EDITORIAL Nr. 100: Jubilierend

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Von Lukas Vogel­sang – Es braucht etwas Mut, in Anbe­tracht der Welt­ge­scheh­nis­se, unser Jubi­lä­um in den Vor­der­grund zu rücken. Ich tue mich schwer damit – aber Geburts­ta­ge kann man nicht ver­schie­ben, genau­so wenig wie Erd­be­ben und ato­ma­re Unfäl­le: ensuite fei­ert die 100. Ausgabe.

Das Titel­bild die­ser Aus­ga­be ist mei­ne per­sön­li­che Ant­wort an all unse­re Wider­sa­cher, die uns in den letz­ten neun Jah­ren das Leben schwer gemacht haben – gleich­zei­tig zeigt es eine trot­zi­ge Lebens­freu­de, die auch hier intakt ist. Gegen­über all jenen, die mei­nen ich sei ver­bit­tert, weil ich nicht immer ein Kul­tur­tänz­chen auf­füh­re und eben mal kri­ti­sche Töne von mir gebe: Ich habe die lus­tigs­ten und span­nends­ten neun Jah­re hin­ter mir, die mein Leben bis­her gezählt hat. Und das nimmt vor­erst kein Ende.

Trotz­dem gibt es immer noch Men­schen, die ensuite als eine «Leis­tung von einer ein­zi­gen Per­son» sehen und nicht begrei­fen wol­len, dass hier über 70 Per­so­nen monat­lich die gröss­te Kul­tur­zei­tung der Schweiz pro­du­zie­ren, die mehr Lese­rIn­nen auf­weist, als alle Thea­ter­büh­nen und Opern in Bern und Zürich in einem Jahr Publi­kum gene­rie­ren kön­nen. Ich erin­ne­re mich auch an Dani Lan­dolf, den ehe­ma­li­gen Chef-redak­tor der Ber­ner Woche (Der BUND), der mir am Anfang ziem­lich hoch­nä­sig riet, ich sol­le das Pro­jekt doch ein­stel­len, denn nach 3 Mona­ten wer­de ich aus­ge­brannt und plei­te sein. Von den Berufs-Jour­na­lis­tIn­nen, die ich zwi­schen­durch anfrag­te für die Mit­ar­beit, sah ich meis­tens nur die hoh­le Hand und etwas spä­ter oft­mals die Bewer­bun­gen, wenn sie bei den Tages­me­di­en «restruk­tu­riert» wur­den. Neun Jah­re lang muss­te ich mir anhö­ren, wie man ein Kul­tur­ma­ga­zin bes­ser machen kön­ne. Die meis­ten von die­sen «Bes­ser­wis­sern» arbei­ten nicht mehr an den glei­chen Orten.

An die­ser Stel­le möch­te ich aber einen ganz gros­sen Dank aus­spre­chen an die unheim­lich treue und zuver­läs­si­ge Beleg­schaft von ensuite. Ich wür­de hier kei­nen Tag län­ger blei­ben, wenn die­se nicht Monat für Monat mit ihrem Herz­blut den Maga­zi­nen Leben ein­hau­chen wür­de. ensuite ist nicht mei­ne Idee, mei­ne Kul­tur­vi­si­on, son­dern eine Samm­lung ganz vie­ler Moti­va­tio­nen aus ganz ver­schie­de­nen Rich­tun­gen ver­eint in die­sen Maga­zi­nen. Des­we­gen ist die 100. Aus­ga­be ein Beweis, dass die­ses Medi­en­kon­zept, ein Mix aus «Social­me­dia» und klas­si­schem Print, durch­aus über­le­bens­fä­hig ist und Zukunft hat. Das Pro­jekt ist mehr als gelun­gen – auch wenn Geld immer noch ein gros­ses Pro­blem darstellt.

Der Markt­platz Kul­tur ist, um die Sache beim Namen zu nen­nen, ein Schlacht­feld der Ungunst. Das ist natür­lich auch kein Wun­der: Hier pral­len Indi­vi­dua­lis­ten und Poli­tik auf­ein­an­der, und ich ken­ne kaum einen gesell­schaft­li­chen Bereich, der so unde­fi­niert breit ange­legt ist. Kul­tur ist alles, Kul­tur ist nichts – schluss­end­lich strei­tet man immer noch über den Begriff selbst. Wer über die­se unde­fi­nier­te «Kul­tur» bestim­men kann, der greift tief in die Ent­schei­dungs­pro­zes­se von Indi­vi­du­en ein, das Ver­trau­en in die freie Mei­nungs­bil­dung. Wenn aber nur noch die Mas­se zählt, lau­fen wir Gefahr, uns instru­men­ta­li­sie­ren zu las­sen: Unse­re Gesell­schaft wird Mei­nungs­blind. Die kri­ti­sche Mei­nung, als indi­vi­du­el­le Exis­tenz­grund­la­ge, muss unbe­dingt mehr Akzep­tanz gewin­nen, sonst spie­len wir ein gefähr­li­ches Spiel mit unse­rer Zukunft.

Ich darf mich an die­ser Stel­le bei zwei Figu­ren bedan­ken, die mir Kul­tu­rell die Augen und das Den­ken geöff­net haben: Das ist Peter J. Betts, der als ers­ter Kul­tur­se­kre­tär über 26 Jah­re lang die Kul­tur in Bern unwil­lent­lich wil­lent­lich zu der Spiel­wie­se geformt hat, auf wel­cher ensuite schluss­end­lich spie­len lern­te. Und das führt unwei­ger­lich zur zwei­ten Figur, ohne die es ensuite nicht geben wür­de: Chris­toph Rei­chen­au, der nach­fol­gen­de Kul­tur­se­kre­tär und kur­ze Gast­spie­ler in der Ber­ner Sze­ne. In dem er mich zum Feind­bild model­lier­te, hat er unge­ahn­te Kräf­te ins Leben geru­fen, und dadurch sehr vie­le Leu­te zu ensuite gebracht. Ich habe das nie ver­ges­sen und wer­de all jene Men­schen, die mich im Kampf gegen das selbst­herr­li­che Macht­ge­ba­ren von eini­gen Herr­schaf­ten bekräf­ti­gen hof­fent­lich nie ent­täu­schen. Kul­tur gehört nicht der Poli­tik, gehört nicht jenen, die Geld haben oder über Geld ent­schei­den. Kul­tur ist der sozia­le Leim einer Gesell­schaft. Das ist ein «IST»-Zustand. ensuite ist 100 gewor­den. Mehr kann man zu einem Jubi­lä­um gar nicht sagen.

«Die Kul­tur kann in ihrem wei­tes­ten Sin­ne als die Gesamt­heit der ein­zig­ar­ti­gen geis­ti­gen, mate­ri­el­len, intel­lek­tu­el­len und emo­tio­na­len Aspek­te ange­se­hen wer­den, die eine Gesell­schaft oder eine sozia­le Grup­pe kenn­zeich­nen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Lite­ra­tur ein, son­dern auch Lebens­for­men, die Grund­rech­te des Men­schen, Wert­sys­te­me, Tra­di­tio­nen und Glau­bens­rich­tun­gen.» (UNESCO-Kul­tur­de­fi­ni­ti­on)


Foto: zVg.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 100, April 2011



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