag des schie­fen Thea­ters machen kön­nen, hier die Beschrei­bung eines sol­chen in Nürn­berg im Früh­jahr 1972.

Das schie­fe Thea­ter befin­det sich auf­ge­baut auf dem Haupt­markt, in unmit­tel­ba­rer Nähe des «schö­nen Brunnens».

BREMEN

Wir woh­nen ganz in der Nähe im Hei­lig Geist-Spi­tal, das zu jener Zeit ein Stu­den­ten­wohn­heim ist. Moni­ca ist bereits am frü­hen Mor­gen nach Frank­furt gefah­ren. Sie hat einen Ter­min beim Kul­tur­de­zer­nen­ten (dem Kul­tur­mi­nis­ter der Stadt), will ihm unser Thea­ter vor­stel­len, über eine gute Plat­zie­rung des Thea­ters in der Innen­stadt ver­han­deln und her­aus­fin­den, wel­che Mög­lich­kei­ten das Kul­tur­de­zer­nat sieht, uns in Kul­tur­krei­sen bekannt zu machen. Er könn­te ein guter Tür­öff­ner sein, Moni­ca hat bereits eine gute Ahnung von den Platz­ver­hält­nis­sen in Frank­furts Innen­stadt und sie weiss natür­lich, wel­che Plät­ze sieh für ein Gast­spiel eig­nen und wel­che nicht. Sie kann also mitreden.

MÜNSTER

Und wie es bei sol­chen ers­ten Kon­tak­ten mit den Behör­den so ist, weiss sie, dass der Kul­tur­de­zer­nent geeig­ne­te Plät­ze wahr­schein­lich nicht sel­ber bewil­li­gen, aber der zustän­di­gen Behör­de eine Bewil­li­gung emp­feh­len kann. Sol­ches ist sehr wichtig.

Wir in Nürn­berg, also Lise­lot­te, Domi­ni­que und ich tref­fen uns zum Mit­tag­essen in einem Bal­kan-Restau­rant am Haupt­markt (die Bal­kan­kü­che zie­hen wir der deut­schen vor). Was wir am Vor­mit­tag zu erle­di­gen gehabt haben, haben wir «daheim», also in unse­rer Stu­den­ten­bu­de erle­digt: Druck­vor­la­gen fürs Frank­fur­ter Pla­kat vor­be­rei­ten, Tex­te für die Presse

DORTMUND

schrei­ben, die Buch­hal­tung nach­füh­ren, das eine oder ande­re in der Stadt ein­kau­fen gehen. Nach dem Mit­tag­essen sind Domi­ni­que und ich bereits im Thea­ter, hei­zen als ers­tes ein (es ist Anfang März). Lise­lot­te küm­mert sich um die Ver­brei­tung unse­rer Hand­zet­tel. Sie sucht öffent­li­che Insti­tu­tio­nen auf, füllt dort lee­re Sta­pel nach, sucht nach neu­en, geeig­ne­ten Aus­la­ge­plät­zen und hängt da und dort Pla­ka­te auf, wo es noch kei­ne hat. Gegen Abend kehrt sie zu uns zum Abend­essen im Thea­ter zurück. In der Zwi­schen­zeit arbei­ten Domi­ni­que und ich an unse­rer nächs­ten Num­mer, das heisst, wir tüf­teln an einem wich­ti­gen Requi­sit für

BONN

die Wasch­ma­schi­nen­ge­schich­te. Und weil Requi­si­ten im schie­fen Thea­ter nie bloss Staf­fa­ge son­dern wich­ti­ge Hand­lungs­trä­ger sind ist bereits das Hand­werk­li­che Teil der spä­te­ren Geschich­te auf der Büh­ne. Requi­si­ten sind folg­lich oft kom­pli­zier­te Din­ger, deren Her­stel­lung meist Jah­re bean­sprucht. (Übri­gens: die Wasch­ma­schi­nen­ge­schich­te müs­sen wir, bei­na­he büh­nen­reif, am Ende der Tour­nee unge­spielt liquidieren!)

Am Abend (mitt­ler­wei­le ist es etwa 18 Uhr gewor­den, Moni­ca ist zurück aus Frank­furt, im Thea­ter ist das wich­tigs­te für die Vor­stel­lung bereit) essen wir gemein­sam etwas Leich­tes. (Mit vol­lem Magen zu spie­len ist sehr hin­der­lich.) Wäh­rend des Essens, die Abend­kas­se ist bereits geöffnet,

KÖLN

erzählt uns Moni­ca von ihrem Tag in Frank­furt, das eine oder ande­re wird spon­tan dis­ku­tiert. Jetzt ist das schie­fe Thea­ter erst­mals kom­plett heute.

Ab 19 Uhr zie­hen sich Domi­ni­que und ich auf die Büh­ne zurück, berei­ten noch eini­ge Klei­nig­kei­ten vor, über­prü­fen, ob auch das Hin­ter­letz­te tat­säch­lich funk­tio­niert und sich am rich­ti­gen Ort befin­det (wäh­rend der Vor­stel­lung muss sol­ches blind greif­bar sein, nicht zuletzt drum, weil Kos­tüm- und Requi­si­ten­wech­sel meist im abso­lu­ten Dun­kel zu gesche­hen haben), schmin­ken uns, zie­hen die Büh­nen­klei­der an. Die letz­te hal­be Stunde

AACHEN

kon­zen­trie­ren wir uns auf die Vor­stel­lung. Zur glei­chen Zeit bedient Lise­lot­te die Kas­se und Moni­ca besorgt den Ein­lass des Publi­kums, ver­kauft Programmhefte.

Sind die letz­ten Zuschaue­rin­nen im Thea­ter, schliesst Lise­lot­te ihre Kas­se und steigt zu uns hin­auf, hin­ter die Büh­ne. Heu­te assis­tiert sie (es könn­te auch Moni­ca sein). Sie ist also für alles zustän­dig, was hin­ter und neben der Büh­ne eine Rol­le spielt. Mit andern Wor­ten, sie ist die drit­te Spie­le­rin des schie­fen Thea­ters – unsicht­bar zwar, aber unver­zicht­bar. Der­weil sitzt Moni­ca im Zuschau­er­raum, bereit, immer dann aktiv zu wer­den, wenn im Publi­kum Uner­war­te­tes geschieht.

MAINZ

So unge­fähr um 22 Uhr ist die Vor­stel­lung zu Ende. Domi­ni­que und ich, völ­lig ver­schwitzt am Büh­nen­rand sit­zend, «neu­tra­li­sie­ren» uns.

Mög­li­cher­wei­se war­ten noch ein paar Leu­te unten im Saal, um mit uns zu plau­dern. Moni­ca und Lise­lot­te rech­nen die Vor­stel­lung ab, und nach und nach begin­nen wir, die Akteu­re, uns um das Requi­si­ten- und Klei­der­cha­os auf der Sei­ten­büh­ne zu küm­mern und berei­ten bereits wie­der die Vor­stel­lung des kom­men­den Tages vor. So kann tags­über pas­sie­ren was will, die Vor­stel­lung ist spielbereit.

DARMSTADT

Nach etwa einer Stun­de ver­las­sen auch wir das Thea­ter, gehen gemein­sam noch etwas essen. Gegen ein Uhr sind wir wie­der «daheim» im Hei­lig Geist-Spital.

Die Rea­li­tät «Thea­ter» Von Rea­li­tä­ten rund um die lang­jäh­ri­ge Tour­nee des schie­fen Thea­ters rede ich. Bis jetzt habe ich mich eher mit den Äus­ser­lich­kei­ten befasst; vom Eigent­li­chen, dem Spiel auf der Büh­ne, den Ideen, der Wir­kung unse­rer Geschich­ten auf das Publi­kum, sei­nen Reak­ti­ons­wei­sen habe ich bis­her eher

MANNHEIM

geschwie­gen – nicht ohne Grund. Das Erleb­nis des Thea­ter­spiels ist für den Akteur selbst eben schlicht nicht reproduzierbar.

Abge­se­hen davon, dass der Spie­ler auf der Büh­ne der­art auf den Augen­blick kon­zen­triert ist, dass er sich mit dem Beschrei­ben des Vor­stel­lungs­er­leb­nis­ses schlicht nicht befas­sen kann. Zwar neh­me ich als Spie­ler fast alles wahr, was gera­de läuft rund­um (sei es auf der Büh­ne, neben­an auf der Sei­ten­büh­ne, im Zuschau­er­raum, oder gar draus­sen, rund ums Thea­ter), doch dies dann auch beschrei­bend fest­hal­ten zu kön­nen über­steigt mei­ne per­sön­li­chen Fähigkeiten.

LUDWIGSHAFEN

Ich kann höchs­tens von der Situa­ti­on des Spie­lens vor Publi­kum erzäh­len, und vom Pro­zess des Geschich­ten-Erfin­dens. Davon soll jetzt, als qua­si letz­te Rea­li­tät in unse­rem Zusam­men­hang, die Rede sein:

Thea­ter spie­len. Basis jedes Thea­ter­spiels ist die­se Situa­ti­on: Irgend­wo in einem Raum sitzt ein Publi­kum und erwar­tet, dass in einem andern Raum, der Büh­ne, etwas Beson­de­res pas­siert, und dass es die­ses Beson­de­re jetzt mit­er­le­ben kann.

HEIDELBERG

Die­se Grund­si­tua­ti­on ist durch eine gros­se Span­nung gekenn­zeich­net, und mit ihr spie­le ich als Schau­spie­ler. Was ich spie­le und womit, ist mir über­las­sen. Das ist mei­ne Frei­heit – eine unend­lich gros­se Frei­heit. Im Grun­de genom­men tref­fen im Thea­ter zwei Rea­li­tä­ten auf­ein­an­der: Die Rea­li­tät der Span­nung im Publi­kum und die Rea­li­tät des Spiels auf der Büh­ne. Die­se bei­den Rea­li­tä­ten sind durch einen Vor­hang von­ein­an­der getrennt. Wenn er sich öff­net, tref­fen sie auf­ein­an­der und durch­drin­gen sich gegenseitig.
Die­ser Vor­gang hat einen enor­men Reiz.

STUTTGART

Wenn nun Domi­ni­que und ich die Vor­stel­lung begin­nen, wis­sen wir natür­lich, was jetzt zu gesche­hen hat. Wir haben ja geprobt. Aller­dings, jetzt auf der Büh­ne und mit Leu­ten im Saal, reicht es natür­lich nicht, das Ein­ge­üb­te ein­fach her­un­ter­zu­spie­len, son­dern wir müs­sen unser Spiel jener Span­nung im Zuschau­er­raum aus­set­zen und mit unse­rer eige­nen, inne­ren kon­fron­tie­ren. Was heisst das? Etwa Fol­gen­des: Der Vor­hang öff­net sich, die Schein­wer­fer sind auf die Büh­ne gerich­tet, wir tre­ten auf, und die Zuschaue­rin erwar­tet etwas – irgend­et­was. Und jetzt ist es an uns, die­se Erwar­tung auf irgend­ei­ne Wei­se zu erfül­len. Wo und wie dies zu gesche­hen hat ist offen; aber es dau­ert den ganzen

ZÜRICH

Abend lang. Und einen gan­zen Abend lang spie­len wir Katz und Maus mit­ein­an­der, das Publi­kum im Saal, wir auf der Bühne.

Das geht etwa so: Wir len­ken zum Bei­spiel sei­nen Blick auf einen bestimm­ten Punkt auf der Büh­ne, das Publi­kum nimmt die­sen Punkt sofort wahr, beob­ach­tet ihn inten­siv, denn es erwar­tet ja, dass hier etwas gesche­hen wird. Die­ser Erwar­tung kön­nen wir nun ent­spre­chen oder auch nicht. Wir kön­nen ohne wei­te­res noch einen zwei­ten Punkt in den Fokus der Publi­kums­er­war­tung rücken und in dem Moment, wo es die Auf­lö­sung die­ses zwei­ten Rät­sels erwar­tet, ganz uner­war­tet das ers­te lösen.

BADEN

Mit andern Wor­ten: Die Welt, die wir auf der Büh­ne ent­ste­hen las­sen kön­nen wir belie­big ver­än­dern, und das Publi­kum ist fort­wäh­rend damit beschäf­tigt, die so ent­stan­de­nen Wel­ten zu ent­schlüs­seln. Das ist ein extrem lust­be­ton­ter Vor­gang – eben etwas Lus­ti­ges, egal, ob man dabei lacht oder nicht.

Es pral­len hier also zwei Wel­ten auf­ein­an­der, die rea­le des real im Zuschau­er­raum sit­zen­den Publi­kums und die fan­ta­sier­te auf der Bühne.

Das real dasit­zen­de Publi­kum ver­sucht also die fan­ta­sier­te Rea­li­tät auf der Büh­ne zu erfas­sen, und wir ver­su­chen auf der andern Sei­te, ihm unse­re fan­ta­sier­te Rea­li­tät immer dann zu ent­zie­hen, wenn es sie gera­de knapp erfasst hat.

CHUR

Das also ist unser Spiel – das Thea­ter-Spiel. Und es wird jeden Tag wie­der neu gespielt – vor immer ande­ren Leu­ten, die natür­lich immer anders reagie­ren. Eine fas­zi­nie­ren­de Ange­le­gen­heit – ein wun­der­ba­res Spiel!

Geschich­ten fin­den – Geschich­ten erfin­den Eben habe ich ver­sucht zu beschrei­ben, was eigent­lich geschieht zwi­schen uns, den Spie­lern auf der Büh­ne, und dem Publi­kum im Saal wenn wir spie­len. Jetzt ver­su­che ich zu beschrei­ben, wie unse­re Geschich­ten entstehen.

ST.GALLEN

Gemein­hin, nimmt man ja an, habe ein Künst­ler ein­fach mal eine Idee, ganz zufäl­lig, die schrei­be er dann auf, set­ze sie für die Büh­ne um und spie­le sie anschlies­send. Der eigent­li­che Vor­gang ist kom­pli­zier­ter, und er hat sehr viel zu tun mit dem eben beschrie­be­nen des Spie­lens vor und mit Publi­kum. Die Aus­gangs­la­ge ist grund­sätz­lich immer die­sel­be: Ich set­ze mich (in mei­ner Fan­ta­sie) vor das Publi­kum, schaue es an (das ist sehr wich­tig) und war­te. Und jetzt? Genau das den­ke ich, und genau das denkt das Publi­kum in die­ser Situa­ti­on auch. Ich warte.

WINTERTHUR

Und zwar war­te ich, bis mich die Lust über­kommt, mit die­sen Leu­ten vor mir etwas anzu­stel­len – so ähn­lich wie ein klei­ner Bub, der einen Streich aus­heckt. Was das zu sein hat ist in die­sem Moment grund­sätz­lich gleich­gül­tig, aber es muss mich nach etwas ganz Bestimm­tem gelüs­ten – nicht nach irgend­was, nach etwas Bestimm­tem. Dabei kommt es auf die­ses Gelüs­ten an. Fällt mir etwas ein, das mich eigent­lich nicht anschaut, das mich also kalt lässt, dann eig­net es sich nicht für eine Geschichte.

Dann begin­ne ich mein inner­li­ches Spiel mit den Leu­ten vor mir von vom. Und ich spie­le es immer wie­der, bis mich die unbe­schreib­li­che Lust befällt, aus genau die­ser Idee eine Geschich­te zu machen. Das kann dau­ern, Stun­den manch­mal, sogar Tage oder Wochen.

SCHAFFHAUSEN

Doch wie kommt es nun zu die­ser Lust? Ich weiss es nicht – es kommt dazu, oder es kommt nicht dazu. Der Ein­fall gefällt mir ein­fach. Natür­lich prü­fe ich sei­ne Qua­li­tä­ten: Ich spie­le in Gedan­ken mit ihm her­um, völ­lig ziel­los – und wenn ich dabei spü­re, dass sich dar­aus was machen lässt, sich dar­in rei­che, viel­fäl­ti­ge Spiel­mög­lich­kei­ten ver­ber­gen, so brin­ge ich ihn in mei­ner Fan­ta­sie vor mein vor mir sit­zen­des Publi­kum. Ich über­ra­sche es mal mit die­sem Detail oder jenem, und dabei mer­ke ich auf ganz natür­li­che Wei­se, wie viel Ver­füh­re­ri­sches, När­ri­sches, Dop­pel­sin­ni­ges, Nach­denk­li­ches in ihm steckt, und wenn sich mir dabei eine neue, viel­leicht völ­lig unver­trau­te Welt auftut,

BERN

so bin ich «gelie­fert». Dann bin ich die­ser spon­ta­nen Idee aus­ge­lie­fert. Jetzt bin ich wie der Gefan­ge­ne mei­ner Idee und ich will sie spie­lend ergrün­den. Das fan­ta­sier­te Spiel mit dem fan­ta­sier­ten Publi­kum wird plötz­lich zu einem ech­ten Spiel, das wirk­lich gespielt sein will.

Das ist der schöns­te Augen­blick die­ser neu­en Geschich­te – und dann beginnt die Arbeit.

Die­se Arbeit ori­en­tiert sich so nah wie immer nur mög­lich am ursprüng­lich fan­ta­sier­ten Spiel, möch­te die­se Qua­li­tät in voll­kom­me­ner Wei­se errei­chen und wird dies nie voll­stän­dig schaffen.

FREIBURG I. BR.

Das ist das leicht Trau­ri­ge an jedem rea­li­sier­ten Werk: es ist das Ein­ge­ständ­nis, dass die Geschich­te eigent­lich noch weit schö­ner, lus­ti­ger, ergrei­fen­der, über­ra­schen­der sein könn­te. Zwi­schen Fan­ta­sie und Wirk­lich­keit gibt es einen Unter­schied: Diesen.

BASEL

Foto: zVg.
ensuite, Febru­ar 2012



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