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EDITORIAL Nr. 95: Jede Menge

Von Lukas Vogel­sang – So vie­le media­le Erfin­dun­gen: Wir haben den Zugang zum gesam­ten Welt­wis­sen in unse­ren Mobil­te­le­fo­nen, wir haben Zei­tun­gen, TV-Pro­gram­me, Radio­sta­tio­nen à dis­cré­ti­on, wir haben so vie­le Freun­de im Face­book, die mit uns irgend­was aus­tau­schen wol­len, kön­nen you­tuben und auch sonst zu jeder Tages- und Nacht­zeit einen Kino­film schau­en – und wenn das alles nicht genügt hat sicher schon jemand eine App für das Nicht­er­fun­de­ne erfun­den. Mit die­sen Men­gen sind wir ziem­lich über­for­dert. Mit 150 TV-Kanä­len kann sich kein auch nur eini­ger­mas­sen ver­nünf­ti­ges mensch­li­ches Wesen unter­hal­ten. Dass­sel­be ist mit den Bücher­ber­gen, die uns im letz­ten Jahr­hun­dert erschla­gen haben. Doch der neue media­le Angriff trifft unse­ren Wis­sens­durst. Das «viel zu viel» hat eine kla­re Ant­wort: «Nichts mehr!» – Es geht ein­fach nicht.

Dabei ist die Fol­ge logisch: Nach einem Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fungs­zeit­al­ter, kommt das Infor­ma­ti­ons­be­ar­bei­tungs­zeit­al­ter. Es geht schon seit 30 Jah­ren nicht mehr dar­um, eine Infor­ma­ti­on zu beschaf­fen, son­dern sie anzu­wen­den. Ganz wenig Fir­men haben dies ver­stan­den und nur Goog­le hat vor weni­gen Wochen ein­drück­lich an die Öffent­lich­keit gebracht, was das wirk­li­che Ziel der Daten­samm­le­rei im Netz ist: Goog­le kre­iert Robo­ter, künst­li­che Intel­li­genz, aus dem unend­li­chen Daten­strom. Über­ra­schung! Mit die­sem Wis­sen sind sie unge­schla­gen und mei­len­weit vor­aus. Damit wird auch ver­ständ­lich, was Face­book-Grün­der Mark Zucker­berg, der sich öfters in den Schlag­zei­len tum­melt, vor­hat. Lei­der macht er es im Ver­gleich zu Goog­le ziem­lich dilet­tan­tisch. Aber das ist die Zukunft – oder bes­ser: Wir sind nicht mehr weit von unse­ren schlimms­ten Zukunfts­vi­sio­nen entfernt.

In der Kul­tur­bran­che sind wir aller­dings weit davon ent­fernt, die­se Erkennt­nis­se zu ver­ste­hen. Mit dem hyper­ak­ti­ven Kul­tur­pro­gramm einer Stadt rei­zen wir nur die letz­ten Ner­ven einer im Über­druck ste­hen­den Bevöl­ke­rung. Kein Wun­der blei­ben immer mehr die Besu­cher­rän­ge leer, und die Kinos mit den intel­li­gen­ten Fil­men war­ten ver­geb­lich auf Publi­kum. Es hilft ein­fach nicht, den Rhyth­mus der Film­vor­füh­run­gen zu ver­kür­zen, damit jede Woche ein neu­er Film läuft – im Gegen­teil. Das Kul­tur­pro­gramm muss ent­schleu­nigt wer­den – para­do­xer­wei­se bit­te schnell, sonst wird der Scha­den län­ger anhal­ten. Fes­ti­val reiht sich an Fes­ti­val – Kon­zert an Kon­zert. Täg­lich soll­ten wir uns irgend­wie kul­tu­rell Unter­hal­ten – und in der Men­ge sehen wir das Ein­ma­li­ge, das Berüh­ren­de, das Wich­ti­ge nicht mehr. Wenn Kul­tur zum Mas­sen­pro­dukt ver­kommt, löst sie sich sel­ber auf. Da wirkt der Auf­ruf von Chris­ti­an Pau­li, Co-Lei­ter Dampf­zen­tra­le und Prä­si­dent vom Ver­ein Bekult, unver­ständ­lich hilf­los: «Kul­tur soll­te in Bern all­täg­li­cher wer­den – in den Köp­fen und Her­zen der Poli­tik und vom Publikum.»

Es ist nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis sich das Tou­ris­mus­mar­ke­ting auf den neu­en Trend hin bewegt: «Hier ist garan­tiert nichts los!» – was soviel bedeu­tet, wie: «Hier sind Sie als Mensch gefragt. Als ech­tes Indi­vi­du­um». So ent­stün­de wie­der Raum, wo sich die künst­le­ri­schen Ele­men­te ent­fal­ten kön­nen und wir Zeit haben, die­se wahr­zu­neh­men. Momen­tan bleibt alles zer­knit­tert am Boden liegen.

Klingt das nach einer Men­ge Blöd­sinn? Nicht unbe­dingt. Haupt­ar­gu­ment bei Abon­nen­ten-Kün­di­gun­gen ist: «Ich habe kei­ne Zeit zum Lesen», «Ich habe kei­ne Zeit mehr für Kul­tur», «Ich habe kei­ne Zeit für das Leben». Dafür kau­fen wir Ber­ge an Unter­hal­tungs­elek­tro­nik, wir freu­en uns über jedes elek­tro­ni­sche Gad­get – sei es auch noch so unsin­nig und für das Leben eher hin­der­lich. Doch in der gros­sen Men­ge, wo Men­schen nicht mehr mensch­lich sind, fällt sowas ja nicht auf.

PS: Apro­pos «jede Men­ge»: Habe ich schon erwähnt, dass wir jetzt gera­de unser 4. Maga­zin gebo­ren haben und wir ihnen ganz stolz das neue «dan­se ensuite» (Schwei­zer Tanz­ma­ga­zin) anbie­ten kön­nen? Mehr Infos im Heft, auf unse­re Web­sei­te oder per Telefon…


Foto: zVg.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 95, Novem­ber 2010