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Ein Abend mit der Kom­po­nis­tin Maria Porten

Von Hein­rich Aer­ni – Am Don­ners­tag, 11. März 2010, fand im klei­nen Saal der Zür­cher Ton­hal­le im Rah­men von Wer­ner Bärts­chis «Rezital»-Reihe ein Kon­zert mit der Über­schrift «neu­e­neu­e­mu­sik» statt. Im Vor­der­grund stan­den dabei eine Urauf­füh­rung und ein wei­te­res Stück der in Zürich leben­den Kom­po­nis­tin Maria Por­ten. Es bedeu­te­te Por­tens Ton­hal­le-Debut als Kom­po­nis­tin, die dank Bärts­chis künst­le­ri­scher Weit­sicht ein brei­tes Podi­um erhielt.

Für «ensuite» dar­über berich­ten woll­te ich in der Annah­me, dass die gros­sen Tages­zei­tun­gen nichts brin­gen wür­den, was sich als rich­tig erwies. Eine Aus­nah­me bil­de­te die Zür­cher Land­zei­tung. Sibyl­le Ehris­mann ver­stand es, das Gan­ze nicht aus­schliess­lich auf der Gen­der-Schie­ne abzuhandeln.

Die 1939 im heu­te nord­rhein-west­fä­li­schen Neuss gebo­re­ne Por­ten stu­dier­te zunächst Schul­mu­sik, Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie in Köln und dar­auf Musik­wis­sen­schaft bei Kurt von Fischer an der Uni­ver­si­tät Zürich, wo sie 1972 mit der Dis­ser­ta­ti­on «Zum Pro­blem der ‚Form’ bei Debus­sy» pro­mo­viert wur­de. Wäh­rend Jahr­zehn­ten unter­rich­te­te sie dar­auf Schul­mu­sik und Deutsch an der Kan­to­na­len Matu­ri­täts­schu­le für Erwach­se­ne in Zürich. Wer sie in die­ser Zeit kann­te, weiss, dass auch sie sich den kräf­te­zeh­ren­den und gele­gent­lich zer­mür­ben­den Sei­ten die­ses Jobs nicht ent­zie­hen konn­te, dass sie es aber auch immer wie­der schaff­te, künst­le­ri­sche Glanz­punk­te zu set­zen, etwa mit Musik­thea­ter­pro­jek­ten zu Wer­ken von Fran­ce­s­ca Cac­ci­ni oder Kurt Weill; zudem ist es Por­ten zu ver­dan­ken, dass John Cage anläss­lich sei­nes legen­dä­ren Schweiz­be­suchs 1990 auch in der KME Halt machte.

Bemer­kens­wert ist nun, dass Por­ten gegen Ende 50, neben der Belas­tung des vol­len Leh­rer­pen­sums, den Impuls ver­spür­te, schöp­fe­risch tätig zu wer­den und zu kom­po­nie­ren. Einen Auf­hän­ger bil­de­ten zunächst poli­ti­sche The­men, etwa der Irak-Krieg, das Mas­sa­ker von Sre­bre­ni­ca («Im Zei­chen der Schild­krö­te», 2003) oder unser Umgang mit Tie­ren in Mas­sen­tier­hal­tun­gen und Gross­schlacht­be­trie­ben («Advent der Tie­re», 2004). Por­ten ver­wen­det dafür den Begriff «Enga­gier­te Musik», im Bewusst­sein, dass deren Blü­te über 30 Jah­re zurück­liegt. Doch mit der Zunah­me von poli­ti­schen Inhal­ten gera­de in der bil­den­den Kunst in der zwei­ten Hälf­te der Nuller­jah­re steht sie damit bei wei­tem nicht mehr allei­ne da.

Dane­ben bot seit Beginn die Ver­wen­dung von meist lyri­schen Tex­ten eine künst­le­ri­sche Ori­en­tie­rung. Por­tens Musik ist bis heu­te Vokal­mu­sik geblie­ben. Und wer die Urauf­füh­rung ihrer neu­es­ten Kom­po­si­ti­on «Frau­en-Zau­ber-Frau­en» (auf Gedich­te von Wal­ter Stu­der) am 11. März mit­er­leb­te, kann bezeu­gen, in wel­chem Mass Por­ten die Inspi­ra­ti­on des Tex­tes in die Musik zu tra­gen ver­steht. Wie­der­keh­ren­de musi­ka­li­sche Mit­tel sind unter ande­rem Abfol­gen von lee­ren Klän­gen, die an das spä­te Mit­tel­al­ter erin­nern, die Reduk­ti­on auf Ein­stim­mig­keit, dane­ben aber auch eine expres­si­ve, chro­ma­ti­sche Melo­dik, grün­dend auf einer erwei­ter­ten Tona­li­tät, wobei ein­zel­ne Sät­ze sti­lis­tisch kohä­rent gehal­ten sind. Die­ses Klang­re­per­toire erwei­tert Por­ten ins Geräusch­haf­te mit Atem‑, Stimm- oder ver­frem­den­den Instru­men­tal­ef­fek­ten, die man aus dem Bereich der Neu­en Musik kennt, nur ohne den ver­bies­ter­ten Ges­tus, der die­ser oft anhaf­tet. Viel­mehr schafft es Por­ten, das Gan­ze auf eine leich­te, humo­ris­ti­sche, gele­gent­lich iro­ni­sie­ren­de Ebe­ne zu brin­gen. Über­zeu­gend ver­wen­det sie (notier­tes und impro­vi­sier­tes) Lachen, selbst die Vogel­pfei­fen wir­ken bei ihr nicht lächerlich.

Por­ten weiss Wor­te so in Musik zu set­zen, dass in syl­la­bi­schen Pas­sa­gen jedes Wort ver­ständ­lich wird. Gele­gent­lich rückt sie den Text ganz in den Vor­der­grund, lässt Klän­ge und Geräu­sche als Staf­fa­ge erschei­nen, sodass die Auf­füh­rung ganz von der Thea­tra­lik getra­gen wird. Por­ten spricht in die­sem Zusam­men­hang auch von der «Funk­tio­na­len Musik», die sie aber aus der ver­staub­ten Schan­de­cke befreit und ihr vir­tu­os neu­en Glanz verleiht.

Es ist eine krea­ti­ve Ener­gie spür­bar, eine schöp­fe­ri­sche Leich­tig­keit, die Por­ten indes­sen ganz anders wahr nimmt. Dass sie kei­ne fun­dier­te Kom­po­si­ti­ons­aus­bil­dung genos­sen hat, ist für sie durch­aus von Belang. Als einen Bezugs­punkt nennt sie Debus­sy, der auf der Grund­la­ge einer aus­ge­feil­ten Tech­nik schein­bar intui­ti­ve Musik zu schrei­ben ver­moch­te. Por­tens Anlie­gen ist es, Inhal­te, die ihr in Bezug auf das poli­ti­sche Leben und das Leben über­haupt rele­vant erschei­nen, musi­ka­lisch so zu gestal­ten, dass auch Leu­ten ohne musi­ka­li­sche Bil­dung die Mög­lich­keit gege­ben ist, einen Zugang zu fin­den. Gleich­zei­tig zählt die kano­ni­sier­te Neue Musik ganz zu ihrem Ein­fluss­be­reich, als Lieb­lin­ge nennt sie etwa Beat Fur­rer oder Sal­va­to­re Sciar­ri­no. Die dar­aus ent­ste­hen­de Span­nung zwi­schen einer zugäng­li­chen und einer abs­tra­hier­ten Musik, letzt­lich zwi­schen Funk­tio­na­li­tät und Auto­no­mie wird für Por­ten beim Schrei­ben jeder ein­zel­nen Note spürbar.

Was die Musi­ke­rin­nen und Musi­ker an die­sem Abend boten, war schlicht atem­be­rau­bend. Eva Nie­ver­gelt (Sopran), Javier Hagen (Tenor/Countertenor) und Isa­bel­le Gicht­b­rock (Alt) waren die äus­serst ver­sier­ten, stets treff­si­che­ren Voka­lis­ten, Gicht­b­rock bewäl­tig­te dane­ben noch Parts an diver­sen Block­flö­ten sowie auf der Quer­flö­te. Qua­si als Con­ti­nuo beglei­te­ten Isa­bel­le Stein­brü­chel (Har­fe) und der wie immer über­ra­gen­de Moritz Mül­len­bach (Vio­lon­cel­lo); über wei­te Stre­cken diri­gier­te Paul Weg­mann Taylor.

Woher bekommt Por­ten die über­ra­gen­den Musi­ke­rin­nen und Musi­ker, die für sie der-
mas­sen beherzt ans Werk gehen und sich sogar für einen Tag ins Wal­lis zurück­zie­hen, nur um die paar Gesangs­ak­kor­de in «Frau­en-Zau­ber-Frau­en» sau­ber hin­zu­krie­gen? Sie bezeich­net sich selbst als Glücks­pilz, öfter ergä­ben sich bei ihr musi­ka­lisch die Din­ge ein­fach von selbst.

Neben Gia­c­in­to Scel­sis Suite Nr. 9 «Ttai» für Kla­vier, gespielt von Wer­ner Bärts­chi, und Karl­heinz Stock­hausens «Inter­vall» aus «Für kom­men­de Zei­ten» (Werk Nr. 33,6), gespielt am Kla­vier von Wer­ner Bärts­chi und Barb Wag­ner, erklang eine wei­te­re Kom­po­si­ti­on Por­tens, «lebe­light» (2002) für Tenor/ Coun­ter­te­nor, Block­flö­ten und Elek­tro­nik auf Tex­te von Ivar Brei­ten­mo­ser. Beschäf­tig­te sich «Frau­en-Zau­ber-Frau­en» noch mit gros­sen The­men wie Reli­gi­on, Män­ner und Frau­en, Leben und Tod, so nähert sich «lebe­light» dem All­täg­li­chen: aus­ge­hen, einen Wein bestel­len, Leu­te ken­nen­ler­nen wol­len. Ver­blüf­fend in schnel­len Pas­sa­gen die stak­ka­to­haf­te Tex­tie­rung, mit­reis­send auch hier stimm­lich und gestal­te­risch Javier Hagen, zusam­men mit Ulri­ke May­er-Spohn an den Blockflöten.

Por­ten hat für 2010 noch drei (!) wei­te­re Urauf­füh­run­gen ange­kün­digt: Auf Ende März «Män­ner» für Alt, Kla­vier und Elek­tro­nik, wei­ter Shake­speares Sonett Nr. 18 für Män­ner­quar­tett, Har­fe und Per­kus­si­on und auf Ende Jahr «Sarg­nääl möt Köpp» für Vokal­quar­tett und Streichquintett.

Bereits erschie­nen ist 2008 eine Por­trait-CD bei VDE-Gal­lo (Gal­lo CD-1252).

Foto: Didier Ludwig
ensuite, April 2010