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Edi­to­ri­al Nr. 141: Veränderungen

Die Kul­tur­be­trie­be neh­men die neue Sai­son in Angriff. Es wird ein wei­te­res Här­te­jahr wer­den, denn der Besu­cher­schwund lässt nie­man­den kalt. Bei eini­gen Insti­tu­tio­nen ist die­ser spür­ba­rer – ande­re haben Glück und konn­ten sich früh­zei­tig anpas­sen, oder sie sind ein­fach «im Fluss». Par­al­lel dazu läuft in Bern die Debat­te um das neue Kul­tur­kon­zept der Stadt, und damit die Ver­hand­lun­gen über die neu­en Sub­ven­ti­ons­ver­trä­ge. Die Situa­ti­on hat Sinn­bild­cha­rak­ter für die gesam­te Bran­che. Bern for­dert von den Sub­ven­ti­ons­be­zü­gern bei­spiels­wei­se eine Eigen­fi­nan­zie­rung von 20 %. Für eini­ge Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen eine Knack­nuss: Die wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men haben ihr Kul­tur-Spon­so­ring schon fast auf Null redu­ziert. Bezah­len­de Besu­che­rIn­nen gibt es nicht mehr so zahl­reich wie vor 15 Jah­ren, die Kon­kur­renz und das kul­tu­rel­le Ange­bot sind in der Brei­te und Tie­fe enorm gewach­sen, und die Kul­tur­för­de­rung macht auf schwie­rig und ver­än­dert zusätz­lich die Spiel­re­geln – oder macht kon­zept­los auf Will­kür. Und es darf nicht ver­ges­sen wer­den, dass Sub­ven­tio­nen nur unter bestimm­ten Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen gewährt wer­den. Eine Insti­tu­ti­on kann also mit dem Geld nicht tun und las­sen was ihr beliebt. Das soge­nann­te «schwie­ri­ge Pro­gramm» ist oft ein Auf­trag. Die Situa­ti­on ist unan­ge­nehm, die Fol­gen könn­ten bald sicht­bar wer­den: Irgend­wann ein­mal stellt sich das Per­so­nal in jedem Kul­tur­be­trieb die Fra­ge, wozu es sich abmüht. Feh­len­der Respekt und die feh­len­de Aner­ken­nung die­sen Arbei­te­rIn­nen gegen­über grenzt manch­mal an Aus­beu­tung. Und wenn die­se «Gesell­schafts­baue­rIn­nen» ihre Arbeit nie­der­le­gen, bleibt nur übrig, was «der Mas­se» gefällt: das Bier­zelt, der Kla­mauk, ein paar ein­ge­kauf­te Lizenz-Produktionen.

Sicher: Das Mass ist wich­tig. Nur Geld in eine Men­ge Men­schen zu wer­fen bedeu­tet noch nicht «gute Arbeit» unter­stützt oder «span­nen­des Kul­tur­le­ben» geför­dert zu haben. Da sind wir uns einig. Es braucht dazu einen Gesell­schafts­ent­wurf, einen Plan. Die­ser Plan fehlt nicht nur für die Kulturbranche.

In Wirt­schafts­krei­sen redet man schon län­ger von einer Kri­se: Wir erin­nern uns an Grie­chen­land, Spa­ni­en, Por­tu­gal, die gesam­te Euro­zo­ne. Der Ban­ken­crash 2008 macht die Märk­te noch heu­te ner­vös. Die momen­ta­ne Kriegs­lust eini­ger Gesell­schafts­grup­pen, wel­che in Form von Frie­dens­mis­sio­nen in den Krieg zie­hen, hat viel mit «Lebens­dis­har­mo­nien» zu tun. Kein Wun­der also, dass Eric Hobs­bawm, Sozi­al­his­to­ri­ker und Phi­lo­soph (1917 – 2012), im «Stern» («Es wird Blut­flies­sen, viel Blut» / Vol­ker Hinz, Wirt­schaft, 13.05.2009) ein düs­te­res Zukunfts­bild malt. Er hat­te die Kriegs­jah­re mit­er­lebt, und kämpf­te als alter Lin­ker und Mar­xist gegen den Kapi­ta­lis­mus an. Sei­ne Erkennt­nis­se waren durch die Erfah­run­gen der Wie­der­ho­lun­gen begrün­det. Und täg­lich grüsst das Mur­mel­tier – der Mensch im Hams­ter­rad. Er glaub­te nicht an die mensch­li­che Ent­wick­lungs­fä­hig­keit, er glaub­te an den Zusam­men­bruch. Aus sei­ner Sicht betrach­tet scheint ein sol­cher bevor zu ste­hen – und unbe­dingt abzuwenden.
Inter­es­san­ter schei­nen mir die Pro­gno­sen aus der Wirt­schaft sel­ber. Da wer­den heu­te ganz neue Töne ange­schla­gen: Micha­el P. Sei­ter, ein renom­mier­ter Bör­sia­ner und Publi­zist, hält «einen Drit­ten Welt­krieg oder einen wei­te­ren Bör­sen-Crash für unwahr­schein­lich». (deutsche-wirtschafts-nachrichten.de, 10.08.2014). Sei­ne Pro­gno­se ist mei­nes Erach­tens schlim­mer: Nichts wird gesche­hen. Es wird bloss lang­sam und schlei­chend alles schlech­ter – und nur ein paar Men­schen wer­den davon pro­fi­tie­ren. Sei­ter meint dazu, dass ein­fach die Über­schul­dung zuneh­men wird, die Steu­ern anstei­gen, die Löh­ne wei­ter sin­ken, die Arbeits­lo­sig­keit zuneh­men, Prei­se für lebens­wich­ti­ge Güter (Ener­gie, Nah­rung und auch Mie­ten) stei­gen, Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit wei­ter abge­baut, die Zen­tra­li­sie­rung vor­an­ge­trie­ben, die Glo­ba­li­sie­rung aus­ge­baut, mehr Geset­ze und Ver­bo­te ver­ord­net, die per­sön­li­che Frei­heit, Pri­vat­sphä­re, Indi­vi­dua­lis­mus abneh­men und die Arbeits­zei­ten zuneh­men wer­den … Schritt für Schritt. Schö­ne Bil­der, oder? Was erken­nen wir nicht davon? Aber nie­mand will einen Krieg, einen wei­te­ren Crash – denn dies wür­de Men­schen­le­ben kosten.

Da ste­hen wir und dis­ku­tie­ren über Besu­cher­zah­len, Eigen­fi­nan­zie­rung, Kul­tur­bud­gets. Eini­ge wol­len «ihren Kurs» durch­set­zen. Aber ein «wir» scheint es nicht mehr zu geben. Umso erfreu­li­cher, dass die Ber­ner Kul­tur­kon­fe­renz in nur acht Mona­ten zei­gen konn­te, dass es mög­lich ist, «mit­ein­an­der» und «für­ein­an­der» zu den­ken, und Din­ge in der Gesell­schaft in Bewe­gung zu set­zen. Ensuite ist stolz, das Ergeb­nis, das ver­spro­che­ne Grob­kon­zept für die Stadt Bern, in die­ser Aus­ga­be abzu­dru­cken. Eine sol­che Ant­wort aus Kul­tur­krei­sen hat es schon lan­ge nicht mehr gege­ben. Ist dies ein Zei­chen für eine Veränderung?


Bild Titel­sei­te: Paul Chan, Mas­ter, Argu­ment, 2013, Kabel, Schu­he, Beton, 36.8 cm x 18.1 m x 17.3 m, Cour­te­sy the Artist and Gree­ne Naf­ta­li, New York. © Paul Chan / Foto: Domi­nik Imhof

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014