Ein Som­mer bei den Sar­to­ris – die Hen­ne setzt sich durch

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Von Nata­raj von All­men – Weit abseits vom vene­zia­ni­schen Tou­ris­ten­strom, 20 Bus­mi­nu­ten süd­west­lich von der Uni­ver­si­täts­stadt Padua, liegt ganz unschein­bar, ver­steckt zwi­schen alten Häu­sern ein klei­nes beschei­de­nes Museum.

Im vor­ge­la­ger­ten, umzäun­ten Gar­ten steht etwas rechts von der Mit­tel­ach­se des weiss getünch­ten Stein­hau­ses eine Bron­ze­fi­gur auf einem klei­nen Beton­so­ckel. Beim genaue­ren Hin­se­hen erkennt man eine manns­gros­se, männ­li­che Gestalt mit Lan­ze und einem fla­chen, läng­li­chen Gegen­stand im Gür­tel, im Lauf­schritt fest­ge­hal­ten. Das Gesicht ist son­der­bar ver­zerrt und über­zeich­net, mit einer klei­nen Stups­na­se, weit auf­ge­ris­se­nen Augen und hoh­len Backen, dem ankom­men­den Besu­cher ent­ge­gen­bli­ckend: Arlec­chi­no. «Museo Inter­na­zio­na­le del­la Masche­ra», steht in klei­nen Let­tern rechts von der Ein­gangs­tür in den Vor­gar­ten. Der Bus­chauf­feur, die Frau auf der Stras­se und der Vel­over­mie­ter im Ort wuss­ten nichts von die­sem Muse­um, als ich vor vier Jah­ren hier her kam, um im Muse­um die Leder­mas­ken der «Com­me­dia dell’arte» zu besich­ti­gen. Im Muse­um befin­det sich zum Bei­spiel die 1’700 mal gespiel­te, mit Schweiss getränk­te Arlec­chi­no-Mas­ke des Schau­spie­lers Fer­ruc­cio Sole­ri in der Pro­duk­ti­on «Arlec­chi­no, Ser­vi­to­re di due Padro­ni» vom Pic­co­lo Tea­t­ro in Mila­no in der Insze­nie­rung von Gior­gio Streh­ler. Magisch im Dun­keln, Thea­ter­stim­mung vor­täu­schend, in schwach­be­leuch­te­ten Vitri­nen insze­niert, reiht sich Mas­ke an Mas­ke, voll­endet im Hand­werk, stark im Aus­druck: 60 Jah­re Thea­ter­ge­schich­te; ein Wie­der­auf­le­ben der für tot erklär­ten Com­me­dia dell’arte nach dem 2. Welt­krieg. Ein wun­der­sa­mes Zusam­men­tref­fen von dem Mimen Jac­ques Lecoq aus Paris und dem Bild­hau­er Amle­to Sar­to­ri an der Uni­ver­si­tät Padua führ­te 1948 mit der Thea­ter­grup­pe der Uni­ver­si­tät zum Wie­der­auf­er­ste­hen der Leder­mas­ke für das Thea­ter, nach 200 Jah­ren des Ver­ges­sens der Com­me­dia dell’arte.

Nun bin ich wie­der da, für einen Monat hier in Aba­no Ter­me. Im berühm­tes­ten Mas­ken­stu­dio der Welt, wie es in einem klei­nen Büch­lein über Mas­ken geheis­sen hat, das ich zur Vor­be­rei­tung auf den Mas­ken­kurs gele­sen habe. Schau­spie­ler, Satt­ler, Büh­nen­ge­stal­ter, Set-Desi­gner, Kos­tüm- und Mas­ken­bild­ner, Kunst­stu­den­ten aus der gan­zen Welt – und eben auch ich als Thea­ter­schaf­fen­der haben sich hier ein­ge­fun­den, um die Tech­nik des Leder­mas­ken-Her­stel­lens fürs Thea­ter zu erlernen.

Kana­da, USA, Hol­land, Deutsch­land, Däne­mark, Ita­li­en, Frank­reich, und eben auch die Schweiz sind ver­tre­ten. Alle sind glück­lich, hier einen Platz bekom­men zu haben; es wur­den nicht alle genom­men, wur­de gemun­kelt. Die ers­ten 3 Tage bege­ben wir uns in einem Neben­raum des Muse­ums auf eine Rei­se durch die Welt der Mas­ke: «Die Chris­ten hass­ten die Frau­en und die Mas­ken», war der ers­te Satz, den Dona­to Sar­to­ri, Kurs­lei­ter, Bild­hau­er und Schöp­fer vie­ler berühm­ter Mas­ken aus der Werk­stadt der Sar­to­ris – nach dem frü­hen Tod von Amle­to Sar­to­ri hat Sohn Dona­to die Werk­statt wei­ter­ge­führt – qua­si in den Raum warf. Ton­nen­schwer liess er ihn einen Moment im Raum schwe­ben. «War­um hass­ten sie die Mas­ken?», stellt er die Fra­ge; post­wen­dend kommt die Ant­wort: «Gott hat den Men­schen nach sei­nem Eben­bild geschaf­fen.» Gott mit einer Mas­ke, unvor­stell­bar, sage ich zu mir, inner­lich nickend. Dona­to spricht frei, schöpft aus sei­nem rie­si­gen Erfah­rungs­schatz und sei­nem Wis­sen über Mas­ken; hier ein paar erwäh­nens­wer­te The­men aus sei­nem drei­tä­gi­gen Vortrag:

In Neu­ka­le­do­ni­en bema­len sich die Men­schen die Haut mit Tier­köp­fen, was die Zuge­hö­rig­keit zu einem Clan bestä­tigt; Dona­to meint, die­se Tra­di­ti­on beein­flus­se die heu­ti­ge Tattoo-Bewegung.

Süd­ame­ri­ka: Maya-Geis­ter müs­sen mit Blut getränkt wer­den, damit die Son­ne am nächs­ten Tag wie­der auf­geht. Pries­ter tra­gen 20 Tage lang den Toten­kopf mit Haut des Geop­fer­ten als Kopf­be­de­ckung. In Mexi­ko gibt es einen kämp­fe­ri­schen Tanz zwi­schen den Erobe­rer-Mas­ken und den Ein­ge­bo­re­nen; die Ein­ge­bo­re­nen gewinnen.

Der wil­de Mann aus dem Wald oder aus den Ber­gen taucht in vie­len Mas­ken als Motiv auf. Auf mei­ne Erwäh­nung wird «Die Har­der­pot­sche­te» aus Inter­la­ken sofort mit viel Inter­es­se in die Ahnen­ga­le­rie der Mas­ken auf­ge­nom­men; ob auch Frau­en die­se Mas­ken tra­gen, woll­te Pao­la, die Frau von Dona­to wissen.

Die Com­me­dia del­l’ar­te wur­de von den Erobe­rern nach Süd­ame­ri­ka gebracht. In Bra­si­li­en gibt es ein Fest, wo Capi­tao (=Capi­ta­no) auf­tritt. Nach 500 Jah­ren ist die­se Tra­di­ti­on dort immer noch lebendig.

Nach den Grie­chen und Römern bra­chen die Bar­ba­ren aus dem Nor­den in Nord­ita­li­en ein: es kommt zu einem Bruch. Die Nord­län­der sind ein krie­ge­ri­sches Volk; sie schmü­cken sich um das Jahr 1000 n. Chr. mit pelz­be­setz­tem Schä­del als Kopf­be­de­ckung. Die­se Ver­bin­dung Mensch und Tier­schä­del führt offen­sicht­lich zum Ein­be­zug von Tier­for­men in die Mas­ke. Dona­to weiss, dass Michel­an­ge­lo sich für das Gesicht von David von einem Löwen inspi­rie­ren liess.

Wie ent­steht die Idee zu einer Mas­ke? Die Sar­to­ris haben sich hier­zu eine beson­de­re Übung zurecht­ge­legt. Maria aus Bra­si­li­en lebt in Mar­seil­le, ist dort Requi­si­teu­rin des Thea­ter «Tabu­la rasa», Marie-Eve, Set­de­si­gne­rin aus Cana­da, und ich sol­len eine Sze­ne, eine thea­tra­li­sche Situa­ti­on mit drei dazu­ge­hö­ri­gen Cha­rak­te­ren erfin­den. Es ent­ste­hen also neue Mas­ken, die sich auf­ein­an­der bezie­hen; nicht schlecht, den­ke ich. Ein Huhn (Ser­vier­toch­ter, allein­er­zie­hend, bis spät in die Nacht arbei­tend, etwas dümm­lich, auf­ge­plus­tert), ein Bär (aus gutem Haus, Jus-Stu­di­um abge­bro­chen, etwas trä­ge, gemüt­lich) und ein Wolf (arbeits­los, her­um­lun­gernd, hin­ter­trie­ben und schlau) ver­pas­sen gleich­zei­tig um Mit­ter­nacht den Zug: aus die­ser Situa­ti­on ent­wi­ckelt sich dann eine klei­ne Geschich­te, die spä­ter mit den fer­ti­gen Mas­ken gespielt wer­den könn­te. Die Vor­stel­lung der Tie­re ist nur eine Arbeits­hil­fe, die am Ende mit den mensch­li­chen Wesens­zü­gen ver­schmilzt. Basie­rend auf die­ser Situa­ti­on mit den gefun­de­nen Cha­rak­te­ren ent­ste­hen nun Skiz­zen, Ent­wür­fe und Zeich­nun­gen; Dona­to führt uns sicher in unse­rem Pro­zess des Suchens, Ver­wer­fens und Fin­dens, schliess­lich hat er 1000 Mas­ken erfolg­reich gestal­tet und rea­li­siert, und sei­ne Mas­ken wur­den leben­dig auf der Büh­ne. Mit mei­ner Hen­ne, mit Augen wie Schein­wer­fer eines alten Peu­geots und der schna­bel­ähn­li­chen Nase, mit hän­gen­den Augen­sä­cken, die sich mit zu hohen Augen­brau­en fast zu einer Tau­cher­bril­le ver­ei­ni­gen ist er zufrie­den. Ich stau­ne über die Zei­chen­küns­te der Bären­frau aus Kana­da. Ab mor­gen sind wir im Ate­lier, dem berühm­ten Mas­ken­ate­lier der Sar­to­ris, 7 Rad­mi­nu­ten vom Muse­um ent­fernt. Pao­la führt uns durch das Ate­lier; hier oben, in uner­reich­ba­rer Höhe, hän­ge der leicht rot gefärb­te, schel­mi­sche Gips­kopf von Dario Fo, etwas rechts davon Fer­ruc­cio Sole­ri, der lebens­lan­ge Arlec­chi­no-Dar­stel­ler, den ich vor drei Jah­ren im Alter von 80 Jah­ren noch in sei­ner Lebens­rol­le auf der Büh­ne des Pic­co­lo Tea­t­ro in Mai­land in der Insze­nie­rung von Gior­gio Streh­ler gese­hen habe. Auch Gior­gio Bon­gio­van­ni, der im Pic­co­lo Tea­t­ro seit 25 Jah­ren den Pan­ta­lo­ne gibt, hat sei­nen Platz. Selbst Lecoq müss­te da sein, der ist aber, nach­dem er gestor­ben ist, oben in der Woh­nung in Sicher­heit gebracht wor­den, oder um ihm näher zu sein, wie ich ver­mu­te. Dort ist er gebor­gen, als Gips unsterb­lich auf dem Olymp. Dona­to sag­te mir, dass er noch Dario Fo und die Sar­to­ris besucht hat, im Ate­lier letz­te Sze­nen für sei­nen Film gedreht hat, dann nach Frank­reich zurück­ge­kehrt und dort 3 Mona­te spä­ter gestor­ben ist. Wenn es auf Erden einen Mas­ken­pa­ra­dies gibt, dann ist es das Ate­lier der Sar­to­ris: hun­der­te von Gips­köp­fen an der Wand, Mas­ken in Leder, Holz­for­men, Frat­zen und schrul­li­ge Alte in Ton gebannt, Gips­hohl­for­men, Werk­zeu­ge, Pin­sel, Leim, frü­he­re Skulp­tu­ren, Ent­wür­fe; es ist ein­fach nicht zum Satt­se­hen. Man will ein­tau­chen in die­se Welt der Mas­ke, alles Auf­sau­gen, zur Mas­ke wer­den. Aber Ach­tung: Foto­gra­fie­ren strengs­tens ver­bo­ten! Alle die­se jun­gen Thea­ter­men­schen aus aller Welt, die den Kurs übers Inter­net gefun­den haben, sind aus­ge­rüs­tet mit i‑Phone usw., sie sind es gewohnt, ihre Erfah­run­gen ins Netz zu stel­len und mit ihren Freun­den zu tei­len, somit könn­te alle Welt teil­ha­ben am Reich­tum die­ses Mas­ken-ate­liers. Die Sar­to­ris sind über­for­dert, schüt­zen sich; zwei Wel­ten, zwei Zei­ten tref­fen auf­ein­an­der. Die Absur­di­tät zeigt sich in der angeb­li­chen Inter­na­tio­na­li­tät, die sich das Muse­um und das Cen­tro Masche­re geben will, und im Dorn­rös­chen­da­sein, das sie pfle­gen, dar­in, dass es hier in der Umge­bung kaum einer kennt. Kann Arlec­chi­no und sei­ne Fami­lie so wirk­lich ins 21. Jahr­hun­dert geret­tet werden?

Mas­ken­ma­cher sind Men­schen der Tat, und schliess­lich wol­len mei­ne Ent­wür­fe nun Mas­ken­wirk­lich­keit wer­den; Tage der Arbeit, des Schweis­ses, der Ver­wun­de­rung fol­gen; wir sind ver­wun­dert über all die Regis­ter, die die Sar­to­ris zie­hen: Metho­den, Ver­fah­ren und Tech­ni­ken, jah­re­lang erprobt, erwar­ten uns. Das Herz­stück ist die model­lier­te Mas­ke in Ton. Die Mas­ke soll hier aber auf das eige­ne Gesicht ange­passt wer­den; das bedeu­tet: JedeR von uns muss dem Tod des eige­nen Gesich­tes ins Auge schau­en. Das Ich, das Gesicht des Spie­lers muss ster­ben, damit die Mas­ke leben kann, wie sich einer mei­ner Thea­ter­leh­rer aus­drück­te. Ein­drück­lich, wie die Gesich­ter mei­ner Mit-Stu­den­tin­nen und ‑stu­den­ten immer mehr unter flüs­si­gem Gips ver­schwin­den; eine ers­te Mas­ke? Aus einem abge­form­ten Gips­po­si­tiv wird dann das eige­ne Gesicht in Ton model­liert. Auf die­ses Gesicht erwächst dann orga­nisch die Mas­ken­form. Mei­ne Hen­ne gewinnt an Kon­tur. Es zeigt sich bald, was das Mar­ken­zei­chen Sar­to­ri bedeu­tet; einen sehr hohen Anspruch an Mass­ge­nau­ig­keit an das eige­ne Gesicht, an Ver­dich­ten des Aus­drucks, an Rea­li­sier­bar­keit in Leder, Trag­bar­keit der Mas­ke, Redu­zie­ren und Suchen von Abs­tra­hie­rung der Form. Dona­to Sar­to­ris Mas­ken leben von star­ker Ver­ein­fa­chung, Reduk­ti­on auf das Zei­chen­haf­te mit gleich­zei­ti­gem maxi­ma­lem Aus­druck. Mei­ne Hen­ne hüpft etwas aus der Norm, ist nicht eine Com­me­dia dell’arte Mas­ke, hat kei­ne tie­fen Fal­ten, kei­ne Pul­ci­nella-Nase, kei­ne hoh­len Backen wie Arlec­chi­no. Die Sar­to­ris kom­men immer wie­der vor­bei und stau­nen; La masche­ra stra­na, die son­der­ba­re Mas­ke, meint Dona­to, Pao­la dage­gen meint, sie habe etwas vom Tod.

Auch Wolf und Bär neh­men For­men an. Über ver­schie­de­ne Gips­ab­güs­se ent­steht dann die Mas­ken­form aus Gips, die Vor­la­ge für die Holz­form. Ein kan­ti­ger Holz­klotz, Mass­werk­zeu­ge, Blei­stift, Holz­ham­mer und ver­schie­de­ne Stech­beu­tel lie­gen dane­ben bereit. Stellt euch vor der höl­zer­ne Mas­ken­kern liegt ganz im Was­ser, lang­sam sinkt der Pegel, alles über Was­ser aus­ser­halb der Mass­punk­te kann weg­ge­schnit­ten wer­den, bis Nasen­spit­ze, dann Nasen­flü­gel, Ober­lip­pe usw. aus dem Was­ser schau­en; mir gefällt das Bild, nichts wie los! Ein drei­ta­ge­lan­ges Häm­mern und Schwit­zen bei fünf­und­dreis­sig Grad ist die Fol­ge, lang­sam glotzt mei­ne Holz­hen­ne aus dem Klotz. Wie beim Ton muss auch hier die Ober­flä­che «geputzt» wer­den, wie sich die Sar­to­ris aus­drü­cken; die kleins­te Uneben­heit wird vom Leder wie­der­ge­ge­ben wer­den, also weg damit. Der sau­ber her­aus geschnit­te­ne Holz­kern der zukünf­ti­gen Mas­ke bekommt etwas Magi­sches, fängt an zu leben. Die Hen­ne macht uns Sor­gen, geben mir die Sar­to­ris immer wie­der zu ver­ste­hen. In einer Arbeits­pau­se wur­de sie exami­niert, dann wur­de eine Kri­sen­sit­zung abge­hal­ten; die Tie­fe der Schna­bel­na­se macht ihnen Sor­ge, für einen Mas­ken­an­fän­ger wie mich fast nicht zu meis­tern. Nun schwebt die Hen­ne wie ein Damo­kles­schwert über der Werk­statt. Dei­ne ist am Ende noch am bes­ten, trös­tet mich Nico­lai aus Lübeck, mein WG-Part­ner; die Tie­fe wird ihr einen star­ken Aus­druck geben. Qua­si im Chor der hei­li­gen Mas­ken­werk­statt, wo die berühm­ten Holz­ker­ne von Arlec­chi­no, Brig­hel­la und Pan­ta­lo­ne usw. auf­ge­schich­tet sind, wird schon emsig am Leder gear­bei­tet; Lydia die erfah­re­ne, lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­te­rin der Sar­to­ris, macht die ers­ten wich­ti­gen Arbeits­schrit­te, das Ein­klei­den des Holz­kerns mit dem nas­sen, mehr­mals gewrun­ge­nen Leder­stück, das durch die­sen Pro­zess weich und beweg­lich gewor­den ist. Durch das Fest­na­geln bei den Augen, den Nasen­lö­chern und an den tiefs­ten Stel­len, und rings­her­um am hin­te­ren Rand, kann das Leder nicht mehr wei­chen und wird in ver­schie­de­nen Schrit­ten durch Holz­spach­tel, ver­schie­de­ne Häm­mer und wei­te­re Holz­spin­del in die Form gezwun­gen. Da das Leder beim Trock­nen etwa 5% schwin­det und sich beim Trock­nen aus den Ver­tie­fun­gen her­aus­reisst, muss der Feuch­tig­keits­haus­halt des Leders genau beach­tet wer­den. Schritt für Schritt wird aus einer Kuh­haut eine neue, thea­tra­li­sche Haut für den Schau­spie­ler, deren Wesens­merk­ma­le eines Cha­rak­ters sich tief in das Leder ein­prä­gen. Da die schwie­ri­ge Hen­ne vie­le Fra­gen offen­lässt, ist sie die letz­te die dran kommt. Wegen Zeit­not und dem Schwie­rig­keits­grad ist Lydia über­mäs­sig bean­sprucht, das wird eine Sar­to­ri-Mas­ke spot­tet Nico­lai. Doch ist nun der lang­ersehn­te Moment gekom­men, wo der Holz­kern her­aus­ge­nom­men und die­ser lee­re inne­re Raum für das Gesicht des Spie­lers ent­steht. Obwohl noch lan­ge nicht fer­tig, ste­cke ich mein Gesicht heim­lich rein; erstaun­lich wie die Mas­ke passt, sie ver­schmilzt mit dem Gesicht zu einer Ein­heit; fast nichts steht mir mehr im Wege, die­se que­re, unlieb­sa­me Hen­ne zu wer­den. Alle spre­chen schon von den schwar­zen Klei­dern, die wir mor­gen brau­chen; drei Tage wird Gior­gio Bon­gio­van­ni, lang­jäh­ri­ger Pan­ta­lo­ne, uns ins Mas­ken­spiel ein­füh­ren. Arlec­chi­no, Dot­to­re, Brig­hel­la und Pan­ta­lo­ne wer­den, neben unse­ren eige­nen Mas­ken, auch ins Spiel kommen.

End­lich kön­nen sich der Wolf, der Bär und die Hen­ne auf der Büh­ne begeg­nen; welch beschwer­li­chen Weg sind die drei gegan­gen um end­lich auf der Büh­ne zum Leben erweckt zu wer­den. Gior­gi­os Erfah­rung wird schnell sicht­bar; vor allem macht er prä­zi­se Anga­ben zu Pan­ta­lo­ne, sei­ner Kör­per­hal­tung, sei­nem Zug nach vor­ne. Mir einen Faden an Nase und dem bes­ten Teil vor­stel­lend, bin ich sehr erfreut und erleich­tert; end­lich ist Com­me­dia dell’arte das The­ma, wie es eigent­lich in der Aus­schrei­bung geheis­sen hat. Durch genau­es Stu­di­um der Hal­tung, der Mas­ke und des Kos­tüms hat sich erge­ben, dass Pan­ta­lo­ne immer im Pro­fil wirkt, der Dot­to­re eher von vor­ne, und Arlec­chi­no im Drei­vier­tel­pro­fil, das sind wich­ti­ge Erkennt­nis­se für den Spie­ler. Der Kern der Arbeit mit Gior­gio hin­ge­gen ist die Arbeit mit der Mas­ke an sich; jeden neu­en Gedan­ken, jeden neu­en Plan muss die Mas­ke durch einen Blick dem Publi­kum ver­ständ­lich machen, bevor er aus­ge­führt wird. Wir ver­ges­sen beim Spie­len, dass die Mas­ke den Kör­per führt, Gior­gio erin­nert uns immer wie­der dar­an. So nähert sich die Abschluss­vor­stel­lung. 100 Zuschau­er aus der Fami­lie der Sar­to­ris und Mas­ken­in­ter­es­sier­ter haben sich ein­ge­fun­den. Wir haben eine ein­fa­che Cho­reo­gra­fie ein­stu­diert, wo jede neue Mas­ke sich in ihrer indi­vi­du­el­len Art bewegt, und sich hie und da schon schüch­tern die dazu pas­sen­de Stim­me und Gedan­ken­welt des Cha­rak­ters offen­bart. Ein über­gros­ses Diplom wird uns über­reicht, nie­mand wird mit der Ver­wei­ge­rung bestraft; spöt­telnd haben wir Stu­den­ten uns das immer wie­der gegen­sei­tig ange­droht. Ein rau­schen­des Fest mit Essen, Pala­vern und Tan­zen, wo alle Zuschau­er ein­ge­la­den wur­den, beschliesst den Mas­ken­kurs. Spe­zia­li­tä­ten aus all den Län­dern der betei­lig­ten Kurs­teil­neh­mer – Rös­ti aus der Schweiz, Chab­is­sa­lat aus New York und Cai­pr­in­ha aus Bra­si­li­en – zie­ren das viel­sei­ti­ge Buf­fet. Plötz­lich wer­de ich an einen Tisch geru­fen um Kom­pli­men­te für die Hen­ne ent­ge­gen zu neh­men; ich neh­me einen tie­fen Atem­zug und ver­beu­ge mich dankend.

Die Gäs­te sind gegan­gen. Dona­to ist ver­schwun­den, Pao­la schläft fried­lich auf einer Lie­ge. Bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den sit­zen wir mit Gior­gio am Tisch, auch er geniesst die Unbe­schwert­heit mit uns, schon im Dezem­ber steht er im Pic­co­lo Tea­t­ro wie­der als Pan­ta­lo­ne auf der Büh­ne. End­lich haben wir Zeit auch über uns zu spre­chen, nie­mand will wirk­lich gehen, e‑Mail Adres­sen wer­den aus­ge­tauscht. Lie­ke, die Kunst­stu­den­tin aus Hol­land, erin­nert sich, dass es noch eine Fla­sche Spu­man­te im gemein­sa­men Kühl­schrank hat; ein Abschieds­trunk, die Glä­ser klir­ren ein letz­tes Mal, der Sekt ver­mischt sich mit den Abschieds­trä­nen: Ciao-Good­bye-Au Revoir-Tschüss; die Mas­ken gehen hin­aus in die wei­te Welt, und wer­den hof­fent­lich leben­dig auf die­ser oder jener Bühne.

Foto: N. von Allmen
ensuite, Dezem­ber 2013



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