Die Kulturbetriebe nehmen die neue Saison in Angriff. Es wird ein weiteres Härtejahr werden, denn der Besucherschwund lässt niemanden kalt. Bei einigen Institutionen ist dieser spürbarer – andere haben Glück und konnten sich frühzeitig anpassen, oder sie sind einfach «im Fluss». Parallel dazu läuft in Bern die Debatte um das neue Kulturkonzept der Stadt, und damit die Verhandlungen über die neuen Subventionsverträge. Die Situation hat Sinnbildcharakter für die gesamte Branche. Bern fordert von den Subventionsbezügern beispielsweise eine Eigenfinanzierung von 20 %. Für einige Kulturinstitutionen eine Knacknuss: Die wirtschaftlichen Unternehmen haben ihr Kultur-Sponsoring schon fast auf Null reduziert. Bezahlende BesucherInnen gibt es nicht mehr so zahlreich wie vor 15 Jahren, die Konkurrenz und das kulturelle Angebot sind in der Breite und Tiefe enorm gewachsen, und die Kulturförderung macht auf schwierig und verändert zusätzlich die Spielregeln – oder macht konzeptlos auf Willkür. Und es darf nicht vergessen werden, dass Subventionen nur unter bestimmten Leistungsvereinbarungen gewährt werden. Eine Institution kann also mit dem Geld nicht tun und lassen was ihr beliebt. Das sogenannte «schwierige Programm» ist oft ein Auftrag. Die Situation ist unangenehm, die Folgen könnten bald sichtbar werden: Irgendwann einmal stellt sich das Personal in jedem Kulturbetrieb die Frage, wozu es sich abmüht. Fehlender Respekt und die fehlende Anerkennung diesen ArbeiterInnen gegenüber grenzt manchmal an Ausbeutung. Und wenn diese «GesellschaftsbauerInnen» ihre Arbeit niederlegen, bleibt nur übrig, was «der Masse» gefällt: das Bierzelt, der Klamauk, ein paar eingekaufte Lizenz-Produktionen.
Sicher: Das Mass ist wichtig. Nur Geld in eine Menge Menschen zu werfen bedeutet noch nicht «gute Arbeit» unterstützt oder «spannendes Kulturleben» gefördert zu haben. Da sind wir uns einig. Es braucht dazu einen Gesellschaftsentwurf, einen Plan. Dieser Plan fehlt nicht nur für die Kulturbranche.
In Wirtschaftskreisen redet man schon länger von einer Krise: Wir erinnern uns an Griechenland, Spanien, Portugal, die gesamte Eurozone. Der Bankencrash 2008 macht die Märkte noch heute nervös. Die momentane Kriegslust einiger Gesellschaftsgruppen, welche in Form von Friedensmissionen in den Krieg ziehen, hat viel mit «Lebensdisharmonien» zu tun. Kein Wunder also, dass Eric Hobsbawm, Sozialhistoriker und Philosoph (1917 – 2012), im «Stern» («Es wird Blutfliessen, viel Blut» / Volker Hinz, Wirtschaft, 13.05.2009) ein düsteres Zukunftsbild malt. Er hatte die Kriegsjahre miterlebt, und kämpfte als alter Linker und Marxist gegen den Kapitalismus an. Seine Erkenntnisse waren durch die Erfahrungen der Wiederholungen begründet. Und täglich grüsst das Murmeltier – der Mensch im Hamsterrad. Er glaubte nicht an die menschliche Entwicklungsfähigkeit, er glaubte an den Zusammenbruch. Aus seiner Sicht betrachtet scheint ein solcher bevor zu stehen – und unbedingt abzuwenden.
Interessanter scheinen mir die Prognosen aus der Wirtschaft selber. Da werden heute ganz neue Töne angeschlagen: Michael P. Seiter, ein renommierter Börsianer und Publizist, hält «einen Dritten Weltkrieg oder einen weiteren Börsen-Crash für unwahrscheinlich». (deutsche-wirtschafts-nachrichten.de, 10.08.2014). Seine Prognose ist meines Erachtens schlimmer: Nichts wird geschehen. Es wird bloss langsam und schleichend alles schlechter – und nur ein paar Menschen werden davon profitieren. Seiter meint dazu, dass einfach die Überschuldung zunehmen wird, die Steuern ansteigen, die Löhne weiter sinken, die Arbeitslosigkeit zunehmen, Preise für lebenswichtige Güter (Energie, Nahrung und auch Mieten) steigen, Presse- und Meinungsfreiheit weiter abgebaut, die Zentralisierung vorangetrieben, die Globalisierung ausgebaut, mehr Gesetze und Verbote verordnet, die persönliche Freiheit, Privatsphäre, Individualismus abnehmen und die Arbeitszeiten zunehmen werden … Schritt für Schritt. Schöne Bilder, oder? Was erkennen wir nicht davon? Aber niemand will einen Krieg, einen weiteren Crash – denn dies würde Menschenleben kosten.
Da stehen wir und diskutieren über Besucherzahlen, Eigenfinanzierung, Kulturbudgets. Einige wollen «ihren Kurs» durchsetzen. Aber ein «wir» scheint es nicht mehr zu geben. Umso erfreulicher, dass die Berner Kulturkonferenz in nur acht Monaten zeigen konnte, dass es möglich ist, «miteinander» und «füreinander» zu denken, und Dinge in der Gesellschaft in Bewegung zu setzen. Ensuite ist stolz, das Ergebnis, das versprochene Grobkonzept für die Stadt Bern, in dieser Ausgabe abzudrucken. Eine solche Antwort aus Kulturkreisen hat es schon lange nicht mehr gegeben. Ist dies ein Zeichen für eine Veränderung?
Bild Titelseite: Paul Chan, Master, Argument, 2013, Kabel, Schuhe, Beton, 36.8 cm x 18.1 m x 17.3 m, Courtesy the Artist and Greene Naftali, New York. © Paul Chan / Foto: Dominik Imhof
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014