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EDITORIAL Nr. 92: Ein­heits­brei ohne Erinnerung

Von Lukas Vogel­sang – Ich bin zuneh­mend ver­wirrt: Die Mode hat uns bereits so stark im Griff, dass die Men­schen dar­in aus­tausch­bar gewor­den sind. Jun­ge Men­schen vor allem sehen alle «gleich» aus. Viel­leicht fehlt mir die Dif­fe­ren­zie­rung der Nuan­cen, viel­leicht liegt der Unter­schied heu­te eben mehr im Detail und nicht mehr in der Ein­zig­ar­tig­keit. Doch die Haar­schnit­te, der Dress­code, alles scheint mir lang­wei­lig ein­tö­nig zu sein. Das wider­spie­gelt sich sehr tref­fend in der Musik. Mir feh­len regel­recht die Hip­pies und Punks, die «Nichts» und «Alles». An Revo­lu­ti­on ist nicht zu den­ken, das Wort ist inhalts­leer gewor­den. Und ich emp­fin­de es als läs­tig, wenn ich dau­ernd Men­schen ver­wechs­le oder vergesse.

Es läuft für mich in die glei­che Ent­wick­lung, wie die Kin­der­er­zie­hungs­de­bat­ten, wo die Poli­tik gewillt und ver­sucht ist, einen Grund­stein für Retor­ten­kin­der zu bau­en. Unter dem Deck­man­tel: Glei­che Rech­te für alle, und, vor allem, glei­che (west­li­che) Intel­li­genz für alle, wird die mensch­li­che Viel­falt, wer­den Kul­tu­ren nie­der­ge­walzt. Wer nicht sozi­al inte­griert wur­de, ist Fein­bild der Poli­tik, der Sozi­al­äm­ter und der Frem­den­po­li­zei. Natür­lich auch der Nach­barn, die, weiss ich nicht was «Intel­lek­tu­el­les» über die­se Men­schen zu wis­sen glau­ben. Anders­ar­tig­keit ist untren­dy, läs­tig, auf­fäl­lig in einer Welt, die auf­fäl­lig unauf­fäl­lig sein will. Absurd: Dass sich die Jugend­li­chen heu­te im Face­book und in all den hirn­wei­chen Web 2.0‑Anwendungen pro­sti­tu­ie­ren, als gin­ge es täg­lich dar­um, einen Sozi­al­wett­be­werb zu gewin­nen, scheint nie­man­den wirk­lich zu stö­ren. Der Schrei, aus der Ein­sam­keit geret­tet zu wer­den, wird aus­ge­blen­det. Dafür wird die Sprach­ver­blö­dung bereits als zeit­ge­nös­si­sche Ant­wort und als krea­tiv benannt.

Irgend­wann bau­en wir Fabrik­hal­len, damit wir die Neu­ge­bo­re­nen Kin­der dort ablie­fern müs­sen, damit «alle gleich» nach der obli­ga­to­ri­schen Schul­zeit her­aus mar­schie­ren. Ist das die Vor­stel­lung von glück­li­chem Mensch­sein? Lau­si­ger Erfolg nach 2010 Jah­ren. Wir ver­su­chen wie­der und immer wie­der, die «Ras­sen­tren­nun­gen» auf­zu­lö­sen und jedes Anders­sein in unser eige­nes Kor­sett zu zwän­gen. Damit tren­nen wir «Ras­sen» erst recht. Die Welt funk­tio­niert nicht, wenn sie nur ein­zel­ne Kul­tur­kri­te­ri­en zulässt. Das ist nun mal so. Und so belü­gen sich die Par­tei­en im Pingpong-Verfahren.

Eine regel­rech­te Stern­stun­de dazu lie­fer­te SF DRS am 18. Juli in der Sen­dung «Stern­stun­de Phi­lo­so­phie». Phi­lo­so­phie im Fern­se­hen ist zwar in die­ser Form etwas frag­wür­dig, jedoch hat das The­ma alles über­blen­det: Alei­da Assmmann, Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin, sprach über das Gedächt­nis. Ihr Buch «Geschich­te im Gedächt­nis» ist umge­hend mei­ne neue Nacht­lek­tü­re gewor­den. Im Fern­seh­talk sprach sie dar­über, dass der Mensch nur durch die Gemein­schaft Erin­ne­run­gen, eine Selbst­de­fi­ni­ti­on kre­ieren kann. Ein Mensch, der iso­liert lebt, ver­liert das Gedächt­nis. Das ist nicht neu, aber wenn wir dies auf die zeit­ge­nös­si­sche Mono­to­nie über­tra­gen, erklärt sich in ein­fa­cher Wei­se, war­um unse­re Ver­gan­gen­heit, unser Wer­de­gang, unse­re Geschich­te mehr und mehr ver­ges­sen geht, oder wir nichts mehr davon ver­ste­hen. Die dar­aus resul­tie­ren­de Ein­sam­keit frisst uns regel­recht auf.

Das allei­ne wäre ein guter Grund, «Kul­tur» zu zele­brie­ren, unter­streicht die Wich­tig­keit, sie zu för­dern, die Not­wen­dig­keit, sie end­lich aus dem Unter­hal­tungs­pro­gramm für Intel­lek­tu­el­le her­aus­zu­lö­sen, aus der Vor­zei­ge­kunst eines Stadt­an­ge­bo­tes zu ver­ab­schie­den, und der Gemein­schaft zu über­ge­ben. Kul­tur ist der sozia­le Leim einer Gesell­schaft, ist Treff­punkt und Aus­tausch­platt­form für Mensch­li­ches. Und unse­re Kul­tur über­trägt sich durch das Gedächt­nis. Wir tun sehr gut dar­an, wenn wir uns end­lich wie­der bemü­hen, uns zu erinnern.


Foto: zVg.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 92, August 2010